Kolumne
Ich stille, also bin ich. Oder doch nicht?
Man sagt, Stillen sei Bindung. Unsere Autorin spürt vor allem Druck – und das nicht nur in ihren Brüsten. Ihr Baby will nicht trinken, sie will nicht aufgeben.

«Möchtest du stillen?» Mir kam die Frage völlig absurd vor, ich konnte ja noch immer kaum glauben, dass in ein paar Monaten tatsächlich ein echtes, lebendiges, kleines Menschlein aus mir herausflutschen würde. Dass mein Körper ausserdem in die Nahrungsproduktion übergehen und besagtes Menschlein an meinen Nippeln hängen (und mich dabei nicht jedes Mal in die Überstimulations-Hölle schicken) würde? Unvorstellbar.
Stillen? Wenn’s geht.
«Ja, wenn’s geht», antwortete ich, verunsichert durch die diversen Still-Misserfolgsstorys aus meinem Umfeld. «Wenn’s geht.» Mhm.
Ich bin glücklicherweise nicht so streng mit mir bei diesen Dingen. Auf gewisse Lebensmittel verzichten in der Schwangerschaft ja, aber mit Ausnahmen. Medis halt trotzdem nehmen, wenn nötig. Natürlich gebären wäre schön, aber nur wenn möglich und ganz sicher mit PDA. In Ausnahmefällen trotz Stillzeit Alkohol.
Ich bin überzeugt davon, dass meine Aufopferung am Ende allen Beteiligten schaden würde.
Ich finde es erschreckend, wie manche Frauen ihren Wert daran zu knüpfen scheinen, was ihr Körper kann oder nicht kann. Auch darüber, was ich auszuhalten bereit bin, definiere ich mich nicht so sehr. Ich will gar nicht die perfekte, allzeit verfügbare Mutter sein.
Ich bin überzeugt davon, dass meine Aufopferung am Ende allen Beteiligten schaden würde und habe den Verdacht, dass der Ansatz der bedürfnisorientierten Erziehung oft fehlinterpretiert wird. Ja, die Bedürfnisse der Kinder sind wichtig, aber was ist mit den Müttern? Die, die im Idealfall doch Lebensfreude, Gelassenheit und – gerade als Frau! – Selbstfürsorge vermitteln sollten, gehen erschreckend oft leer aus.
Es geht.
Es wurde also geflutscht und zu meinem grossen Erstaunen war da plötzlich dieses kleine Mädchen. Bevor ich auch nur einen Gedanken fassen konnte, wurde mir das nasse Bündel auf die Brust geklatscht und begann zu saugen.
Zu Beginn lief eigentlich alles ganz gut. Man sagte mir, ich hätte Glück (das wusste ich eh schon, mein Baby war ganz zufälligerweise das allerherzigste von allen), und ging über zum nächsten Traktandum. Doch nach einigen Wochen schien abends nicht mehr genug Energie zum Saugen da zu sein. Das Baby trank unkonzentriert, kurz, weinte viel. Offensichtlich blieb es hungrig und so einigten wir uns auf einen zusätzlichen Schoppen pro Tag.
#daschamebruuche aus unserem Concept Store
Das schien erst zu helfen, doch dann wurde das Problem grösser und verschob sich immer weiter nach vorne. Oft schrie unsere Tochter meine Brust bereits vormittags an und liess sich tagsüber auch mit geduldigstem Zureden nicht zum Saugen bewegen. Dann wieder trank sie, als wäre nichts gewesen. Nur produzierte ich mittlerweile natürlich nicht mehr genug Milch. Also regten wir die Milchbildung gemeinsam an, bis meine Wasserballonbrüste zu explodieren drohten, nur damit das Töchterchen seinen Streik postwendend wieder aufnehmen konnte.
Es muss doch gehen!
Es «geht» also eigentlich nicht. Und trotzdem versuche ich es krampfhaft weiter, als wäre ich zum Abstillen nicht befugt. Ich bräuchte wohl eine Fachperson, die mir meinen Eindruck bestätigt, die mir sagt: «Doch doch, Frau Bräm, Sie haben es wirklich probiert.»
Ein Zustand, der für mich und meine Brüste so nicht tragbar ist.
Sobald ich aber nur schon antöne, dass das Stillen gewisse Probleme mit sich bringt, werde ich unter Generalverdacht gestellt. Sofort werden die zahlreichen Vorteile der (zweifellos überlegenen) Muttermilch aufgelistet. Ich widme zwischenzeitlich meine gesamte Freizeit dem Abpumpen, doch was als Übergangslösung begann, wird immer mehr zum Zustand. Ein Zustand, der für mich und meine Brüste so nicht tragbar ist. Aber – was, wenn es morgen plötzlich wieder ginge? Es ist alles nur eine Phase, das ist ja das Mutter-Mantra schlechthin.
Geht’s noch?!
Eigentlich finde ich es absolut verantwortungslos (und im Widerspruch zu allem, was mir lieb ist), diesem Mädchen jetzt schon zu vermitteln, dass es für sein Essen kämpfen muss. Dass es jedes einzelne Mal die immer gleiche Grenze setzen muss und ich ihm weiterhin unbeirrt achtmal am Tag meinen nackten Nippel ins Gesicht drücke.
Schokolade zu schlemmen und diese via Milchkanal wieder loszuwerden, ist schon verlockend.
Warum gestehe ich mir die Niederlage nicht einfach ein? Klar, dass die Gesellschaft mir das Gefühl gibt, dass ich statt Pulvermilch auch direkt Giftmüll verfüttern könnte, hilft nicht. Aber wenn ich ehrlich bin, beeindruckt mich das, so nervig es auch ist, nur bedingt. Geht es darum, dass ich abnehmen möchte? Kalorien gehen ja im Normalfall nur rein und niemals raus. Schokolade zu schlemmen und diese via Milchkanal wieder loszuwerden, anstatt für immer mit sich rumzuschleppen, ist schon verlockend. Oder ist es das alte, sparbewusste «Das kann man doch selbermachen»? Eine Anti-Food-Waste-Haltung?
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Es geht nicht mehr.
All das hat bestimmt einen Einfluss. Am meisten ins Gewicht fällt bei mir aber vermutlich mein schon immer sehr ausgeprägtes und oft fehlgeleitetes Pflichtbewusstsein. Man hat mir gesagt, ich solle stillen, also stille ich. Eben wegen der ganzen Vorteile, die mir übrigens unentwegt gegen die Hirnrinde pochen.
Auch jetzt, als ich im Morgenregen auf die Strasse trete und Tränen zurückhalten muss. Meine Tochter wird heute vier Monate alt und hat sich gerade zum ersten Mal auch nachts geweigert, von meiner Brust zu trinken. Die Entscheidung wurde wohl bereits gefällt. Einfach nicht von mir.
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Veröffentlicht am 25. August 2025
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