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Tipps für Eltern-Kommunikation: Don’t mix farts and shits!

Eltern streiten, klar. Welche Zoffs sind harmlos und wann ist die Beziehung in Gefahr? Psychologin Felizitas Ambauen mit einer Theorie, die sehr lustig tönt, aber sehr ernst gemeint ist.

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Wann ist ein Streit relativ harmlos, wann droht der Beziehung Gefahr? Tipps für gelungene Eltern-Kommunikation. - mal ehrlich

Dies ist eine Geschichte von verkackten Windeln und gelungener Kommunikation – zumindest am Ende.

Aber von Anfang an: Nach einer ziemlich verrückten Phase mit randvollem Terminplan und definitiv nicht der idealen Work-Life-Balance, starteten wir in eine fast dreiwöchige Ferienpause an der Amalfi-Küste. Aussicht auf Erholung, kein Termindruck, Natur, Sonne, gutes Essen und ausschweifende Familienzeit.

Soweit zumindest der Plan.

Über 1000 km Autofahrt mit einem Kleinkind standen an. Wir gaben uns ein erstes High-Five drauf, ohne einen Meter Stau durch den Gotthard gekommen zu sein. Und realisierten dann, dass wir nicht an die Monster-Blechlawine über Ostern in Italien gedacht hatten. O sole mio! Das hatten wir echt unterschätzt; so um etwa sieben Stunden zusätzliche Fahrzeit unterschätzt, um ehrlich zu sein.

Die Spannung stieg!

Mein Spannungsbarometer zu dem Zeitpunkt: 9 von 10. Zu Hause gestartet war ich auch schon bei etwa 6. Von psychischer Hochspannung spricht man übrigens, wenn man sich auf einer Skala von 1-10 auf 7 oder mehr befindet.

Aber schön weiterlächeln!

Etwa 300 Meter vor dem Ziel, das Hotelschild war schon am Ende der Strasse zu sehen, hörte ich ein Würgen von der Rückbank. Zwei Sekunden später kam die ganze Ladung Mageninhalt unseres Kindes in einem Schwall herausgeschossen – über Papas Aktenkoffer, den Sitz, das Polster, das Kind.

300 Meter!!!! (Spannung: 9,9). Nur mit viel Mühe schafften mein Mann und ich es, unsere Müdigkeit und unseren Frust bei uns zu behalten. Wir redeten weiterhin in einem relativ normalen Tonfall miteinander, hielten am Strassenrand und putzten den grössten Teil der Kotze weg, beruhigten das müde Kind und atmeten unsere Spannung weg, so gut es eben noch ging.

Eigentlich wollten wir beide nur noch schreien!

Nachdem der Papa über eine Stunde lang den Autositz in der Badewanne auseinandergenommen und gesäubert hatte und ich das kranke Kind im Arm tröstete, kamen wir ein wenig zur Ruhe (Spannung 6). Wir gingen uns in dem kleinen Hotelzimmer tunlichst aus dem Weg, wohl wissend, dass die Gefahr einer Eskalation gerade sehr wahrscheinlich war, da beide kaum noch emotionalen Puffer hatten.

Licht aus um elf!

Gute Nacht! Morgen wird ein besserer Tag.

Doch am nächsten Tag ging es beim Kind mit einem üblen Durchfall weiter, der in etwa so stank wie es uns, nochmal eine Etappe von 500 km fahren zu müssen.

Schliesslich erreichten wir unser Ziel bei Neapel. Wunderschön! Direkt am Meer. Wir waren erschöpft und erleichtert, doch immer noch unter Hochspannung, da das Kind definitiv nicht gesund war. Die kritischen Stimmen in meinem Kopf waren laut und giftig: War ich mitschuldig an dem Durchfall? War etwas im Essen schlecht? Und wer verdammt nochmal hatte vergessen, etwas gegen Durchfall in die Apotheke einzupacken?!

Vorsicht, Falle!

In so einem Moment ist es besonders leicht, dem anderen dafür die Schuld zuzuschieben! Wir liessen es bleiben. Lieber aufs Maul hocken und warten, bis die Spannung runter ist, bevor man sein Gegenüber als Blitzableiter missbraucht. Sonst endet es meist in einem unnötigen Streit, weil der oder die Angeklagte sich wehrt.

Erst debattieren, wenn die Spannung auf 5 oder drunter ist.

Dem Kind ging es nach drei Tagen immer noch nicht gut. Es war Ostern, am Arsch der Welt hatten alle Apotheken geschlossen und wir Eltern waren vor allem damit beschäftigt, uns nicht gegenseitig für irgendetwas verantwortlich zu machen, worauf wir keinen Einfluss hatten.

Dank eines Pülverlis aus der winzigen Dorfapotheke überliefen die Windeln am Osterdienstag (unser neuer Feiertag!) endlich nicht mehr. Das Kind war happy und ass wie ein Scheunendrescher! Alles gut!

