Interview
«Bildschirme können uns zu besseren Eltern machen»
Als Lehrperson, Content Creator und im Buch «Power On» plädiert Ash Brandin für einen neutralen, konsistenten Umgang mit Technologie – ohne sie zu verharmlosen. Im Gespräch sagt Ash Brandin, warum Verbote oft nach hinten losgehen und es gibt Gaming-Tipps für Kinder.

Ash Brandin, Ihr Kind ist heute krank zu Hause. Darf ich fragen, was macht es gerade? (lacht)
In der Tat schaut mein 9-jähriges Kind gerade fern. Es ist krank und ich habe mit diesem Interview einen Termin, den ich gerne wahrnehmen möchte. Wir setzen meine Ratschläge heute also gerade wirklich in die Praxis um (lacht).
Ich verfolge Ihr Schaffen als Content Creator (@thegamereducator) und Buchautorin («Power On») schon länger. Sie arbeiten als Lehrperson, haben also oft Kinder zwischen 11 und 15 Jahren um sich herum – und verteufeln weder Bildschirmzeit noch das Gamen. Für die Jugendlichen sind Sie sicher voll die coole erwachsene Person, weil Sie mit Ihnen übers Gamen reden können. Ist das so?
Aktuell bin ich nicht mehr vor der Klasse, sondern arbeite in der Schulbibliothek. In dieser Rolle kann ich wirklich in einer «coolen» Art mit den Kindern interagieren. Ich bin eine erwachsene Bezugsperson im Schulsystem, aber dennoch keine Klassenlehrperson. Aber diese Frage bringt mich gerade auf etwas, das mir aufgefallen ist: Können Sie sich vorstellen, wie offen und interessiert Lehrpersonen sind, wenn es um Interessen ihrer Schüler wie Sport oder beispielsweise Musik geht? Ganz anders ist dann die Reaktion, wenn dieses Interesse bei Videospielen liegt – tendenziell negativ. Als Lehrperson war ich immer erstaunt, welche Verbindung es schuf, wenn ich mit den Jugendlichen über ihr Gamen sprechen konnte. Da tauten sie auf.

Keine Zeit oder zu müde zum Lesen? 😉 Dann hör dir hier das ausführliche Gespräch mit Ash Brandin («The Gamer Educator») als Podcast-Folge an 🎧. Für einmal ist die Episode auf Englisch.
Im Buch schreiben Sie sogar: «Bildschirmzeit kann Bezugspersonen besser machen». Diese provokante Aussage müssen Sie mir erklären.
In den USA gibt es grosse gesellschaftliche Ungleichheiten und für Eltern ist es unglaublich schwierig, ihre Kinder ohne Unterstützung grosszuziehen. Ich weiss nicht, wie es in der Schweiz aussieht, aber hier schalten viele Eltern den Fernseher auch ein, weil es anders schlicht nicht geht. Das Problem ist also nicht per se die Technologie – sondern ein systemisches. Um auf den Punkt zu kommen: Ich glaube, wenn Bildschirme es ermöglichen, dass Bezugspersonen dafür in anderen Situationen präsenter sein können, dann ist das ein Vorteil für alle in der Familie.
«Der Bildschirm als Babysitter in gewissen Situationen ist völlig legitim»
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Während ich das Abendessen koche, hat mein Kind oft Bildschirmzeit. Ich glaube, das ist in vielen Familien ähnlich. Und nun frage ich: Welches Szenario ist «besser»? Als Mutter oder Vater zu versuchen, eine Mahlzeit zu kochen, während mehrere Kleinkinder Aufmerksamkeit fordern, und am Ende total erschöpft und genervt ein Fertiggericht aus der Mikrowelle zu servieren? Oder die Kinder sicher für 30 Minuten mit dem Screen zu beschäftigen, damit Eltern ein nahrhafteres Essen zubereiten, vielleicht sogar noch eine kleine Pause machen können und dann entspannter mit den Kindern am Tisch sitzen? Ich würde argumentieren, das Letztere. Dann ist der Bildschirm als Babysitter doch völlig legitim.
Der grosse Unterschied Ihres Ansatzes ist, immer die Bedürfnisse der ganzen Familie mitzudenken.
