Vom Mut, die Wut zu fühlen – ein Erfahrungsbericht
Was passiert, wenn eine 39-jährige Frau zum ersten Mal in ihrem Leben Wut zulässt? Als Kind musste Angela ihre Gefühle unterdrücken; in einem Wut-Seminar lernt sie, sich ihnen zu stellen. Ein Text über Mut, Kontrollverlust und inneres Feuer.

Wut war zeitlebens ein Gefühl, welches ich als gefährlich, destruktiv und zerstörerisch in meinen innersten Zellen abgespeichert hatte. Wut bedeutete in meiner Kindheit eine existenzielle Gefahr. Bedrohlich für Leib und Seele. Ja, manchmal gar lebensgefährlich.
Entsprechend hatte ich als erwachsene Frau kaum je einen Zugang zu dieser Emotion. Manchmal schlich sie sich leise und ansatzweise im Bauch heran – besonders, seit ich Mutter geworden war -, nur um dann so rasch als möglich von mir wieder weg-geatmet oder weg-rationalisiert zu werden. Über die letzten drei Jahrzehnte habe ich eine schier unbezwingbare Mauer an innerer Kontrolle und Strenge errichtet, die dafür sorgte, dass meine Wut niemals nach aussen getreten oder in irgendeiner Weise erkennbar gewesen wäre.
Wut war für mich ein Tabu; eine Emotion, die ich ausschliesslich mit roher Gewalt, mit Zerstörung, mit Leid und mit Grausamkeit in Verbindung brachte. In meiner Wahrnehmung war es ein Zeichen von innerer Schwäche, wenn man die Wut zulässt und sich nicht «im Griff» hat.
Nervenzusammenbruch – die «Stunde Null»
Zum Jahresbeginn erlebte ich mit einem Nervenzusammenbruch eine Art «Stunde Null» in meiner Lebenslaufbahn: Diagnose Burnout. Erschöpfungsdepression. Ich liess mich in eine Klinik einweisen und begann mich in dieser Zeit intensiv mit mir selbst zu befassen; mit meiner Rolle als Frau und Mutter, mit meiner Vergangenheit als Teenie, mit meiner Prägung in der Kindheit.
Dabei stiess ich auf das Thema der kindlichen Prägung von Mut und Wut – und wie eng die beiden Emotionen miteinander verwandt sind. Mir wurde plötzlich bewusst, wie mir von klein auf beigebracht wurde, dass ich meine Stimme, meinen Willen, meine Wut runterschlucken musste, damit ich ein «braves Mädchen» war.
Raum für mich einzunehmen – sei es nun aus einem Akt des Mutes oder mit einem Ausbruch von Wut – bedeutete stets Gefahr für Körper und Psyche.
Ich erinnerte mich an die Momente in der Kindheit, in denen ich eigentlich mutig oder hässig für mich einstehen wollte – und dann doch all meine Emotionen in einem Gefühl von brennender Kehle und einem schmerzenden Klumpen im Bauch unterdrückt hielt, um nicht körperlich gezüchtigt oder verbal beschimpft zu werden. Ich wurde so konditioniert, dass ich begann, Wut gleichzusetzen mit Gefahr, Liebesentzug, «Ich bin falsch» und «Ich bin zu viel».
Mein System hatte gelernt, dass es sicherer ist, in Deckung zu gehen, als in die direkte Konfrontation. Raum für mich einzunehmen – sei es nun aus einem Akt des Mutes oder mit einem Ausbruch von Wut – bedeutete stets Gefahr für Körper und Psyche. All meine Nervenzellen hatten dies über Jahre erlernt und so abgespeichert. Nun erschien es mir auch logisch, dass mein Nervensystem noch heute mit «Alarmstufe ROT!» reagierte, wenn ich den Mut aufzubringen versuchte, für mich einzustehen.
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Mut und Wut – die abtrainierten Emotionen
Ich wollte der Ursache dieser Reaktion auf den Grund gehen. Also begann ich zu forschen, ich las und hörte Literatur, Podcasts und Interviews zum Thema «Wut» und «Mut». Ich begriff, dass Mut und Wut Emotionen sind, die nicht nur mir, sondern Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt abtrainiert wurden – und immer noch werden; das Patriarchat lässt grüssen.
