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Inkompetent und frustriert? Eine Stellungnahme zum Leitfaden für die Primarschule

Marah Rikli schrieb für die SonntagsZeitung einen sarkastischen Leitfaden für den Schuleintritt und kritisierte dabei auch das System. Das gab Haue.

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Text: Marah Rikli

Leitfaden für die Primarschule - Antworten auf die Kritik


Marah Rikli konnte es sich nicht verkneifen. Ein Leitfaden für den Schuleintritt? Klar könnte man da Tipps geben für das optimale Füllen des Znüniböxlis oder Motivationsparolen, um die Kinder morgens aus dem Bett zu kriegen.

Die andere Option, die auch die Autorin wählte: 12 Tipps geben, die teilweise nicht nur triefen vor Sarkasmus, sondern die auch ernstgemeinte Kritik am System üben. Das hat provoziert.

Überlebenstipps für Eltern von Primarschülern

Der Sohn der zweifachen Mutter Marah Rikli wurde 2011 eingeschult. Seither haben Mutter und Sohn einige Beobachtungen und Erfahrungen gemacht, die sie beide gerne missen würden: Hausaufgaben bis zum Gehtnichtmehr, eine monatliche Lastwagenladung an Infoblättern oder Lehrpersonen, die Buben per se nicht verstehen wollen. Dazu viel Angst: Angst der Lehrer vor den übereifrigen Eltern, und Angst ebendieser um die Zukunft ihrer Kinder. Alle zittern, schrieb Marah Rikli in der SonntagsZeitung (SoZ).

Und dann kam, nicht ganz unerwartet, die Retourkutsche. Sarkasmus funktioniert nicht in der breiten Masse – das lernt jeder Journi früh in der Karriere. Aber zwischendurch kann man nicht anders. Schon nur fürs eigene Seelenheil.

Den ganzen Artikel der SonntagsZeitung kann man hier nachlesen.

Marah, bereust Du’s?

Ich habe bei Marah Rikli, die auch schon für Any Working Mom geschrieben hat, nachgefragt. Wie geht es ihr eine Woche nach der Kolumne, für die sie einerseits Applaus erntete und auf der anderen Seite als inkompetent und geistig beeinträchtigt bezeichnet wurde? Und wie geht es ihrem Primarschüler?

AWM: Deinen humorvollen Leitfaden für Schulanfänger in der letzten SoZ, in dem Du unter anderem zum Prosecco-trinken rätst, fanden nicht alle Leser zum Lachen. Bei einigen Kommentarschreibern hatte man fast das Gefühl, sie fühlten sich durch den Text persönlich angegriffen. Warum denkst Du, ist das so?

Marah Rikli: Ich schildere meine Erfahrungen und meine persönliche Wahrnehmung. In jeder Schule, bei jedem Schüler und mit jeder Mutter oder jedem Vater sieht es wieder anders aus. So hat logischerweise jeder eine andere Ansicht und bringt andere Erfahrungen mit.

Ich finde es völlig legitim, wenn jemand anderer Meinung ist. Eigentlich ist es auch beruhigend, wenn die Schule anscheinend nicht überall so erlebt wird. Zudem gibt es einfach viele Leute, die es befremdend finden, wenn eine Mutter die Lehrer, andere Eltern oder ihre Kinder kritisiert und den Problemen zuweilen sarkastisch begegnet.

Liest man Deinen Text, hat man tatsächlich das Gefühl, dass die Umsetzung des Lehrplans absurde Anforderungen an Schüler und Lehrer zur Folge hat, und vieles sinnfrei scheint (Bsp. Frühfranzösisch). Der Text zeichnet wirklich kein gutes Bild von der Primarschule. Ist es wirklich so schlimm? Gibt es auch Dinge, die Dein Sohn an der Schule mag?

Wir hatten auch positive Erlebnisse. Ich habe sehr gute Erfahrung mit unserer Schulpsychologin oder unserer IF-Lehrerin (integrative Förderung) gemacht. Auch gab es sehr gute Lehrpersonen, meistens funktionierte es mit denjenigen Lehrpersonen am besten, die dem Schulsystem selber kritisch gegenüberstehen. Auch hat sich schon vieles positiv verändert, was in unserer Schulzeit schlechter war. Es ist eine Negativ-Liste, natürlich gäbe es entsprechend auch eine Positiv-Liste.

Primarschule: Augen zu und durch!

In den Kommentaren wird Dir zwar einige Male Recht gegeben, dann wieder relativiert: «Ja! Ihr habt alle recht! Der Stundenplan ist überladen, der Stoff wird immer anspruchsvoller, zwei Fremdsprachen sind zu viel usw. Ich fühle mit euch allen. Aber wisst ihr was?:

Deal with it!

Ja natürlich heisst es «deal with it», man hat ja keine andere Wahl. Nur ist das eine grosse Herausforderung. Die Zeiten haben sich geändert, die Frauen arbeiten ebenfalls und ich finde das wichtig und gut. Man führte Blockzeiten ein, um die Mütter zu entlasten und ihnen den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu erleichtern. Dann liegt es doch nahe, dass man auch über Hausaufgaben und Organisation von Mailflut spricht.

