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Befreit Alkohol trinken: Geht das?

Ein Text über Alkoholverzicht bringt unsere Autorin zum Nachdenken. Wie findet man den eigenen Umgang mit Alkohol?

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Champagner-Gläser, die gerade frisch gefüllt werden. Alkohol trinken ist ein kontroverses Thema - ist Alkohol Gift oder Genuss?

Mein Alkoholkonsum ist nicht ganz so frei, wie es mir lieb wäre. Ich habe mich lange mit dem Thema Substanzabhängigkeit befasst, habe sogar ein ganzes Buch dazu herausgegeben.

Seit dieser langjährigen Auseinandersetzung beobachte ich mich engmaschig in meinen verschiedensten Suchtverhalten, die längst nicht nur substanzgebunden sind (Hallo Smartphone! Hallo Netflix!).

Ich muss mir eingestehen: Es ist mir nicht komplett egal, wenn es am Wochenende keinen Apéro gibt.

Mir fehlt dieses Zelebrieren, das Anstossen mit meinem Partner, auch wenn ich natürlich ohne klarkomme. Unter der Woche trinke ich selten und brauche auch kein Glas Wein zum Runterfahren.

Bisher war ich der Überzeugung, die sogenannte «sober curious»-Bewegung aus den USA, die langsam nach Europa überschwappt, sei nichts für mich. Sober curious (zu Deutsch: neugierig nüchtern oder aus Neugierde nüchtern) nennen sich Menschen, die von sich aus entscheiden, für längere Zeit oder für immer auf Alkohol zu verzichten. Es wird eine Unterscheidung gemacht zu den Menschen, die enthaltsam, «sober», leben, weil sie ein tiefsitzendes Alkoholproblem haben.

Es kann sein, dass «sober curious» Menschen sich für Enthaltsamkeit entscheiden, weil sie Alkohol oder dessen Wirkung einfach nicht mögen, weil jemand Nahestehendes ein Alkoholproblem hat oder weil sie finden, Alkohol sei als Substanz oder als Bewältigungsstrategie nicht gesund.

Ich selber trinke nie grosse Mengen, aber dennoch regelmässig. Und es scheint, als hätte sich Alkohol im Verlauf meiner späten Dreissiger zu einer Entspannungsressource entwickelt. Sicher spielen die zusätzlichen Belastungen von Mutter- und Selbständigsein mit rein.

Ab wann wird Alkohol trinken problematisch?

Vor einigen Wochen ist bei Kleinstadt ein Artikel erschienen, der mich getriggert hat, wie man heutzutage so schön sagt. Die Autorin erzählt, wie sie vor 250 Tagen aufgehört hat zu trinken, obwohl sie nie ein Alkoholproblem hatte und meist nur moderat am Wochenende trank. Wie ich also.

Trotzdem berichtet sie von zahlreichen Gründen, die sie dazu veranlasst haben, mit Alkohol trinken aufzuhören – von Hangover und Ängsten über Verdauungsbeschwerden bis zu schlechtem Schlaf. Sie hat die wissenschaftlichen Hintergründe gründlich recherchiert und spricht sich resolut gegen Alkoholkonsum aus: «Alkohol tut niemandem gut. Alkohol ist ein Gift.»

Ich kam nicht so schnell über mein Gefühl der Beschämung hinweg: Ich mag Alkohol, obwohl ich nie viel trinke.

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Nicht einmal als Teenie habe ich über die Stränge geschlagen und ich war noch nie in meinem Leben hackedicht. Ich mag den Kontrollverlust nicht, er macht mir eine Heidenangst.

Wie gesagt, seit ich Kinder habe, schätze ich die paar Gläser am Wochenende. Es sind nie mehr als ein paar Gläser, aber das Bier, um das Wochenende einzuläuten, das Glas Rotwein zu einem feinen Znacht, die fehlen mir, wenn ich nur Wasser trinke.

Wenn ich mir vorstelle, ich müsste Alkohol ganz aufgeben, spüre ich Widerstände.

Es ist mir zu wichtig, mal einen Prosecco trinken zu können. Auch wenn ich beispielsweise auf Yoga- oder Meditations-Retreats mühelos darauf verzichten kann.

Habe ich ein Problem? Wo beginnt denn das Problem?

Zur Abgrenzung nennen Expert:innen oft diese Kriterien. Man hat ein Problem mit Alkohol, wenn… 

… man die Menge nicht mehr kontrollieren kann. Also das berühmte «nur ein Glas» und plötzlich ist die ganze Flasche leer.

… die Dosis erhöht werden muss, weil sich Toleranz aufgebaut hat.

… man sich isoliert, bzw. alleine Alkohol trinkt, Konsum vor anderen verheimlicht oder verleugnet.

