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Wer profitiert von der Monogamie? Spoiler: nicht zwingend wir

Monogamie gilt in Beziehungen als Standard. Auf der Suche nach Gründen zeigt sich: Es geht um Glaubenssätze, Ängste, Unwissen – und Politik.

zwei Personen im Sand stehend, die sich aufeinander abstützen. Ist Monogamie wirklich die passende Beziehungsform, die glücklich macht?

Nach einer langen monogamen Beziehung und zutiefst schmerzhaften Erfahrungen mit Fremdverlieben und Betrug, stellt sich mir die Frage, weshalb die meisten von uns die Monogamie als Ideal definieren. Auf der Suche nach Antworten wird mir bewusst: Wie wir unsere Beziehungen führen, ist alles andere als Privatsache. Es ist politisch.

Wir kennen sie alle: Die Lovestorys und romantischen Märchen von Mann und Frau, die sich finden und für immer zusammenbleiben. Hinter den unzähligen Versprechen der romantischen Paarbeziehung steckt ein patriarchales Konzept, das bis heute fast unangefochten ist: Die Monogamie, stabil untermauert vom Leitbild der heterosexuellen Ehe.

Die unzähligen Narrative, die damit verbunden sind, lernen wir von Kindesbeinen auf. Ob gewollt oder nicht, wir alle haben sie uns einverleibt.

In ihrem Beitrag im bewegenden Buch Unlearn Patriarchy beschreibt Emilia Roig eindrücklich das Versprechen, welches die Monogamie vor allem der weiblich sozialisierten Person gibt:

Eine Frau hat die Liebe ihres Lebens zu finden, am besten in Gestalt eines Cis-Mannes.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist sie noch keine vollständige Frau. Hat die Frau diesen Mann gefunden, soll sie ihn an sich binden, Mutter werden und für die Familie sorgen.

Das sollte sie bis ans Ende ihrer Tage glücklich machen.

Mit dieser Verheissung enden dann auch die meisten Mainstream-Lovestorys und Märchen. Selten wird erzählt, wie sich das Leben eines Paares anfühlt, wenn sie schon zwanzig Jahre verheiratet sind, wahrscheinlich Kinder gekriegt, ein Haus gekauft haben und sich gegebenenfalls noch einen Guten-Morgen- und Gute-Nacht-Kuss geben.

Das unangefochtene Konzept: Die monogame Ehe

Die monogame Paarbeziehung gehört zu einem der letzten, unverrückbaren Pfeiler unserer nach wie vor patriarchal geprägten Gesellschaft. Dieses System hat ein grosses Interesse daran, dass weiblich sozialisierte Menschen weiterhin mit dem Mindset aufwachsen, dass sie den Mann fürs Leben finden wollen/sollen. Das gewährleistet weiterhin wichtige Aspekte für die Wirtschaft, wie beispielsweise die unbezahlte Sorgearbeit.

Die Entwicklung der letzten Jahre hat ähnlich tief verankerte Konzepte, wie Gender oder sexuelle Orientierungen, aufgeweicht. Nicht so das Konzept der Monogamie.

Während meinen Recherchen entdecke ich aber feine Risse in diesem scheinbar unumstösslichen Pfeiler der Monogamie. Immer mehr Menschen hinterfragen das Konzept kritisch:

Wer profitiert davon, dass wir monogam leben?

Woher kommt die Monogamie? Ist es wirklich das Konzept, das zu mir passt? Oder lebe ich es nur, weil ich gar nichts anderes kenne?

Die Gesellschaft ist minim offener geworden. Da Frauen nun immer mehr einer Erwerbsarbeit nachgehen und finanziell unabhängiger werden, sind sie weniger auf die monogame Ehe angewiesen. Die wachsende feministische Bewegung schwächt zudem immer mehr das Narrativ, dass eine Frau nur eine «richtige Frau» sei, wenn sie in einer heterosexuellen Beziehung lebt und Mutter ist.

Und doch sind diese Glaubenssätze nach wie vor viel stärker als wir denken.

