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Kolumne

Olivia El Sayed ist nie ganz fertig: Wow, siehst du heute gut aus!

Es gibt ja Komplimente und Komplimente. Manche sind so toll, die merkt man sich ein Leben lang, auf andere sollte und könnte man gut verzichten. Ein Abstecher ins Gefilde.

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Von

Olivia El Sayed ist nie ganz fertig: Wow, siehst du heute gut aus.

«Life with you is easy», sagte mein Vater mal zu mir. Und das an einem Abend mit Stromausfall und kurz vor seinem Tod. Wir waren bei ihm daheim und tranken Tee, nachdem ich nur wenige Minuten zuvor von einer Sofalehne gestolpert war. Dort oben hatte ich gestanden, weil ich hinter einem mit 31 Vasen dekorierten hohen Regal den Sicherungskasten meines Vaters suchte.

Als ich plötzlich Rauch roch, drehte ich mich schnell um und rutschte von der Lehne. Sofort humpelte ich zu ihm und riss ihm schnaubend die Kerze aus der Hand, mit der er das Innere seines Kleiderschranks beleuchten wollte. Er war verwirrt, ich kurz davor, meine Nerven zu verlieren, und es roch nach angeschmürzeltem T-Shirt.

Das Leben war also eigentlich alles andere als einfach und leicht in dem Moment, und wohl genau deshalb berührt es mich noch heute, wenn ich daran zurückdenke, wie er dann im Halbdunkel sass mit seinem Teeglas in der Hand und mir wohlwollend zuraunte, das Leben mit mir sei easy.

Zu mir sagte mal jemand: «Du bist wie ein Flachbildfernseher. Von der Seite käme man gar nie drauf, wie breit du von vorne aussiehst.» Und es war tatsächlich als Kompliment gemeint.

Auf der anderen Seite des Komplimentenspektrums gibt es aber auch Komplimente, die sind so furchtbar schlecht, dass man sie sich fast noch länger merkt als ein Leben dauert. So sagte mal jemand zu mir: «Du bist wie ein Flachbildfernseher. Von der Seite käme man gar nie drauf, wie breit du von vorne aussiehst.»

Und es war tatsächlich als Kompliment gemeint (an meine Seitenansicht, denke ich. Nur blöd, dass ich die Vorderansicht in meinem Leben ja auch immer dabeihaben muss).

Nun ja. Ich möchte heute zwei lieb gemeinte Mahnfinger in die Luft halten, gar nicht so direkt an jemanden gerichtet und auch gar nicht mal Bezug nehmend auf einen gewissen Tag, weil es betrifft fast alle Menschen und alle Tage. Ich finde – hier jetzt ein erster Finger – man sollte sich etwas mehr Mühe geben beim Komplimente machen.

Wenn ich einer Person sage, sie sehe richtig gut aus, könnte sie meinen, dass das an allen anderen Tagen eher weniger der Fall sei.

Also zum Beispiel wirklich nur dann ein Kompliment machen, wenn man auch wirklich ein Kompliment machen möchte und dieses dann auch unmissverständlich als solches formulieren. Wenn man lieber passiv-aggressiv jemandem ans Bein pinkeln will, soll man doch direkt das machen, anstatt den Umweg über ein Kompliment nehmen.

Entgiftet eure Komplimente

Ganz oft werden nämlich seltsame Komplimente verteilt, die bei genauerer Betrachtung gar keine mehr sind. Bestimmt gibt es solche, die tatsächlich gut gemeint sind, vielleicht einfach ein bisschen unüberlegt formuliert. Aber manchmal werden sie doch schon auch absichtlich missverständlich losgefeuert, nicht? Ich meine Aussagen wie zum Beispiel diese sechs Klassiker:

  1. «Du siehst echt super aus für dein Alter.»
    Da soll man hören, man sehe super aus. Man könnte aber auch hören, man sei in erster Linie alt, aber unter diesen erschwerenden Umständen trotzdem noch ansehnlich.
  2. «So mutig, dass du das trägst!»
    Da soll man hören, dass man vielleicht modisch der Zeit voraus sei. Man könnte aber auch hören, dass man so weird angezogen sei, dass es dafür ordentlich viel Mut braucht.
  3. «Wow, du hast abgenommen.»
    Da soll man hören, dass man diszipliniert und jetzt schlank sei. Man könnte aber auch hören, dass man der Person recht viel dicker in Erinnerung war und dass diese dickere Version weniger wow war als die Version, die man jetzt grad ist.
  4. «Ich find dich ja mega hübsch, ganz ein eigener Typ.»
    Da soll man hören, man sei speziell. Man könnte aber auch hören, dass es vor allem an der Grosszügigkeit der anderen Person liegt, dass sie einen als hübsch erachtet, obwohl man so gar keiner Schönheitsnorm entspricht.
  5. «Deine Wohnung ist so schön gemütlich und bewohnt.»
    Da soll man hören, man habe ein schönes Daheim. Man könnte aber auch hören, man habe ein uh huere Puff.
  6. «Du siehst heute richtig gut aus.»
    Da soll man hören, man sehe gut aus. Man könnte aber auch hören, dass man an allen anderen Tagen nicht gut aussehe.