Und was passierte wohl dann? Quizfrage! Anyone?

Wir Eltern zofften uns am Frühstückstisch wegen eines Glases mit Schokoladen-Nusscrème, deren Namen nicht genannt werden soll. Heftig, irrational und voller Emotion!

Streich Dir doch die Sauce irgendwohin, Mann!

Nach einigen Vorwürfen und ein paar irrelevanten Umwegen zu irgendwelchen Themen, die überhaupt nichts mit der Sache zu tun hatten, nahm die Spannung ab.

Das Gewitter war vorbei. Das Thema gegessen. Pffffffft! Die Luft war draussen (Spannung 3). Wir sahen uns an und mussten lachen.

Das war eine Furz-Situation. Keiner weiteren Rede wert.

Eine Furz-Situation? Yep.

Es gibt Momente im Leben, da lässt sich selbst mit der besten Absicht und dem grössten Fachwissen um kommunikative Fallen nicht verhindern, dass man an seine Grenzen stösst und unter Hochspannung kommt.

Es ist aber wichtig, zu unterscheiden, ob es sich im Streitfall um eine „Fart“- oder „Shit“-Situation handelt, denn die beiden bedürfen unterschiedlichem Umgang. Beiden ist allerdings gemein, dass es hilft, wenn man seine Emotionen kontrollieren kann und sie nicht ungezügelt am Gegenüber auslässt.

Fart-Situationen gibt es einfach ab und zu, wenn es zu viel wird.

Heisse Luft, die dringend raus muss. Stinkt allen, tut aber gut, wenn man sie abgelassen hat!

Das kann man gesittet und respektvoll tun, Spass macht es aber niemandem so richtig.

Diese Fart-Situationen sind kontextabhängig – sie beziehen sich auf das, was einem aktuell Bauchschmerzen bereitet und liegen oft ausserhalb unserer direkten Kontrolle (Durchfall des Kindes, Stau, Packstress vor den Ferien, Termindruck etc.).

Unter Druck streitet man häufiger, logisch.

Fart-Situationen sind nicht vollständig zu vermeiden und sie gehen normalerweise von alleine wieder vorbei. Sie lassen unsere Spannungskurve im Eiltempo hochschnellen.

Unter hoher Spannung verschlechtert sich die Kommunikation, weil weniger Kapazität da ist, in Ruhe zu überlegen, die richtigen Worte und den richtigen Ton zu finden. Es fällt schwerer, sich in andere hineinzuversetzen. Und unsere schwierigen Charaktereigenschaften treten eher zutage, weil wir keine Ressourcen mehr haben, sie abzumildern.

Deshalb ist hier Streiten so verlockend.

Das hilft zwar, die Spannung abzubauen, aber man muss dann auch noch mit dem Streit klarkommen. Ein schlechter Deal.

Fart-Situationen steht man am besten einfach durch.

Wartet ab und versucht, die Hochspannung mit eigenen Emotionsregulations-Strategien runterzubringen, anstatt es am anderen auszulassen beziehungsweise vom anderen zu fordern, dass er es richtet.

Da hilft es, eine Stunde spazieren zu gehen, Musik zu hören, sich gegenseitig in Ruhe zu lassen, Bäume zu umarmen und – ganz wichtig! – sich bewusst zu sein, dass es eine Fart-Situation ist!

Shit-Situationen sind etwas heikler.

Sie betreffen einen tieferliegenden, länger schwelenden Paar-Konflikt, den man dringend aus der Welt schaffen müsste, ihn aber immer wieder vermeidet, weil er unangenehm ist.

Das betrifft Themen, wenn z.B. übergeordnete Lebensziele (Wollen wir noch ein Kind? In welcher Stadt wollen wir leben? Wie viel Prozent soll ich als Mutter arbeitstätig sein? Wo sehe ich mich in 10 Jahren? etc.) nicht zusammenpassen oder dysfunktionale Paardynamiken (Kommunikationsprobleme, Nähe-Distanz-Fragen, Aggressionen, Verletzungen aus der Vergangenheit, die immer wieder reinspielen) ständig zu Spannungen führen.

Dies sind die Hochspannungssituationen, die zu Verstopfung führen und zu diesen leisen Winden, die alles verpesten.

Die Situationen, die einem den Bauch richtig aufblähen und die tagelang (oder jahrelang!) keine Erleichterung finden.

Shit-Situationen sind wie ein Virus, der einen immer wieder lahmlegt, der viel unnötige Energie raubt und vom Wesentlichen ablenkt.

In dieser Scheisse erstickt man irgendwann als Paar.

Diese Spannungen ändern sich nicht durch Abwarten, sondern müssen aktiv angegangen werden. Ausmisten ist angesagt! Es ist ratsam, sich Hilfe zu holen – nicht beim Onkel Doktor, sondern bei der Psychotante.

