Olivia El Sayed ist nie ganz fertig
Neue Wörter für Gefühle, die du sicher kennst
Manche Dinge geistern jahrelang namenlos durch einen durch – bis jemand eeeeendlich den passenden Begriff dafür findet. Olivia El Sayed serviert ihr Wörter-Sandwich. Nur bei der scharfen Sosse ist sie noch am Grübeln.

Dinge benennen zu können hilft dabei, das Leben und seine Herausforderungen in mundgerechte Stücke zu portionieren, an denen man nicht erstickt. Drum freue ich mich immer, wenn ich neue Wörter entdecke oder wenn mir selbst welche einfallen für Dinge, die davor lange nur als diffuses Gefühl in mir oder um mich herumgeisterten.
Aus verbildlichenden Gründen möchte ich folgenden Text aufbauen wie ein Wörter-Sandwich.
Also unten und oben zwei Brote von derselben Sorte, nämlich: selbst erfundene Wörter. Und dazwischen dann zweimal frischer Belag: neue Wörter, denen ich erst kürzlich begegnete und die gerade dabei sind, sich zu etablieren.
Der Sandwich-Boden: Ein dringend nötiger Superlativ
Das Brot, auf dem alles aufbaut, ist ein Wort, das mir mal eingefallen ist, als meine Kinder noch klein waren: muttermüde.
Damals suchte ich nach einem Begriff für diese bleierne Müdigkeit, die als Steigerungsform für todmüde fungieren könnte; Denn todmüde, das sind alle Menschen irgendwann. Muttermüde hingegen, also noch müder als tot, aber trotzdem noch wach, einfach weil man muss, weil sonst vielleicht jemand grinsvorah irgendwo runterfällt, das sind nur Mütter (ich habe dem Duden damals sogar einen Antrag getippt, dass sie doch das Wort bitte aufnehmen mögen, aber aus Schlafmangel und dadurch ausgelöster Verhühnerung von Dingen fand das Couvert nie den Weg zu einem Briefkasten).
Der Sandwich-Deckel: Ein unfairer Umstand
Das Sandwich deckeln möchte ich mit einem Umstand, für den ich gern ein eigenes Wort hätte: Manchmal hege ich nämlich den leisen Verdacht, dass die Eltern-Generation über uns recht oft hässig war und wir drum etwas gar übermotiviert versuchen, ganz oft extra nicht hässig zu sein, obwohl wir es eigentlich wären.
Und als Ergebnis davon haben viele von uns jetzt Kinder, die sich frei und sicher genug fühlen, zu uns so hässig zu sein wie früher unsere Eltern, die im Moment auch wieder bitz hässig sind mit uns, weil sie sich von unserer Art, die Kinder weniger hässig (und ja, vielleicht auch ein bisschen weniger konsequent) zu erziehen, passiv-aggressiv korrigiert fühlen.
All dies kumuliert sich zum Umstand, dass wir nun als einzige ums Verrecken Unhässige in einer Art Anger-Sandwich festklemmen, wo es von oben und unten und allen Seiten Zusammenschisse hagelt, während wir da einfach so drinstecken und auf beide Seiten lächelnd versuchen, nicht zu weinen, weil es eigentlich unfair ist, dass wir hier generational Traumas versuchen aufzudröseln und dafür von allen Seiten auf den Deckel bekommen.
Der erste Zwischenbelag: Eine Scheibe Melancholie
In die Mitte unseres heutigen Znüni-Sandwiches möchte ich zwei neue Wörter legen. Während ich in den letzten Wochen wie alle anderen Menschen auch irgendwie versuchte, aus Rabbit Holes zu kriechen, die post-Sommerferien Admin zu bewältigen und irgendwas für die Herbstferien zu buchen, bevor alles weg oder überteuert ist, flogen mir diese beiden Begriffe irgendwoher entgegen und blieben trotz genereller Reizüberflutung haften. Wohl eben genau deshalb, weil sie etwas einfangen, wofür ich selbst noch kein Wort hatte: «Momancholy» und «Teenternity».
Momancholy ist ein Kofferwort, recht offensichtlich zusammengesetzt aus Mom und Melancholy. Es bezeichnet die Melancholie, die einen überkommen kann, wenn die Kinder aus dem Haus sind und zum Beispiel in einer anderen Stadt angefangen haben, zu studieren.
Wie unschwer zu erkennen, kommt das Wort aus dem Englischen und wird und wurde deshalb vor allem und als erstes an Orten verwendet, wo es Colleges gibt und damit verbunden den Moment, in welchem Kinder eben auf ein solches gehen.
