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Eine Entscheidung für mich – Ja zur Abtreibung

Iona dachte immer, sie könnte nicht abtreiben. Aber in ihr rüttelt es – und sie hört genau hin.

Eine Abtreibung wählt man nicht leichtfertig. Ein Erfahrungsbericht. mal ehrlich

Ja, ich empfinde Freude.

Ja, es ist ein wunderbares Gefühl.

Ja, ich möchte mich darauf einstellen.

Ja, ich bin schon zweifache Mutter.

Ja, ich liebe es, Mutter zu sein. Es ist das Schönste und Intensivste, das ich während meinen 31 Jahren erlebt habe und jeden Tag aufs Neue erlebe.

Ja, es ist aus Liebe entstanden. Wir passen gut zusammen.

Ja, ich möchte es kennenlernen.

Ja, ich bin stark, ich werde diese Schwangerschaft durchstehen, meinen Kindern, meiner Berufung als Yoga-Lehrerin, meinem Online-Shop,
meiner 50%-Stelle in Bern, meinem Liebsten, meinem Umfeld, einfach allem und auch mir gerecht werden.

Ja, diesmal mache ich es anders, diesmal schaue ich mit weiser Voraussicht dahin, wo ich schutzlos meinen mütterlichen Instinkten und unumgehbaren Pflichten ausgeliefert bin.

Ja, ich komme immer noch zuletzt. Ich weiss, ich sollte für mich an erster Stelle stehen. Da stehe ich auch, ganz klar, wenn ich kraftvoll in mir ruhe. Daran gibt es nichts zu rütteln.

So viel Ja. Und doch…

Es rüttelt, denn schon jetzt stehe ich neben mir.

Mir ist übel, bereits über zwei Monate lang. Ich sollte es gewohnt sein, es war schliesslich schon zweimal über neun Monate so. Aber mir ist übel und es rüttelt schon jetzt.

Schon jetzt realisiere ich: Ich hab vieles aufgehört, aufgegeben und verloren, was meine Essenz nährt. Allein sein, tanzen, singen, kochen, essen, Orgasmen, Yoga, Wald. Mich frei fühlen. Alles was mich und nur mich alleine nährt, räume ich weg.

Wäre es möglich?

Ja, ich vertraue ihm, liebe ihn, möchte ganz tief verbunden sein mit ihm.

Ja, ich spüre ein liebevolles, grosszügiges und wohlwollendes Umfeld, das mir helfen würde, dies zu tragen.

Ja, meine beiden Kinder wären wunderbare Geschwister. Mir kommen Freudentränen beim Gedanken, ihnen ein kleines Geschwister zu schenken. Da sind auch noch zwei grosse Geschwister von ihm, wunderbare kleine Menschen.

Ja, ich wünschte mir immer ein Haus voller Kinder.

Ja, es wäre schön.

Ja, ich würde mich dieses Mal besser einrichten, alles anders machen, mich ernster nehmen, mich hören. Ich würde nicht so oft selbstverständlich über meine Grenzen hinausgehen.

Ja es wäre möglich.

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Doch es rüttelt, so tief in mir, so leise, fast flüsternd.

Eine Abtreibung wählt man nicht leichtfertig. Ein Erfahrungsbericht. www.anyworkingmom.com

Es ist mein inneres Kind. Mein innerstes Ich.

Es ist verletzt. Nicht schwer verletzt, aber verletzt.

Mein innerstes Kind ist eine radikale Feministin, autark, laut und frech. Aber es ist lange her, dass ich sie hörte und spürte, denn ich habe sie verletzt und sie wurde stiller. Kleine, fast unmerkbare Wunden, nichts Tragisches, nur etwas «Heile Heile Säge» und «Tue nid so» übermalten die Wunden.

Ich wurde grösser, habe ausgeklügelt mein Menschenverständnis geschult, nach aussen geschaut und gelernt, allen gut zu tun. Ich wollte dieses freche, egoistische Kind nicht mehr in mir und habe es überdeckt, mit dem, was für mich Sinn machte, damit ich dahin komme, wo ich hin will.

Irgendwann wurde es ganz klein und ich gross.

Aber ich werde und bin eine gute Mutter für meine Kinder, auch wenn noch eins kommt. Und wenn es kommt, geht ein Teil von mir und versteckt sich wieder.