Hilft wirklich! Kann ich aus eigener Erfahrung versichern, ich sass schon auf beiden Seiten.

Es ist essenziell, zu verstehen, um welche Kategorie es sich handelt, wenn Spannungen in der Beziehung bestehen.

Die Farts soll man aushalten und bestmöglich überstehen, ohne in vollen Körperkontakt mit dem Gegenüber zu gehen, Shits hingegen brauchen sehr konkrete und intensive Konfrontation – nämlich genau da, wo’s weh tut.

Weitere Beiträge von Felizitas Ambauen zum Thema:

Alltagsstress killt die Beziehung? 6 Strategien für weniger Streit

mal ehrlich Podcast: Nörgeln ist ein Liebesbeweis!

Du so. Ich so. Podcast: Vorsicht, leicht entzündlich! Gute Paar-Kommunikation trotz Alltagsstress

Und von Felizitas’ Partner Amel Rizvanovic:

Beziehung pflegen oder retten? Tipps aus der Positiven Psychologie

Autorin

Felizitas Ambauen ist Psycho- und Paartherapeutin und Mutter einer Tochter. Gemeinsam mit ihrem Partner hat sie ein Workshop-Konzept entwickelt für Paare, die an ihrer Beziehung wachsen möchten – den Paarcours. In ihrem Podcast Beziehungskosmos bespricht sie mit Journalistin Sabine Meyer die brennendsten Paarthemen. Den Beziehungskosmos gibt es auch als Buch. Wer mehr erfahren möchte, findet sie auf Facebook und Instagram. Alles über ihre Arbeit gibt es hier: www.ambauen-psychologie.com.

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 15. September 2019 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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3 Antworten

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  1. Avatar von Sportpapi
    Sportpapi

    Die Unterscheidung zwischen Meinungsverschiedenheiten im Alltag, die Stress bedingt sind oder Stress auslösen, und grundsätzlichen Paar-Konflikten finde ich sehr wichtig. Ebenso, für beides angemessene Lösungsstrategien zu finden.
    Allerdings wundere ich mich wie eigentlich jedes mal bei Felizitas Ambauen, wie explosiv-emotional offenbar viele Paare zusammenleben. Südländisches Temperament? Etwas mehr Gelassenheit als Grundeinstellung würde sicherlich gut tun. Sich selber und dem Partner zu liebe.
    Es ist auch wichtig, dass grundsätzliche Paarprobleme immer direkt anzusprechen sind, auch wenn sie vielfach ja gar nicht gelöst werden können. Verstehen, was den anderen bewegt, Verständnis haben und zeigen ist wichtig. Und ja, sich auch einmal entgegenkommen, auch wenn es schwerfällt und mancher Schatten übersprungen werden muss.
    Aber – nichts gegen die Psychotante. Aber das ist doch nicht der Normalfall, sondern wirklich schon Notfall.

    1. Avatar von Anja Knabenhans
      Anja Knabenhans

      Lieber Andi. Ich schalte diesen Kommentar nur deshalb unbearbeitet frei, weil dein Schlusssatz ein gutes Vorzeigebeispiel ist, was wir nicht möchten. Wir schätzen den Dialog mit der Community. Im Gegensatz zum Mamablog des Tagesanzeigers, wo du ja noch fleissiger kommentierst (oder kommentiertest) als hier, tolerieren wir aber keine Negierungen von Problematiken. Wenn bei uns Sachverhalte aufgezeigt werden – ob sie nun eine Person betreffen oder ganz viele – dann nehmen wir diese ernst. “Das ist doch nicht der Normalfall” impliziert entweder, dass unsere Autorin übertreibt, oder dass Paare mit diesen Problemen abnormal sind. Wenn ein Verhalten für dich persönlich nicht nachvollziehbar ist, kannst du das gerne so mitteilen – aber ohne abwertende Elemente.

      1. Avatar von Andi
        Andi

        Lieber Anja Knabenhans
        Entweder ihr möchtet einen Dialog mit der Community, oder nicht. Wenn ihr ausschliesslich in eurer Blase verbleiben möchtet, und keine anderen Sichtweisen und Meinungen publizieren wollt, dann deklariert das doch so, oder löscht einfach alle Meinungsäusserungen, die euch nicht passen.
        Die Autorin hat ihre Sichtweise dargelegt, und ihre Meinung kundgetan. Ich habe in der gleichen Art angemerkt, dass ich in diesem Punkt anderer Meinung bin. Und ja, damit ausgesagt, dass die Autorin in diesem Punkt meiner Meinung nach übertreibt.
        Wie gesagt: ich diskutiere gerne. Aber wenn ihr nur zustimmende Kommentare wollt, kann ich damit leben. Der Hinweis zum Mamablog ist hingegen absolut unpassend und verfehlt, für mich ein klare Foul!