… man sich ständig fragt: «Wann und wo kann ich das nächste Mal trinken oder rauchen?» Ich kenne das auch gut als: «Wo gibt’s den nächsten Kaffee? Wo kriege ich hier Strom für mein Smartphone oder Schokolade für mein Zuckertief?»

Keines der Kriterien trifft im Falle von Alkohol auf mich zu. Ausser vielleicht das letzte ein bisschen. Ähnlich wie beim Kaffee, kenne ich das sogenannte «Craving», die Lust aufs Konsumieren und die Anspannung, die sich aufbaut, wenn es nicht möglich ist.

Bin ich gefährdet? Oder einfach normal?

Eines ist klar:

Alkohol ist Volksdroge Nummer eins und wird als solche total verharmlost.

Es gibt nachweisbare Zusammenhänge zwischen Alkoholkonsum und Gewalt. Alkohol ist für den Körper schädlich, in vielfacher Hinsicht. Und eine Abhängigkeit hat weitreichende Folgen für die Betroffenen und ihr Umfeld. All das soll nicht negiert werden.

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Es gibt sicher viele Menschen, die regelmässig zur Selbstmedikation trinken, das heisst, um Stress abzubauen, Angst und Sorgen zu betäuben oder Depression und physische Schmerzen in Schach zu halten. Bei diesen Argumenten bin ich voll dabei. Andererseits komme ich aus der Yogaecke und habe unzählige Male erlebt, dass Askese auch nicht unbedingt der Weg zu besserer Gesundheit ist.

An dieser Stelle möchte ich mich (und euch) fragen: Wollen wir uns über alles, was uns gefährlich werden könnte, ereifern? Glauben wir wirklich, dass es mit genug Verzicht möglich ist, ein reines und gesundes Leben zu führen, also eins, ganz ohne uns zu vergiften?

Natürlich können wir tierische Produkte, Kaffee und Zucker vom Speiseplan streichen. Natürlich können wir unsere Kosmetikprodukte ohne Schadstoffe kaufen und nur Biobaumwolle tragen. Vielleicht schaffen wir es sogar, unsere Bildschirmzeit zu reduzieren und das Wifi über Nacht auszuschalten, sodass blaues Licht, Strahlung und Dopamin-Boosts weniger Schaden in unserem Gehirn anrichten.

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Aber was machen selbst auferlegte Gebote und Verbote mit uns?

In meiner persönlichen Erfahrung sind Askese und Verzicht meistens auch mit Stress verbunden. Wir brauchen Disziplin, Selbstkontrolle und Durchhaltevermögen, um uns Kaffee und Schokolade zu verbieten und uns daran zu halten. Wenn wir ihn mögen, brauchen wir Willenskraft und damit innere Anspannung, um aufs Alkohol trinken zu verzichten. Das merkt man spätestens dann, wenn man beim «Dry January» mitmacht. Und es bedarf grosser Organisation und Mehraufwand, immer einem strikten Ernährungsplan zu folgen.

Es gibt kaum etwas, das unser System so belastet, wie die Stressreaktion im Körper. Sie blockiert nicht zuletzt auch unsere Entgiftungsprozesse, erhöht Entzündungen im Körper, beeinträchtigt Schlaf und Verdauungsvorgänge. Unsere Fortpflanzungsorgane leiden auch darunter und hormonelle Schwankungen lassen grüssen.

Klar, ihr könnt jetzt sagen: Die hat einfach ein Alkoholproblem und will das nicht wahrhaben. Die sollte dringend aufhören zu trinken, wenn sie sich so einen runter argumentiert.

Mir ist bewusst, dass meine eine hochprivilegierte Situation ist. Ich bin psychisch genug stabil und sozial genug verankert, so dass ich einigermassen verantwortungsvoll trinken kann. Das geht nicht allen so.

Trotzdem möchte ich mir die Frage stellen: Wäre es auch ein Ansatz, die Sache entspannt zu betrachten und sich zu sagen: Ich versuche es mit dem Zucker, dem Kaffee und dem Bier nicht zu übertreiben. (In rauen Mengen ist ja fast alles giftig).

Anstatt mich auf ein Dogma zu versteifen, lebe ich mein Leben, inklusive zwischendurch mal ein Glas Rosé.

Und ich behalte mich im Auge, falls mal eine Krise kommt und ich in einen täglichen oder erhöhten Konsum abschlittere. So im Sinne von gutem Mittelweg. Denn ich finde, bitz Dreck muss auch sein.

Autorin

Elisa Malinverni lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Bern. Sie ist Yogalehrerin, Buchautorin, Podcasterin und Journalistin. Meistens hat sie zu viele Ideen, als für sie gut sind. www.elisamalinverni.com

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 3. Januar 2024 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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