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Kolumne

Ich stille, also bin ich. Oder doch nicht?

Man sagt, Stillen sei Bindung. Unsere Autorin spürt vor allem Druck – und das nicht nur in ihren Brüsten. Ihr Baby will nicht trinken, sie will nicht aufgeben.

Von

Collage mit Porträt von Kolumnistin Rebekka Bräm, tropfender Brust, Babyfläschchen und schlängelndem Weg mit Tafeln. – Stillen oder nicht?

«Möchtest du stillen?» Mir kam die Frage völlig absurd vor, ich konnte ja noch immer kaum glauben, dass in ein paar Monaten tatsächlich ein echtes, lebendiges, kleines Menschlein aus mir herausflutschen würde. Dass mein Körper ausserdem in die Nahrungsproduktion übergehen und besagtes Menschlein an meinen Nippeln hängen (und mich dabei nicht jedes Mal in die Überstimulations-Hölle schicken) würde? Unvorstellbar.

Stillen? Wenn’s geht.

«Ja, wenn’s geht», antwortete ich, verunsichert durch die diversen Still-Misserfolgsstorys aus meinem Umfeld. «Wenn’s geht.» Mhm.

Ich bin glücklicherweise nicht so streng mit mir bei diesen Dingen. Auf gewisse Lebensmittel verzichten in der Schwangerschaft ja, aber mit Ausnahmen. Medis halt trotzdem nehmen, wenn nötig. Natürlich gebären wäre schön, aber nur wenn möglich und ganz sicher mit PDA. In Ausnahmefällen trotz Stillzeit Alkohol.

Ich bin überzeugt davon, dass meine Aufopferung am Ende allen Beteiligten schaden würde.

Ich finde es erschreckend, wie manche Frauen ihren Wert daran zu knüpfen scheinen, was ihr Körper kann oder nicht kann. Auch darüber, was ich auszuhalten bereit bin, definiere ich mich nicht so sehr. Ich will gar nicht die perfekte, allzeit verfügbare Mutter sein.

Ich bin überzeugt davon, dass meine Aufopferung am Ende allen Beteiligten schaden würde und habe den Verdacht, dass der Ansatz der bedürfnisorientierten Erziehung oft fehlinterpretiert wird. Ja, die Bedürfnisse der Kinder sind wichtig, aber was ist mit den Müttern? Die, die im Idealfall doch Lebensfreude, Gelassenheit und – gerade als Frau! – Selbstfürsorge vermitteln sollten, gehen erschreckend oft leer aus.

Es geht.

Es wurde also geflutscht und zu meinem grossen Erstaunen war da plötzlich dieses kleine Mädchen. Bevor ich auch nur einen Gedanken fassen konnte, wurde mir das nasse Bündel auf die Brust geklatscht und begann zu saugen.

Zu Beginn lief eigentlich alles ganz gut. Man sagte mir, ich hätte Glück (das wusste ich eh schon, mein Baby war ganz zufälligerweise das allerherzigste von allen), und ging über zum nächsten Traktandum. Doch nach einigen Wochen schien abends nicht mehr genug Energie zum Saugen da zu sein. Das Baby trank unkonzentriert, kurz, weinte viel. Offensichtlich blieb es hungrig und so einigten wir uns auf einen zusätzlichen Schoppen pro Tag.

#daschamebruuche aus unserem Concept Store

Das schien erst zu helfen, doch dann wurde das Problem grösser und verschob sich immer weiter nach vorne. Oft schrie unsere Tochter meine Brust bereits vormittags an und liess sich tagsüber auch mit geduldigstem Zureden nicht zum Saugen bewegen. Dann wieder trank sie, als wäre nichts gewesen. Nur produzierte ich mittlerweile natürlich nicht mehr genug Milch. Also regten wir die Milchbildung gemeinsam an, bis meine Wasserballonbrüste zu explodieren drohten, nur damit das Töchterchen seinen Streik postwendend wieder aufnehmen konnte.

Es muss doch gehen!

Es «geht» also eigentlich nicht. Und trotzdem versuche ich es krampfhaft weiter, als wäre ich zum Abstillen nicht befugt. Ich bräuchte wohl eine Fachperson, die mir meinen Eindruck bestätigt, die mir sagt: «Doch doch, Frau Bräm, Sie haben es wirklich probiert.»