Ein wütender Mann gilt als durchsetzungsstark, kräftig und mutig. Eine wütende, laute Frau hingegen gilt sofort als «hysterisch», unglaubhaft und labil.
Wut und «Lautsein» passt nicht zu dem, was gesellschaftlich von Frauen erwartet wird. Ein wütender Mann gilt als durchsetzungsstark, kräftig und mutig; dieses Bild wird bis in die Mitte der Religion hinein glorifiziert (der «Zorn Gottes»!). Eine wütende, laute Frau hingegen gilt sofort als «hysterisch» (griech. «Hysteria» = Gebärmutter), unglaubhaft, labil und wird dämonisiert bis ins tiefe Mittelalter (Hysterie galt als teuflische Besessenheit und wurde im schlimmsten Fall mit dem Tod bestraft; Stichwort: Hexenverfolgung) oder bis in die älteste griechische und römische Mythologie hinein (griech. Lilith, Medusa / röm. die Furien).
Wut belebt Mut, Mut kanalisiert Wut
Ich begriff, dass Mut und Wut stark miteinander verknüpft sind und in meinem Fall hinter derselben negativen Prägung versteckt und begraben waren. Wut belebt Mut, Mut kanalisiert Wut; beides gehört zusammen. Gemeinsam sind diese Emotionen die tragenden Säulen der Selbstbehauptung; ein Kompass für die eigenen Grenzen und Bedürfnisse.
Mut und Wut sind die massgeblichen Treiber für «Jetzt stehe ich für mich ein!» oder «Hier stimmt etwas nicht; (m)eine Grenze wurde überschritten!». Und ich begriff: Will ich den Mut in meinem Leben kultivieren, muss ich auch (wieder) erlernen, wie sich Wut anfühlt und gesund ausgedrückt werden kann. Um den Zugang zu meinem Mut zu finden, muss ich mich zwangsläufig auch meiner jahrzehntelang unterdrückten Wut stellen.
Ich wusste, dass ich mental stabil genug war, um den schwarzen Kafisatz meiner Kindheitsprägung aufzuwirbeln.
Noch in der Klinik buchte ich mit flauem Magen ein Wut-Seminar – leise ahnend, dass es bitzeli Deep-Shit werden könnte. Drei Monate später war es dann so weit: Ich wusste, dass ich mental stabil genug war, um den schwarzen Kafisatz meiner Kindheitsprägung aufzuwirbeln.
Dennoch war der Respekt – ja diese diffuse Ur-Angst ziemlich heftig: Je näher der Termin für das Wut-Seminar kam, umso mehr wollte ich alles absagen. Selbst am Tag des Termins überlegte ich mir ernsthaft, ob ich wieder umdrehen sollte. Meine Fluchtinstinkte waren parat; das gejagte Tier in mir erwachte – und damit auch die körperlichen Symptome: kalter Schweiss, Herzrasen, flauer Magen, das volle Programm.
Doch innerlich blieb ich standhaft: Jetzt hatte ich die Chance dazu und diese wollte ich packen. Ich wusste, dass es ein «safe space» ist, geführt von einer Frau, die diese Seminare schon etliche Male geleitet hatte.
Kerzen und Baseball-Schläger
Als ich dann den stimmungsvoll vorbereiteten Raum betrat, beruhigte sich mein Nervensystem erstmal. Ein paar Cherzli, leckere Snacks, Kafi und Tee, gemütliche Yoga-Sitze und Decken lagen ansprechend und einladend bereit; das Setting hätte durchaus auch als Achtsamkeits- oder Meditationskurs durchgehen können. Nur die dezent im Hintergrund platzierten Riesenkissen und ein Baseball-Schläger deuteten darauf hin, dass es später etwas energischer zur Sache gehen könnte. Nun denn, da war ich.
Wir waren gemeinsam mit der Seminarleiterin – ich nenne sie hier «Lea» – eine kleine Gruppe von fünf Personen; alles Frauen. Wir stellten uns kurz vor; jede gab nebst ihrem Namen auch den Grund für die Seminar-Teilnahme preis. Die Motivationen dazu waren alle unterschiedlich: Da war die unerklärliche Wut gegenüber dem eigenen Kind, die Wut auf den verstorbenen Vater, die Wut auf sich selbst – und dann eben mein Thema: die nicht gelebte und komplett verdrängte Wut.