Alles war gut, ist gut und wird gut.

Nein! Es rüttelt.

Es rüttelt und im nächsten Moment höre ich mich am Telefon sagen: «Hallo, ich möchte einen Termin für eine Abtreibung

Ich erschrecke. Wie in Trance mache ich weiter, denn sie nehmen keine neuen Patientinnen. Wieder und wieder rufe ich in Praxen an, wieder und wieder höre ich von ihnen, dass sie voll sind.

Schnitt.

Ich bin draussen, muss laufen, werde wütend, ohne Gedanken, einfach nur Wut. Wie hergezaubert treffe ich zufällig meine Schwester, sage ihr, was ich vorhabe, keinen Bock etwas schönzureden. Sie bestärkt mich, nicht meine Entscheidung, einfach nur mich.

Auch sie hat ihre Geschichte.

So viele haben eine Geschichte.

Ich telefoniere weiter, bekomme einen Termin, freundlich, diskret und wohlwollend.

Ich gehe auf Autopilot bis dahin. Möchte diese Entscheidung teilen mit ihm. Er hat Verständnis, steht hinter mir. Wie schön für mich.

Doch ich bin in Gedanken bei all den Frauen, die nicht bestärkt werden, nicht unterstützt werden, verurteilt werden. Wie grausam, dass diese Entscheidung verachtet wird oder an vielen Orten illegal ist. Wie widerlich, dass unsere Gesellschaft mit solchen Realitäten von Fortschritt redet.

Ich habe nun gespürt, wie wertvoll es sein kann zu hören, dass ich nicht alleine bin mit dieser Entscheidung für mich. Und gleichzeitig hab ich gespürt, wie alleine, beschämt oder gar verstossen sich viele durch diese Entscheidung kämpfen müssen. 

Deshalb teile ich mich mit. Damit es aus der Tonne der Tabus herauskommen kann.

Ich dachte immer, ich könnte das nicht.

Eine Abtreibung wählt man nicht leichtfertig. Ein Erfahrungsbericht. www.anyworkingmom.com

Könnte mich nicht über Mutter Natur hinwegsetzen.

Ja, ich kann. Denn ich, meine Gedanken und meine Entscheidungen sind auch Teil dieser Natur.

Ja, es war beängstigend, fordernd und schmerzhaft. Doch ich hatte keine Zweifel, jedenfalls fast keine. Mit dieser Erfahrung durfte ich erleben, wie komplex ein Mensch ist – wie komplex ich bin, alles ist. Und wie wenig es ein Richtig und ein Falsch gibt.

Meine Entscheidung war für mich nicht vorauszusehen, denn ein sehr grosser Teil von mir, den ich sehr liebe und umarme, hat sich dieses Kind gewünscht und hätte es mit aller Kraft, Liebe und Leidenschaft in die Welt und durch sein Leben getragen.

Doch diese mütterliche Seite in mir hätte wiederum alles andere in mir für einige Jahre verdrängt. Mit dieser allumfassenden, durchdringenden Liebe, die entstehen kann, wenn ein Kind auf die Welt kommt, wird alles andere unwichtig, werde ich unwichtig.

Ich bin froh, dass ich mir am wichtigsten bin.

Dass ich mich ernst nehme und diese Entscheidung treffen kann. Ich hoffe zutiefst, diese Entscheidung bleibt auch weiter bei uns selbst.

Iona Knieriemen

Autorin

Iona Knieriemen (*1990) lebt und webt in Solothurn. Seit über 14 Jahren unterrichtet sie Yoga und ist selbstständige Grafikerin und Unternehmerin. Seit dem Beginn ihrer Reise als Mama vor acht Jahren, erforscht sie auf allen Ebenen das Mutter- und vor allem Frau Sein. Sie teilt ihre Gedanken und ihren Erfahrungsschatz im Yoga-Unterricht, in Texten und über ihren Online-Shop, in dem sie sinnliches, schmückendes und inspirierendes Kunsthandwerk und Design anbietet. www.ionayogawerk.ch

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 24. August 2022 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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4 Antworten

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  1. Avatar von Sandra
    Sandra

    Liebe Iona

    Vielen Dank für diesen Text. Er hat mich sehr berührt. Das Leben und auch das Familienleben ist sehr vielschichtig und einfache Antworten gibt es nicht.
    Meine Geschichte ist eine andere, ich habe mir sehnlichst ein drittes Kind gewünscht. Mein Mann war nicht bereit dazu und nach einem langen Prozess habe ich mich davon verabschiedet. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist es wohl für unsere Familie besser so, obwohl diese Ehrlichkeit mir gegenüber sehr schmerzt(e).
    Alles Liebe und Gute dir!