Ein Zustand, der für mich und meine Brüste so nicht tragbar ist.

Sobald ich aber nur schon antöne, dass das Stillen gewisse Probleme mit sich bringt, werde ich unter Generalverdacht gestellt. Sofort werden die zahlreichen Vorteile der (zweifellos überlegenen) Muttermilch aufgelistet. Ich widme zwischenzeitlich meine gesamte Freizeit dem Abpumpen, doch was als Übergangslösung begann, wird immer mehr zum Zustand. Ein Zustand, der für mich und meine Brüste so nicht tragbar ist. Aber – was, wenn es morgen plötzlich wieder ginge? Es ist alles nur eine Phase, das ist ja das Mutter-Mantra schlechthin.

Geht’s noch?!

Eigentlich finde ich es absolut verantwortungslos (und im Widerspruch zu allem, was mir lieb ist), diesem Mädchen jetzt schon zu vermitteln, dass es für sein Essen kämpfen muss. Dass es jedes einzelne Mal die immer gleiche Grenze setzen muss und ich ihm weiterhin unbeirrt achtmal am Tag meinen nackten Nippel ins Gesicht drücke.

Schokolade zu schlemmen und diese via Milchkanal wieder loszuwerden, ist schon verlockend.

Warum gestehe ich mir die Niederlage nicht einfach ein? Klar, dass die Gesellschaft mir das Gefühl gibt, dass ich statt Pulvermilch auch direkt Giftmüll verfüttern könnte, hilft nicht. Aber wenn ich ehrlich bin, beeindruckt mich das, so nervig es auch ist, nur bedingt. Geht es darum, dass ich abnehmen möchte? Kalorien gehen ja im Normalfall nur rein und niemals raus. Schokolade zu schlemmen und diese via Milchkanal wieder loszuwerden, anstatt für immer mit sich rumzuschleppen, ist schon verlockend. Oder ist es das alte, sparbewusste «Das kann man doch selbermachen»? Eine Anti-Food-Waste-Haltung?


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Baby (9 Monate alt) beisst beim Stillen. Wie soll ich reagieren?

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Es geht nicht mehr.

All das hat bestimmt einen Einfluss. Am meisten ins Gewicht fällt bei mir aber vermutlich mein schon immer sehr ausgeprägtes und oft fehlgeleitetes Pflichtbewusstsein. Man hat mir gesagt, ich solle stillen, also stille ich. Eben wegen der ganzen Vorteile, die mir übrigens unentwegt gegen die Hirnrinde pochen.

Auch jetzt, als ich im Morgenregen auf die Strasse trete und Tränen zurückhalten muss. Meine Tochter wird heute vier Monate alt und hat sich gerade zum ersten Mal auch nachts geweigert, von meiner Brust zu trinken. Die Entscheidung wurde wohl bereits gefällt. Einfach nicht von mir.

Rebekka Bräm, Autorin, Schwangerschaftskolumne mal ehrlich

Autorin

Rebekka Bräm mag Texte, die in wenig Worten viel sagen. Ursprünglich Opernsängerin, arbeitet sie heute in der Kulturkommunikation und ist daneben als freischaffende Autorin tätig, unter anderem für die «Annabelle» und als Scout für «kulturzüri.ch». Schreiben ist etwas, was Rebekka passiert ist. Es hilft ihr dabei, in turbulenten Momenten ihre Ruhe wiederzugewinnen. Was sie als Autorin ausmacht, ist unzensierte Ehrlichkeit. Sie will auf den Punkt kommen, berühren und unterhalten.

Informationen zum Beitrag

Veröffentlicht am 25. August 2025


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6 Antworten

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  1. Avatar von Cone Mayer
    Cone Mayer

    Oh ja kommt mir bekannt vor – 1. Kind Riesenkrampf, Brust, Schoppen, Abpumpen und das im Dauerlauf, danach nach nur Pulver und ein bisschen Brust – Horror und immer noch unzufrieden, 9 Jahre später unbegreiflich in was einem Film ich war. Irgendwann hatte ich es mit einer verständnisvollen MüBe zu tun, die mich wieder auf die Spur brachte.
    Dann 2. Tochter, nach Geburt an die Brust, 6 Monate später wieder „abgedockt.
    Liebe Babymütter da draussen – wenn alle Frauen und Kinder stillen könnten, gäbe es keine Ammen und keine Pulvermilch!
    Glaubt nicht alles was Euch erzählt wird und hört auf Euer Bauchgefühl. Ist es gut, macht weiter, ist es schlecht, hört auf!