In einer absolut utopischen Welt, wäre es natürlich schön, wenn unsere Kinder und auch wir Erwachsenen immer Zeit und Ressourcen füreinander hätten. Aber das ist nicht die Realität. Und wir wollen unseren Kindern ja auch beibringen, wie man Prioritäten setzt und wie man verschiedene Bedürfnisse berücksichtigt.
Alle Bezugspersonen von Kindern hadern mit dieser Frage – ich hoffe, Sie haben die Antwort: Wie viel Bildschirmzeit ist denn nun zu viel?
Ich verstehe, warum sich Eltern oder Betreuungspersonen dazu eine konkrete Zeitvorgabe wünschen. Aber das Problem und auch gleich die Antwort ist: Es kommt darauf an. Manche Kinder können anderthalb Stunden etwas schauen und sind völlig zufrieden danach – aber nach 45 Minuten mit einem anderen Inhalt überhaupt nicht. Grundsätzlich soll jede Familie bei sich bleiben und sich fragen: Funktioniert das für uns? Ich weiss, das ist vielleicht nicht die Antwort, die sich Eltern erhoffen.
«Die meisten Betreuungspersonen wollen nicht, dass sich Bildschirmzeit nach etwas Besonderem anfühlt, und versuchen das zu erreichen, indem sie sie vorenthalten. Aber das führt oft zu Knappheitsdenken – wenn ich nicht weiss, wann und ob ich etwas bekomme, konzentriere ich mich umso mehr darauf.»
Ich finde, das macht Sinn. Wie gehe ich denn am besten damit um, wenn mein Kind nach 30 Minuten das Tablet nicht hergeben will und frustriert ist?
Auch das kann ich sehr gut nachfühlen (lacht). Ich denke, es hilft sich klar zu werden, wer hier wofür verantwortlich ist. Wir als Betreuungsperson entscheiden, welche Technologie verfügbar ist, wann und wie lange. Das Kind entscheidet, was es innerhalb dieser Zeit tut. Klar ist am Schluss: Kinder haben Gefühle gegenüber den Regeln, die wir aufgestellt haben, und sie testen natürlich auch, ob diese Regeln so bleiben, wenn sie sich wehren.
Sie raten davon ab, Tablets und Gaming zu verbieten, weil es diese Dinge sonst nur noch attraktiver macht.
Die meisten Betreuungspersonen wollen nicht, dass sich Bildschirmzeit nach etwas Besonderem anfühlt, und versuchen das zu erreichen, indem sie sie vorenthalten. Aber das führt oft zu Knappheitsdenken – wenn ich nicht weiss, wann und ob ich etwas bekomme, konzentriere ich mich umso mehr darauf. Weil wir uns Sorgen machen, dass unsere Kinder von Bildschirmen besessen werden, enthalten wir sie ihnen vor. Dann werden die Kinder tatsächlich fixierter darauf, weil es knapp und unvorhersehbar ist. Und wir denken: Oh Gott, ich hatte recht, das Kind ist süchtig! Und verbieten sie dann noch strenger. Ein Teufelskreis.
Was ist die Lösung?
Die Lösung heisst eben konkret nicht: «Hab so viel Bildschirmzeit wie du willst» – das wäre zu viel Verantwortung für ein Kind. Sondern eine konsistente, planbare Bildschirmzeit. Sie sind einfach ein Teil des Tages, vorhersehbar verfügbar. Genauso wie Schlafenszeit oder Abendessen. Wenn Bildschirme konsistenter verfügbar sind, können wir auch klare Grenzen setzen: Es ist jetzt nicht Bildschirmzeit. Durch die Vorhersehbarkeit wird die Fixierung darauf reduziert.
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Sie verwenden dafür oft auch die Analogie mit offenem Wasser. Können Sie das erklären?
Gerne. Wir wissen alle, dass Pools gefährlich sind und bringen deshalb unseren Kindern das Schwimmen bei. Uns ist klar, dass Gewässer ein unvermeidlicher Teil ihres Lebens sind – und immer sein werden. Niemand würde Kinder einfach von Seen oder dem Meer fernhalten, bis sie in der achten Klasse sind und dann finden: so, jetzt bist du 14, schwimm’ mal drauf los! Umso wichtiger ist es, darüber nachzudenken, welche Fähigkeiten Kinder brauchen, um Technologie navigieren zu können.
Warum haben Bildschirme denn überhaupt so eine krass anziehende Wirkung für Kinder? Sie erwähnen in Ihrem Buch den Ansatz der intrinsischen Motivation.
