Beziehungen gestalten
Trennt euch nicht – esst Tapas!
Es gibt eine gesellschaftliche Norm, was man in einer Liebesbeziehung teilt – und die meisten folgen ihr unhinterfragt. Stattdessen könnten wir Beziehungen als Tisch voller Tapas betrachten: Was essen wir gemeinsam? Was lieber alleine? Und was vielleicht mit jemand anderem?

Liebesbeziehungen entwickeln sich in den meisten Fällen relativ stringent: Zwei Menschen lernen einander kennen, sie daten eine Weile, verbringen immer mehr Zeit zusammen, sie stellen einander ihren Freund:innen vor, danach der Familie. Dann beginnen sie, Ferien zusammen zu verbringen, sie nehmen einander als Begleitung zu Hochzeiten und Geburtstagen mit, oft ziehen sie irgendwann zusammen, eröffnen ein gemeinsames Konto, und – falls gewollt – kommen schliesslich Kinder ins Spiel.
Die amerikanische Autorin und Journalistin Amy Gahran prägte für diese scheinbar selbstverständliche Abfolge den Begriff Relationship Escalator.[1] Die allermeisten von uns fahren mit diesem automatisch programmierten «Beziehungs-Lift», auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind.
Tapas-Tisch statt Lift
Der Relationship Escalator führt dazu, dass die meisten Beziehungen einem Standardskript folgen, das nie hinterfragt wird. Es sind weniger wir selbst als gesellschaftliche Normen, die vorgeben, was in eine Beziehung gehört und was nicht.
Wieder aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen, wenn es nicht harmoniert, aber ein Paar bleiben? Für die meisten undenkbar.
Die unausgesprochene Selbstverständlichkeit ist: Der Lift fährt nur aufwärts. Wieder aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen, wenn es nicht harmoniert, aber ein Paar bleiben? Für die meisten undenkbar. Als Vater alleine mit den Kindern in die Ferien fahren, weil die Mutter andere Vorstellungen von Ferien hat – und völlig im Reinen damit sein? Passiert eher selten.
Statt mit dem Relationship Escalator unausgesprochen alle Stockwerke nach oben zu fahren, können wir beginnen, unsere Liebesbeziehungen bewusster zu gestalten. Das Konzept Relationship Design bietet dafür hilfreiche Werkzeuge.[2]
Es lädt dazu ein, uns zusammen mit unserer Partnerin oder unserem Partner an einen Tisch zu setzen und uns vorzustellen, dass darauf ganz viele Tapas-Teller für uns bereitstehen. Jeder Teller symbolisiert einen Bereich unserer Beziehung. Nun beginnen wir darüber nachzudenken, was wir miteinander teilen möchten.
Welche Tapas mögen wir beide? Welche essen wir lieber allein oder mit anderen Menschen? Welche sind uns wichtiger und welche weniger?
#daschamebruuche aus unserem Concept Store
Die Beziehung neu betrachten
Das Konzept Relationship Design ändert erstmal nichts an unseren Liebesbeziehungen – es schlägt lediglich vor, diese aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten: Der Tapas-Tisch ermöglicht ein bewusstes Gespräch über Dinge, die für die meisten ganz selbstverständlich zu ihrer Beziehung dazugehören. Die Frage verschiebt sich von «Was ist normal? » zu «Was passt zu uns?».
Welche Tapas möchten wir – auch oder ausschliesslich – mit anderen Menschen teilen?
Zum Gespräch rund um den Tapas-Tisch gehört auch die Diskussion darüber, welche der Tapas wir exklusiv füreinander reservieren möchten. Und welche möchten wir – auch oder ausschliesslich – mit anderen Menschen teilen? Vielleicht verbringe ich Wellnesswochenenden lieber mit meinem besten Freund als mit meinem Partner. Oder ich wünsche mir eine eigene Wohnung nur für mich.
Diese bewusste Auseinandersetzung mit unseren Bedürfnissen und der Frage, mit wem wir welchen Lebensbereich teilen möchten, führt auch zu einer Aufwertung der Beziehungen zu anderen Menschen in unserem Leben: Wir setzen nicht automatisch voraus, dass die Partnerin oder der Partner für alles an erster Stelle steht.[3]
Alternative zur Trennung
Genauso absolut wie unsere herkömmliche Sicht auf Liebesbeziehungen ist oft auch unsere Vorstellung von Trennung. Entweder man ist zusammen, oder man ist es nicht. Entweder man teilt alle Tapas – oder keine.
Wenn es nicht mehr stimmt, wird in stereotypen Beziehungsmodellen meist die gesamte Beziehung in Frage gestellt. Das Problem: In der Escalator-Logik gibt es nur «all in» oder «out».
Ein ehrliches Gespräch am Tapas-Tisch kann dazu eine befreiende Alternative sein: Statt uns die absolute und oftmals beängstigende Frage zu stellen, ob wir uns trennen sollen, können wir uns fragen, was nicht mehr stimmt. Wenn wir Teller grosszügig beiseite räumen, stellen wir dabei vielleicht auch fest, dass es durchaus auch einige Tapas gibt, die wir weiterhin miteinander teilen möchten.
