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Das Schlimmste ist schon passiert – wie weiter nach einer Fehlgeburt?

Wenn ein Kind im Bauch stirbt, löst das nicht nur tiefe Trauer aus, sondern wirft auch rechtliche und organisatorische Fragen auf. Madlaina Zindel von der Fachstelle kindsverlust.ch klärt auf.

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Warum Fehlgeburten zum Frauenleben dazugehören und wie wir mit ihnen umgehen können - ein Interview mit vielen Tipps - mal ehrlich

Tabuthema Fehlgeburt – Madlaina Zindel von der Fachstelle kindsverlust.ch klärt auf über den Trauerprozess, aber auch über organisatorische und rechtliche Fragen

Wir alle wissen, dass eine Schwangerschaft nicht immer gut endet. Aber das theoretische Wissen bewahrt uns nicht vor Schmerz und Verzweiflung, wenn ein Kind im Bauch stirbt. Rund um das Thema Fehlgeburt und Totgeburt gibt es viele offene Fragen. Fragen zu den Emotionen, aber auch zum Organisatorischen.

Wir möchten dazu beitragen, das Thema zu enttabuisieren und offene Fragen zu klären. Deshalb haben wir mit Hebamme Madlaina Zindel von der Fachstelle kindsverlust.ch gesprochen (mehr zur Fachstelle am Ende dieses Beitrags).

Kindsverlust durch Fehlgeburt ist nach wie vor ein Tabu www.anyworkingmom.com

Keine Zeit zum Lesen? Dieses Interview könnt Ihr hier auch als Podcast hören.

Madlaina, womit kommt ein betroffenes Paar nach einer Fehlgeburt zuerst auf Eure Fachstelle zu? Mit organisatorischen Fragen oder mit emotionalen?

Das ist ganz unterschiedlich und kommt sehr darauf an, wie eine Frau oder eine Familie mit der Fehlgeburt umgeht. Es gibt Frauen, die sofort anrufen, nachdem sie erfahren haben, dass das Kind nicht mehr lebt, und noch in einem absoluten Schockzustand sind. Da geht es zuerst um Fragen wie: Was heisst jetzt das? Wie kann ich damit umgehen? Wie kann ich wieder etwas Boden unter die Füsse kriegen?

Danach geht es aber auch häufig um das Organisatorische. Wenn ein Kind während der Schwangerschaft im Bauch stirbt, vielleicht in der 17. Woche, ist die Geburt noch ganz weit weg. Die Frauen haben sich häufig noch gar nicht mit der Geburtsvorbereitung auseinandergesetzt und müssen sich dann innerhalb kurzer Zeit darauf einstellen.

Ihr bereitet die Frauen dann auch darauf vor, wie sie das Kind gebären können?

Genau. Das kann ein Thema sein, das wir miteinander besprechen. Was braucht die Frau, damit sie ihr Kind gebären kann? Wie sieht die Geburt aus? Was macht man da im Spital?

Nach einer Fehlgeburt: Nichts überstürzen!

Was kann man Betroffenen als Erstes raten, wenn so etwas passiert?

Ich denke, etwas sehr Wichtiges in diesem Moment ist, dass man nicht sofort in Aktionismus verfällt. Wenn ein Kind im Bauch stirbt, ist das ein enormer Schock, ein enormer Bruch. Dann kommt manchmal die Reaktion, dass man sofort etwas machen möchte, um aus dieser Situation wieder herauszukommen; zum Beispiel, dass man das Kind möglichst schnell gebären möchte. Viele Frauen sagen auch im ersten Moment: «Oh, ich möchte einen Kaiserschnitt, ich möchte das einfach draussen haben. Es ist unaushaltbar!»

In solchen Momenten sage ich, dass das Schlimmste schon passiert ist. Das Kind ist im Bauch gestorben, und eigentlich muss man im Moment gar nichts mehr machen. Man muss das jetzt erst einmal wahrnehmen können, was da passiert ist, und wieder ein bisschen zu sich kommen. Weil man in dieser Situation ausser sich gerät.

Wenn es eine frühe Fehlgeburt ist, ist es ja oft so, dass man gleich einen Termin für eine Ausschabung erhält. Dabei sollte man sich lieber noch etwas Zeit lassen?