Die Psychologen Edward Deci und Richard Ryan haben die sogenannte Selbstbestimmungstheorie entwickelt, die aus drei psychologischen Bedürfnissen besteht, die intrinsische Motivation ausmachen: Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit. Also: sich in Kontrolle fühlen, Erfolg spüren und sich irgendwie mit anderen Menschen verbunden fühlen. Wenn uns etwas eines oder mehrere dieser Gefühle gibt, dann neigen wir dazu, intrinsisch motiviert zu sein, es weiterzumachen. Bei mir ist das beim Backen, beim Wandern oder eben auch beim Gamen der Fall.
«Die Kinder verlieren den ganzen Tag über Autonomie – und dann kommen sie nach Hause. Es macht Sinn, dass sie sich dann etwas zuwenden, dass ihnen dieses Gefühl gibt.»
Suchen wir also die gleichen Gefühle beim Gamen wie im «richtigen» Leben?
Autonomie muss nicht heissen, dass man alles tun und lassen kann, was man will – das möchten auch viele Kinder und Jugendliche nicht. Zu viele offene Entscheidungen überfordern mich beispielsweise. Was mir das Gefühl von Kontrolle gibt, ist ein klares Ziel mit einem vorgegebenen Weg dorthin. Beim Wandern folge ich lieber einem markierten Pfad. Beim Backen halte ich mich an ein Rezept. Ich baue gerne Lego nach Anleitung. Und bei Videospielen bevorzuge ich Spiele mit klaren Zielen oder Level-Strukturen. Ein Spiel wie Minecraft zum Beispiel – wo alles offen ist – überfordert mich, ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll.
Aber das Schöne ist: Dieses Gefühl lässt sich auf viele verschiedene Wege erreichen. Und Autonomie ist etwas, das wir alle suchen – auf unsere eigene Art. Kinder spüren das besonders stark. Ein Zweijähriges möchte selbst entscheiden, welche Farbe sein Becher hat, weil es sonst kaum etwas kontrollieren kann. Und Schulkinder, die den ganzen Tag lang Anweisungen folgen müssen, sehnen sich nach genau diesem Gefühl, selbst etwas bestimmen zu dürfen.
«Oh Gott, mein Kind ist gitarrenabhängig!»
Das Bedürfnis nach Autonomie und Kontrolle verstehe ich total – trotzdem möchte ich ja nicht, dass mein Kind diese Bedürfnisse «nur» mit Screens abdecken kann. Wie finden wir die Balance?
Es macht absolut Sinn, dass Kinder sich Dinge suchen, die ihnen dieses Gefühl von Kontrolle auf einfachem Weg geben – und ein Bildschirm bietet da schlicht die einfachste Option. Aber das ist an sich nichts Schlechtes – wir sollten das nicht werten. Das Bedürfnis, sich selbst etwas mächtig zu fühlen, ist völlig normal. Wenn ein Kind zur Gitarre greift und stundenlang ein wenig darauf herumschrummt, würden wir das nicht verurteilen. Niemand würde sagen: «Oh Gott, es ist gitarrenabhängig!» Aber bei Videospielen sind wir viel schneller dabei, sie zu verteufeln. Deshalb finde ich es so wichtig, neutral zu bleiben. Wenn ich mir anschaue, was mein Kind am Bildschirm macht, und mich frage: Was versucht es sich davon zu holen? – dann kann ich einen Schritt weitergehen und überlegen: Wie kann ich ihm helfen, dieses Bedürfnis auch in anderen Bereichen seines Lebens zu erfüllen? Das Ziel ist nicht, den Bildschirm wegzunehmen, sondern dafür zu sorgen, dass das Kind mehrere Wege kennt, um dieses Bedürfnis zu befriedigen – und nicht nur einen.
Wenn wir schon bei diesem Beispiel sind: Mein 13-Jähriger kommt aus der Schule heim – soll er zuerst Hausaufgaben machen oder darf er zuerst Gamen?
