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Fredi war nicht mein Vater

Eine kalte Nacht, ein Balkon – und ein Satz, der mein Leben in ein Vorher und ein Nachher teilt. Mit 40 erfahre ich, dass ich ein Spenderkind bin, gezeugt durch eine anonyme Samenspende. Und dass ich vielleicht gar nicht so allein bin, wie ich dachte.

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Von

Kleines Mädchen steht am Strassenrand, Vater streckt Hand nach ihr aus - Fredi war nicht mein Vater, Erfahrungsbericht eines Spenderkinds

Es war Freitag, der 13., als ich aus allen Wolken fiel.

Sie sagte, sie müsse mir etwas erzählen. Sie brauche dazu eine Zigarette, ich solle mich hinsetzen. Es war kalt auf dem Balkon. Ich dachte, jetzt erzählt sie mir von einer schlimmen Diagnose, und machte mir Sorgen.

«Fredi war nicht dein Vater.»

Was?!?

«Deine Eltern konnten keine Kinder bekommen

Dieses Geheimnis hatte meine Mutter ihrer besten Freundin auf dem Sterbebett gestanden, 26 Jahre zuvor. Und nun erzählte diese Freundin, die längst zu meiner Freundin geworden war, es mir. An diesem kalten Abend des 13. Dezember 2024.

Schuld daran war in gewisser Weise ein Artikel, den ich für mal ehrlich aufgezeichnet hatte. Die Geschichte einer «Single Mom by Choice», die durch Samenspende ein Kind bekommen hatte. Diesen Text zu lesen, hatte der Freundin meiner Mutter den Anstoss gegeben, ihr Schweigen zu brechen, nachdem sie dieses Geheimnis so lange mit sich herumgetragen hatte.

Mein Vater, der Samenspender

Meine Eltern konnten zusammen keine Kinder bekommen. Um den grossen Kinderwunsch meiner Mutter zu erfüllen, nahmen sie die Hilfe eines anonymen Samenspenders in Anspruch. In der Schweiz der 80er-Jahre gab es nur wenige Kliniken, die dieses noch relativ neue Verfahren anboten. Als Samenspender wurden häufig Studenten oder Assistenzärzte angeworben. Gute Gene. Alles, was meine Mutter gemäss ihrer Freundin über den Spender wusste: Er war gross, hatte blonde Haare, blaue Augen und war Student in St. Gallen.

Mein Vater.

Ich zitterte. War es die Kälte? Der Schock? Die Freude? Die Aufregung?

Alles gleichzeitig.

Es riss mir den Boden unter den Füssen weg.

Und gab mir Hoffnung.

Tränen und Lachen.

Alles gleichzeitig.

Es war ein Schock, ja. Aber irgendwie ein sehr positiver.

Der Gedanke, dass da irgendwo vielleicht noch ein Vater, mein Vater, auf diesem Planeten herumläuft. Vielleicht Halbgeschwister. Menschen, die meine Familie sind. Menschen, die nicht an Krebs gestorben sind, wie meine Eltern. Menschen, die immer noch leben. Menschen, die ich (noch) nicht kenne.

Es war tröstlich.

Und aufregend.

Und irgendwie total surreal.

Alles gleichzeitig.

Auf jeden Fall war ich fest entschlossen: Ich mache einen DNA-Test. Ich würde sie finden.

And isn’t it ironic? Don’t you think?

Ich fuhr heim. 45 Minuten durch die Nacht. Mit Tränen in den Augen. Und einem aufgeregten Kribbeln im Bauch.

Alles gleichzeitig.

Es regnete. In meinem Kopf lief das Lied von Alanis Morissette in Endlosschleife: «It’s like ra-i-ain, on your wedding day, it’s a free-ee ri-ide, when you’ve already paid. It’s the good advice, that you just didn’t take. And who would have thought, it figures? And isn’t it ironic? Don’t you think?»

Die Ironie des Schicksals.

Eben noch war ich ein Waisenkind. Ein Einzelkind. Jetzt war ich vielleicht beides nicht mehr.

Eben noch war ich ein Waisenkind. Ein Einzelkind. Hatte an demselben Tag (!) im Editorial des mal ehrlich Newsletters und in einem Social-Media-Video erzählt, dass meine Eltern beide an Krebs verstorben sind, als ich ein Teenager war.

Jetzt war ich vielleicht beides nicht mehr. Isn’t it ironic?

Erst eine Woche zuvor hatte ich einen Podcast gehört, in dem es um ein Familiengeheimnis ging. «Jede Familie hat so ein Geheimnis», sagte der Moderator. Und ich dachte: «Meine nicht. Und wenn doch, dann werde ich es nie erfahren.»

Wie sehr man sich täuschen kann.

