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Wo darf ich mein Kind berühren? Und wo nicht?

Körperliche Grenzen sind wichtig. Aber auch sensibilisierte Eltern sind unsicher, wie sie ein Kind berühren dürfen. Wir haben Antworten.

Kind sitzt bei einer Frau auf dem Schoss, die Frau hält einen Fuss des Kindes

Kürzlich war eine Freundin abends bei uns zu Besuch. Ich brachte meinen Dreijährigen ins Bett, der am liebsten nackt schläft und jeweils möchte, dass ich ihm zum Einschlafen den Rücken kraule. An diesem Abend verlangte er, dass ich auch noch den Po mitkraulte. «Ich kann verstehen, dass das jetzt angenehm für dich wäre», sagte ich, «aber am Po möchte ich dich nicht anfassen.» Er war kurz vor dem Einschlafen, nickte also nur und kuschelte sich in seine Bettdecke.

Ich aber war verunsichert. Wir vermitteln unseren Kindern, dass sie entscheiden dürfen, wo wir sie berühren. Wir versuchen immer zu fragen, bevor wir berühren oder küssen, damit sie ein Gefühl dafür bekommen, was sie möchten und was nicht. Jede Stelle am Körper darf vom Kind geschützt werden, egal ob Rücken oder Geschlechtsteile. Das bedeutet aber nicht, dass jede freigegeben werden kann.

Ich wollte meinem Sohn vermitteln, dass es Stellen am Körper gibt, die nur ihm allein gehören.

Aber wieso sollte ich bestimmen dürfen, welche das waren? Und war es richtig, wenn er sich diese Berührung ausdrücklich wünschte?

Als ich kurze Zeit darauf aus dem Zimmer kam und meiner Freundin das Dilemma schilderte, war sie erstaunt: «Ich berühre meine Kinder beim Einschlafen überall, auch an den Geschlechtsteilen», sagte sie. «Wenn sie das möchten.» Sie wolle ihren Söhnen kein Schamgefühl für gewisse Körperstellen mitgeben, deshalb sei ihr wichtig, dass sie den ganzen Körper beim Schmusen mit einbeziehe.

Die Haltung meiner Freundin rief ein unangenehmes Gefühl in mir hervor. So ähnlich, wie wenn Eltern ihre Kinder auf den Mund küssen. Es fällt mir sehr schwer, es in Worte zu fassen, weil ich diesen Menschen keineswegs ihre Zuwendungsrituale absprechen will. Genauso wenig will ich meiner Freundin vorwerfen, sie respektiere die Grenzen ihrer Kinder nicht. Tut sie ja nicht, im Gegenteil.

Wenn ein Kind danach fragt – wieso soll man ihm den Wunsch nicht erfüllen? Gerade wenn es bedeuten kann, dass so jedes Körperteil als berührungsberechtigt etabliert wird? Und eben nicht als schambehaftet.

Für mich lautet das Gegenargument:

Ein Kind weiss nicht immer, was seine Grenzen sind.

Es kann sagen, wenn sich was nicht gut anfühlt, aber bei besonders nahestehenden Menschen sind Liebkosungen ja oftmals angenehm und das Kind hat nichts dagegen. Ist es deshalb ok, wenn ein Bekannter der Familie das Kind im Genitalbereich berührt? Auf gar keinen Fall, oder?

Wieso sollte das bei den leiblichen Eltern also anders sein? Gibt es da sowas wie ein Sonderrecht? Auch beim auf-den-Mund-Küssen, was viele sicherlich als weit weniger problematisch betrachten, aber genauso ein Akt ist, der bei Erwachsenen Konsens verlangt.

Und da wären wir bei meinem Punkt: Unter Erwachsenen ist klar, dass wir gewisse körperliche Handlungen nur unter Konsens durchführen. Bei Kindern setzen wir dasselbe voraus.

Wie aber soll ein Kind wissen, dass das, was es als angenehm empfindet (von einer Bezugsperson überall berührt oder geküsst zu werden), auch wirklich in jedem Fall ok ist? Weder wir noch das Kind wissen genau, worauf dieser vermeintliche Konsens eigentlich fusst. Und so küssen, umarmen und berühren wir Kinder, wenn sie sich nicht wehren, und gehen dabei als Eltern manchmal noch weiter, wenn sie es ausdrücklich verlangen. Aber ist das auch richtig?

Wie dürfen Eltern ein Kind berühren? Wie können sie es über seine Grenzen aufklären?

Anruf bei Agota Lavoyer, Opferberaterin und Expertin für sexualisierte Gewalt an Kindern und Autorin des sehr zu empfehlenden Buches «Ist das Okay?». Ich schildere ihr die Argumente meiner Freundin und meine eigene Verunsicherung.

Sie verstehe meine Gefühle, sagt sie, und würde genauso argumentieren. «Ich unterstütze auch nicht, dass man Kindern Scham vermittelt. Aber gewisse Körperteile sind intim.» Das habe nichts mit Scham zu tun, sondern mit Grenzen.

Es sei wichtig, dass Kinder wissen, dass es Körperteile, aber auch Berührungen oder Gespräche gibt, die intim sind. Man könne dies dem Kind vermitteln und sagen: «Und da darfst du deine Grenzen wahren. Womöglich spürst du diese Grenzen noch nicht, da ist es meine Aufgabe als Elternteil oder Bezugsperson, sie für dich zu wahren oder dir zu helfen.»

Diese Grenzen wahre man nicht, indem man das Kind intim anfasse, im Gegenteil, sagt Lavoyer. «Was lernt das Kind wenn es angefasst wird? Erwachsene dürfen dich am Penis streicheln? Wieso darf es das Mami und andere Erwachsene nicht?»

Womöglich sei das, was man Kindern in solchen Situationen vermittle, höchst problematisch – auch wenn man sich dessen nicht bewusst sei.

Als ich auflege, bin ich erleichtert. Ich weiss, wie ich es bei meinen Kindern weiterhin handhaben werde. Nur hinsichtlich meiner Freundin bin ich unsicher. Ich will ihr nicht vorwerfen, sie mache etwas falsch. Oder mich einmischen, wenn sie nicht danach gefragt hat. Trotzdem finde ich es wichtig, dass man sich darüber austauscht. Beim nächsten Geburtstag schenke ich ihr Lavoyers Buch. Und dann unterhalten wir uns noch einmal.

(Meinem Sohn habe ich übrigens drei Tage später beim Zubettgehen ausführlich erklärt, was intime Körperteile sind. «Ah ja», sagte er nach meinem Monolog. «Streichelst du mir jetzt wieder den Rücken?»)

Podcast mit Agota Lavoyer: Wie kann ich mein Kind vor sexualisierter Gewalt schützen? hier reinhören

Naomi Gregoris schreibt über die Vorbereitung der Geburt von Zwillingen mal ehrlich

Autorin

Naomi Gregoris ist freie Journalistin und Podcasterin. Sie spricht beim Untenrum-Podcast und beim Geburtspodcast über Themen, die alle interessieren, aber wenige offen äussern. Gemeinsam mit ihrem Partner und drei Kindern lebt sie in Basel. Instagram: @negoris

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 8. September 2023 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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