Genau, ja. Gerade bei einer frühen Fehlgeburt ist es häufig sinnvoll und in den allermeisten Fällen auch überhaupt nicht gefährlich, nochmals ein paar Tage oder vielleicht sogar eine Woche zu warten. Sehr, sehr viele Frauen sagen im Nachhinein, es sei sehr wichtig für sie gewesen, den Schock ein wenig zu verdauen und danach selbstbestimmt entscheiden zu dürfen, wie es weitergehen soll. Das ist von Frau zu Frau unterschiedlich, wieviel Zeit es da braucht. Aber es ist sicher sinnvoll, nicht sofort den nächsten Schritt zu machen, sondern nochmals nach Hause zu gehen und ein bisschen zu warten.

Jede Frau trauert nach einer Fehlgeburt anders - ein Interview mit vielen Tipps
(Bild: Pixabay)

Kann man in dieser Zeit des Wartens auch ein in gewisser Weise Abschied nehmen?

Abschied nehmen ist vielleicht ein schwieriges Wort, weil es ja das eigene Kind ist, das stirbt, und es wird immer ein Teil von einem bleiben. Das kann man nicht so leicht verarbeiten, und dann ist es für immer gut, sondern man muss Wege suchen, um damit weiterleben zu können, mit dem Kind, das nur für kurze Zeit da war. Aber es kann sicher hilfreich sein, wenn man sich dem Kind in dieser Zeit des Wartens noch zuwenden darf. Viele Frauen haben das grosse Bedürfnis, in diesem Moment Erinnerungen zu schaffen, von dem Kind, das da gewesen ist. Es ist hilfreich, das sichtbar zu machen.

Erinnerungen schaffen

Was gibt es denn für Möglichkeiten, Erinnerungen zu schaffen?

Man kann dem Kind zum Beispiel einen Brief oder ein Gedicht schreiben oder etwas basteln. Jede Frau, jedes Paar hat eigene Strategien, was sie gern machen oder wie sie sich ausdrücken möchten. Einen Gedenkort schaffen oder in der Natur spazieren gehen, ein Pflänzchen pflanzen. Es gibt ganz viele verschiedene Möglichkeiten, um all diesen Gefühlen einen Platz zu geben, damit sie sichtbar werden.

Wie geht es weiter, wenn eine Frau eine Fehlgeburt hatte und die Ausschabung oder die Geburt nicht sofort einleiten möchte?

Häufig kommt es innerhalb von drei Wochen zu einer normalen Geburt, wenn man keine Medikamente nimmt. Das kommt auch auf das Schwangerschaftsstadium an. Bei einer frühen Fehlgeburt ist es physiologisch im Körper einer Frau so, dass er das bewerkstelligen kann. Man kann also gut länger warten. Bei einer späteren Fehlgeburt, wenn ein Kind zum Beispiel in der 20. Schwangerschaftswoche im Bauch stirbt, muss man das ein bisschen öfter überwachen, indem man ein- bis zweimal wöchentlich die Blutwerte überprüft. Aber auch dann kann man auf jeden Fall warten.

Und wie löst man das bei der Arbeit? Ist das arbeitsrechtlich geregelt, damit man in dieser Hinsicht nicht unter Druck steht.

Arbeitsrechtlich ist es leider so, dass es bis zur 23. Woche keine Regelung gibt. Man hat dann grundsätzlich kein Anrecht, von der Arbeit wegzubleiben. Aber man kann sich vom Arzt krankschreiben lassen.

Nach einer Totgeburt hat eine Frau ab der 23. Schwangerschaftswoche Anrecht auf 14 Wochen bezahlten Mutterschaftsurlaub. In den ersten acht Wochen nach der Geburt gilt ein striktes Beschäftigungsverbot.

Über die Fehlgeburt sprechen

Soll man denn kommunizieren, was geschehen ist? Wenn ich bei der Arbeit sage, dass ich eine Fehlgeburt erlitten habe, dann weiss der Arbeitgeber, da gibt es einen Kinderwunsch.

Das ist ein schwieriges Thema. Wenn eine Fehlgeburt in den ersten zwölf Wochen stattfindet, ist es häufig so, dass der Arbeitgeber noch gar nichts von der Schwangerschaft weiss. Trotzdem ermutigen wir die Frauen, es mitzuteilen. Viele Menschen sind mit der Thematik überfordert. Hier ist es hilfreich, wenn man ganz konkret schreibt, was passiert ist, was man braucht und wie man angesprochen werden möchte. Möchte man im Moment, dass sich niemand meldet, oder freut man sich, wenn jemand nachfragt?