Auf Englisch nennt man diese vergifteten Komplimente backhanded compliments. Sie sind vordergründig nett, beinhalten wegen Vergleichen, Relativierungen oder Einschränkungen aber eben auch eine mehr oder minder versteckte Abwertung oder Kritik.

Man denkt, alles klar, Konzept verstanden, hab ich im Griff – und dann bekommt man Kinder und alles, was man je glaubte, verstanden zu haben, gerät aus den Fugen.

Manche mögen jetzt sagen, nur Überempfindliche würden solche Komplimente negativ auslegen. Aber jedes dieser Komplimente müsste man nur ein Mü anders formulieren und niemand würde sich angegriffen fühlen. Und diese Extrameile könnten wir ja vielleicht gehen – oder dann einfach kein Kompliment machen, sondern sagen, dass uns was aufregt?

Das fände ich gut für das weitere Zusammenleben von uns Menschen (und vermutlich müssen wir uns gegenseitig noch eine Weile aushalten, auch wenn man seit sechs Jahren permanent suggeriert bekommt, das Ende sei ganz nah).

Zu früh gefreut

Ich verteile jedenfalls gern Komplimente und gebe mir Mühe, sie ohne jeglichen missverständlichen Interpretationsspielraum zu formulieren. Respektive lebte ich lange Jahre im Glauben, dass dem so wäre. Nur dann – und jetzt kommt Mahnfinger 2, den ich vor allem mir selbst ins Gesicht halte – ist es wie so oft: Man denkt, alles klar, Konzept verstanden, hab ich im Griff – und dann bekommt man Kinder und alles, was man je glaubte, verstanden zu haben, gerät aus den Fugen.

Dieser unangenehme Spiegel wurde mir unlängst beim Eislaufen vors Gesicht gehalten. Alle freuten wir uns auf den Nachmittag, wir packten uns warm ein, in der Tasche ein paar Snacks, die Musik war toll und wir alle fröhlich. Dann gingen wir aufs Eis und beide meine Kinder schnappten sich eine Eislaufhilfe für die ersten Runden. Und ich sagte zu beiden:

«Du stehst doch viel grader und sicherer ohne die Hilfen. Probier doch ohne, du kannst das sicher.»

Ein Kind hörte: Du kannst das schon so gut, das geht auch ohne Hilfe.
Das andere Kind aber hörte: Du stehst krumm und falsch, mach alles anders.

Entsprechend liess ein Kind das Ding stehen und fuhr mir fröhlich entgegen. Das andere warf mir einen bösen Blick zu und fuhr direkt wieder vom Feld.
Aus der Eisplausch.

#daschamebruuche aus unserem Concept Store

Und ja, da schwingt wohl ein bisschen Pubertät mit. Aber es führte mir doch auch vor Augen, wie gut man etwas meinen, und wie ungut es dann trotzdem beim Gegenüber ankommen kann. Und das gilt nicht nur für Komplimente, sondern für jede einzelne Botschaft, die man den lieben langen Tag lang formuliert.

Ich meinte, etwas absolut Motivierendes gesagt zu haben, ein mit Herzen verziertes «Du kannst das». Das Kind aber hörte Kritik von der permanent mit Verbesserungsvorschlägen um sich werfenden Mutter.

Später erklärte ich, dass ich doch alles nur gesagt hätte, weil ich ermutigen wollte. Als Antwort bekam ich einen intensiven Eye Roll. Ich fragte, wie ich es denn anders hätte sagen sollen. Die Antwort: «Einfach gar nicht.» Und da stand ich nun und sah mein ertapptes Gesicht im vorgehaltenen Spiegel.

Weil Dinge einfach sein lassen, das ist schon nicht meins. Verirrte Haarsträhnen, offene Reissverschlüsse, fehlende Buchstaben, schlechte Haltungen, lose Schuhbändel, das alles komment- und korrigiere ich tatsächlich. Manchmal ist das sicher auch nötig. Aber sicher nicht immer, das muss ich zugeben. Ein bisschen mehr machen lassen. Ein bisschen mehr Klappe halten und in Ruhe lassen. Ich will es versuchen. Find ich herausfordernd. Aber auch ganz schön mutig für mein Alter.

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Autorin

Olivia El Sayed ist 1981 in Winterthur geboren und schrieb in verschiedenen Funktionen in und für Radioredaktionen, Agenturen und Musiklabels. Nebenberuflich studierte sie einen Bachelor lang Sprachen mit Fokus Literatur und Philosophie. Sport kann sie nicht besonders gut, dafür Instagram: oh_olives. Sie ist die Autorin von bisher drei Büchern:  «flowery wordis», «Scheidungskinderclub» und «Alles Liebi», mit welchen sie auch auf der Bühne auftritt. Ihr erster Text bei uns war ein Artikel, für den sie lieber Haare vor dem Gesicht behält. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich.

Informationen zum Beitrag

Veröffentlicht am 2. März 2026.

Die Kolumne «Olivia El Sayed ist nie ganz fertig» erscheint alle paar Monate.


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