Muttersein in der Schweiz. Die Spielregeln.
Kita? Abschieben. Selber betreuen? Ausbildung verschwenden. Mütter in der Schweiz machen es immer falsch – sogar im Bundesratsrennen. Väter fragt niemand. Corina Gredig über ungleiche Spielregeln und Bananenschalen.

In der Schweiz darf jede Mutter selbst entscheiden, wie sie Familie und Beruf organisiert. Anschliessend dürfen alle anderen entscheiden, was daran falsch ist. So sind die Spielregeln.
Ich habe drei Kinder. Die Ratschläge wären auch für sechs ausreichend.
Kürzlich erschien ein Porträt über mich und meinen Einsatz für mehr Elternzeit. In einem Leserbrief hiess es danach, ich wolle «noch mehr freie Zeit auf Kosten aller». Die Kinder würden ja sowieso in die Kita «abgeschoben».
Um fünf Uhr morgens gelten für Mütter und Väter dieselben Spielregeln. Sobald der Rest der Schweiz wach ist, werden vor allem die Mütter beurteilt.
Gut, die Zeit nach der Geburt heisst tatsächlich Mutterschaftsurlaub. Urlaub. Dabei wäre die Landeshymne als Beschreibung treffender. «Trittst im Morgenrot daher»: Das Kind ist wach. «Dich, du Hocherhabener»: Es möchte getragen werden. «Betet, freie Schweizer, betet»: Vielleicht schläft es nochmals ein.
Um fünf Uhr morgens gelten für Mütter und Väter dieselben Spielregeln. Sobald der Rest der Schweiz wach ist, werden vor allem die Mütter beurteilt:
- Kinder in die Kita bringen: abschieben.
- Kinder selber betreuen: Ausbildung verschwenden.
- Teilzeit arbeiten: zu wenig ambitioniert.
- Vollzeit arbeiten: zu ehrgeizig.
Das geht bis hinauf zum Bundesrat, der nach Guy Parmelins Rücktritt ein neues Mitglied sucht. Ein Beispiel? Im Rennen sind unter anderen SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz und SVP-Nationalrat Thomas Aeschi. Bei Amaudruz interessiert, wie sie das Amt mit kleinen Kindern vereinbaren würde. Aeschi hat ebenfalls ein Kleinkind.
Ich hätte an beide dieselben Fragen: Wie wollen sie dieses Land regieren? Wer am Mittwoch das Kind abholt, werden beide wohl auch ohne unsere Hilfe herausfinden.
Eine geschälte Banane, die ausdrücklich ungeschält hätte bleiben müssen, bereitet auf schwierige Verhandlungen vor.
Vätern wird gerne zugutegehalten, dass sie durch Kinder verantwortungsbewusster und belastbarer werden. Man könnte denselben Effekt gelegentlich auch bei Müttern vermuten. Es sind ja häufig sogar dieselben Kinder. Beim Vater eine Zusatzqualifikation, bei der Mutter eine Rückfrage.
Eine geschälte Banane, die ausdrücklich ungeschält hätte bleiben müssen, bereitet auf schwierige Verhandlungen vor.
Vielleicht könnten wir uns auf dieselben Spielregeln für Mütter und Väter einigen. Die Kinder sind da schon weiter: Die Banane ist bei beiden falsch geschält.
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Veröffentlicht am 5. November 2026