Freundschaft, unterschätzt
Seit sie sich erinnern kann, hat unsere Autorin grossartige Freund:innen. Doch was für ein Glück das ist, war ihr lange nicht bewusst. Heute findet sie: Freundschaften verdienen mehr als ein Dasein im Schatten der romantischen Liebe.

Ich bin sehr privilegiert, aus vielen Gründen, ganz klar. Aber ein Grund wurde mir in den letzten Jahren erst richtig bewusst: Was für ein Glück es ist, dass ich Freundinnen und Freunde habe. Nicht bloss Bekannte, sondern richtig gute, langjährige Gefährt:innen. Auch wenn ich diese Menschen nie als selbstverständlich betrachtet habe, waren Freundschaften dennoch für mich etwas, das einfach dazugehörte. Sie waren immer da.
Freund:innen, die mich schon kannten, als ich mir meine Haare abrasierte und selbst mit einer heissen Sicherheitsnadel Ohrlöcher stach.
Tatsächlich habe ich eine Freundin, die ich kenne, seit wir als Babys gemeinsam auf dem Schoss meiner Mutter sassen. Andere kamen später dazu, aber auch das ist mittlerweile schon eine Ewigkeit her. Sie waren immer da. Freund:innen, die mich schon kannten, als ich mir meine Haare abrasierte und selbst mit einer heissen Sicherheitsnadel Ohrlöcher stach. Als ich das erste Mal betrunken war, haben sie mich sicher nach Hause gebracht und meiner Mutter erzählt, mir sei bloss auf einer Chilbi-Bahn schlecht geworden.
Immer da
Sie reisten mit mir ins Tessin, als ich mir überlegte, am Teatro Dimitri die Clownschule zu besuchen (heute lachen wir Tränen über diese Idee). Freund:innen, die mit mir jeden Liebeskummer beweint und mich jedes Mal wieder aufgepäppelt haben, lange bevor ich meinen Mann kennengelernt habe.
Sie waren immer da. Es ist dieses gemeinsame Auf-Dem-Weg-Sein, das die Freundschaften so besonders macht. Manchmal weiterkommen, manchmal in einer Sackgasse enden, sich im Kreis drehen und verlaufen, aber vor allem: nie allein unterwegs sein.
Ich wünschte mir so sehr die grosse, romantische Liebe, dass ich nicht merkte, dass das Glück die ganze Zeit vor meiner Nase sass.
Manchmal wünsche ich mir, mir wäre dieses grosse Glück schon früher bewusst gewesen. Ende Zwanzig war ich Single, während viele meiner Freundinnen und Freunde in festen Beziehungen waren. Das wollte ich auch und war für mich unbewusst das Ziel: eine glückliche, romantische Beziehung zu haben. Erst dann wäre alles gut. Ich wünschte mir so sehr die grosse, romantische Liebe, dass ich nicht merkte, dass das Glück die ganze Zeit vor meiner Nase sass: in Form von Freunden und Freundinnen, die mich nie im Stich liessen.
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Schattendasein
Dabei will ich die romantische Beziehung nicht schlechtreden und ich bin dankbar, dass auch sie den Weg in mein Leben gefunden hat. Doch ich frage mich, warum diese Idealvorstellung so fest verankert ist in unseren Köpfen: Nur mit einem Partner oder einer Partnerin ist man komplett. Freundschaften fristen ein Dasein im Schatten der romantischen Liebe.
Wer keine Partnerin oder keinen Partner hat, wird bemitleidet. Umgekehrt fragt niemand, ob man gute Freund:innen hat.
Ich beobachte, dass man in unserer Gesellschaft noch immer oft davon ausgeht, dass Menschen erst dann wirklich angekommen sind, wenn sie eine romantische Beziehung haben. Wer keine Partnerin oder keinen Partner hat, wird sogar bemitleidet und man wünscht dieser Person, dass sie bald jemanden – diesen einen Menschen! – findet. Umgekehrt fragt niemand, ob man gute Freund:innen hat. Kaum jemand denkt: «Wow, die sind ja richtig dicke Freundinnen, wie toll.»