Es kann am Anfang auch sein, dass man einfach mal krankgeschrieben ist und diese Zeit braucht, um für sich zu schauen, wie man das mitteilen möchte. In diesem Sinne darf eine schwangere Frau von der Arbeit wegbleiben, ohne dass sie informieren muss weshalb. Aber die Erfahrung zeigt, dass es häufig sehr hilfreich ist, wenn man das offen kommuniziert.

Ich habe schon den Rat gehört, dass man nicht erzählen soll, in welcher Woche man das Kind verloren hat. Denn auch wenn man es vielleicht schon in der fünften oder sechsten Woche verliert, kann das genauso dramatisch sein, wie für jemand anderen in der 14. Woche. Wie seht Ihr das?

Das kann eine gute Überlegung sein. Wir von der Fachstelle kindsverlust.ch erhoffen uns, dass diese Thematik in unsere Gesellschaft zu einer Selbstverständlichkeit wird, dass es keine Rolle spielt, ob das in der 5. oder 14. Woche ist. Schwanger ist man von Anfang an, und nicht erst nach den ersten drei Monaten. Weil, wie Du sagst, hat eine Frau in der Schwangerschaft von Anfang an eine Bindung zum Kind – rein körperlich, aber auch emotional. Und mit dem Kind sind auch ganz viele Zukunftspläne, Träume und Visionen verbunden. Wenn das Kind schon in der frühen Schwangerschaft geht, wird das alles wieder zerstört. Es spielt keine Rolle, in welcher Woche das geschieht.

Oft wird gefragt, wie man denn über das redet, was einem passiert ist. Wie kann man über so ein Thema sprechen, ohne alles von sich preisgeben zu müssen, und trotzdem helfen, es zu enttabuisieren?

Wichtig ist, dass man überhaupt darüber redet. Es ist auch eine persönliche Frage, wie viel man preisgeben möchte oder ob man eher im Namen einer Freundin etwas erzählt, damit es nicht ganz so persönlich ist. Grundsätzlich können wir uns auch fragen, warum wir denn nichts Persönliches preisgeben dürfen. Haben wir Angst davor, vor den Reaktionen, die kommen? Oder legen wir die Karten offen auf den Tisch und beschreiben, wie das ist, mit allem drum herum?

Wir erleben häufig, dass es für die Frauen sehr befreiend sein kann, wenn sie offen von ihrer Fehlgeburt erzählen. Häufig kommen auch Reaktionen von anderen Frauen, die sich dann ebenfalls trauen, ihre Geschichte zu erzählen.

Um das verstorbene Kind trauern

Wenn eine nahestehende Person stirbt, spricht man ja von einem Trauerprozess, der einem gewissen Ablauf folgt. Ist das beim Thema Kindsverlust ähnlich?

Es gibt theoretische Modelle, die die verschiedenen Phasen der Trauer beschreiben. Die kann man auf jeden Fall auch auf den vorgeburtlichen Kindsverlust anwenden. Gleichzeitig ist es ganz wichtig, dass jede Frau, jede Familie ganz individuell trauert. Wir wollen nicht sagen, jetzt läuft das so und so und so, sondern beratend und begleitend zur Seite stehen. Das Erleben ist bei jeder Frau sehr persönlich und individuell.

Wie ist es denn für Dich, diese verschiedenen Geschichten mitzuerleben? Du hast sicher schon viele Frauen begleitet.

Ich habe grosse Achtung vor Familien, die durch so schwere Zeiten gehen. Es ist immer wieder sehr berührend. Natürlich geht es einem auch sehr nahe. Ich muss aber auch immer wieder den Schritt zurück zu mir selber gehen und auf mich achten. Was brauche ich jetzt, damit ich dieser Familie weiterhin zur Seite stehen kann? Was tut mir gut? Wie kann ich in meiner Freizeit einen Ausgleich finden?

Du sprichst oft von Familien und nicht nur von Frauen. Euch ist es wichtig, dass man das ganze Umfeld, insbesondere auch die Männer, miteinbezieht. In diesem Fall auch die Kinder?

