Markus Tschannen wechselt wieder Windeln
Getrennte Ferien: Wieso wir kaum zu fünft verreisen
Die Familie zieht vollständig los. Das galt beim Wocheneinkauf – und erst recht bei den Ferien. Doch mit der Geburt von Tertius warfen wir diesen Glaubenssatz in den Windelkübel und entdecken seither die Vorteile der Splittergruppe.

Getrennte Betten haben wir schon seit Jahren. Irgendwann, als sich die Kinder trotz fortschreitendem Alter und unseren immer raffinierteren Tricks nicht aus dem Elternbett vertreiben liessen, zog meine ruheliebende Frau ins Gästezimmer. Ich blieb mit dem Rudel kläffender Hyänen zurück. Technisch gesehen haben wir also gar nicht getrennte Betten. Nur meine Frau hat ein abgetrenntes Bett.
Ansonsten waren wir lange eine Familie, die vieles gemeinsam unternahm: alle Ferien, schulische Elterngespräche in Vollbesetzung und sogar den Wocheneinkauf bestreiten wir noch heute oft alle zusammen. Das ist ineffizient, aber auch schön.
Zumindest war es das, als wir noch zu zweit mit einem Baby oder Kleinkind um die Regale zogen. Heute schubsen sich die Kinder gegenseitig ins Joghurt und ich sage pro Einkauf so oft «Leg das bitte zurück!», dass ich am Ende sechs bis sieben M-Budget-Rosenkränze durchgebetet habe.
Vieles ist in der kleinen Familie noch idyllisch, kippt aber mit mehreren Kindern ins … naja, ins was eigentlich? In eine Mischung aus Kafkas «Das Schloss», Lynchs «Mulholland Drive» und dem Upside Down aus «Stranger Things».
Das soll aber kein Jammern sein. Es versteht sich von selbst, dass mehr Kinder mehr Aufwand verursachen und mehr Konfliktpotenzial in die Familie tragen.
Planung dauert schier länger als die Ferien
Bei Ferien mit Freunden ist es schliesslich dasselbe. Zu zweit bewegt man sich agil und trifft Entscheide rasch und unkompliziert. Im Gegensatz dazu kann ich mich an eine Ferienreise mit sechs Freunden erinnern: Wir diskutierten eines Abends so lange über das potenziell beste Restaurant im Ort, bis alle Küchen geschlossen waren und wir im Bahnhof einen Sechsgänger aus dem Selecta-Automaten schütteln mussten. Es gab Mentos, Snickers, Linzertörtchen, Maltesers, Kägi Fret und Schwangerschaftstest, wenn ich mich richtig erinnere.
Auch unsere Familienferien wurden zuletzt immer aufwendiger: Mehr Diskussionen über das Reiseziel, das Programm und die Unterkunft. Für das Packen und die unmittelbare Reisevorbereitung musste ich zwei ganze Tage vor der Abreise zusätzlich Ferien beziehen.
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Vor allem aber wurden die Ferien jedes Mal teurer. Jemand wollte unbedingt ein Hotel, jemand einen Pool, jemand zwingend auch eine Sauna, Kinderbetreuung wäre auch gäbig, das Hotel muss an der Skipiste liegen und am Ende spuckt der Suchfilter nur noch das einzige Luxusetablissement im Ort aus. Schön … wunderschön, und definitiv direkt an der Skipiste gelegen, dafür weitab vom Budget. Aber was soll’s, es sind schliesslich Ferien.
Getrennte Ferien!? Wir hingen lang am Glaubenssatz, dass die Ferien gemeinsame Familienzeit sein müssen.
Also lautet der Kompromiss: lieber zu viel ausgeben als zu viel Verzicht. Zwei-, dreimal verbrachten wir so eine Woche im noblen Pistenhotel mit grosser Wellnessanlage und tollen Restaurants, obwohl zwei Personen keinen Wintersport betreiben, einer nicht gerne badet (ich) und drei lieber vor dem Fernseher das Bett vollbrosmen, als sich vom Sternekoch den Gruss aus der Molekularküche erklären zu lassen.