Schon bald geschah das, was oft in solchen Kreisen passiert, wenn alle sich verletzlich zeigen: Es entstand ziemlich rasch eine Art unmittelbare Vertrautheit untereinander, obwohl man sich erst seit kurzer Zeit kannte. Die Frauen erschienen mir allesamt sehr sympathisch; ich fühlte mich emotional sicher. So konnte ich erst einmal mein Nervensystem etwas regulieren; die angeleiteten Entspannungsübungen und die Gespräche halfen enorm dabei.
«Nichts, was du anfängst, bringst du je zu Ende!»
Etwas später ging es dann das erste Mal ans psychologisch Eingemachte: Jede Teilnehmerin setzte sich mit ihrem sogenannten «Schattenkind» auseinander (Konzept nach Stefanie Stahl aus dem Buch «Das Kind in dir muss Heimat finden»); das hiess: Wir fokussierten uns bewusst ausschliesslich auf die negativen Prägungen und Eigenschaften, die uns von den Eltern oder nahen Bezugspersonen vorgelebt wurden.
Zusätzlich mussten wir all jene Sätze aufschreiben, die uns als Kind gesagt wurden und in uns bis heute ein negatives Gefühl auslösen. In meinem Fall hörte ich sofort die Stimme einer nahen Bezugsperson zu meinem circa 7-jährigen Ich sagen: «Nichts, was du anfängst, bringst du je zu Ende!». Daraus abgeleitet erschliesst sich in mir bis heute ein unterschwelliges Gefühl, dass ich nie gut genug bin und dass ich es vermutlich eh nicht schaffen werde.
Lea sammelte diese «Trigger»-Glaubenssätze ein; später würde sie exakt diese Worte verwenden, um in jeder von uns die Wut anzufachen und aufzuheizen.
Lea sammelte diese «Trigger»-Glaubenssätze ein; später würde sie exakt diese Worte verwenden, um in jeder von uns die Wut anzufachen und aufzuheizen. Nach der kurzen Mittagspause wurde es dann ernst: Ich stellte mich als Erste meinem Thema. Obwohl mir speiübel war, wollte ich «es» endlich hinter mich bringen. Wut, wo bist du? Ich will dich jetzt fühlen und kennenlernen.
Ich hatte keine Ahnung, was nun passieren würde. Ich beschloss innerlich, dass ich einfach das annehme, was nun kommt. Ich fühlte zugleich aber auch eine grosse (Versagens-)Angst, dass ich die Kontrolle nicht ablegen könnte und keinen Zugang zur Wut finden – ja, scheitern würde.
Lea wies mich freundlich an, mich in die Mitte des Raumes zu stellen; vor mir wurde ein Stapel aus mehreren Matratzen aufgetürmt, welcher mit Spannseilen zusammengeschürt wurde und mir bis Bauchhöhe reichte. Sie erklärte mir die Spielregeln; wir vereinbarten ein Code-Wort für den augenblicklichen Stopp, falls es mir oder ihr zu viel würde. Sie begann mich mit dem Stapel erst sachte und dann immer energischer zu schubsen und wiederholte dabei immer wieder meinen Trigger-Satz aus der Kindheit:
«Nichts, was du anfängst, bringst du je zu Ende!»
«Nichts, was du anfängst, bringst du je zu Ende!»
«Nichts, was du anfängst, bringst du je zu Ende!»
Sie wiederholte den Satz immer und immer wieder. Immer lauter und heftiger; die Schubser wurden ebenfalls immer grober. Ich fühlte, dass ich erstmal eine Art trotzige «Ist mir doch egal»-Haltung einnahm. Ich liess es geschehen; innerlich war es mir egal. Der Impuls, mich dagegen zu wehren, fehlte komplett. Lea blieb hartnäckig und wurde immer energischer. Die Sätze schossen minutenlang wie verbale Pfeile auf mich zu; unaufhörlich, unaufhaltsam, immer weiter.