Natürlich ist es nicht immer einfach, Freund:innen zu finden. Nicht alle haben Sandkastengefährt:innen, und anders als bei romantischen Beziehungen ist es weniger üblich, auf Apps wie Tinder nach einem passenden Gegenüber zu suchen. Zudem braucht der Aufbau einer Freundschaft Zeit. Eine Ressource, die gerade in einem Leben mit Familie ohnehin schon oft knapp ist.
Zeit und Arbeit
Der amerikanische Kommunikationsforscher Jeffrey Hall geht aufgrund seiner Studie davon aus, dass Menschen rund 200 Stunden brauchen, um eine enge, «beste» Freundschaft aufzubauen. Hall sagte zu seinen Beobachtungen: «Wir müssen diese Zeit einbringen. Man kann Freundschaft nicht herbeizaubern. Die engsten Beziehungen zu pflegen, ist die wichtigste Arbeit, die wir in unserem Leben tun – die meisten Menschen auf dem Sterbebett würden dem zustimmen.»
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine tiefe Freundschaft die romantische Beziehung überdauert, ist relativ gross.
Die Scheidungsrate in der Schweiz von rund 40 Prozent, und eine vermutlich vergleichbare Zahl von Trennungen bei unverheirateten Paaren, macht zudem deutlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine tiefe Freundschaft die romantische Beziehung überdauert, ist relativ gross.
Seit gut vier Jahren lebe ich in Portugal und meine Freundinnen und mich trennen über 2000 Kilometer oder fast 24 Stunden Fahrt oder 3 Stunden mit dem Flugzeug. Sich einfach schnell spontan treffen? Das liegt längst nicht mehr drin.
Aber mir ist auch klar, dass wir uns nicht ständig sehen würden, lebte ich in der Schweiz oder gar in der gleichen Stadt. Ein Schultermin, die Abklärung bei der Ärztin, die Geburtstagsparty und das weissnichtwievielte Grümpelturnier reihen sich nahtlos aneinander. Das Leben ist eng getaktet und obwohl das Herz für die beste Freundin schlägt, müssen die gemeinsamen Treffen nicht selten hinten anstehen.
Genauso wichtig
Dabei bin ich überzeugt davon, dass wir gut daran tun, unsere Freundschaften genauso ernst zu nehmen wie die Partnerschaft. Zuneigung ausdrücken, aber auch Probleme oder Unstimmigkeiten ansprechen und vielleicht sogar eine gemeinsame Therapie machen (Warum behalten wir uns das fast immer nur für die romantische Beziehung vor?). Oder zum Beispiel alle zwei Wochen telefonieren, und nicht nur Sprachnachrichten schicken. Eine regelmässige Date-Night oder einen Plauder-Morgen planen, einmal im Monat, komme (fast) was wolle.
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So oft kann ich meine Freundinnen nicht sehen. Aber ich treffe meine beste Freundin mindestens einmal im Jahr in einer anderen Stadt, wo es dann für ein paar Tage nur sie und mich gibt. Und kaum sind wir wieder zu Hause – sie in Zürich, ich in Portugal –, planen wir den nächsten Trip.
Ich will nicht erst auf dem Sterbebett wissen, dass meine Freundinnen genauso wichtig sind wie mein Partner. Und ich will, dass sie das auch jetzt schon wissen und sage darum einfach hin und wieder: «Du bist grossartig, zum Glück gibt es dich in meinem Leben.»
In ihrem neusten Roman «Bis die Vögel nicht mehr sterben» erzählt Michelle de Oliveira von Mira und Chloe – zwei Freundinnen, die sich seit ihrer Kindheit kennen und die einander Familie, Spiegel und Halt sind. Bis Chloe bei einem Treffen plötzlich zusammenbricht. Ein Roman über Freundschaft und Verlust – und darüber, was bleibt, wenn die wichtigsten Menschen ins Wanken geraten.
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Veröffentlicht am 31. August 2026