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Bedürfnisorientiert erziehen und trotzdem Grenzen setzen

Grenzen sind essenziell für unsere Kinder. Amel Rizvanovic erklärt die psychologischen Hintergründe und weshalb das auch mit Selbstfürsorge zu tun hat.

Hanfseil, das zu einem Herz verknotet ist

Grenzenlose Bedürfnisorientierung – ein Gedicht:
Barfuss im T-Shirt durch den Winter getrotzt.
Die Grossmutter gekratzt, gebissen und angerotzt.
Schokolade zum Frühstück, nicht gekleckert, geklotzt. 

* * *

Bedürfnisorientierte Erziehung ist wertvoll, wichtig und richtig. Darin sind sich viele Eltern heute einig. Die Umsetzung im ganz normalen Wahnsinn des Familienalltags aber gestaltet sich für viele mitunter enorm schwierig. Insbesondere, wenn es um das Thema Grenzen setzen geht.

Bei der Begleitung von Eltern im Coaching und in Workshops erlebe ich diesbezüglich häufig eine tiefe Verunsicherung und viele Ängste. Manche Eltern trauen sich fast überhaupt nicht, Grenzen zu setzen, und wissen auch nicht so recht, wie so etwas überhaupt in angemessener Art und Weise aussehen könnte.

Stattdessen werden unverhältnismässig aufopferndes Verhalten und eine übertriebene Angepasstheit im Hinblick auf die Bedürfnisse der Kinder praktiziert. Alle Beteiligten leiden langfristig unter dieser Dynamik. Die Eltern, weil ihre Bedürfnisse und Selbstfürsorge dabei auf der Strecke bleiben. Die Kinder, weil ihnen wichtige Orientierung fehlt und sie deshalb fundamentale Entwicklungsschritte nicht machen können.

Wozu überhaupt Grenzen?

Für eine gesunde Entwicklung ist es wichtig, dass all unsere fünf psychologischen Grundbedürfnisse möglichst gut befriedigt werden. Unser Bedürfnis nach Bindung ist unser fundamentalstes Grundbedürfnis. Zugleich haben wir aber auch das Bedürfnis nach Autonomie. Eine gute Bindungserfahrung gibt uns Vertrauen in Beziehungen, während wir durch Autonomie Selbstwirksamkeit und Kontrolle erlernen.   

Das Bedürfnis nach Wertschätzung und Selbstwert sowie nach Spiel, Lust und Spontanität zählen ebenfalls zu den psychologischen Grundbedürfnissen.

Darüber hinaus gibt es das Grundbedürfnis nach realistischen und gesunden Grenzen. Grenzen sind Leitplanken und essenziell für das Erlernen sozialer Kompetenzen.

Fehlt Kindern die Gelegenheit, einen konstruktiven Umgang mit solchen Grenzen zu lernen, besteht die Gefahr, dass sich sehr problematische Muster einschleifen können: Eine völlig unrealistische und ungesunde Anspruchshaltung, ein überbordendes Gefühl der eigenen Grandiosität sowie eine ungezügelte und gegebenenfalls übergriffige Impulsivität wären Elemente von solchen dysfunktionalen Mustern.

Warum fällt mir das Grenzen setzen so schwer?

Wenn mich interessiert, weshalb mir Grenzen setzen und damit auch Selbstfürsorge so schwer fallen, können folgende Reflexionsfragen hilfreich sein:

Welche (giftigen) Glaubenssätze habe ich im Hinterkopf, die mich daran hindern, meinen Kindern Grenzen zu setzen? Zum Beispiel Glaubenssätze wie: «Du bist nicht gut genug!» / «Du musst immer stark sein, immer alles allein schaffen!» / «Gefühle zeigen ist Schwäche!» / «Du musst immer schauen, dass es allen anderen gut geht!» / «Nimm dich nicht so wichtig!» / «Du bist nur dann liebenswert, wenn du so bist, wie dich andere haben wollen!»

