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Körperwahn beim Baby: «Wenn sie krabbelt, purzeln die Kilos!»

Bereits nach der Geburt wurde das Essverhalten meines Babys kommentiert. Wieso wir dringend den Körperwahn bei Babys hinterfragen müssen.

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Das Kommentieren von Babyspeck stört nicht nur – es ist gefährlich. mal ehrlich

Von Geburt an wurde der Körper meiner Tochter kommentiert und ihr Ess- respektive Trinkverhalten mit Argusaugen beobachtet. Ein Erfahrungsbericht einer frischgebackenen und plötzlich verunsicherten Mama. 

Zu dick, zu dünn, zu gross, zu klein. Dass unsere weiblichen Körper stets begutachtet, beurteilt und kommentiert werden, kennen wir ja bereits. Dass das bei Mädchen allerdings bereits im Babyalter passiert, habe ich relativ rasch nach der Geburt meiner Tochter erfahren müssen. Und mit rasch meine ich, als sie rund zwei Monate alt war. Sie war ein gesundes Baby, mein Körper mit Oxytocin durchflutet, das Stillen klappte nach den ersten Startschwierigkeiten wunderbar und in ungefähr dreistündigen Abständen.

Und trotzdem kamen sie reingeschwemmt, die ungefragten Kommentare.

Sie hat aber schöne Speckbeinchen.

Sieht ein bisschen aus wie ein kleiner Buddha.

Hui, so richtig kugelrunde Bäckchen.

Ob das böse gemeint war? Mitnichten. «Ist ja herzig», so ein rundes, wohlgenährtes Baby. 

Babys wissen intuitiv, wieviel Nahrung sie beim Stillen aufnehmen. Überstillen gibt's nicht. www.anyworkingmom.com
Symbolbild: Foto von Wren Meinberg auf Unsplash

Und doch erkannte ich irgendwann ein Muster. Ein Muster, das nicht in Ordnung ist. Es kamen Kommentare von allen Seiten: Von Freunden, der Familie, der Kinderärztin. Mir wurde nahegelegt, mein Kind weniger zu stillen und ihm stattdessen eine Reiswaffel zu geben.

Man merke: Meine Tochter war bei dieser Aussage knapp vier Monate alt und hatte noch keine Zähne. In diesen ersten Lebensmonaten – der wohl strengsten Zeit und hormonell krassesten Achterbahnfahrt, die ich je fuhr – war ich ob diesen Äusserungen natürlich vor allem eins: verunsichert. Ich gab meiner Tochter sogar diese Reiswaffel – an der sie fast erstickte. 

Zu klein geraten ist sie definitiv nicht.

Bei diesen Beinen sind ja alle Hosen zu eng.

Deine Milch scheint offensichtlich gut zu schmecken.

Meine Tochter war bei der Geburt total im Durchschnitt. Sie war gesund, verzauberte uns schon bald mit ihrem Lächeln, schlief mal gut, mal weniger, und: hatte Appetit. Sie wuchs prächtig. Und schoss in der Kurve, die Ärzt:innen zur Überprüfung des Wachstums anwenden, ganz nach oben. Sie entwickelte sich normal und nach genauerem Nachfragen bestätigten mir die Kinderärztin sowie die Mütterberaterin dann doch noch, dass ein Baby gar nicht zu oft gestillt werden könne. 

Das Hunger- und Sättigungsgefühl ist bei einem Baby nämlich noch so natürlich wie danach wohl nie mehr. Ist das Baby satt, hört es auf zu trinken und nuckelt gegebenenfalls einfach noch ein wenig weiter. Das Phänomen «Überstillen» gibt es also gar nicht. Und: Einem Kind Milch oder später Essen vorzuenthalten und es so in seinem natürlichen Hungergefühl zu übersteuern, ist gefährlich. Es können sich langfristige Essstörungen entwickeln. Wieso also dieser Körperwahn bei Babys?

Indem ich mein Kind nach Bedarf stillte, machte ich also alles richtig. Und doch überkam mich das Gefühl, als Mutter etwas falsch zu machen (#momshaming, kennsch?).

Weisst du, sobald sie krabbelt, purzeln die Kilos schnell.

Ein bisschen Reserve ist doch gut, falls sie krank wird.