Erst Trotzigkeit, dann Traurigkeit – aber keine Wut
Zur anfänglichen Trotzigkeit gesellte sich nach ein paar Minuten plötzlich eine Traurigkeit dazu. Stumm begannen bittere Tränen mein Gesicht herunterzurollen. Ich kniff meine Augen zusammen. Verdammt, tat das weh. «Nichts, was du anfängst, bringst du je zu Ende!». In mir kamen schwallartig sämtliche destruktiven Emotionen hoch, von denen ich rational zwar wusste, dass sie nicht wahr sind – die aber seelisch immer noch tief in mir sassen: «Du bist ein Nichts!», «Du bist eine Versagerin», «Du schaffst eh nichts», «Du bist zu viel» und «Du bist falsch». Die gesamte Welle an negativen Glaubenssätzen rollte über mich.
Die Wucht dieser Versagensgefühle löste in mir eine heftige Trauer aus; ich konnte mein Weinen nicht mehr zurückhalten. Der Impuls, mich gegen die verbalen Angriffe zu wehren, fehlte jedoch noch immer; ich fühlte es einfach nicht. Lea machte weiter und weiter; ich fühlte dabei immer heftiger die Trauer und die Bitterkeit in mir aufsteigen.
Plötzlich spürte ich, wie meine gesamte Kehle, ja meine ganze Luftröhre zu brennen begann; es schnitt mir schier die Luft ab.
Plötzlich spürte ich, wie meine gesamte Kehle, ja meine ganze Luftröhre zu brennen begann; es schnitt mir schier die Luft ab. Es war das exakt selbe körperliche Gefühl, wie damals bei einer bestimmten Situation aus meiner Kindheit, an die ich mich besonders gut erinnerte. Ich kann mich nicht mehr an den Grund der Auseinandersetzung erinnern; aber ich weiss noch, wie wahnsinnig ungerecht die Situation war und dass ich mich nicht wehren durfte, weil sonst eine körperliche Strafe gedroht hätte.
Damals verspürte ich den Impuls, ein Glas zu zerschlagen und mit den Scherben und mit meinen Fingernägeln das Gesicht meines Gegenübers zu zerkratzen. Exakt dieselben Gefühle überraschten mich nun in einer wuchtigen Intensität, die aus dem Nichts kam. Ich ballte dabei automatisch meine Fäuste und öffnete sie immer wieder rhythmisch – auf und zu, auf und zu -, als könnte ich dadurch die gestaute Energie irgendwie abfliessen lassen. Ich fühlte plötzlich, dass ich wie Marvels Wolverine die Krallen ausfahren wollte, um in den Angriff überzugehen. Ich verbalisierte meine Gewaltfantasien und sprach sie laut aus.
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«Dein Körper muss es dir glauben, dass du dich wehrst!»
Lea forderte mich daraufhin energisch dazu auf, die Fantasien «auszuleben» – nicht nur auszusprechen. «Dein Körper muss es dir glauben, dass du dich wehrst!», sagte sie. Hier spürte ich jedoch enormen Widerwillen. Ich konnte doch jetzt nicht einfach das Gesicht dieser Wut-Expertin zerkratzen? Diese gefühlten Gewaltfantasien entsprachen in keiner Weise meiner Moralvorstellungen. Ich wollte niemanden angreifen, das ging mir zu weit.
Sie blieb hartnäckig und schubste mich diesmal so sehr, dass sie mich mit dem ganzen Matratzen-Stapel durch den gesamten Raum schob, bis ich mit dem Rücken zur Wand stand.
«Ich bin für mich selbst verantwortlich», sagte sie daraufhin zu mir. «Ich kann mich selbst schützen!», «Tu es!» feuerte sie mich weiter an, gefolgt von: «Nichts, was du anfängst, bringst du je zu Ende!». Sie blieb hartnäckig und schubste mich diesmal so sehr, dass sie mich mit dem ganzen Matratzen-Stapel durch den gesamten Raum schob, bis ich mit dem Rücken zur Wand stand.
Ich fühlte mich kraftlos und willenlos; entmutigender Frust überkam mich. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr – aber gefühlt dauerte das Prozedere bereits ewig an. Ich begann zu realisieren, dass ich den Kontrollverlust nicht wirklich zulassen konnte. Meine innere Mauer war zu dick. Auch Lea bemerkte es, dass ich stagnierte. Ich war eine harte Nuss; wusste ich’s doch. Meine Befürchtungen schienen sich zu bestätigen.