Genau. Die Geschwisterkinder, die Männer. Wir erleben auch immer wieder, dass zum Beispiel Grossmütter anrufen. Da kommt bei ihnen vielleicht plötzlich eine eigene Geschichte zum Vorschein, weil sie vor dreissig Jahren ein Kind verloren haben und dieses nie einen Namen bekommen hat.

Nach einer Fehlgeburt trägt man die Trauer das ganze Leben lang mit - ein Interview mit vielen Tipps
«Jede Frau trauert anders. Offen über den Verlust zu reden, kann sehr befreiend sein.» (Bild: Pixabay)

Nach einer Fehlgeburt liegt der Fokus meist auf den Frauen. Fühlen sich die Männer manchmal im Stich gelassen? Sie müssen ja wieder arbeiten gehen, während die Frau krankgeschrieben ist.

Männer trauern häufig anders als Frauen. Bei einer frühen Fehlgeburt ist es zum Beispiel häufig so, dass der Mann weniger um das Kind trauert, das da war. Für ihn war das noch viel weniger real und noch viel weiter weg als für die Frau. Manche Männer gehen dann auch gern wieder arbeiten, die dortige Normalität tut ihnen gut. Der Mann macht sich vielleicht eher Sorgen um die Frau.

Später in der Schwangerschaft ist es so wie bei der Geburt von einem gesunden Kind. Auch dort haben Männer im Moment noch sehr wenig Zeit, die sie sich aus arbeitsrechtlicher Sicht nehmen dürfen, umso weniger, wenn ein Kind stirbt.

Wie soll sich das Umfeld nach einer Fehlgeburt verhalten?

Wie soll man sich denn als Aussenstehende verhalten? Wenn man zum Beispiel von der Arbeitskollegin erfährt, dass sie eine Fehlgeburt erlitten hat, wie soll man reagieren?

Es ist wichtig, dass man Anteil nimmt. Es wirkt sehr verletzend auf betroffene Frauen, wenn man zum Beispiel die Strassenseite wechselt oder beim Aufeinandertreffen im Lift auf Abstand geht, weil man gar nicht weiss, was man sagen soll. Es ist besser zu sagen: «Es tut mir so leid, was passiert ist. Ich weiss gar nicht, was sagen.» Dass man das verbalisiert, statt nichts zu sagen. Wir haben einen Leitfaden auf unserer Homepage: «Hilfreiches Verhalten im Umgang mit Eltern nach Kindsverlust». Dort stehen Sätze, die man vermeiden sollte und solche, die hilfreich sein können.

Könntest Du ein paar Beispiele nennen?

Man sollte nicht tabuisieren, dass die Frau Mutter geworden ist. Wenn man weiss, dass das Kind einen Namen hat, sollte man vom Kind mit dem Namen sprechen. Zeigen, dass man die Frau als Mutter wahrnimmt.

Wenn man helfen möchte, ist es am besten, ganz konkrete Hilfestellungen zu bieten, zum Beispiel einen Einkauf zu übernehmen oder mit den grösseren Kindern auf den Spielplatz zu gehen. Das ist häufig hilfreicher, als wenn man nur sagt: «Melde dich, wenn du etwas brauchst.» Die Frauen und Familien sind in einer solchen Krise, dass es viel Kraft braucht, um sich zu melden.

Dabei kann man sich auch an einer Geburt von einem gesunden Kind orientieren. Was würde ich dann tun? Ich würde ein Kärtchen schreiben, Blumen oder das Mittagessen vorbeibringen. All das kann man auch machen, wenn das Kind gestorben ist. Die Frau ist genauso Mutter geworden. Die Familie befindet sich im Wochenbett und muss umsorgt werden, in diesem Fall umso mehr.

Rechtliche Aspekte nach einer Fehlgeburt

Die Fachstelle kindsverlust.ch wurde vor 17 Jahren gegründet, als das Thema Fehlgeburt noch ein viel grösseres Tabu war. Hast Du das Gefühl, dass inzwischen eine positive Veränderung stattgefunden hat?