Es gibt auch Kommentare, die sagen, ich sei überfordert und müsste halt mehr bei meinen Kindern zu Hause sein. Solche Grundsatzdiskussionen müsste man eigentlich nicht mehr führen müssen. Die Schule sollte Familien unterstützen und nicht schwächen. Ich kenne sehr viele Familien, die mit dem Schuleintritt der Kinder noch mehr Stress und Probleme haben, als zuvor. Das sollte doch nicht sein.

Aber viele LeserInnen finden ja offensichtlich, dass «man da einfach durch muss» und die Zähne zusammenbeissen soll. Wir mussten da ja schliesslich auch durch. Wie begegnest Du dieser Haltung?

Wir mussten alle da durch, das stimmt. Das heisst aber nicht, dass man nicht kritisch sein darf. Und es erging ja auch nicht allen gut zu unserer Zeit. Es war vieles schlechter und anderes besser, ich habe sehr gemischte Gefühle in Bezug auf meine eigene Schulzeit und hätte mir oft eine andere Schule gewünscht.

In Bezug auf die heutige Schule hörte ich auch schon Sätze wie «später im Berufsleben wird’s auch hart» oder «was sie nicht umbringt, macht sie stark». Für mich sind solche Aussagen genauso veraltet, wie die Ansicht, das Schreien von Babies stärke deren Lunge. Ich fasse meinen Sohn nicht mit Samthandschuhen an, bin im Vergleich sogar wohl eher streng und trotzdem finde ich wichtig, dass sich die Kinder in diesem Alter entfalten können und ihre Stärken kennenlernen sollen.

Die Freude an der Schule und dem Lernen steht und fällt mit der Beziehung zum Lehrer / zu der Lehrerin. Auch auf diesen Umstand wird immer wieder hingewiesen. Glaubst Du, ihr hattet einfach ein paar Mal Pech, oder lässt sich mit so vielen verschiedenen Lehrpersonen gar keine richtige Beziehung aufbauen? 

In meinen Augen haben die Kinder wirklich zu viele Bezugspersonen. Das liegt unter anderem auch daran, dass praktisch keine LehrerInnen mehr 100% arbeiten. Der Beruf hat sich sehr verändert, es gibt viel mehr Bürokratie, mehr Sitzungen, Rapporte oder Weiterbildungen.

Ich habe viele Lehrerinnen und Lehrer in meinem Umfeld, die sich darüber beklagen und das System ebenfalls kritisieren. Im Text schreibe ich zudem, es ist Vor- und Nachteil zugleich, denn dafür sind die Kinder nicht von nur einer Meinung abhängig. Es ist wohl ein schmaler Grat. Und ja, wir hatten einmal grosses Pech, was die Lehrperson meines Sohnes anging.

Bloggen ist herzig, bringt aber nix!

Ebenfalls stellen einige Kommentarschreiber die nicht unberechtigte Frage, wieso Ihr Euch diesem System nicht entzieht: «Bloggen ist herzig, ändert aber nix.” / «Ich hätte gern gewusst warum Sie persönlich Ihr Kind nicht selbst beschult haben oder warum Sie nicht gleich ausgewandert sind?” – Magst Du dazu Stellung beziehen?

Besagte Kommentarschreiber halten mich fälschlicherweise für eine Expertin. Ich gebe lediglich meine Meinung ab. Um mein Kind selbst zu beschulen – wenn ich das denn überhaupt wollte -, fehlt mir die Ausbildung. Andererseits bringt Bloggen schon bitzli was. Viele Eltern fühlen sich mit ihren Erfahrungen alleine, sie trauen sich nicht, mit anderen Eltern darüber zu reden, da diese ja Schlechtes denken könnten. Sie erkennen sich im Text wieder, was gut tut.

Vor allem ein Satz wurde von der Leserschaft auf die Goldwaage gelegt: «Manchmal hilft auch gemeinsames Lästern.” Kannst Du die Empörung nachvollziehen?

Klar kann man sich darüber empören – wie über alles. Da sind wir aber wieder beim Sarkasmus – Problem. Wenn ich mit meinem Sohn gleicher Meinung bin und daraus auch mal ein Lästern entsteht, finde ich das völlig okay. Das Kind muss doch mal Dampf ablassen können. Das Wichtigste ist doch, dass sich das Kind zumindest von einer Seite verstanden fühlt. Und: Man kann zusammen lästern und trotzdem Werte wie Respekt und Toleranz weitergeben. Für mich ist wichtig, authentisch zu sein, auch in der Erziehung.

Wie immer wurde in der Kommentarspalte auch gehatet. Du wirst als “vollkommen inkompetent» bezeichnet und als Problemfall: «Liebe Frau Rikli, ich kenne einige Ihrer Artikel. Ich meine nun, das Leben hat es nicht gut gemeint mit Ihnen.” Was lösen solche Kommentare bei Dir aus? Lösen sie überhaupt etwas aus?

Ja, die Kommentarspalten sind zum Teil übel, das ist ja nicht nur bei meinen Artikeln so. Man kann mich für inkompetent halten oder mein Leben bedauern – ich bin trotzdem recht zufrieden. Aber wenn das bei mir zu viel auslösen würde, dürfte ich keine solchen Artikel mehr schreiben.