Den Kontrollverlust zulassen
Sie pushte mich weiter gegen die Wand und leitete mich nun an, dass ich jetzt einmal laut «Stopp!» rufen und mit ganzer Kraft meine geballte Faust auf den Matratzen-Haufen hauen soll. Ich gehorchte ihr und begann «Stopp!» zu rufen; erst zögerlich und dann immer kräftiger. Lea presste mich weiter gegen die Wand und ich rief immer lauter «Stopp!»… und plötzlich fühlte ich eine Art inneren Willen aufkeimen, mich dagegen zu drücken; sie von mir wegzustossen, mich wehren zu wollen.
Sie feuerte mich an und machte mich gleichzeitig verbal fertig; es war ein einziges Gerangel aus Worten, Kissen-Faustschlägen und Rumgeschubse. Es war so anstrengend; ich schwitzte und keuchte heftig, all diese Emotionen der Trauer, des Widerwillens, des Wehrens waren so intensiv, dass sie all meine Poren wie Schleusen öffneten und ich bald darauf bachnass war.
Wie eine rasende Rachegöttin machte ich mich über den Knäuel her und «stach» heftig darauf ein.
Und dann fühlte ich plötzlich diesen unglaublichen Drang, mit einer Art «Dolch» – dem Baseball-Schläger – diesen Matratzenhaufen sprichwörtlich «abzustechen» und endlich zum Schweigen zu bringen. Lea wies mich an, diese Fantasie zuzulassen und «es» zu tun. Wie eine rasende Rachegöttin machte ich mich über den Knäuel her und «stach» heftig darauf ein.
Urtiefer Schmerz
Statt eines triumphierenden Gefühls überrollte mich jedoch fast zeitgleich eine unfassbare Trauer, eine Art urtiefer Schmerz über all das Verlorene und das Fehlende in meiner Kindheit. Es überfiel mich ein Weinen, welches ruckartig und in Wellen über mich kam mit tiefsten, kehligen, fast animalischen Lauten. Es begann als Wimmern und wurde immer heftiger; wurde zu einem archaischen Ton, der nichts mehr mit mir als Person zu tun hatte.
Ich hatte mich zuvor noch nie in dieser Weise weinen gehört. Ich krümmte mich zusammen und fühlte in diesem Moment deutlich, dass in mir eine Kontrollmauer zusammenbrach; dass ein uralter Schmerz die Regie übernahm und mich komplett überrollte.
Die Heftigkeit dieses urigen, vertonten Schmerzes aus dem Innersten meiner Seele war überwältigend.
Später beschrieb ich meinen Angehörigen diesen schier unerklärbaren Moment wie im Film «Hamnet», in welchem Schauspielerin Jessie Buckley ihren verstorbenen Sohn betrauert. Nur dass im Gegensatz zum Film meine eigene Weinattacke gefühlt ewig andauerte. Zeit und Gefühl verschwammen in einer schieren Ewigkeit. Die Heftigkeit dieses urigen, vertonten Schmerzes aus dem Innersten meiner Seele war überwältigend. Es war ein für mich eindrücklicher Kontrollverlust; eine Katharsis, die eine Reinigung meiner bisher verborgensten Emotionen möglich machte.
Lea kam nach einer Weile zu mir und ich spürte ihre tröstende Hand auf meinem Rücken. Sie reichte mir ein Taschentuch und ich erlangte dadurch wieder ein bisschen klaren Verstand. So nahm ich plötzlich wahr, dass die anderen Teilnehmerinnen ebenfalls geweint hatten, obwohl sie nur stille Zuschauerinnen am Rande des Raums waren.
Wut, endlich
«Das war unglaublich stark von dir!», lobte mich Lea, und ich fand ihre Worte ziemlich angemessen. Ich war erschöpft und fühlte, dass ich alles gegeben hatte. Als ich schon dachte, dass ich mich nun setzen könnte, redete Lea weiter: «Nun, das war sehr gut… aber das waren etwa 80 Prozent deiner Power. Ich weiss, dass du noch mehr kannst. Schaffst du auch 100 Prozent?».
Ich schaute sie entsetzt an und konnte nicht glauben, was sie da gerade sagte. Wie konnte sie annehmen, dass dies «nur» 80 Prozent waren? Ich hatte gerade den totalen Kontrollverlust zugelassen – noch nie in meinem Leben hatte ich mich derart «gehen lassen». Selbst bei der Geburt meines Sohnes war ich leiser und «vernünftiger» gewesen. Wie konnte sie es wagen, meine Grenzerfahrung derart zu degradieren? Ich bemerkte, dass ich nun wütend auf die Seminar-Leiterin wurde.