Wenn sie Brei isst und nicht mehr nur fettige Muttermilch trinkt, regelt sich das von alleine.

Plötzlich konnte ich die Breiphase kaum erwarten und erwischte mich dabei, wie ich hoffte, dass das Gemüse ihre Röllchen zum Schmelzen bringen würde. Drei Mal könnt ihr raten: Auch als wir mit Brei begannen, hörten die Bemerkungen nicht auf. Denn sie war eine gute Esserin, mochte alle Breisorten von Gemüse über Früchte bis Griess. 

Babys haben Speck. Und das ist auch richtig so. Denn im Gegensatz zu uns haben sie ein funktionierendes Sättigungsgefühl.
Symbolbild: Foto von Jonathan Sanchez auf Unsplash

Sie sieht ein bisschen aus wie ein Rollschinken.

Ihre grösste Lust ist ganz klar das Essen.

Wenn die nur was zu essen hat, ist sie glücklich.

Irgendwann lachte ich einfach mit, stieg mit ein in die lustig gemeinten Kommentaren, weil ich gar nicht mehr wusste, wie ich reagieren sollte. Heute, nach knapp eineinhalb Jahren frage ich mich jedoch: Sind wir denn alle nicht ganz bei Trost? Was fällt uns ein, ein so kleines Mädchen bereits auf ihren Körper zu reduzieren? Müssen weibliche Babys wirklich klein und fein sein, um der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen?

Dass Mädchenkleider oft enger geschnitten sind als jene für Jungs, ist übrigens ein weiteres Thema, das einen eigenen Artikel verdient hätte. Die grösste Frage, die ich mir jedoch stelle: Merken wir denn nicht, dass bereits Babys und spätestens Kleinkinder ganz genau verstehen, was wir sagen und sich diese beleidigenden Kommentare und Stereotypen bei ihnen einbrennen könnten? 

Im Übrigen war der fast gleichaltrige Sohn einer guten Freundin ebenfalls ganz oben auf der Perzentile. Was denkt ihr, welche Kommentare er zu hören kriegte? 

Du bist aber kräftig.

So ein grosser, starker Junge.

Du wirst sicher einmal ein guter Eishockeyspieler.

Das ist ein Appell: Lasst uns aufhören, das Essverhalten unserer Kinder zu kommentieren. Lassen wir sie natürlich Kinder sein. Lasst uns dankbar sein, wenn sie genügend trinken und essen und daran Freude verspüren. Lasst uns die Mütter in ihrem Mutterinstinkt stärken und unterstützen. 

Und falls du eine Mutter bist, die Ähnliches erlebt: Lass dich nicht verunsichern, du machst alles richtig. Und wenn du die Kraft hast: Mach beleidigenden Kommentierenden in einem ruhigen Moment klar, dass du nicht möchtest, dass so über und mit deinem Kind gesprochen wird. 

Autorin

Tamara Ritter wohnt seit Mai 2022 mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter in Schweden. Als freischaffende Kommunikationsberaterin und Texterin mit einem Master in Nachhaltigkeitsstrategien arbeitet sie mehrheitlich an Projekten in den Bereichen Climate Tech und Finance, Urban Development und Female Empowerment. Daneben geniesst sie mindestens wöchentlich eine Zimtschnecke und hüpft auch mal ins 4 Grad kalte Wasser, um sich danach in der Sauna aufzuwärmen.

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 28. Juli 2023 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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12 Antworten

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  1. Avatar von Ben
    Ben

    Hi Tamara, super interessanter Artikel und mal eine andere Sichtweise, als die unsrige. Absolut verständlich, dass einen solche Kommentare irgendwann nerven oder versunsichern. Wir haben sowieso Freunde/Verwandtschaft entsprechend erzogen (oder entzogen) als meine Frau schwanger wurde, dass ungefragtes bewerten und beraten nicht toleriert wird.
    Denn das läuft ja schon in der Schwangerschaft heiß.
    Abgesehen davon sind wir auch auf Reisen und haben daher natürlich schon weniger Kontakt.