  2. Avatar von Laura
    Laura

    Ich fühle so so fest mit dir!

    Bei uns war es ganz ähnlich. Das Kind wollte/konnte nicht an der Brust trinken, schrie bei jedem Versuch. Und ich? Ich pumpte aus Vertrauen dem Spital-Personal gegenüber («Sie lernts denn schono, lueged Sie, dass Sie ihri Milchproduktion chönd ahrege!») und aus schlechtem Gewissen, ihr sonst keine wertvolle Muttermilch geben zu können, alle 2-3 Stunden krampfhaft Milch ab. Ja, auch wenn die Kleine nachts 6h am Stück schlief..

    Nach ein paar Wochen war ich psychisch so am Ende, dass ich den Beschluss fasste, die Frequenz zu reduzieren. Trotzdem pumpte ich immer noch mehrmals täglich Milch ab und nahm rissige Brustwarzen und sehr schlechte Stimmung bei jedem Gedanken an die nächste Pump-Session in Kauf. Ich schwankte zwischen «Das chans doch nöd si!» und «Aber sie bechunnt so no Muettermilch!» hin und her.

    Nach weiteren Wochen des Leidens (ja, es war wirklich ein f***ing PAIN!) gab ich es dann ganz auf. Mit vielen Tränen, Herzschmerz und schlechtem Gewissen.

    Ich sagte ständig in meinem Kopf zu mir: «Was tusch so blöd? Es GAHT ja und du gisch ihre eifach kei Muettermilch meh?!» NEI, ES GAHT EBE NÖD! Wenn es mir damit so schlecht geht, ist abstillen einfach die beste Lösung für alle. Seit ich diesen mega schwierigen, emotionalen und schmerzhaften Schritt gewagt habe und meiner inzwischen auch 4 Monate alten Tochter PRE-Milch gebe, habe ich so viel mehr Zeit für sie und ihr süsses Lachen. Und sind wir mal ehrlich? Es ist ihr sch***egal, was sie isst. Sie ist kerngesund und will einfach Mami und Papi und ihre Greiflinge und rumgucken und Sachen zum ersten Mal sehen und machen.

    Ich HASSE, dass die Gesellschaft und dieses schlechte Gewissen macht. Ich HASSE, dass man sich als Nichtstillende ständig rechtfertigen muss und ich HASSE, dass es immer ALLLLLEEEEEEE besser wissen.

    Ich wünsche allen Mamis in dieser oder einer ähnlichen schwierigen Situation die Kraft, sich selbst auch mal an erste Stelle zu stellen. Ein glückliches Mami ist nämlich auch das Beste für das Kind!

    1. Avatar von Petra
      Petra

      Der Text könnte von mir sein. Mit 3 Jahre altem kerngesunden Und quietschvergnügten Sohn und trotzdem manchmal noch diese Schuld-Flashbacks. Das kann es doch nicht sein?!?

  3. Avatar von Linda
    Linda

    Nach zwei Monaten „Stillkampf“ hat mir unser Kinderarzt geraten, dass eine entspannte Mutter wichtig ist für ein Neugeborenes und es in unseren Breitengraden absolut vertretbar ist Milchpulver zu verabreichen. Das hat mir (endlich!) die Augen geöffnet und heute – über fünf Jahre später – kann ich mit bestem Gewissen sagen, dass es unserem Töchterchen in keinster Weise geschadet hat!

  4. Avatar von Mara
    Mara

    Oje, es ist so schrecklich. Ich habe das auch so erlebt und wünschte mir jetzt 4 Jahre später, ich hätte einfach zur Pulvermilch gegriffen. Es hätte mir und somit allen Beteiligten besser getan.

  5. Avatar von evlin
    evlin

    könnte 1 zu 1 von mir sein…