Als hätte sie endlich die richtige Zündschnur erwischt, fühlte ich plötzlich innerlich eine unaufhaltsame Explosion anrollen.
Sie schaute mich mit ihren stechend blauen Augen an und doppelte nach: «Schaffst du auch 100 Prozent? Was würdest du tun, wenn die Ungerechtigkeiten und die Grenzüberschreitungen auch deinem Kind passiert wären oder den Kindern deiner liebsten Menschen?»
Und zack – da hatte sie mich: Als hätte sie endlich die richtige Zündschnur erwischt, fühlte ich plötzlich innerlich eine unaufhaltsame Explosion anrollen. Aus dem Nichts fühlte ich eine Wucht an dunkler, schwarzer und zähflüssiger Wut in meinem Unterbauch aufsteigen. Obwohl es vermutlich gar nicht mehr nötig gewesen wäre, feuerte Lea nochmals nach: «Was ist, wenn es deinem Kind passiert wäre?»
Und dann brach es endgültig hervor: ein inneres Chaos und eine brachiale Wut, die bildlich einem gefährlichen und feuerspeienden Drachen entsprachen. Ich begann in einer ohrenbetäubenden Lautstärke ein langgezogenes «Neeeeein!!!» herauszuschreien, packte den Baseball-Schläger – aka das Schwert – und stach erneut wie wild auf den Matratzenknäuel ein.
Ein Feuer, das alles vernichtet
Ich hielt dabei die Augen geschlossen und fühlte mich, als würde ich nun alles niederbrennen und vernichten wollen. In meiner Imagination tat ich dies wirklich. Vor meinem inneren Auge hatte ich die Macht über ein Feuer, welches alles vernichtete, was mich oder andere Kinder bedrohen könnte.
Um das Gefühl in ein Bild packen zu können, kann man sich die Szene vorstellen, in welchem Yennefer von Vengerberg (eine Magierin aus der Serie «The Witcher») ihr pures Feuer-Chaos auf ihre Feinde niederlässt und alles in ihrem Radius verbrennt. Exakt so fühlte ich die Wucht meines «inneren Feuers». Dabei hielt ich konstant die Augen geschlossen und schrie so laut heraus, immer und immer wieder.
Ich fühlte mich wie eine feuerbrünstige Rachegöttin. Und gleichzeitig weinte, kreischte und fauchte ich wie eine Grosswildkatze, die ihre Babys beschützt
Da war sie nun: meine Wut. Ungefiltert, roh, brachial. Daran war gar nichts schön. Die Emotion war einfach da – und ich liess sie endlich zu. Ich fühlte mich wie eine feuerbrünstige Rachegöttin. Und gleichzeitig weinte, kreischte und fauchte ich wie eine Grosswildkatze, die ihre Babys beschützt. Die wilden, animalischen Geräusche, die ich dabei machte, hatte ich noch nie in meinem Leben aus meinem Mund kommen hören; ich wusste nicht mal, dass ich zu solchen Lauten fähig war.
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Wiedergeburt
Irgendwann, nach ein paar Minuten, stellte ich ein Bein auf das Matratzen-Knäuel; es war meine finale Siegespose. Während ich dies tat, veränderte sich mein Gefühl von Wut, Trauer und Schmerz langsam in eine komplett neue Empfindung: Ich fühlte plötzlich eine Art Macht. Als würde ich innerlich von Minute zu Minute grösser und mächtiger werden; ja, als würden mir Feuer-Flügel wachsen. Oh ja, es fühlte sich verdammt gut an.
Ich wusste plötzlich, dass ich soeben lange verlorene Anteile von mir zurückgeholt hatte: Meine Wut, meine Power, meine Macht, meine Würde, mein Feuer.
Völlig erschöpft und heftig keuchend kehrte ich mit meinen Wahrnehmungen langsam wieder in das Hier und Jetzt zurück. Ich öffnete die Augen und sah, dass wiederum alle mitgeweint hatten. Ich musste ebenfalls nochmals weinen und fragte, ob ich jemanden als mein «Kind-Ich» zur Seite haben kann. Sofort kam jemand an meine Seite und kniete sich neben mich. Ich umarmte die Person wie eine grosse, schützende Schwester und zeigte damit meinem inneren Kind, dass ich es nun endlich geschafft hatte, für uns einzustehen.