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DNA-Tests im Sonderangebot

Zu Hause angekommen, schalte ich sofort den Computer an. Recherchieren. Was ich schon immer am liebsten tat.

SRF-Videos, NZZ-Artikel. Ich erfahre: Samenspenden liefen damals offenbar extrem geheim und anonym ab. Viele Eltern mussten eine Verschwiegenheitsvereinbarung unterzeichnen; ihnen wurde geraten, ihren Kindern – zu deren eigenem Wohl – nie von der Samenspende zu erzählen.

Erst seit 2001 sind in der Schweiz anonyme Samenspenden verboten. Samenspender werden in einem Register erfasst; die so gezeugten Kinder haben ab ihrer Volljährigkeit das Recht, Auskunft über ihre biologische Abstammung zu erhalten und – wenn von beiden Seiten gewünscht – Kontakt zum Spendervater aufzunehmen.

Ein Spender von damals gibt ein Interview. Könnte er es sein? Mein Vater? Sieht er mir ähnlich???

Ich schaue in den Spiegel. Wer bist du? Was in diesem Spiegelbild kommt von meinem Vater?

Noch in derselben Nacht bestelle ich einen DNA-Test – im Weihnachts-Sale. Nur 33 statt 89 Franken, und nur noch für zwei Tage. Wer könnte denn da widerstehen?!

Ich schaue in den Spiegel. Wer bist du? Was in diesem Spiegelbild kommt von meinem Vater?

Bin ich eine andere als zuvor? Natürlich nicht, aber irgendwie doch. Ich suche nicht mehr länger nach Ähnlichkeiten mit meinem vermeintlichen Vater, der es nicht ist, nie war. Ich erinnere mich an Momente, in denen ich mich ganz fest wie seine Tochter gefühlt hatte, in denen ich dachte: «Wir zwei verstehen uns, wir sind uns so ähnlich, wir zwei gegen den Rest der Welt.»

Und dann wieder erinnere ich mich daran, dass wir nach der Trennung meiner Eltern – da war ich 6 – keinen grossen Kontakt mehr zueinander hatten. Uns nur alle paar Wochen mal sahen, für einen Nachmittagsausflug. Dass es nie auch nur eine Sekunde zur Debatte stand, dass ich mit 14, nach dem Tod meiner Mutter, bei meinem Vater wohnen würde. Damals hatte ich das nie hinterfragt. Heute macht es Sinn.

Bitte warten

Wem könnte ich von dieser Entdeckung, dieser Wendung erzählen? Alle schlafen. Alle ausser Tanja aus unserem Team. Sie ist somit die Erste, die morgens um 2 davon erfährt. Und die richtigen Worte findet: «Deine Eltern haben sich dich so fest gewünscht, dass sie offenbar einiges dafür in Kauf genommen haben.» Ein schöner Gedanke. «Gute Nacht, du menschgewordenes Filmdrehbuch!», wünscht sie mir noch.

Filmdrehbuch, haha. Isn’t it ironic.

Mitten in der Nacht weihe ich meinen Mann ein, der nur halb wach ist, am nächsten Morgen die Kinder. Nach und nach alle meine Freundinnen.

Und dann: Warten.

Ich vertreibe mir die Warterei mit weiteren Recherchen. Lese auf der Webseite des deutschen Spenderkinder-Vereins und beim Westschweizer Pendant. Bestelle nochmals zwei DNA-Tests von zwei anderen Anbietern – im Advents-Sale, versteht sich.

Warten.

Habe ich schon erwähnt, dass ich nicht gut bin im Warten?

Your spit goes on a road trip

Kurz vor und nach Weihnachten trudeln die Tests ein. «Ready to discover who you are?», steht auf der Verpackung. Und wie ich bereit bin!

Einmal Wangenabstrich, zweimal ins Röhrchen spucken. Fühlt sich an wie ein Corona-Test. Und wieder zurückschicken. In die USA, nach Irland, nach Holland.

«Your spit goes on a road trip», steht in der App des einen DNA-Testanbieters. Na dann: Gute Reise, liebe Spucke!

Eine Hand hält einen DNA-Test, ein durchsichtiges Röhrchen mit Schraubdeckel und Markierung "Spit to here". - Erfahrungsbericht Spenderkind
Etwas Spucke genügt, um meiner Herkunft (vielleicht) auf die Spur zu kommen.

Am Ende landen alle drei Tests in den Vereinigten Staaten. Noch nie zuvor war mir Datenschutz so egal. Das Kleingedruckte? I don’t care. Ich will nur meine Verwandten finden. Jetzt. Sofort.

Wilde Gedanken

Sofort, haha.

Warten, lange, geduldig – gezwungenermassen.