Woher kommen diese Glaubenssätze? Welche Geschichten und Erlebnisse stecken dahinter? Die Auseinandersetzung mit Glaubenssätzen ist ein bisschen wie archäologische Arbeit. Anhaltspunkte, wo man ansetzen und graben könnte, bieten beispielsweise folgende Fragen: Welche Gebote und Regeln habe ich (explizit) ausgesprochen von meinen Eltern mitbekommen? Welche Gebote wurden (implizit) vorgelebt, ohne unbedingt ausgesprochen worden zu sein? Wie haben meine Eltern über andere Menschen geredet, wenn sie sie negativ bewertet oder abgewertet haben?

Inwiefern sind diese alten Muster heute hinderlich für mich, um mich selbstfürsorglich zu verhalten?

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen kann ein Ausgangspunkt sein, um besser zu verstehen, was mich unbewusst leitet, mich immer wieder so zu verhalten, wie ich es eigentlich gar nicht möchte.

Abgrenzen ist ein selbstfürsorglicher Akt

Voraussetzung für Selbstfürsorge ist, sich abgrenzen zu können. Das adäquate Abgrenzen an sich kann schon ein selbstfürsorglicher Akt sein. Genau betrachtet, ist Selbstfürsorge eine empathische Zuwendung zum Kind. Zum eigenen inneren Kind.

Damit leben wir unseren Kindern Selbstfürsorge vor und den gesunden Umgang mit Grenzen.

Kinder lernen am Modell – und wir als Eltern sind ihre wichtigsten Modelle, ihre Blaupausen, was Beziehungen, Gefühle und Bedürfnisse anbelangt. Wenn wir also ständig über unsere Grenzen hinausgehen (lassen), Raubbau und Ausbeutung an uns selbst betreiben, dann werden diese Blaupausen unsere Kinder prägen.  

Wie geht Abgrenzen?

Für das adäquate Setzen von Grenzen ist das WIE entscheidend: Es geht um Augenhöhe, Gleichwürdigkeit, die Tonalität, also die Art und Weise, wie wir Grenzen kommunizieren.

Die Melodie der Kommunikation ist entscheidender als der Text. Es geht darum, eine klare, oft vielleicht in dem Augenblick sehr unpopuläre Botschaft (Grenze) auszusprechen, mit Wohlwollen und Verständnis. Und dieses auch selbst als Eltern auszuhalten lernen.

«Ja, ich verstehe das. Ich würde jetzt auch viel lieber weiterspielen / liegen bleiben / einen Zahnputzroboter haben / barfuss im Elsa-Kleid durch den Schnee laufen, aber …» 

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Es geht darum, den kindlichen Bedürfnissen Raum zu geben und zu signalisieren, dass ihr Bedürfnis verständlich und nachvollziehbar ist, aber mitunter eben nicht geht. Gewisse Bedürfnisse manchmal zu frustrieren, gehört zu einer gesunden Entwicklung. Am besten ist es, wenn wir also dieses Frustrieren auf eine emphatische Art machen.

Empathisch Grenzen setzen

Das funktioniert etwa mit einem Heads-Up, dass die Bildschirmzeit in 10 Minuten rum ist, oder eine Sanduhr, die die Zeit bis zum Zähneputzen ankündigt und greifbar macht. Solche Dinge helfen Kindern, weil sie Vorhersehbarkeit, Berechenbarkeit ermöglichen, statt dass sich die Kinder ausgeliefert fühlen durch (aus ihrer Sicht) willkürliche Entscheidungen aus dem Nichts.

Grenzen setzen geht am besten im Erwachsenen-Modus. Das heisst, wenn wir selbst nicht hochgradig getriggert oder überemotionalisiert sind.

Guter Umgang mit Grenzen bedeutet immer auch bedachter Umgang mit Ambivalenzen und widersprüchlichen Bedürfnissen. Das bedeutet, dass es sehr normal ist, dass wir beim Grenzen setzen verschiedene Stimmen im Kopf haben, die einander widersprechen können. Was unter anderem daran liegt, dass unterschiedliche Bedürfnisse miteinander ringen: die kindlichen vs. elterlichen / Bindung vs. Autonomie / Fürsorge vs. Selbstfürsorge …

In vielen Erziehungsratgebern gibt es unzählige solche und weitere Ideen und Tools, die teilweise sehr hilfreich und wertvoll sein können.