Ja und nein. Einerseits wird sicher mehr darüber gesprochen, gerade in den Medien. Es gibt immer wieder Zeitungsartikel darüber. Andererseits ist es auch so, dass man heutzutage manchmal fast in einen Drang kommt, sehr viele Sachen für die Familien anzubieten, mit herzigen Kleidchen und Fotos für die verstorbenen Kinder. Das kann alles sehr wertvoll sein, birgt aber auch wieder die Gefahr, in Aktionismus zu verfallen.

Das Wichtigste ist, dass die Eltern wirklich aus eigener Kraft Sachen machen dürfen. Dass man ihnen diese Dinge eben nicht wegnimmt oder wie in einer Liste abhakt, sondern dass sie als Eltern von einem verstorbenen Kind ihren Platz finden dürfen.

Auf Gesetzesebene sind noch immer viele Dinge nicht gut geregelt. Wir sind dort noch gleich weit wie vor 17 Jahren.

Wenn ein Paar eine Fehlgeburt erleidet, was muss es von der rechtlichen Seite her beachten?

Sehr vieles ist gesetzlich geregelt: Ab wann ist ein Kind meldepflichtig? Wie sieht es mit dem Mutterschaftsurlaub aus? Wie kann man das Kind bestatten? Da gibt es ganz viele verschiedene Regelungen und das ist je nach Fall sehr individuell.

Was aber für alle Frauen wichtig ist zu wissen: Ab der ersten Woche der Schwangerschaft wird grundsätzlich alles von der Krankenkasse übernommen, das mit einer gesunden Schwangerschaft zu tun hat, ohne Selbstbehalt und Franchise. Erleidet man aber eine frühe Fehlgeburt in den ersten drei Monaten, gilt das leider im Moment immer noch als Krankheit. Das heisst, ab der Diagnose, dass das Kind im Bauch nicht mehr lebt, müssen die Frauen bis zum erreichen des Selbstbehalts und der Franchise sämtliche Kosten selber bezahlen, sei das für weitere Kontrollen oder eine Ausschabung. Hier wäre wichtig, dass sich eine Frau schon vor einer Schwangerschaft überlegt, ob sie eine tiefere Franchise und einen tieferen Selbstbehalt wählen möchte.

Irène Kälin, Nationalrätin und Vorstandsmitglied der Fachstelle kindsverlust.ch, hat eine Motion eingereicht mit der Forderung, dass eine schwangere Frau ab der ersten Woche der Schwangerschaft von sämtlichen Kosten befreit wird. Die Motion wurde vom Bundesrat und vom Nationalrat angenommen und befindet sich jetzt wieder beim Bundesrat, um die Gesetzesänderung vorzunehmen. Dort sind wir eigentlich auf einem guten Weg und hoffen sehr, dass es zu einer Änderung kommt.

Ich stelle mir das so furchtbar vor. Ich musste nach meiner Fehlgeburt nur eine Tablette nehmen. Aber wenn du eine Ausschabung hast und dafür noch eine Rechnung kriegst …

Das kann schnell einmal bis zu 2000 Franken kosten. Man bleibt vielleicht noch eine Nacht im Spital …

Mit Schuldgefühlen umgehen

Hast Du das Gefühl, dass in den letzten 17 Jahren eine Entwicklung stattgefunden hat? Ich höre immer noch, dass viele Frauen Schuldgefühle haben, obwohl sie rational wissen, dass sie nichts falsch gemacht haben. Begegnet Ihr dem noch häufig?

Auf jeden Fall. Ich habe den Eindruck, dass fast jede Frau, die bei uns für eine Beratung anruft, auch mit dem Thema Schuldgefühle kommt. Es ist ganz normal, dass man sich Schuldgefühle macht, wenn ein Kind in der Schwangerschaft stirbt, auch wenn man rational weiss, dass man nichts falsch gemacht hat und es praktisch nie die Schuld der Frau ist. Die Schuldgefühle sind trotzdem da. Es ist so etwas Unfassbares, was passiert ist, dass man irgendwie probiert, sich an etwas festzuhalten. Die Schuldgefühle können helfen, irgendeine Antwort auf das Warum zu finden. Manchmal hilft es den Frauen, wenn sie nur schon hören: Das ist normal, jede Frau macht sich Schuldgefühle. Das darf sein, das gehört einfach dazu.

Damit man sich nicht noch Schuldgefühle macht, weil man Schuldgefühle hat. Das führt ja sonst zu einer Superspirale, mit der man sich fertigmacht.