Ich höre Podcasts. Von glücklichen Familienzusammenführungen. Vätern, die nur darauf gewartet hatten, dass ihre Spenderkinder sie endlich kontaktieren. Halbgeschwistern, die sich finden. Ich will das auch.

Oh bitte bitte, lass es nicht Roger Köppel sein.

Überall, wo ich in nächster Zeit Menschen begegne, tänzeln wilde Gedanken durch mein Gehirn. «Das könnte dein Vater sein.» – «Oder der da». – «Wie viele Male bist du wohl schon unwissentlich an ihm vorbeigegangen?» – «Oh bitte bitte, lass es nicht Roger Köppel sein.»

Manche Menschen fragen mich, ob ich das wirklich für eine gute Idee halte, das mit diesen DNA-Tests. «Du könntest enttäuscht werden.» oder «Du könntest Halbgeschwister finden, die du lieber nie kennengelernt hättest.», sind die am häufigsten gehörten Bedenken.

Ich selbst habe gar keine. Null, niente, nada.

Nur Vorfreude.

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Flowery Wordis

Ohrenschmalz und Spargeln im Urin

Skiferien, der 17. Februar 2025. (Merkt euch das Datum!)

Kinder auf der Skipiste und im Kinderclub verteilt. Ich öffne den Laptop, um zu arbeiten.

Eine neue E-Mail: «Welcome to you – your genotyping reports are ready.»

Ui.

Dieses Kribbeln im Bauch. Die Aufregung und Vorfreude, die man tief hinten im Hals spürt, die einem kaum Luft holen lässt, den Körper starr und die Knie weich macht.

Dieses Kribbeln im Bauch. Die Aufregung und Vorfreude, die man tief hinten im Hals spürt, die einem kaum Luft holen lässt, den Körper starr und die Knie weich macht. So aufgeregt war ich schon lange nicht mehr. Es fühlt sich an wie bei einem ersten Date. Was erwartet mich?

«You have more Neanderthal variants than 48% of our customers.» Ähä. Thanks for letting me know.

Ich erfahre auch, welcher «ear wax type» ich von meiner Genetik her bin, dass ich wahrscheinlich öfter von Mücken gestochen werde als andere (yes!), eher zu Reiseübelkeit tendiere (leider ja!), keine Bitterstoffe mag (endlich eine Erklärung für meine Abneigung gegen Kaffee und Wein) und dass ich Spargeln im Urin riechen kann (ihr öpä nöd?).

1’500 Treffer – nur einer zählt

Aber eigentlich interessiert mich nur etwas: meine DNA Relatives!

Die Seite lädt. 1’500 Matches. Wohl das Maximum, das angezeigt werden kann.

Die meisten? Cousinen und Cousins 3. bis 10. Grades. Uninteressant.

Und: eine Halbschwester! Ein Jahr jünger als ich.

Ich hüpfe im Hotelzimmer auf und ab. Ich hatte so sehr gehofft, Geschwister zu finden. Das Kribbeln erreicht seinen Höhepunkt.

Erst sind da nur ein Vorname und der erste Buchstabe eines Nachnamens. Und zwei Buttons: «Connect» und «Message». Ich drücke beide, nacheinander, mit zittrigen Fingern.

«Hallo! Ich habe heute Morgen meine lang ersehnten DNA-Resultate bekommen und du wirst mir als Halbschwester angezeigt. Ich hoffe, das kommt für dich nicht als Überraschung, sondern du bist auch hier registriert, weil du auf der Suche nach Halbgeschwistern bist :) Ich habe erst vor ca. zwei Monaten erfahren, dass ich durch eine Samenspende gezeugt wurde. Es würde mich sehr freuen, von dir zu hören. Liebe Grüsse, Sandra»

Wo ist die versteckte Kamera?

Die Antwort kommt keine halbe Stunde später:

«Hallo Schwester! :-) Schön, von dir zu hören! Ich weiss Bescheid über die Samenspende, habe dies vor 1,5 Jahren per Zufall erfahren, als ich ‘just for fun’ einen Test bei MyHeritage gemacht habe und auf Halbgeschwister gestossen bin. Wir sind nun mit dir bereits zu viert (also, ich nehme an, es gibt noch mehr). Hey, ich glaube, wir kennen uns bereits! Du bist doch die Freundin von …? Ich bin ihre Schulfreundin. Sachen gibt’s! Ich bin gerade ganz aufgeregt!! Wow. Was für eine Überraschung! Liebe Grüsse»

Ich muss lachen, leicht hysterisch. Wo ist die versteckte Kamera?

Isn’t it ironic, don’t you think?

