Kolumne
Markus Tschannen wechselt wieder Windeln: aber wo?
Im Hause Tschannen gibt’s bald Nachwuchs. Das Grossartige am dritten Kind? Man hat schon alles: Erfahrung, kistenweise Textilien und traumatische Erinnerungen an Raststätten-Windelnotfälle – nur keinen Platz.

«Freut ihr euch auf das Baby?», fragt die Nachbarin meine Kinder. Ich denke reflexartig: «Himmel, wer ist denn jetzt schon wieder schwanger?» Bis es mir einfällt: «Oh Shit! Wir! WIR sind schwanger.» Mein Teil der Schwangerschaft beschränkt sich zwar auf einen solidarischen Wanst (sponsored by Kellogg’s), Schwangerschaftsdemenz (sponsored by hohes Alter) und ständige Erschöpfung (sponsored by zwei Kinder). Aber spätestens in vier Monaten darf ich mir das Rollschinkli dann auch umbinden. Ein Trageholster liegt schon parat – natürlich noch vom letzten Kind.
Das ist das Grossartige am dritten Kind: Man hat schon alles. Babyschale. Check! Kistenweise Textilen. Check! Milchpumpe … ok, ausgeliehen und nie wieder zurückerhalten, aber wir wohnen auf einem Bauernhof. Irgendwo liegt schon noch eine rostige alte Melkmaschine herum.
Platz da, jetzt kommt Tertius!
Die meisten Dinge, die uns abhandenkamen, benötigen wir ohnehin nicht mehr. Man wird beim dritten Kind ja auch schlauer. Der Kinderwagen erlitt bei einer harten Waldrallye vor einigen Jahren einen doppelten Achsbruch. Egal, die bisherigen Kinder wollten ohnehin lieber getragen werden. Das Babybettchen haben wir in einem okkulten Ritual zersägt, weil es acht Jahre lang in unserer Wohnung stand, ohne dass je ein Kind drin genächtigt hätte.
Fun Fact: Mein elfjähriges Kind schläft immer noch in meinem Bett. Jahaa, ich schreibe das ins Internet. Vielleicht ist es dem werdenden Teenager irgendwann peinlich und er zieht in sein eigenes Zimmer. Wir bräuchten nämlich die Bettkapazität fürs dritte Kind.
Je nach Windverhältnissen ist dann das ganze Mittelland legoaktiv verseucht.
Platz scheint mir sowieso die grösste Herausforderung zu sein. Unser kleines aber bislang genügendes Familienauto ist gemäss Fahrzeugausweis zwar ein Fünfplätzer, aber egal wie hoch mein Tetris-Highscore und wie kurz mein Rubik’s-Cube-Rekord ist: Ein Elfjähriges, ein Kindersitz und eine Babyschale auf der Rückbank bedeuten Game Over. Und unsere Wohnung erst: Das neue Kind kann sich kein einziges Buch, Plüschtier oder Pixibüchlein wünschen, oder die Hütte explodiert. Und je nach Windverhältnissen ist dann das ganze Mittelland legoaktiv verseucht.
Wickeln zwischen Word und ChatGPT
Es stellen sich auch pragmatische Fragen: Wo stellen wir den Wickeltisch hin? Den haben wir zwar noch irgendwo eingelagert, aber dort wo er früher im Einsatz stand, verteidigt jetzt unser Badezimmermöbel sein Revier.
Vielleicht lege ich einfach eine Wickelmatte auf meinen Schreibtisch. Dann kann ich im Homeoffice während der Teams-Besprechung gleich Pilzcrème auf den wunden Hintern schmieren. Solange ChatGPT nicht wickeln kann, muss es halt bei der Sitzung weiter zuhören und Notizen machen, während ich die Stallarbeit übernehme. Erwähnte ich, dass wir auf einem Bauernhof wohnen?
Liebe Arbeitskolleg:innen, ich weiss, ihr lest hier mit: Wenn ich künftig in Besprechungen links aus dem Bild herausfuchtle, seid einfach froh, dass die Kamera kein Weitwinkelobjektiv hat.
Würze in Windel und Nabel
Puh, ein drittes Kind. Was kommt da alles auf uns zu? Ich habe viele Erlebnisse der vergangenen Babyphasen im besten Fall verarbeitet, grösstenteils aber ungesund verdrängt. Doch nach und nach kommen die Erinnerungen zurück. Zum Beispiel daran, wie wir auf einer langen Sonntagsfahrt einmal vergessen hatten Windeln einzupacken. Wir mussten mit dem drückenden Baby aggressiv eine Autobahnraststätte anbremsen und ein Viererpack Windeln für rund 200’000 Franken kaufen. Grob gerundet.
Ich hatte nicht vor, das Baby zu essen, sondern versuchte lediglich, mit Hausmitteln ein Nabelgranulom zu veröden.
Oder dieser andere Moment, als meine Frau das Badezimmer betrat, während ich mit dem Salzstreuer gerade dabei war, das nackte Baby zu marinieren. Ich hatte nicht vor, es zu essen, sondern versuchte lediglich, mit Hausmitteln ein Nabelgranulom zu veröden. Aber das musst du in der Situation auch erstmal erklären. Am Ende war meine Frau einfach nur froh, hatte ich nicht Aromat genommen.
Man fragt sich: «Warum um himmelsgottswillen tun wir uns das überhaupt an?» Genau weiss ich es nicht, aber ich kann beim nächsten Mal gerne ein paar verhaltensbiologische Theorien vertiefen.
Auf die Babyfrage der Nachbarin antworteten Beebers und der Brecht übrigens verhalten: «Jaa, wir freuen uns schon ein bisschen auf Tertius. Aber es wird vielleicht auch anstrengend.» Oh ja, Kinder. Wird es. Das ist so sicher, wie das Kindspech in der Windel.
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Veröffentlicht am 1. Juni 2025.
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