Es tut sicher gut, die Schuldgefühle anzuschauen und sie nicht zu verdrängen. Man muss lernen, damit umzugehen. Die Situation anschauen und sagen: Okay, sie sind da. Sie gehören dazu. Ich nehme sie mit, aber ich lasse mich nicht von ihnen einnehmen. Sie dürfen ihren Platz haben, wie alle anderen Gefühle auch. Das kann alles ein Ausdruck von dieser Verzweiflung sein, in der ich bin. Vielleicht auch von der Liebe, die ich meinem Kind gegenüber habe und ihm nicht geben kann, weil es nicht mehr da ist.

Mit der Trauer weiterleben

Lässt der Schmerz irgendwann nach? Ich kenne Leute, bei denen der Schmerz um ein Kind, das sie in der ganz, ganz frühen Schwangerschaft verloren haben, nicht nachgelassen hat. Und solche, die das Kind in der 22. Woche gehen lassen mussten und selber überrascht waren, wie schnell und gut sie das verarbeitet haben.

Es ist sehr wichtig, den Betroffenen zu vermitteln, dass sie ihren eigenen Weg nehmen dürfen, um mit ihrem Verlust umzugehen. Ich beschreibe es häufig wie Wellen im Meer. Es kann sein, dass es eine Zeit gibt, in der lange nur sanfte Wellen von Trauer kommen und dass dann plötzlich, nach fünf Jahren vielleicht, nochmals eine ganz grosse Welle kommt, die einen überspült und in der man fast ertrinkt. Dass vielleicht am Geburtstag oder Todestag des Kindes die Trauer immer wieder kommt. Man kann keinen Deckel auf die Trauer drauf tun, sie weglegen und sagen, es ist nun abgeschlossen. Die Trauer ist etwas, das man das ganze Leben lang mitträgt.

Nach einer Fehlgeburt kann es wertvoll sein, Erinnerungen zu schaffen - ein Interview mit vielen Tipps
(Bild: Pixabay)

Es ist ein Kind, das da gewesen ist. Eine Frau, die Mutter geworden ist, und ein Mann, der Vater geworden ist, auch wenn das Kind stirbt. Das bleibt man ein Leben lang. Eine Mutter, ein Vater von einem verstorbenen Kind. Man muss irgendwie einen Weg finden, um das ins Leben zu integrieren – und auch hier wieder unabhängig davon, wann das Kind in der Schwangerschaft gestorben ist.

Ich denke, eine wichtige Rolle spielt auch die ganze Lebensgeschichte. Hat man schon sehr, sehr lange auf das Kind gewartet? Hat man schon ein Kind, hat man danach noch ein Kind bekommen? Das sind alles Faktoren, die mitbestimmen, wie man später damit weitergeht.

Deshalb finde ich den Spruch so furchtbar, «Du kannst ja noch mal eins haben».

Ja, oder auch «Zeit heilt alle Wunden». Das stimmt nicht. Das sind Wunden, die immer da sind.

Oder «Du hast ja schon eins» oder «Du hast ja schon zwei».

Das sind sicher Sätze, die nicht hilfreich sind, sondern sehr, sehr verletzend, wenn man sie in dieser Situation hört.

Fehlgeburten früher und heute

Du hast vorhin noch von den Grossmüttern gesprochen, die anrufen. Ich finde das interessant. Ich glaube, meine Grossmutter ging das erste Mal zum Arzt, als sie acht Monate schwanger war. Damals dachte man anders. Man hat halt ab und zu ein Kind verloren, und das gehörte dazu. In jeder Familie hat man ein Kind verloren. Findet die generationenübergreifende Diskussion heute noch statt?

Das ist ein grosses Thema. Auch dort können sehr starke Verletzungen passieren. Vielleicht, weil es früher noch mehr tabuisiert wurde. Oder dass die Grosseltern vielleicht auch sagen: «Tu nicht so. Das habe ich auch erlebt, das ist einfach so.»

«Früher war das immer so.»