  2. Avatar von Jil
    Jil

    Liebe Iona, herzlichen Dank für deinen Mut, öffentlich über deine Abtreibung zu sprechen und deine Hintergründe diesbezüglich mit uns zu teilen. Es hilft, das Tabu rund um dieses Thema zu brechen.

    Es gibt unzählige Gründe, wieso sich jemand für einen Abort entscheidet, meistens jedoch, um das Leben wie gewohnt weiterführen zu können. Für einige geht dieser Plan auf, sie fühlen direkt nach dem Abbruch grosse Erleichterung und alles ist, wie es war. Für andere aber, steht die Welt Kopf. Bei mir war zweiteres der Fall.

    Vor einigen Jahren hatte ich selbst einen Schwangerschaftsabbruch. Weil leider noch stark über dieses Thema geschwiegen wird, habe ich mein Geheimnis sehr lange für mich behalten. So lange, bis Trauer und Verlust mich schlussendlich doch zum Reden gebracht haben. Obwohl ich die Entscheidung nie bereut habe, haderte ich mit unterwarteten Emotionen und fand mich in einem intensiven Verarbeitungsprozess wieder. Das Gefühlschaos hat mich in meinem Alltag ausgebremst, weshalb ich mich dazu entschlossen habe, nach professioneller Unterstützung zu suchen. Leider habe ich keine gefunden, auch nicht nach einer gründlichen Recherche. Über Trauer nach Abtreibung wird nicht gesprochen. Denn Selbstvorwürfe und Scham hindern viele Betroffene daran, sich jemanden anzuvertrauen.

    Heute bin ich im Reinen und empfinde tiefe Dankbarkeit für meine Erfahrung und all die Erkenntnisse, die ich dadurch gewonnen habe. Es hat mich inspiriert, eine Anlaufstelle für andere Betroffene zu gründen, die noch mit negativen Auswirkungen zu kämpfen haben. Nicht über seine Gedanken und Emotionen sprechen zu können, kann zusätzlichen Stress auslösen. Auf meiner Website http://www.pro-healing.com findet man mehr über mich und meine Arbeit.

    Ich wünsche dir alles Gute und bin dankbar für deinen Beitrag hier auf dieser Seite.

  3. Avatar von Monika Flattich
    Monika Flattich

    Mutterweisheit… Das tiefe Wissen und die Erfahrung, wieviel ein Kind einem abfordern kann, seine Grenzen immer wieder erfahren lässt und damit nun sich für das eine oder andere Szenario zu entscheiden. Entweder oder. Ganz oder gar nicht. “Es bitzeli” oder “Sowohl als auch” steht nicht zur Wahl. Ein sorgfältiges Abwägen der zur Verfügung stehenden Kräfte. Ein Ja zu sich, wird zu einem Nein aus Liebe. Aus Liebe zu sich, aus Liebe zur bestehenden Familie mitunter auch. Auch ein Instinkt als Naturwesen, die Kräfte weise zu bündeln. Frauenweisheit.
    Sage-femme, Hebamme auf französisch, umfasst wohl von alters her das Wissen um Geburt und Existenz, körperlicher UND geistiger Art.

  4. Avatar von Christine
    Christine

    Liebe Iona,
    Wow, was für ein Text!
    Zuerst dachte ich, iii nein, das geht ja gar nicht. Dann habe ich gelesen und mich gespürt. Ja, wahrscheinlich würde ich mich genauso fühlen. Mein inneres ich übertönen und nicht darauf hören. Nach unserem so gewünschten 3 Kind war mir SO klar, das ist unser letztes. Und wenn ich darüber nachdenke was wäre wenn da noch ein 4 kommen möchte. Dann fühle ich genau wie du beschreibst, mit dem unterschied das ich mich vielleicht nicht so entscheiden könnte, weil ich mich oft selbst übertöne. Ich bin froh bin ich nicht in der Situation.
    Ich wünsche dir und deiner Familie alles gute!

    Liebe Grüsse
    Christine