Diese Situation kennen wohl sehr viele Eltern. Ich denke, es ist wichtig, auch über dich selbst nachzudenken: Kann ich von einem langen Arbeitstag nach Hause kommen und sofort Abendessen kochen? Oder brauche ich zuerst eine Minute auf dem Sofa? In wenigen Jahren wird dein 13-Jähriger ein Erwachsener sein. Was mir wichtig erscheint: Dass dein Sohn weiss, was für ihn funktioniert. Wenn ich als Bezugsperson das will, muss ich bereit sein, ihm jetzt zu helfen, damit zu experimentieren. Wenn sie Jugendliche also wissen: Ich mache eine Pause und game eine halbe Stunde, esse etwas, dann kann ich mit den Hausaufgaben beginnen – und es funktioniert? Grossartig. Es ist an uns Eltern, hier nicht zu werten, sondern zu unterstützen. Auch dann, wenn es nicht funktioniert.
Und wie gehe ich vor, wenn das Kind den Controller oder das Tablet nicht mehr weglegen will? Haben Sie konkrete Tipps, wie man das Beenden erleichtern kann?
Bei offenen Spielen wie Minecraft kann es helfen, gemeinsam einen Zeitpunkt zu definieren. Ich frage dann: Woher weisst du, wann du fertig bist? Oder: Was ist das Letzte, was du heute im Game machst? Konkret bei Minecraft will man noch etwas fertig bauen – das kann als Milestone dienen. Ich persönlich mag auch den Post-it-Trick. Ich frage: Womit startest du morgen, wenn du wieder hier sitzt? Dann schreibe ich es auf einen Zettel und klebe es auf den Controller. Das wirkt wie ein imaginärer Pausenknopf.
«Viele Eltern sorgen sich bei Fortnite über die Waffen. Meine Sorge liegt vielmehr bei der Free-to-Play-Mechanik.»
Sprechen wir kurz noch über einzelne Games. Roblox zum Beispiel macht vielen Eltern Sorgen.
Über Roblox zu sprechen, als ob es ein Videospiel wäre, ist nicht ganz stimmig. Es ist eher mit einer Videoplattform zu vergleichen, auf der das Kind verschiedene, hochgeladene Inhalte zu sehen kriegt. Wenn Familien ihrem Kind Zugang geben wollen, würde ich mich fragen: Ist es okay, dass mein Kind Dinge sieht, die von Fremden erstellt wurden? Habe ich Kontrolle darüber, mit wem mein Kind chattet oder von wem es angesprochen wird? Welche Art von Sprache im Spiel verwendet wird? Wenn Nein, dann gebt den Zugang nur unter direkter Aufsicht. Mein Kind spielt ein paar Spiele in Roblox auf dem Fernseher, wenn ein Erwachsener in der Nähe ist. Nicht weil ich meinem Kind nicht vertraue, sondern weil ich der Plattform nicht vertraue.
Und Fortnite?
Viele Eltern sorgen sich über die Waffen. Meine Sorge liegt vielmehr bei der Free-to-Play-Mechanik. Diese Spiele sind oft so gemacht, dass sie nur Spass machen, wenn man bezahlt. Es fühlt sich wie Glücksspiel an: Kauf dies und du wirst mehr Spass haben. Ich empfehle, das Spiel selbst zu testen. Richte als Bezugsperson ein Profil ein, das dein Kind sein könnte, und schau dir an: Wie interagiert das Spiel mit deinem Kind? Hat es die kognitive Fähigkeit dazu, den Inhalt zu verarbeiten? Und bin ich als Mutter oder Vater bereit zu helfen?
Zum Schluss: Haben Sie eine Spielempfehlung für Eltern, die ihre Perspektive erweitern wollen?
Die meisten Erwachsenen haben eine sehr spezifische Vorstellung davon, was ein Videospiel ist. Wenn mich jemand fragt, empfehle ich immer die Spiele von Lucas Pope. In «Papers, Please» bist du ein Grenzbeamter und musst entscheiden, wer ins Land darf. Oder in «Return of the Obra Dinn» bist du ein Versicherungsbeamter, der ein Schiffsunglück untersucht. Es sind narrative Erfahrungen, die sehr anders sind – und helfen können, eine andere Perspektive einzunehmen.
Das Buch «Power On» von Ash Brandin gibt es hier bei uns im Concept Store zum Kauf.
Informationen zum Beitrag
Veröffentlicht am 23. Februar 2026.
Andrea hat Ash Brandin via Zoom für eine Podcast-Folge interviewt. Wir haben das Transkript des Gesprächs mithilfe von KI in lesbare Interviewform gebracht und anschliessend gründlich redaktionell überarbeitet.