Was mehrheitlich fehlt, sind gelebte Vorbilder, die jenen eine Referenz bieten, die der Monogamie den Rücken kehren möchten. Die kunterbunte Tabelle «The types of non-monogamy» von Franklin Veaux zeigt auf witzige Weise, dass es zig alternative Formen gibt, eine nicht-monogame Beziehung zu leben.

illustrative Darstellung von verschiedenen Beziehungsformen. Monogamie ist nicht das Nonplusultra.
The types of non-monogamy (Copyright: Franklin Veaux)

Ein paar davon sind bereits teilweise gesellschaftlich etabliert. Viele haben Konsens als Basis, wie beispielsweise die offene Beziehung, die Polyamorie, die «Don’t tell, don’t ask-Methode» oder die Swinger. 

Fremdgehen: Die unschöne Art, nicht-monogam zu leben

Die meistverbreitete nicht-monogame Methode ist jedoch nach wie vor jene ohne gegenseitiges Einverständnis in der Paarbeziehung: das Fremdgehen. Eine Studie der Online-Partnervermittlung Parship besagt, dass in der Schweiz zirka jede zehnte Person (Frauen: 9%, Männer 12%) schon untreu war in einer festen Beziehung.

Ein sexuelles und/oder emotionales Einlassen ausserhalb der Hauptbeziehung ist, wenn nicht anders ausgemacht, ein Vertrauensbruch innerhalb einer monogamen Beziehung und bringt in den allermeisten Fällen viel Schmerz mit sich. Deshalb frage ich mich:

Wieso lebt trotzdem der grösste Teil der Gesellschaft in einer monogamen (meist heterosexuellen) Paarbeziehung?

Wieso Monogamie? Aus dem Wunsch nach Sicherheit? Nach Besitzanspruch?

Aus Angst vor Gefühlen wie Verlustangst und Eifersucht? Oder ist es einfach fehlendes Wissen um Alternativen?

Nicht-monogam bedeutet viel mehr als nur Sex mit anderen

Einigt sich ein Paar darauf, die Beziehung zu öffnen, heisst das in den meisten Fällen, dass ihr Sexleben nicht mehr exklusiv ist. Dass eine Person oder beide Beteiligten auch romantische oder sexuelle Erfahrungen mit anderen erleben dürfen, ohne dass die primäre Beziehung dadurch gefährdet wird. 

Wie gross das emotionale Einlassen sein darf oder welche sexuellen Praktiken in sekundären Beziehungen erlaubt sind, das gilt es alles auszumachen.

Lebt jemand polyamor, beschreibt das Jessica Fern in ihrem Buch Polysecure so: «Menschen, die sich als polyamor bezeichnen, konzentrieren sich in der Regel auf den Teil der Nicht-Monogamie, der mit dem Verlieben zu tun hat. Die Motivation, mehrere Beziehungspersonen zu haben, besteht darin, zu lieben und mehrere emotional engagierte Beziehungen zu führen».

Für die meisten Menschen bedeutet nicht-monogam automatisch, dass es nur um Sex geht. Das kann sein. Wer sich tiefer mit dem Thema befasst, merkt aber schnell, dass es unzählige Formen gibt – wie beispielsweise auch Beziehungsanarchie oder Polyfidelity (Polyamorie mit geschlossenen Beziehungen).

Es kann auch um viel mehr als Sex gehen: Es geht um das Aufbrechen der privaten Kleinfamilie und patriarchaler Strukturen und ist somit ein Akt gegen die Unterwerfung der Frau.

Nicht-Monogamie ermöglicht auch, unser Leben auf mehrere emotionale Beziehungen abzustützen und nicht alles von der einen auserwählten Person zu erwarten.

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Nicht-Monogamie bringt uns auch Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.

Entscheidet sich ein Paar, eine sogenannt ethisch nicht-monogame Beziehung zu leben, verpflichten sich alle Involvierten zu Transparenz, also zum Gegenteil von Fremdgehen. Wenn eine Person eine sexuelle oder emotionale Beziehung mit neuen Personen eingeht, stellt sie mit den anderen Beteiligten in ihrem Beziehungskontext Konsens her.

Das bedeutet, ethisch nicht-monogam zu leben, braucht sehr viel Kommunikation, Sozialkompetenz und viel Know-how darüber, was Konsens bedeutet. Und: Sehr viel Bereitschaft, seinen ganz persönlichen Schatten zu begegnen.

In der ethischen Nicht-Monogamie übernehmen alle Beteiligten Selbstverantwortung

Nicht-Monogamie wirft den Menschen auf sich selbst zurück. Das Versprechen des «one and only» für jemand anderes zu sein, fällt weg. Das Versprechen, dass eine Frau einem Mann gehört, auch. Und auch, dass die Frau stets zur Verfügung zu stehen hat für den Mann.