Genau. «Das ist normal, da kann man halt nichts machen.» Das kann in dieser Situation sehr verletzend sein, wenn man schon so traurig ist und dann noch so etwas hört. Ich denke, dort ist es wichtig, dass man Verständnis für die verschiedenen Generationen hat. Wenn es möglich ist, miteinander darüber zu reden, einen Dialog zu finden, ist das sehr wertvoll. Häufig hört man auch erst dann, dass vielleicht die eine Grossmutter auch eine Fehlgeburt erlitten hat. Das zeigt auch noch mal auf: «Aha, auch in unserer eigenen Familie sind Kinder gestorben. Das habe ich gar nicht gewusst.»

Oder man erfährt, wie früher mit einer Fehlgeburt umgegangen wurde. Die Eltern durften ihr Kind nach der Totgeburt nicht einmal anschauen, ihm erst recht keinen Namen geben. Das Kind landete irgendwo im Abfall.

Ja, das hat man lange Zeit so gemacht, weil man es eigentlich gut meinte. Man dachte, man schone die Frauen lieber. In den ersten paar Tagen nach der Geburt wurden sie häufig auch sehr fest betäubt. Man ging davon aus, dass eine Frau die Fehlgeburt so besser verarbeiten kann. Dass sie gar nicht gross damit in Kontakt kommt, und dass man so tut, als wäre nichts passiert.

Heutzutage weiss man, dass es im Gegenteil danach für diese Frauen viel, viel schwieriger ist, weil es das Kind ja gegeben hat. Es ist da gewesen. Und gerade bei einem Kind, das so früh im Bauch stirbt, ist es eine grosse Herausforderung, wenn man sich von einem Menschen verabschieden muss, von dem man noch gar nicht viele Erinnerungen hat. Wenn ein Erwachsener stirbt, besitzt man bereits ganz viele Erinnerungen. Man hat Geburtstage zusammen gefeiert, hat viele Fotos. Das fehlt alles, wenn ein Kind im Bauch oder kurz nach der Geburt stirbt. Deshalb ist es so wichtig, dass man das Kind trotzdem zuerst begrüssen, ihm einen Namen geben, Erinnerungen schaffen und es danach wieder verabschieden darf.

Auch eine Abtreibung ist ein Verlust

Wir haben jetzt immer von Fehlgeburten geredet. Zum Abschluss könnten wir vielleicht noch über Abtreibungen sprechen. Dort verliert man ja auch ein Kind. Man beschliesst das oder muss es beschliessen. Man weiss aber nicht, wie man danach damit umgeht.

Das ist ein noch grösseres Tabuthema, als wenn ein Kind in der Schwangerschaft stirbt. Ich denke, es ist ein ganz wichtiges Thema. Wenn man einen Schwangerschaftsabbruch macht, sei es in den ersten drei Monaten oder später, ist das Kind auch da gewesen. Auch dann wird die Frau zur Mutter und der Trauerprozess findet ebenso statt. Oder wenn man das Kind zum Beispiel zur Adoption freigibt, ist es auch eine Verlustsituation.

Wir erleben das bei der Fachstelle kindsverlust.ch immer wieder: Wenn eine Frau nach einem Schwangerschaftsabbruch anruft, hilft es oft sehr, wenn sie sich auch hier ihrem Kind zuwenden darf und ihm zum Beispiel einen Namen gibt.

Das ist etwas, das man vielleicht vergisst, wenn man sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet. All die Gefühle, die nachher kommen.

Ja, oder es sich gar nicht zugesteht und sagt: «Ich habe mich bewusst für den Abbruch entschieden.» Und trotzdem verliert man das Kind auch in dieser Situation.

Und man kann sich auch mit diesem Thema an Euch wenden.

Ja, auf jeden Fall.

Hilfe in Anspruch nehmen

Was empfiehlst Du Frauen und Familien sonst noch, wenn eine Fehlgeburt passiert ist?

Wir schauen, was es in einer Akutsituation braucht. Danach probieren wir, wenn immer möglich, eine Fachperson vor Ort zu vermitteln. Was wir immer empfehlen, ist die Begleitung durch eine spezialisierte Hebamme. Das ist ganz, ganz wichtig. Das können wir organisieren. Wir haben eine grosse Kartei mit Fachpersonen aus ganz verschiedenen Disziplinen. Das sind vor allem Hebammen, aber auch Gynäkologinnen, Psychologinnen, Psychiaterinnen, Pfarrerinnen, Bestattungsunternehmen.

