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Selektive Abtreibung: Ich musste ein Leben loslassen, um ein anderes zu retten

Unsere Autorin erwartet Zwillinge – doch einer der Föten ist nicht lebensfähig. Um das gesunde Kind nicht zu verlieren, muss sie eine schwere Entscheidung treffen. Ein Erfahrungsbericht, der zeigt, warum das Recht auf Abtreibung so schützenswert ist.

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Von

Illustration eines schwangeren Bauches, darauf sind sieben Sterne abgebildet. - Selektive Abtreibung eines Zwillings, ein Erfahrungsbericht.

Juni 2022. Ich bin schwanger – und schaue fassungslos auf die USA. Der Supreme Court hebt das landesweite Recht auf Abtreibung auf. Das Urteil schlägt weit über die Staaten hinaus hohe Wellen, überall wird über Abtreibungen debattiert. Wer darf abtreiben? Wo? Und bis wann?

Was ich höre und lese, wühlt mich emotional auf. Der Gedanke, dass die Gesetze meines Landes es mir verbieten könnten, darüber zu entscheiden, ob ich mein Kind behalten möchte oder nicht – unvorstellbar. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht, dass mich das Thema Abtreibung bereits wenige Tage später noch viel direkter betreffen wird, als ich es mir je hätte vorstellen können.

Zwillinge – wie sollen wir das schaffen?

Erst wenige Wochen zuvor haben wir erfahren, dass wir nicht nur unser drittes, sondern gleich auch unser viertes Kind erwarten. Zwillinge! Es war ein Riesenschock und viele Ängste kamen auf. Wie sollen wir das schaffen?

Doch je mehr Zeit verging, und je mehr wir mit Familie und Freund:innen darüber sprachen, desto mehr fingen wir an, uns zu freuen. Zwillinge sind doch auch einfach ein Riesengeschenk! Und so verbrachten wir die nächsten Wochen damit, uns auf ein Leben zu sechst einzustellen. Mein Mann suchte fieberhaft nach einem Van. Ich begann zu visualisieren, wie die ersten Wochen nach der Geburt organisiert werden können.

Juli 2022. Die berühmt-berüchtigte Ersttrimester-Untersuchung steht an, für welche mich meine Frauenärztin ins Unispital schickt. Da der Termin auf den ersten Tag der Sommerferien fällt, kann mein Mann nicht mitkommen. Er betreut zu Hause unsere beiden Töchter. Ich gehe guten Mutes in die Untersuchung. Ich habe bereits ein kleines Bäuchlein und sehe keine Anzeichen dafür, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte. Ich freue mich darauf, die beiden Kleinen im Ultraschall zu sehen.

Booom. Stille. Schock. Die Welt um mich herum scheint stehen zu bleiben, aber in meinem Kopf hört es nicht mehr auf zu drehen.

Die Hebamme beginnt mit dem Schallen, doch schon nach kurzer Zeit kommt sie ins Stocken und fragt, bei wem ich denn den letzten Ultraschall gehabt habe. In dem Moment weiss ich, dass etwas nicht stimmt. Die Hebamme schaut ernst und mit gerunzelter Stirn auf den Monitor und sagt: «Es sieht so aus, als hätte einer der beiden Föten zwei Köpfe.»

Booom. Stille. Schock. Die Welt um mich herum scheint stehen zu bleiben, aber in meinem Kopf hört es nicht mehr auf zu drehen: Wie bitte? Mein Baby hat zwei Köpfe? Wie kann das sein? «Ich kann es nicht fassen», oft als Floskel eingesetzt, in diesem Moment verstehe ich die Bedeutung davon.

Zerschlagene Hoffnung

Ich kann auch nicht mehr der Hebamme zuhören, die – während wir auf die Oberärztin warten – damit fortfährt, den gesunden Fötus zu schallen. Ich weiss, sie meint es gut, sie will irgendwie mit mir die Zeit überbrücken und meine Gedanken auf das Positive lenken, das zweite Kind, dem es gut geht. Aber ich empfinde gar nichts dabei. Ich denke immer nur: «Und jetzt?» Was geschieht denn jetzt?