Das bedeutet auf beiden Seiten sehr viel Eigenverantwortung für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Es bedeutet, sich mit der Beziehung zu sich selbst und den eigenen Verlustängsten auseinandersetzen zu müssen. Das ist zwar auch in einer monogamen Paarbeziehung der Fall, meistens aber in sehr abgeschwächter Form.

In einer monogamen Paarbeziehung nehmen sich die Beteiligten oft gegenseitig als viel selbstverständlicher wahr. Zudem wird in einer monogamen Beziehung häufig auch das Narrativ gelebt, dass die beiden Menschen in der Paarbeziehung verantwortlich sind für das Glück des Gegenübers.

Monogamie und Sehnsucht nach Sicherheit und Zuflucht

Was bei einer nicht-monogamen Beziehung zudem wegfällt, ist die traditionelle Struktur der Paarbeziehung an sich. Und das ist es, was vielen Angst macht.

Es lebt zwar der Grossteil der Menschen in einer monogamen Paarbeziehung, aber Sicherheit gibt ihnen nicht unbedingt die Beziehungserfahrung selbst, sondern die Struktur der Paarbeziehung, mit all ihren vermeintlichen Sicherheitsversprechen. Für viele sind die aber besser als gar keine Sicherheit.

Im Idealfall ist ein Mensch dazu in der Lage für sich selbst ein sicherer Hafen zu sein. Die fehlende Sicherheit in einer nicht-monogamen Beziehung fördert, dass wir unser eigener Zufluchtsort werden.

Gleichzeitig ist dies wohl der grösste Knackpunkt, wie es auch Jessica Fern beschreibt:

Wer sich aus der monogamen Struktur löst, muss sich um die Bindung zu sich selbst kümmern.

Und diese Bindung ist bei vielen Menschen unsicher, angeknackst oder zumindest vernachlässigt.

Vereinfacht gesagt, kann eine nicht-monogame Beziehung für jemanden, der keine oder nicht viele sichere Bindungserfahrungen gemacht hat im Leben, eine grosse Herausforderung sein. Für diese Menschen braucht es sehr viel Mut, aus der Sicherheit der Beziehungsstruktur herauszutreten, kann aber auch der entscheidende Schritt sein, um in die Heilung mit sich selbst zu kommen.

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Was wäre anders ohne Monogamie?

Ist nun monogam oder nicht-monogam das Richtige für uns? Vielleicht ist es bereits aufschlussreich, wenn wir uns fragen, was im Leben anders wäre, würden wir nicht in einer monogamen Beziehungen leben.

Was würden wir ausleben, wo uns aktuell die monogame Beziehung im Wege steht? Welche Wünsche könnten wir uns erfüllen, die der:die aktuelle Partner:in nicht abdeckt?

Allein die Auseinandersetzung mit ethischer Nicht-Monogamie kann Bedürfnisse ans Licht bringen, die der Monogamie zuliebe zuunterst in die Schublade verstaut wurden. Es lohnt sich, diese hervorzuholen und zu überprüfen, welche davon wir befriedigen möchten.

Daraus entsteht die Möglichkeit, sich so zu entwickeln und das zu leben, wonach man sich sehnt. Es gibt auch unseren Partner:innen die Chance, sich so entwickeln, wie sie sich das wünschen, auch wenn die Gesellschaft etwas ganz anderes vorgibt.

Nicht-Monogamie bedeutet auch, dem Gegenüber diese Freiheit zu geben, auch wenn es uns mit tiefen Ängsten konfrontiert oder sich unsere Wege sogar deshalb trennen.

Porträtbild von Imelda Stalder alias Imelda Koger

Autorin

Imelda Stalder tanzt sehr gerne – und auf vielen Hochzeiten: Sie ist freie Autorin, Buch­händlerin, selbständige Kommunikatorin und Yogalehrerin. Sie ist Mutter zweier Kinder, Partnerin, Freundin, Schwester und Tochter. Sie schreibt über gesellschaftliche und feministische Themen, kann sich nicht auf einen Nachnamen festlegen und trainiert sich gerade den Glaubenssatz ab, dass die Bedürfnisse der anderen wichtiger sind als ihre eigenen. www.imeldakoger.com

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 6. März 2024 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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