Was auch sehr wertvoll ist, ist die Selbsthilfe. Es gibt zum Glück immer mehr Gesprächsgruppen oder zum Beispiel Stammtisch-Treffen für betroffene Väter, gemeinsame Rückbildungskurse nur für verwaiste Mütter, die alle auch ein Kind verloren haben.

Stimmt. Das ist ja sonst der Horror, wenn man in die Rückbildung muss.

Das sind alles Angebote, bei denen uns häufig zurückgemeldet wird, dass man sich dort das erste Mal richtig verstanden fühlt, mit anderen Betroffenen, die das Gleiche oder Ähnliches erlebt haben. Dort ermutigen wir die Frauen, die Familien, sehr stark, sich zu melden. Das braucht häufig viel Mut, weil man vielleicht das Gefühl hat: «Oh, man hört dort all die schlimmen Geschichten und weint im Kreis.» Viele Frauen haben ein bisschen Hemmungen. Aber häufig ist das Angebot etwas ganz, ganz Wertvolles.

Statistisch gesehen wissen wir ja alle, dass eine Fehlgeburt passieren kann.

Auch wenn es häufig vorkommt, ist es trotzdem jedes Mal eine ganz persönliche Geschichte, die sehr tief geht und etwas mit einem macht. Gerade Frauen in unserem Alter, die Kinder kriegen, haben vielleicht noch keine Erfahrung mit dem Tod und werden dann das erste Mal damit konfrontiert.

Wenn du die Häufigkeit siehst: Wir bei Any Working Mom sind neun Frauen. Und fünf davon haben mindestens eine Fehlgeburt erlitten. Das ist einfach eine Realität. Und erst in der Vorbereitung zu diesem Schwerpunkt haben wir überhaupt untereinander darüber gesprochen.

Das klingt jetzt vielleicht etwas seltsam: Aber das zeigt eben auch auf, dass eine Fehlgeburt etwas ist, das auch zu unserem Frauenleben dazugehört. Eine frühe Fehlgeburt, in den ersten zwölf Wochen, kommt wirklich sehr häufig vor. Das heisst nicht, dass es nicht schlimm ist. Aber das heisst, dass wir Frauen es bewältigen können. Unser Körper ist dafür gemacht, das alleine zu bewältigen, mit der Unterstützung von aussen, die es dann braucht. Aber es ist etwas, das wir bewältigen und in unser Leben integrieren können, und das zu unserem Frauenleben dazugehört.


Die Fachstelle kindsverlust.ch wurde 2002 auf gemeinsame Initiative von betroffenen Eltern und Fachpersonen gegründet. Sie begleitet Eltern, wenn ein Kind in der Schwangerschaft, bei der Geburt oder in der ersten Lebenszeit stirbt, und bietet kostenlose Beratungen an – telefonisch oder via E-Mail. Bei Bedarf können die betroffenen Eltern an eine Fachperson aus ihrer Umgebung vermittelt werden. Die Fachstelle berät auch Fachpersonen, bietet Weiterbildungen für diese an und setzt sich für eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit ein.


Links zum Thema:

Fachstelle: www.kindsverlust.ch

Leitfaden für Aussenstehende: Hilfreiches Verhalten im Umgang mit Eltern nach Kindsverlust

Rückbildung: Mütter, die eine Fehl- oder Stillgeburt hinter sich haben, können bei rund8fit.ch kostenlos einen Online-Rückbildungskurs machen. Einfach melden via Mail: kontakt@rund8fit.ch

Porträtfoto von Anja Knabenhans - Chefredaktorin mal ehrlich AG

Autorin

Anja Knabenhans ist die Content-Chefin von mal ehrlich. Sie war viele Jahre Journalistin bei der NZZ und NZZ am Sonntag – als Schreibende oder Tätschmeisterin, manchmal auch vor der Kamera oder hinter dem Podcast-Mikrofon. 2017 stieg sie bei Any Working Mom ein. Neben ihrer Tätigkeit bei mal ehrlich macht sie ihr eigenes Ding mit ding ding ding. Während sie beruflich ihre Freude am Tüpflischiss auslebt, zelebriert sie daheim das familiäre Chaos. Sie ist Mutter von zwei Kindern im Schulalter.

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 20. Juli 2022 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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Eine Antwort

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  1. Avatar von Nicole
    Nicole

    Vielen Dank für dieses wertvolle Interview!