Ja tatsächlich, in meinem Bauch wächst ein Fötus mit einem schlagenden Herz, und zwei Köpfen. Ein siamesischer Zwilling, wie die Ärztin mir erklärt.

Als die Oberärztin eintrifft, werden meine Hoffnungen, dass vielleicht, vielleicht die Hebamme sich ja einfach nur geirrt hat, zerschlagen. Ja tatsächlich, in meinem Bauch wächst ein Fötus mit einem schlagenden Herz, und zwei Köpfen. Ein siamesischer Zwilling, wie die Ärztin mir erklärt. Eine der beiden befruchteten Eizellen hatte sich noch ein weiteres Mal geteilt, aber zu spät. Technisch gesehen bin ich also mit Drillingen schwanger.

Da die siamesischen Zwillinge sich ein Herz teilten, seien sie nicht lebensfähig, fährt die Ärztin fort. Im Moment lebten sie aber noch, und es sei nicht vorauszusagen, für wie lange. Theoretisch könnten sie es bis zur Geburt schaffen und erst kurz danach versterben.

Drei Möglichkeiten – eine klare Entscheidung

Und jetzt? Was bedeutet das nun für meine Schwangerschaft? Da ist ja noch ein anderes Kind, nur wenige Zentimeter daneben, gesund und zufrieden in seiner Fruchtblase strampelnd. «Ja, nun müssen wir leider ein schwieriges Gespräch führen», sagt die Ärztin. «Wir haben drei Möglichkeiten: Wir können nichts unternehmen und der Natur freien Lauf lassen, jedoch mit einem grossen Risiko für den gesunden Fötus und auch für Sie. Die zweite Option ist, dass wir die siamesischen Zwillinge abtreiben und versuchen, das gesunde Kind zu retten. Die dritte Option: Wir brechen die ganze Schwangerschaft ab.»

Ich möchte alles tun, um das gesunde Kind zu retten. Und gleichzeitig will ich auch einfach dieses «Ding mit zwei Köpfen» aus mir raus haben.

Ich muss nicht lange überlegen, in diesem Moment zählt für mich nur eines: Ich möchte alles tun, um das gesunde Kind zu retten. Und gleichzeitig will ich auch einfach dieses «Ding mit zwei Köpfen» aus mir raus haben. Am liebsten gleich, sofort. Doch die Ärztin muss mich bremsen. So schnell geht das nicht. «Zuerst vereinbaren wir einen Termin, wo ich Ihnen nochmals alles erkläre, und erst ein paar Tage danach gibt es dann den Eingriff.» Die berühmte «Bedenkzeit». Ich finde sie in diesem Moment unnötig und würde am liebsten gleich alles hinter mich bringen.

Meine zwei Kinder, die einfach Pech hatten

Doch dann bin ich sehr froh um diese zehn Tage, die ich habe zwischen dem Befund und dem Eingriff. Ich kann mich in dieser Zeit mit den fehlgebildeten Föten versöhnen. Sie sind nicht mehr ein «Ding» oder ein «Monster», das da in mir heranwächst. Nein, es sind meine zwei Kinder, die einfach Pech hatten.

Es wird mir noch einmal bewusst, was für ein Wunder es ist, ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen. Eine Schwangerschaft ist ein so komplexer Prozess, und es muss nur ein kleines Rädchen im System falsch drehen, damit danach alles auf die schiefe Bahn gerät. In den meisten Fällen regelt die Natur solche Fehlbildungen von selbst und es kommt zu einer Fehlgeburt. Hier hat mein Körper «falsch» gehandelt und die Schwangerschaft entwickelte sich trotz massiver Fehlbildung weiter – und das bis hin zum Tag des Eingriffs.

