Kommentar zur Individualbesteuerung
Schickt mir endlich eine eigene Steuerrechnung!
Viele Frauen merken erst nach der Geburt, dass sich Erwerbsarbeit plötzlich kaum mehr lohnt. Schuld sind die hohen Betreuungskosten, aber auch das Steuersystem. Unsere Autorin – seit der Heirat «Person 2» – ärgert sich.

Als wir zwei Tage vor dem Lockdown 2020 im sechsten Monat schwanger zum Standesamt gewackelt sind, war uns klar: Diese Heirat wird uns mehr kosten als die 350 Franken Gebühren. Genau ausgerechnet hatten wir die steuerlichen Folgen der Ehe aber damals gar nicht erst. Die rechtliche und finanzielle Absicherung für unsere kleine Familie ging vor.
Dass ich mit der ersten gemeinsamen Steuererklärung nicht nur finanziell, sondern auch gleichstellungspolitisch unsanft lande, hatte ich allerdings nicht erwartet.
Meine volle Person war weg. Ich war fortan Person 2. Unabhängig davon, wer mehr verdient. Unabhängig davon, wer Schweizer:in ist und wer nicht. Unabhängig davon, wer sich kümmert. Relevant ist fürs Steueramt nur eines: das Geschlecht. Anpassen lassen? Fehlanzeige.
Es fühlte sich an wie ein Rückschritt in Zeiten, in denen Frauen kein eigenes Bankkonto eröffnen durften und Arbeitsverträge vom Ehemann mitunterzeichnet werden mussten.
Was hat Individualbesteuerung mit Elternschaft zu tun?
Zurück zu den Finanzen: Die gemeinsame Besteuerung von Ehepartner:innen ist vor allem wegen der Steuerprogression problematisch. Die Einkommen des Paars werden zusammengerechnet – und rutschen dadurch in eine höhere Progressionsstufe.
Das bedeutet konkret: Auch der tiefere Lohn, der für sich vielleicht mit 5 Prozent besteuert worden wäre (fiktive Zahl), wird plötzlich mit 10 Prozent besteuert.
Nach der Geburt eines Kindes reduziert häufig ein Elternteil das Arbeitspensum – der Lohn sinkt also – und hinzu kommen hohe Kita-Kosten. Mit den überproportionalen Steuern und den Betreuungskosten lohnt sich das tiefere Einkommen oft kaum noch.
Ich wünsche mir, dass das Familienmodell eine wirklich freie Entscheidung ist und nicht eine, die durch ein ungerechtes Steuersystem forciert wird.
Die Folge: Mit der Familiengründung hören jene Personen auf zu arbeiten, die weniger verdienen – meist sind das Frauen. Ein Modell, das selbstverständlich jede Familie wählen darf – auch nach der Einführung der Individualbesteuerung, über die wir hierzulande bald abstimmen.
Ich wünsche mir aber, dass es eine wirklich freie Entscheidung ist und nicht eine, die durch ein ungerechtes Steuersystem forciert wird. Das ist nämlich nichts anderes als eine Subventionierung des Konzepts «Hausfrau».
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Die Vorlage sieht vor, dass künftig auch Verheiratete individuell besteuert werden. Jede Person versteuert ihr eigenes Einkommen und Vermögen, für alle gilt der gleiche Steuertarif.
Damit zahlen verheiratete und vergleichbare unverheiratete Paare künftig gleich viel Steuern.
Ups, ich gehöre zu den Verlierer:innen
Ich habe es inzwischen ausgerechnet – geht ganz einfach hier: Mein Mann und ich – Doppelverdiener notabene – gehören wohl zu den rund 14 Prozent, die mit der Individualbesteuerung mehr bezahlen.
Mein Ja am 8. März werfe ich deswegen nicht weniger überzeugt in die Urne. Denn ich möchte, dass Mütter und Väter echte Wahlfreiheit haben, Familie und Erwerbsarbeit zu kombinieren – oder auch nicht.
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Veröffentlicht am 30. Januar 2026
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