Wir beenden die Beziehung nicht, wir verändern sie bloss. Das befreit unsere Liebesbeziehungen von der Last, alles füreinander sein zu müssen.
Klar ist: Gewisse Teller vom Tisch zu räumen, ist nicht einfach; vor allem, wenn Bedürfnisse auseinandergehen. Relationship Design bewahrt uns nicht vor Konflikten, aber es bietet uns deutlich mehr Spielräume als die traditionelle Sicht auf Beziehungen.
So relativiert sich die Grenze von Zusammen- und Getrenntsein: Wir beenden die Beziehung nicht, wir verändern sie bloss. Das befreit unsere Liebesbeziehungen von der Last, alles füreinander sein zu müssen. Plötzlich wird vieles diskutabel. Plötzlich können wir innerhalb einer Beziehung auf Dinge verzichten, die nicht funktionieren – ohne die ganze Beziehung in Frage stellen zu müssen.
Sex auf dem Tisch
Juicy wird es meist dann, wenn es darum geht, den Sex-Teller zu diskutieren. Wichtig zu verstehen ist das Folgende: Relationship Design führt nicht automatisch zu offenen Beziehungen, obwohl das Konzept vor allem aus polyamoren Kreisen bekannt ist. Denn selbstverständlich können wir gemeinsam beschliessen, den Sex-Teller nur zu zweit verspeisen zu wollen.
Natürlich können wir auch zum Schluss kommen, alle Teller ausschliesslich gemeinsam zu teilen und auf keinen einzigen verzichten zu wollen (also mit dem Escalator schnurstracks bis in den obersten Stock zu fahren). Es macht aber einen Unterschied, ob wir das bewusst entscheiden, oder unhinterfragt tun, obwohl es für uns vielleicht nicht stimmt.
Indem wir einander offen von unseren Bedürfnissen erzählen – auch wenn sich diese im Laufe der Zeit ändern –, schaffen wir Vertrauen und Verständnis. Und wir schaffen innerhalb unserer Beziehung Spielräume, die vorher schlicht nicht existiert haben.
Hol dir deinen Werkzeugkasten für euer Paargespräch
Das «Smörgåsbord» bezeichnet eine traditionelle schwedische Mahlzeit, bei der eine Vielzahl von kalten und warmen Speisen auf einem Buffet serviert werden. Die Schwedin Andie Nordgren übernahm 2006 dieses Bild, um zu veranschaulichen, wie Beziehungen individuell gestaltet werden können.[4]
Das «Smörgåsbord» (wir nennen es in unserem Artikel «Tapas-Tisch») wurde seither vielfach ergänzt und erweitert. Wir finden, dass die vermutlich aktuellste Version eher aufwändig und teilweise eher schwer auf unsere Lebensrealität anwendbar ist.

Deshalb haben wir für euch zum Download eine neue Version erstellt, die eher kurz gehalten ist. Sie soll einen einfachen Einstieg in ein solches Gespräch bieten und kann beliebig ergänzt werden.[5]
Hier geht’s zum Werkzeugkasten und zur Anleitung für ein Tapas-Gespräch zu zweit.
[1] Mehr dazu z.B. hier: https://offescalator.com/what-escalator/
[2] Der Begriff Relationship Design stammt aus dem Konzept der Beziehungsanarchie. Beziehungsanarchie (engl: relationship anarchy) ist ein Konzept, das vor allem in alternativen und nicht-monogamen Gemeinschaften verwendet wird. Wir wenden diese Konzepte hier bewusst im Kontext von stereotypen, monogamen Beziehungen an. Mehr zum Konzept der Beziehungsanarchie, z.B. hier: https://www.therelationshipanarchist.com/relationship-anarchy-guide
[3] Die Beziehungsanarchie geht generell davon aus, dass Beziehungen flexibel und individuell gestaltet werden können. Es geht nicht nur um romantische Beziehungen, sondern auch um Freundschaften, Arbeitsbeziehungen oder jegliche andere Art von Verbindung zwischen Menschen. Man kann das Tapas-Gespräch also auch mit einer guten Freundin oder dem Bruder führen. Die gemeinsame Beziehung bewusst zu gestalten, kann auch ausserhalb von Liebesbeziehungen wertschätzend und vertiefend sein.
[4] https://theanarchistlibrary.org/library/andie-nordgren-the-short-instructional-manifesto-forrelationship-anarchy
[5] Die vollständige Version des Smörgåsbords (2019) ist z.B. hier zu finden: https://images.squarespacecdn.com/content/v1/637a4f092ba7e462a2116e6c/1f727022-8d19-4b2e-ac8f-533f2d2c1080/RAsmorgasbord.jpg
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Veröffentlicht am 3. August 2026