Aber diese verpuffen leider ganz schnell, wenn wir nicht daran arbeiten, uns unsere Trigger und Muster bewusst zu machen, ihnen den giftigen Stachel zu ziehen und stattdessen alternative, gesündere Denk- und Verhaltensweisen zu lernen und einzuüben.

Diese Arbeit ist anstrengend und langwierig, aber sie ist ein unfassbar kostbares Geschenk, das wir unseren Kindern machen können – und uns selbst.

Zeitgeist: Höher, steiler, geiler

Spannend ist es auch, bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Grenzen für einen Moment etwas herauszuzoomen und mit einer soziologischen Brille zu reflektieren:  

Unsere Zeit ist geprägt durch die Glorifizierung des Individuums («Du bist etwas ganz besonderes!» / «Du bist einzigartig!»), das Ideal der Selbstverwirklichung («Du kannst alles schaffen!» / «Du musst dich unbedingt selbst verwirklichen!») und Authentizität als höchstes Gut («Sei dein wahres Selbst!» / «Sei immer echt!»).

Auf den ersten Blick mutet das vielleicht harmlos an, ist meines Erachtens aber hochproblematisch. Die Überbetonung von Individualismus, Selbstverwirklichung und Authentizität als Heilsbringer ruft bei vielen einen grossen Widerstand gegenüber gesunden, realistischen und notwendigen Grenzen hervor, weil sie als Hindernisse für diese Ideale betrachtet werden.

Die eigene Freiheit wird im Extremfall als Privateigentum wahrgenommen und Einschränkungen dieser Freiheit durch Grenzen werden als tiefe Kränkungen empfunden. Freiheit ist aber kein Privateigentum, das uns zusteht, sondern kann nur entstehen in einem sozialen Miteinander. Freiheit ist also ein geteiltes Gut, das immer gesunde und realistische Grenzen braucht, um die Freiheit Einzelner im Kontext der Freiheit anderer auszutarieren.

Der oben skizzierte Zeitgeist geht nicht spurlos an uns vorbei, sondern beeinflusst uns alle zusätzlich zu den bereits erwähnten individuellen Prägungen aus den Herkunftsfamilien.

Wir können uns der Zeit, in der wir leben, nicht komplett entziehen. Aber es kann durchaus hilfreich sein, zu reflektieren, wie uns dieser Kontext beeinflusst, was Grenzen anbelangt.

Bedürfnisorientierte Erziehung bleibt extrem wertvoll, wichtig und richtig. Die Befriedigung unserer psychologischen Grundbedürfnisse ist zentral für unser Wohlbefinden und eine gesunde Entwicklung. Diese Bedürfnisse stehen teilweise in Konflikt miteinander und es braucht daher viel Fingerspitzengefühl, Umsicht und Übung, um dies zu navigieren.

Podcastfolge DU SO. ICH SO. zum Thema: Grenzen setzen in der Erziehung: Wie klappt das?

Autor

Amel Rizvanovic ist Coach und Consultant in Luzern, Vater einer kleinen und zweier grosser Töchter. Gemeinsam mit seiner Frau, der Psychotherapeutin Felizitas Ambauen, hat er den Paarcours entwickelt. Ein Konzept für Paare, die an ihrer Beziehung wachsen möchten. Die Schwerpunkte von Amels Arbeit bilden Positive Psychologie, Kommunikation und Organisationsentwicklung. Mehr über Amel gibt’s auf Facebook und Instagram sowie auf  ambauen-psychologie.com

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 16. Juli 2023 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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Eine Antwort

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  1. Avatar von Nicole Widmer
    Nicole Widmer

    Lieber Amel, herzlichen Dank für diesen wertvollen Beitragy Ich bin so froh um diesen Text! Liebe Grüsse Nicole