Der schwerste Moment

Bis zum letzten Moment ist meine Hoffnung, dass vielleicht das Herz doch noch von alleine aufhört zu schlagen. Dass ich mein Kind, oder meine Kinder, nicht «töten» muss, so wie es sich eben in gewissen Momenten irgendwie doch anfühlt. Aber diese Hoffnung wird enttäuscht. Und so müssen mein Mann und ich einen der bisher schwersten Momente in unserem Leben als Eltern aushalten.

Ich will eigentlich nur losschluchzen, aber ich weiss, das darf ich auf keinen Fall.

Der Eingriff erfordert von der Ärztin höchste Präzision. Mit einer langen Nadel muss sie durch meine Bauchdecke hindurch in das winzig kleine Herz des fehlgebildeten Fötus stechen und eine Kaliumchlorid-Lösung spritzen, welche nach wenigen Minuten zum Herzstillstand führt. Dabei ist meine aktive Mitarbeit gefragt. Ich muss liegen und absolut stillhalten. Ich will eigentlich nur losschluchzen, aber ich weiss, das darf ich auf keinen Fall.

Mit autogenem Training begleitet die Hebamme mich durch den Eingriff, und so gebe ich mein Bestes, damit der Abbruch erfolgreich durchgeführt werden kann. Nur schon das Wort «erfolgreich» zeigt, wie paradox die Situation ist. Was kann denn daran erfolgreich sein, wenn man einem winzig kleinen Wesen Kaliumchlorid ins Herz spritzt? Aber erfolgreich bedeutete eben auch, dass unser gesundes Kind die bestmöglichen Chancen hat, diesen Eingriff zu überstehen.

Und tatsächlich: Alles geht gut.

Noch kein Abschied – die Zeit danach

Als wir nach wenigen Stunden wieder aus dem Spital laufen, bin ich einerseits tieftraurig, aber gleichzeitig auch sehr erleichtert. Erleichtert darüber, dass ich nach wie vor schwanger sein darf. Dass ich nach wie vor die Chance habe, ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen.

Ein Glück, welches sich gleichzeitig als grosse Herausforderung herausstellt.

Da ich ja weiterhin schwanger bin, bedeutet das, dass auch die verstorbenen Föten weiterhin in meinem Bauch bleiben, wo sie sich über die kommenden Wochen zurückbilden und mit der Plazenta des gesunden Fötus verwachsen werden. So gibt es also (noch) keinen physischen Abschluss dieses Abbruchs. Und damit auch keinen Abschied. Der Eingriff geht nahtlos über in eine «intakte Einlingsschwangerschaft». Aber meine Gefühle, die kommen so schnell nicht hinterher.

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ein schlechtes Gewissen, weil ich eine Abtreibung hatte. Und ein schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht über die bestehende Schwangerschaft freuen kann.

Die kommenden Wochen sind emotional belastend. In den ersten Tagen dominiert die Angst, ob der gesunde Fötus den invasiven Eingriff übersteht, denn es besteht das Risiko, dass der Abbruch Wehen auslöst und ich somit eine Fehlgeburt erleide. Als klar wird, dass dies nicht eintritt, bin ich kurz erleichtert, aber die Freude über die Schwangerschaft kann sich trotzdem nicht wieder einstellen.

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ein schlechtes Gewissen, weil ich eine Abtreibung hatte. Und ein schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht über die bestehende Schwangerschaft freuen kann.

Die Angst, mich zu freuen

Als ich zum ersten Mal einen Tritt spüre, wird dieser kurze Moment der Freude gleich von dem Gedanken überschattet, dass neben diesem strampelnden Kind ja noch die toten Föten schwimmen. Jeder Kick ist eine Erinnerung daran, was sich in meinem Bauch gerade abspielt. Dazu kommt die Angst, mich zu freuen. Was, wenn sich beim grossen Organ-Check herausstellt, dass auch mit diesem Kind etwas nicht stimmt? Und wir noch einmal vor eine solch fürchterliche Entscheidung gestellt werden?

