Elternzeit oder es bleibt dabei: Papa scheffelt Kohle, Mutti rüstet Kohl
Weil von Anfang an die Spiesse nicht gleich lang waren, managte Reto Vogt’s Frau jahrelang die Familie. Das ist ungerecht, findet er – und fordert Elternzeit. Auch wenn dafür noch ein paar Wunder geschehen müssen.

Nein, kein Lotto-Sechser. Ich hatte nach der Geburt meiner Zwillinge vor 11 Jahren tatsächlich drei Wochen statt dem damals gesetzlich verankerten einen Tag Vaterschaftsurlaub.
Crazy, nidwahr?
Man muss aufgrund der hiesigen Gesetzeslage tatsächlich von Glück reden, wenn man sich als frischgebackener Vater volle drei Wochen seiner Familie widmen darf. Tatsächlich sind die drei Wochen aber nur etwa so viel Wert, wie wenn nach einem Unfall nur ein Beinbruch statt einer Amputation diagnostiziert wird. Es tut nicht ganz so weh und wächst wieder zusammen, hinterlässt aber trotzdem Spuren.
Kaum hatte die Familienzeit angefangen, war sie auch schon wieder vorbei.
Und ich musste meiner Frau das Feld überlassen und zurück in mein Vollzeitpensum, das ich zunächst über Jahre nicht reduziert bekam.
Genau deswegen steht die Schweiz im internationalen Vergleich himmeltraurig da: In einer Unicef-Studie von 2019 landete sie unter den europäischen Ländern auf dem letzten Platz, und 2021 reichte es in einem Vergleich zu Elternurlaub und Kinderbetreuung gerade mal für Rang 38 von 41.
Kritisiert werden darin vor allem Mutter- und Vaterschaftsurlaub, die hierzulande beide zu 100 Prozent aufs traditionelle Rollenbild – Papa scheffelt Kohle, Mutti rüstet Kohl – ausgerichtet sind.
Doch hoppla!
Seither hat sich etwas bewegt. 2020 hat das Stimmvolk Ja gesagt zu zwei Wochen Vaterschaftsurlaub. Eine Verbesserung zum Status quo, keine Frage. Und trotzdem sage ich: Es kommt überhaupt nicht drauf an!
Solange zwischen Mutter- und Vaterschaftsurlaub unterschieden wird, ist es schlichtweg egal ob Papa zwei, vier oder minetwäge auch acht Wochen bezahlt daheim bleiben darf! So bleibt quasi gesetzlich zementiert, dass sich Frau vornehmlich um den Haushalt und Mann ums Einkommen zu kümmern hat.
Ich habe das seinerzeit selbst gemerkt. Ich bin wie erwähnt nach fünf Wochen (zwei davon unbezahlt) wieder Vollzeit arbeiten gegangen, meine Frau blieb zunächst daheim. Und seitdem war sie die Haushaltsmanagerin und ich, so gern ich das ändern wollte, ihr Befehlsempfänger. Inzwischen hat sich das zum Glück eingependelt. Aber es hat Jahre gedauert, bis ich aufgeholt hatte, was ich in den ersten Monaten verpasst habe.
Es hat nichts damit zu tun, wer sich wie fest engagiert. Wer öfter zu Hause ist, entwickelt Strategien, richtet sich bequeme Abläufe ein und weiss am Besten, wann wie was zu tun ist. Wer hingegen wie ich nur morgens, abends und am Wochenende präsent war, kann dies unmöglich verinnerlichen.
Und das nur, weil wir von Anfang an per Gesetz nicht gleich lange Spiesse hatten. Dabei steht sogar in der Bundesverfassung, Artikel 8, Absatz 1: «Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.»
Diese Gleichberechtigung gibt’s aber so nicht und das ist brutal ungerecht.
Elternzeit! Utopisch.
Die einzige Lösung, die dies ändern würde, ist offensichtlich: Elternzeit! Unabhängig vom Geschlecht erhalten frischgebackene Eltern beispielsweise ein Jahr Zeit, für sich das beste Familienmodell zu finden. Wer wie viel des bezahlten Urlaubs bezieht, bleibt den Paaren überlassen.
Klingt nicht nur gut, sondern funktioniert auch in der Praxis bestens. Namentlich in Schweden, Dänemark oder Deutschland. Wieso nicht auch in der Schweiz? Dachten sich wohl die Initianten der Familienzeit-Initiative, die Ende September 2026 in Bern eingereicht wird. Gefordert werden 18 Wochen für Mütter und 18 Wochen für Väter. Diese Parität zwischen Mutter und Vater – die ist meiner Erfahrung nach entscheidend.
Die Familienzeit-Initiative hat meinen vollen Support und ist unbedingt unterstützungswürdig. Aber: sie ist leider auch total utopisch.
Selbst wenn die 100’000 nötigen Unterschriften zustande kommen: Die Gegner*innen werden lauthals schreien: «Erziehung ist doch nicht Sache des Staates!» (Nein, die Erziehung nicht. Aber dass diese gleichberechtigt möglich sein muss, schon.)
Kinder vs. Kühe
Und sollte nichts mehr helfen: Ein lautes «Wer soll das bezahlen?» killt jede Initiative, sogar in der reichen Schweiz. Dies zumindest, wenns um Kinder, statt um Kühe geht.
Darum wette ich, dass folgende drei Dinge in dieser Reihenfolge passieren, bevor eine Initiative zur Elternzeit von Volk und Ständen angenommen wird:
1. Ein*e Grüne*r wird Bundesrätin.
2. Die Schweiz qualifiziert sich für eine Fussball-WM oder -EM, und der Blick schreibt nicht: «Hurra, der Titel ist möglich!»
3. Meine durchtrennten Samenleiter wachsen wieder zusammen.
Informationen zum Beitrag
Dieser Beitrag erschien erstmals am 4. Juli 2019 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.
Der Text wurde aktualisiert und am 30. September 2026 neu veröffentlicht.
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