    Die hälfte der Sprüche im Artikel haben wir aber selbst schon gebracht. Buddha Baby, Michelin Männchen, Speckbeinchen usw. aber eben mit einer positiven Schwingung. Weil wir wissen, dass es nichts natürlicheres als Babyspeck gibt und die Natur das genauso oder eben auch anders (je nach Baby) vorgesehen hat.
    Unsere kleine hat auch noch nie einen Kinderarzt gesehen… warum auch.
    Da fängt doch der Körperwahn schon an. Hauptsache sich vom Kittel erzählen lassen, dass alles i.O. anstatt ins elterliche Gespür und die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

    Sie liegt schon immer in der 97. perzentilen und wir hören auch überall wie groß sie schon ist und man sieht den unterschied natürlich. Aber das hat uns noch nie gestört. Anders herum vielleicht schon eher. Zumindest mich als Vater, weil ich mich nie ganz mit meiner etwas geringeren Körpergröße (als normal) angefreundet habe.
    Ich weiß aber, dass meine Frau sowas nicht stören würde.

    Deshalb meine Frage, die ich in den Raum werfen möchte.
    Ja, ungefragte Bewertungen sind meist unerwünscht und das sollte entsprechend kommuniziert werden. Ich würde meine Tochter wahrscheinlich auch nicht umkommentiert als Rollschinken bezeichnen lassen.
    Aber macht es nicht immer nur gerade so viel aus, wie es selbst für uns persönlich ein Thema ist? Du hast ja im Artikel geschrieben, dass du verunsichert warst.
    Jemand der gefestigt in seinem Wissen über kindliche Entwicklung und Biologie ist, nimmt das vielleicht anders wahr.

    Ist es also nicht, zusätzlich zum Grenzen setzen, auch unsere Pflicht als Eltern an uns zu arbeiten, dass wir gefestigter werden. Das Thema bleibt ja ein Thema und wenn unsere Kinder immer mitkriegen, dass uns etwas trifft, lernen sie auch getroffen zu sein.

    1. Avatar von Tamara Ritter
      Tamara Ritter

      Lieber Ben
      Vielen Dank für deinen Kommentar und deine Sichtweise. Ich gehe einig mit dir: Natürlich schauen sich unsere Kinder auch ab, wie wir auf solche Sprüche reagieren. Ich versuche heute deshalb oft, so normal wie möglich zu antworten. Ganz im Sinne von: “Ist doch schön, wenn wir uns ob gutem Essen freuen.” Alles in allem finde ich es unnötig, Körper zu kommentieren. Übrigens auch bei Erwachsenen. Es gibt so viel wichtigere Merkmale wie Charakterzüge oder von mir aus auch Kleidungsstile, die mehr über einen Menschen aussagen als die Körperform.

  2. Avatar von MitBabyR
    MitBabyR

    Auch bei uns genau so passiert. Die ersten Kommentare kamen schon beim Geburtsgewicht, welches völlig normal war.
    Tut gut hier zu lesen, dass ich nicht alleine bin. Danke für diesen Artikel.

  3. Avatar von Tamara Ritter
    Tamara Ritter

    Liebe Lu
    Vielen Dank für deine Worte und deinen Erfahrungsbericht, der mich ebenfalls gerade sehr berührt und bewegt hat. Es ist erleichternd zu wissen, dass ich offensichtlich nicht die Einzige bin, die sich hat verunsichern lassen. Ich wünsche dir und deinen Kindern alles Gute und weiterhin viel Hilfsbereitschaft, Wissensdurst und Freude am Leben.

  4. Avatar von Corina
    Corina

    Hier ebenfalls: Unsere Tochter wird bald zwei Jahre alt und grad gestern wieder der Kommentar: Ja jetzt wo sie läuft, wird sie schon schlanker werden!
    Mein Kommentar: äh, sie läuft seid einem Jahr und sie muss gar nicht schlanker werden!

    1. Avatar von Tamara Ritter
      Tamara Ritter

      Richtig so! Toll, dass du so schlagfertig sein konntest!