Ich will nicht, dass mein Bauch wächst, denn ich habe Mühe, mit den Gratulationen von Aussenstehenden auf meine Schwangerschaft umzugehen. Mir fällt auf, wie oft nach der Gratulation die Frage folgt: «Und, verläuft alles gut?»  Die Frage wird oft unbedarft gestellt, früher auch von mir. Man erwartet vielleicht eine Auskunft zur Müdigkeit oder dem Übelsein. Und so weiss ich oft nicht, was ich antworten soll. Wäre ich ehrlich, so würde ich in den meisten Fällen die Fragenden überfordern. Und ich habe auch etwas Angst vor ihren möglichen Reaktionen. Würden sie mich verurteilen?


Das Thema beschäftigt auch unsere Community:

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Dankbarkeit und Wut

Heute, drei Jahre später. Ich war und bin bis heute überzeugt, dass wir nicht wirklich eine Wahl hatten und wohl die meisten Eltern sich gleich wie wir entschieden hätten. Und trotzdem spüre ich eine gewisse Scham in mir. Ich habe ein Kind, respektive zwei Kinder, aufgrund von Fehlbildungen abgetrieben.

Immer wieder schweifen meine Gedanken zu der Situation in den USA. Einerseits in Dankbarkeit, dass wir hier in der Schweiz in einem Land leben, wo wir solche Entscheidungen selbstbestimmt und mit viel Unterstützung durch das medizinische Personal treffen können. Andererseits aber eben auch mit dem Gefühl, dass es anscheinend auf dieser Welt auch heute noch viele Menschen gibt, die unsere Entscheidung aus moralischer Sicht als verwerflich empfinden. Die Frauen, die in der gleichen Situation sind, wie wir es waren, aufzwingen möchten, ihr nicht lebensfähiges Kind weiter auszutragen – unter Gefährdung ihres eigenen Lebens.

Es gibt so viele verschiedene Gründe, weshalb Frauen abtreiben. Und ich bin überzeugt, was auch immer ihre Gründe sind, keiner Frau fällt die Entscheidung leicht.

Das macht mich unglaublich wütend. Es gibt so viele verschiedene Gründe, weshalb Frauen abtreiben. Und ich bin überzeugt, was auch immer ihre Gründe sind, keiner Frau fällt die Entscheidung leicht. Deswegen müssen wir auch hier in der Schweiz sämtlichen Tendenzen, welche das Abtreibungsgesetz verschärfen wollen, vehement entgegentreten.

Und dies ist auch der Grund, weshalb ich meine Geschichte hier erzählen wollte. Um aufzuzeigen, dass es Schwangerschaften gibt, die sehr, sehr gewünscht waren, und trotzdem müssen die Eltern sich für einen Abbruch entscheiden. Und dass ein Schwangerschaftsabbruch manchmal auch ein Leben retten kann.

Denn ohne diesen Eingriff im Sommer 2022 wäre unser kleiner, aufgeweckter, charmanter Junge, der unsere Familie so unglaublich bereichert, heute mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht hier.

Autorin

Regula lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Westschweiz. In ihrem privaten Umfeld spricht sie offen über den Schwangerschaftsabbruch. Weil es dabei jedoch nicht nur um ihre eigene Geschichte geht, sondern auch um die ihres Sohnes und ihrer Familie, möchte sie ihren Nachnamen nicht veröffentlichen.

Informationen zum Beitrag

Veröffentlicht am 8. Dezember 2025


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4 Antworten

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  1. Avatar von lin.
    lin.

    Danke herzlich fürs Teilen dieser schweren Geschichte. Wir mussten vor genau zwei Jahren leider dasselbe durchmachen. Fühl dich umarmt.

  2. Avatar von Nati
    Nati

    Fühl dich gedrückt! das ist eine riesengrosse bürde die du da tragen darfst. Danke dir für dein teilen .

  3. Avatar von Verticalsandy
    Verticalsandy

    Regula.
    Ich lese das und will Dich umarmen.
    Ohne Floskeln.

  4. Avatar von Aggie
    Aggie

    Wow, was für eine eindrückliche Geschichte. Herzlichen Dank fürs Teilhabenlassen, liebe Autorin.
    Jede Frau sollte über ihren Körper entscheiden dürfen!