Unter dem Text steht Dein Name, mit Wahrscheinlichkeit werden ihn auch die Lehrer und Lehrerinnen Deines Sohnes lesen. Hast Du Dir vorher darüber Gedanken gemacht? Oder hast Du bereits Rückmeldungen erhalten von der Schule?

Damit muss ich rechnen, natürlich. Bisher hat sich noch niemand gemeldet.

Und zuletzt: Was hat Dein Sohn zum Text gemeint? 

Er war zufrieden und ein bisschen stolz! Ich habe, bevor ich den Text abgab, mit ihm über die Details gesprochen. Er musste einverstanden sein, sonst hätte ich es nicht gemacht, schliesslich geht es darin ja auch um ihn.

Ich habe ihn auch gewarnt und ihm gesagt, es gäbe dann vielleicht einige Leute, die mich doof fänden oder doofe Sachen über mich sagen. Er sagte mir, dass sei ihm egal. Er hatte sogar noch viel mehr Punkte zu kritisieren und hätte gerne so richtig ausgeteilt. Ich glaube, es tat ihm sehr gut, zu sehen, dass ich voll und ganz hinter ihm stehe.

Anmerkung von Any Working Mom: Wenn ihr grundsätzlich mit dem öffentlichen Schulsystem unzufrieden seid, lest mal hier rein: Freilernen: Schule ohne Druck

Ebenfalls von Marah Rikli auf Any Working Mom: Warum Yoga in die Schule gehört

Marah Rikli, Autorin - mal ehrlich

Autorin

Marah Rikli ist Journalistin und Aktivistin und Mutter zweier Kinder. Sie schreibt Artikel für diverse Publikationen, u.a. «Magazin», «Republik», «Sonntags­Zeitung», «Wir Eltern», «Tages-Anzeiger». Zudem ist sie Host des Podcasts «Sara und Marah im Gespräch mit» der Frauenzentrale Zürich. Ihre Schwerpunkte: Inklusion, Mental Health, LGBTQIA+, Feminismus, Erziehung. Sie ist für diese Themen auch als Referentin oder Moderatorin von Talks und Panels unterwegs. www.marahrikli.ch (Bild: Anja Fonseka)

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 20. August 2017 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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6 Antworten

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  1. Avatar von Sabine Baumann Essahli
    Sabine Baumann Essahli

    Ich fand den Artikel super! (finde ihn immer noch…) Als ich ihn im August bei meiner Freundin im Tessin las, sagte ich zu ihr: “Der könnte von mir sein. Wort für Wort.” – Dass er auch negative Reaktionen provozierte, war zwar schon vorauszusehen. Aber heutzutage, wo jede und jeder immer und überall seinen/ihren “Mist” dazugeben kann, muss ein(e) Autor(in) wohl damit leben. Meistens sind die bösen Kommentare doch sowieso von Leuten, die verbissen, verbittert oder intellektuell benachteiligt sind… Viele verstehen ja nicht einmal Ironie…, wie ich in meinem Blog auch erfahren musste. Da weiss ich dann echt nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll… Wie auch immer: Weiter so! Unser Schulsystem ist “nur” mit einer Portion Sarkasmus zu ertragen.

    1. Avatar von Andrea Jansen
      Andrea Jansen

      Liebe Sabine, herzlichen Dank für Dein Feedback! Leiten wir sehr gerne an Marah weiter.

      1. Avatar von Sabine Baumann Essahli
        Sabine Baumann Essahli

        Danke! 🙂

  2. Avatar von Filu
    Filu

    Ich finde die wahrnehmungen richtig, erlebe es sehr ähnlich! Frage mich immer wieder wie eltern dies bewältigen die beide arbeiten! Probiere immer wieder wind aus den segeln zu nehmen wo ich kann , ohne zu easy zu sein mit meinem sohn! Lezthin musste er vieles in schnürlischrift schreiben und ist fast zebrochen daran, erlaubte ihm dann dent text in blockschrift zu schreiben( wer braucht heute noch schnürli schrift🤔)

  3. Avatar von Tanja
    Tanja

    Die meisten Leute schwingen Wahrnehmungsmässig auf einer ganz anderen (niedrigeren) Ebene. Das kann man ihnen nicht verübeln, führt aber dazu, angegriffen zu werden, zu Beleidigungen und die Person in Frage zu stellen. Dies zum Zweck, hierarchisch wieder auf gleicher Ebene zu stehen. Ich würde es den Galileo Galilei Effekt nennen. Die Ideen, Gedanken, Entdeckungen, Erkentnisse und Erfindungen müssen über Jahre, Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte reifen (dazu gehört auch Wut und Unverständnis) bis sie in der Gesellschaft anerkannt werden und verankert sind.

    Ich bin selbst Primarlehrerin und finde ihren Artikel richtig gut.

    1. Avatar von Andrea
      Andrea

      Liebe Tanja, vielen Dank für Deinen Kommentar. Gerne leite ich ihn an Marah weiter. ^Andrea