Ich fühlte mich wie nach einer Geburt, nur dass es diesmal sinnbildlich meine eigene war. Ich hatte mich soeben wiedergeboren.
Ich hatte soeben mein kleines, inneres und so verletztes Mädchen beschützt und gerächt. Ich fühlte mich todmüde und ausgelaugt – und gleichzeitig so wahnsinnig stolz. Ich fühlte mich wie nach einer Geburt, nur dass es diesmal sinnbildlich meine eigene war. Ich hatte mich soeben wiedergeboren als Frau, welche ihr Feuer zurückgeholt hat, indem sie ihre Wut zugelassen hat. Ein zutiefst schmerzhafter und gleichzeitig total schöpferischer Akt.
Wut wird zu Mut wird zu Liebe
Etwas später erklärte Lea, dass heftige Gewaltfantasien bei den meisten Menschen die roheste Form von Selbstbehauptung sind und oft aus Erlebnissen stammen, in denen man komplett machtlos war (meist in der Kindheit). Das symbolische Ausleben bedeutet nicht, dass man nun gewaltbereit ist oder wird. Es geht darum, die dahinterliegende Kraft zurückzuholen im Sinne von «Ich darf mich wehren» oder «So nicht! Hier ist meine Grenze».
Durch das symbolische und körperliche Ausleben in einem sicheren Raum lernt das Nervensystem das Gefühl zu integrieren und erkennt neu, dass diese Energie sein darf und dass man sie halten und steuern kann. Daraus ergibt sich mehr innere Ruhe, man fühlt deutlicher und klarer, wo die eigenen Grenzen sind und vermag die Wut bestenfalls zu einer neuen, zielgerichteteren Kraft zu transformieren: zu Mut.
Ich habe gelernt, dass die Wut nicht das Gegenteil von Liebe bedeuten muss – sondern eben gerade auch der Ausdruck davon sein kann.
Ich habe in diesem Seminar die Wut als Kontrollverlust und als Tod meines Egos erlebt – um daraufhin Kontrolle und verlorene Anteile meines Egos zurückzuerhalten. Ich habe gelernt, dass Wut in erster Linie eine neutrale Emotion und ein sehr klares Gefühl ist, welches eine persönliche Grenze aufzeigt. Und ich habe gelernt, dass die Wut nicht das Gegenteil von Liebe bedeuten muss – sondern eben gerade auch der Ausdruck davon sein kann: Mir ist es wichtig und ich will es schützen.
In meinen Händen
Wenn ich heute also wütend werde, schäme ich mich nicht mehr dafür und sehe es auch nicht mehr als Schwäche, sondern frage mich: Was läuft hier falsch? Was will mir meine Wut sagen? Denn Wut ist der Motor für den Mut, die Dinge zu verändern – auch wenn sie einem schwierig oder schier unüberwindbar erscheinen. Und: Mut vertreibt die Angst nicht. Mut lädt die Angst ein und geht trotzdem voran.
Ich für meinen Teil bin nach dem Seminar nach Hause gegangen und fühlte mich unglaublich roh und verletzlich. Und gleichzeitig fühlte ich mich auch mindestens 5 Zentimeter grösser. Ich bin sicher, dass jeder, der mich sah, eine Frau wahrnahm, die mit gerader, fast würdevoller Haltung durch den Hauptbahnhof schritt. In meinem Ohr lief dabei der Song «All in my hands», welchen ich leise mitsang.
«I walked through fire, felt the burn.
Ashes to diamonds I had to learn.
No one can take what’s rightfully mine.
I’m blazing brighter now, watch me shine.
I’ve got it back, it’s all in my hands.»
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Wichtiger Hinweis: Dieser Text ist ein persönlicher Erfahrungsbericht und beschreibt lediglich die Sichtweise der Autorin. Der Text ist damit weder therapeutisch noch fachlich fundiert und beleuchtet die Thematik der Schemaprägung, der Wut und der Schattenarbeit nur im Ansatz.
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Veröffentlicht am 10. Juni 2026