Und so führten wir schlussendlich ein, was zu Beginn unseres Familienabenteuers noch undenkbar schien: getrennte Ferien. «Kein so radikales Konzept», mögen jetzt manche von euch ins Gipfeli nuscheln. Für uns fühlte es sich dennoch radikal an, denn wir hingen lang am Glaubenssatz, dass die Ferien gemeinsame Familienzeit sein müssen.
Mit dem dritten Kind kam die neue Ferienplanung
Mit Tertius’ Geburt haben wir aber endgültig realisiert: Die Ferienplanung, die zwei Erwachsene mit verschiedenen Interessen und drei Kinder in unterschiedlichen Altersphasen vom Hocker fegt, kann uns nicht einmal mehr ChatGPT herbeihalluzinieren.
So fuhr ich Anfang dieses Jahres mit dem Brecht eine Woche zum Snowboarden in die Waadtländer Alpen – mit Übernachtung im bezahlbaren Doppelzimmer eines Mittelklassehotels. Meine Frau besuchte derweil mit den jüngeren Kindern ihre Eltern, wo das Gästezimmer für einmal nicht aus allen Nähten platzte. Später machte sie mit dem Baby Wellnessurlaub, während ich die Grösseren zu Tagesausflügen nötigte.
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Eifrige Ohren sind bereits in Aufruhr: «Aha, die Mutter muss immer zum Baby schauen!» Aber nicht doch. Das Baby nimmt inzwischen Nahrung zu sich, die mit einem Küchengerät püriert, statt in einem Körperteil sekretiert wurde. Und ich kann ein Küchengerät bedienen. Gerade vor zwei Wochen war die Kindsmutter auf einer Tagung, während der Alte zu Hause die Hyänen hirtete.
Heute geniesse ich es, ein paar Tage nur mit einem Teil der Familie zu verbringen. Nicht aus Freude, die Abwesenden los zu sein, sondern aus Liebe für die Anwesenden.
Und ich muss sagen: Ob nun Ferien mit einem Kind oder Hyänendienst mit allen dreien – ich geniesse es, ein paar Tage nur mit einem Teil der Familie zu verbringen.
Nicht aus Freude, die Abwesenden los zu sein, sondern aus Liebe für die Anwesenden. Weil ich den kleinen Persönlichkeiten Zeit schenken kann, statt dass sie sich meine kurze Aufmerksamkeitsspanne in einem American-Gladiator-Battle erkämpfen müssen.
Eine Grossfamilie sind auch nur drei Kleinfamilien in einem Trenchcoat
Und nein, das heisst nicht, dass ich der Grossfamilie* überdrüssig wurde. Im Gegenteil: Dass wir unsere Freizeit nun in wechselnden Konstellationen bewältigen dürfen, macht das Familienleben abwechslungsreich. Fast wie heimlich mehrere Familien zu haben, aber ohne die stressige Geheimniskrämerei.
Rein rechnerisch habe ich 14 Möglichkeiten, in unterschiedlichen Familienzusammensetzungen zu verreisen, bevor wir erneut alle zusammen in die Ferien fahren. Und bis es dann so weit ist, fühlen sich auch die ungetrennten Ferien wieder ganz neu und aufregend an.
*Mir ist schon bewusst, dass es in manchen Ohren etwas lächerlich klingt, wenn ich mit drei Kindern von einer «Grossfamilie» spreche. Meine Eltern haben beide je drei Geschwister und ein Grossonkel von mir hatte zwölf Kinder. Aber die Zeiten ändern sich und bei einer Geburtenziffer von 1,28 gilt nun mal folgende Tabelle:
1 Kind: Kleinfamilie
2 Kinder: Mittelfamilie
3 Kinder: Grossfamilie
4 Kinder: «Um Himmels Willen!»
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Veröffentlicht am 20. Juli 2026.
Die Kolumne «Markus Tschannen wechselt wieder Windeln» erscheint alle paar Wochen.