#daschamebruuche aus unserem Concept Store
Ein Wort für die Zeit, in der Eltern erstmals unbewohnte Kinderzimmer bei sich zu Hause haben, an denen sie dann mit feuchten Augen vorbeigehen oder vielleicht aus Versehen auch mal was reinrufen, obwohl keiner mehr in dem Zimmer drin ist.
Da das Wort noch sehr neu ist, fände ich es eigentlich schön, wenn man den Begriff noch etwas weiter fassen könnte, bevor er in Stein gemeisselt nur eben diese spezifische Lebensphase bezeichnet.
Denn «Momancholy» holt einen doch schon viel früher ein? Eigentlich jedes Mal, wenn die Kinder in irgendeinem Mini-Bereich des Lebens flügge werden; jedes Mal, wenn ein süsser Pulli – jetzt aber wirklich! – zu klein ist. Jedes Mal, wenn das Kind plötzlich etwas kann, an dem man so lange geübt hat: Nase schnäuzen, Velo fahren, sich auf Englisch vorstellen, beim Bäcker allein Gipfeli holen, sich selber einen Zmittag machen.
Da ist immer Freude über das Erreichte, aber auch ein leises, nostalgisches Seufzen, weil damit auch immer eine Phase zu Ende geht, in der das Kind etwas noch nicht konnte, einfach weil es noch zu Kind dafür war.
«Momancholy» fängt dieses schmerzliche Bewusstsein für die Flüchtigkeit des Lebens ein, die man irgendwie um ein Vielfaches mehr spürt, sobald man Mutter geworden ist.
Der zweite Belag: eine frische Idee
Das zweite Wort, dem ich begegnet bin, ist Teenternity.
Das klingt erst mal wie eine Mischung aus Teenager und Eternity (vielleicht weil einem die Zeit wie eine Ewigkeit vorkommt, in der die «Pubertiere» den Anblick ihrer Mutter etwa gleich erquickend finden wie einen Besuch beim Zahnarzt?). Es bezieht sich aber auf eine Folgeversion des «Maternity Leave», also dem englischen Begriff für Mutterschaftsurlaub.
Die Idee ist, dass sich Elternteile eine Zeit lang freinehmen oder die Karriere auf Eis legen, so wie man es beim Mutterschaftsurlaub auch tut; einfach nicht, wenn die Kinder gerade erst geboren, sondern eben Teenager sind.
Unbestritten ist es in dieser Zeit genauso wichtig, für sie da sein zu können (wenn sie denn grad Lust darauf haben). Dass sich dafür gerade ein Wort etabliert und die Runde macht, zeigt vielleicht, dass eine solche Auszeit ein oft verspürtes Bedürfnis ist.
Schon als wir selbst jung waren, waren die Teenagerjahre eine prägende Zeit. Kein Tag ohne Hormonchaos, Gruppendruck und wichtige, schulische Entscheidungen. Anders als bei uns kommt bei unseren Kindern nun aber noch die ganze digitale Welt auf sie zugedonnert, der Umgang mit Social Media und dem Smartphone und all die damit verbundenen, psychischen Stolperfallen.
Sich in dieser Zeit eine (oder: einen? Ich glaube, das Wort ist so jung, dass es noch gar keinen deutschen Artikel hat) «Teenternity» zu gönnen, wäre schon sehr schön. Denn Projektionsfläche und Boxsack sein, mitten in der Nacht Gesprächs- und Schoggicrème-Bedarf stillen und in alle Richtungen ausufernde Launen abfangen ist eigentlich ganz wunderbar, vor allem, wenn man vom Runderherum nicht schon muttermüde in diese Lebensphase reinstartet.
Und was ist die Sosse?
Damit wäre dieses Wörter-Sandwich nun fertig zum Verzehr. Falls jemand noch scharfe Sosse dazu möchte: Ich finde, es bräuchte noch ein Wort, das in seiner Wucht dem Urknall nicht unähnlich ist und die Zeitspanne beschreibt, in welcher Kinder in der Pubertät sind und ihre Mütter zeitgleich in die Perimenopause schlittern.
Ich bin offen für Vorschläge, denn wie immer bin ich im Moment der Deadline noch nicht ganz fertig mit meinen Gedanken, aber das gehört hier ja zum Glück ein bisschen zum Konzept.
Falls auf deinem Teller also grad ein ähnliches Menü liegt wie auf meinem: En Guete. Auf dass wir uns alle nicht verschlucken.
♥️ Oli
Informationen zum Beitrag
Veröffentlicht am 14. September 2026
Die Kolumne «Olivia El Sayed ist nie ganz fertig» erscheint alle paar Monate.