  5. Avatar von Claudia
    Claudia

    Vielen Dank für den Text. Ich habe dies bei meiner ersten Tochter genau so erlebt. Jetzt ist sie 11 Jahre alt, und die Aussagen von damals kommen mir immer mal wieder in den Sinn. Zweifelnde Fragen wie: Bist du sicher, dass du voll stillst? Unterdrückte Lacher, als Bekannte das Baby das erste Mal sahen, die vielen Kommentare à la Michelinmännchen… Das schlimmste ist, dass ich mit dem ersten Baby so müde, unsicher und verletzbar war. Ich konnte mich nicht wehren. Ich wünschte, ich hätte es getan; für meine Tochter.

  6. Avatar von Lu
    Lu

    Vielen lieben Dank für diesen Text. Ich musste weinen, da ich vieles sehr ähnlich erlebte.
    Meine Tochter (jetzt 3 Jahre alt) war direkt nach der Geburt sehr zart und fein und hat zu Beginn nicht wie gewünscht (gewünscht von wem?) zugenommen. Dauernd Bemerkungen wie dünn sie ist, ob das stillen nicht klappt etc. Das Thema essen war omnipräsent – dann mit 6 Monaten schoss sie plötzlich hoch auf den Perzentilen und blieb da oben – ich stillte sie so lange sie wollte (18 Monate) und hörte mir sehr viele ähnliche Aussagen an (u.a wie ein Michelin Männchen, Pummelchen,…. Reicht es nicht langsam mit stillen?, wart nur bis sie läuft…..) mich hat das extrem genervt, gestresst und vor allem verunsichert. Jetzt bin ich mit dem zweiten Kind schwanger und hoffe, dass ich die jetzt mühsam erkämpfte Gelassenheit beim zweiten Kind von Anfang an habe und all die tollen Eigenschaften wahrnehme und anerkenne und nicht negativ über das Körperbild meines eigenen Kindes denke.
    Denn mein erstes Kind ist extrem liebenswert, hilfsbereit, zuvorkommend, interessiert, wortgewandt, wissbegierig, undundund…..und das zählt. Nicht zu viele oder zu wenige Kilos, Beinumfänge, Doppelkinn oder was auch immer.
    Danke!!

  7. Avatar von Annlis
    Annlis

    Ich habe es genauso erlebt bei meinem Sohn. Oft kamen Kommentare wie “der wird sicher mal ein Schwinger!” Oder “der isst ja so viel wie ein Erwachsener” haben mich enorm gestresst und gnervt. Jetzt ist er acht Jahre alt und er hat sich ganz normal und gesund entwickelt. Wenn ich die Bilder von ihm ansehe als er ein Kleinkind war, tut es mir leid was ich für sorgvolle und negative Gedanke hatte zu seinem Körperbild. Dabei war er einfach nur ein herziger und hübscher Bub.

    1. Avatar von Tamara Ritter
      Tamara Ritter

      Liebe Annlis
      Es tut mir leid, dass ihr da ebenfalls durch musstet. Schön, dass dein Junge sich gesund entwickelt hat. Mach dir keine Vorwürfe – all die Kommentare können einen echt verunsichern und das eigene Gedankengut leider mitprägen. Du hast bestimmt alles richtig gemacht.

  8. Avatar von A
    A

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich finde das Thema sehr wichtig und es zeigt gut unseren Körperwahn auf. Ich erlebe allerdings bei meinem Sohn ähnliches. Er ist tatsächlich seit Geburt im 97. Perzentil und ständig höre ich wie UNGLAUBLICH GROSS er doch ist, was für ein Brummer er ist, usw. Alle wollen wissen wie schwer er denn nun schon ist.

    Zum Glück habe ich mit Kinderärztinnen gute Erfahrungen gemacht und immer gehört, dass er gesund ist, er in seiner Wachstumskurve gedeiht und schon wisse wie viel er braucht. Das hat mich immer bestärkt.

    Das Wichtigste finde ich aber, dass es egal ist ob er klein oder gross oder pummelig oder schlacksig ist, denn er ist mehr als nur eine Form: er ist lustig, sozial, liebenswert, und vieles mehr. Diese Reduktion auf das Äusseres ist furchtbar.

    1. Avatar von Tamara Ritter
      Tamara Ritter

      Liebe A
      Danke für deinen Erfahrungsbericht. Es tut mir leid, dass sich dein Sohn diese Sprüche ebenfalls anhören muss. Du hast absolut recht: Die Persönlichkeit unserer Kinder ist doch wichtiger als ihr Aussehen…