Wir schreiben uns weiter auf WhatsApp, sie schickt mir Links zu Bildern meiner anderen Halbschwester und meines Halbbruders. Erzählt mir mehr von ihnen. Und von sich. Wir entdecken Gemeinsamkeiten. Solche, auf die uns unsere gemeinsame Freundin schon 20 Jahre zuvor aufmerksam gemacht hatte. Wenn wir das gewusst hätten damals …

Wir lernten beide gerne bis tief in die Nacht, auf den letzten Drücker. Waren wohl zuweilen etwas chaotisch und verpeilt, aber trotzdem gut in der Schule. Wir haben einen ähnlichen Musikgeschmack (ich sag nur: Alanis) und dieselben politischen Feindbilder (er ist zum Glück nicht unser Vater).

Plötzlich grosse Schwester

Am Mittag berichte ich meiner Familie von meiner Entdeckung, meinem Mann und den Kindern. Und laufe den restlichen Tag mit einem breiten Grinsen im Gesicht durchs Hotel. ICH HABE EINE SCHWESTER!

Noch am selben Nachmittag laden mich meine beiden Halbschwestern in ihren Gruppenchat ein. «Sisters» heisst er, dahinter das DNA-Emoji. ICH HABE ZWEI SCHWESTERN!

Wie surreal das alles ist. 40 Jahre lang war ich ein Einzelkind. Nun habe ich einen WhatsApp-Gruppenchat mit meinen Schwestern. Die versteckte Kamera habe ich noch immer nicht gefunden.

Zu dritt entdecken wir weitere Gemeinsamkeiten. Wir sind alle tollpatschig. Alle schon seit rund 20 Jahren mit unseren Partnern zusammen. Meine eine Halbschwester hat nur ein paar Tage nach mir geheiratet. Ihre Tochter ist ein paar Wochen älter als mein ältester Sohn. Ihr Sohn einen Tag älter als mein Mittlerer. Wir hätten uns auch an der Hochzeitsmesse oder im Geburtsvorbereitungskurs begegnen können.

Es gibt ein Tilllate-Foto von uns. Auf den Tag genau 18 Jahre her.

Meine andere Halbschwester und ich, wir kennen uns seit über 20 Jahren. Haben schon zusammen Geburtstage, den Polterabend und die Hochzeit unserer gemeinsamen Freundin gefeiert. Es gibt ein Tilllate-Foto von uns, am 21. Geburtstag unserer gemeinsamen Freundin im Ausgang.

Das Datum? 17. Februar 2007. Auf den Tag genau 18 Jahre her. Wir haben das Bild beide auf unseren Computern abgespeichert und schicken es uns gegenseitig.

Altes Tilllate-Partyfoto vom 17.2.07 – Mittels DNA-Test haben sich 2 Halbschwestern gefunden, die sich unwissentlich schon 20 Jahre kannten
Unser erstes (unwissentliches) Familienfoto: Ich, Sandra, in der Mitte. Meine Halbschwester ist die zweite von links.

Okay, jetzt ist’s wirklich ein Filmdrehbuch.

Isn’t it ironic?

Am nächsten Abend rufen wir zusammen unsere gemeinsame Freundin an. Sie nimmt bei den ersten fünf Versuchen das Telefon nicht ab, weil sie irgendeinen KI-Betrugsversuch dahinter vermutet. Wieso sollten wir beide sie zusammen anrufen?!

Blind Date

Von diesem Tag an bin ich kein Einzelkind mehr. Wir drei Schwestern treffen uns schon bald danach. Es ist ein bisschen wie ein Blind Date. Aber die Vertrautheit sofort da.

Auch einige unserer Kinder lernen sich kennen, verstehen sich auf Anhieb und haben erstaunlich viele Gemeinsamkeiten.

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Wir sehen uns regelmässig, zu zweit, zu dritt. Gehen zusammen ins Yoga, sogar zusammen in die Ferien. Einmal bestellen wir zu zweit im Restaurant völlig unabhängig voneinander genau dasselbe Getränk und Menü. Der Kellner fragt, ob das Zufall sei. Wohl eher Genetik …

Es ist schön.

Und auch nach eineinhalb Jahren noch immer unglaublich. Unwirklich. Surreal.

Er hat den Test nur zum Spass gemacht und wurde von den Ergebnissen überrumpelt.

Vor Kurzem haben wir auch unseren Halbbruder kennengelernt. Er hat den Test nur zum Spass gemacht und wurde von den Ergebnissen überrumpelt. Genauso wie meine eine Halbschwester. Genauso wie ein zweiter Halbbruder, der letzten Sommer plötzlich neu in unseren DNA-Treffern aufgetaucht ist. Auch er hatte keine Ahnung – und hat sich seither nie mehr gemeldet. Nur eine meiner Halbschwestern weiss schon seit ihrem 20. Lebensjahr von der Samenspende. Ihre Mutter hatte sie eingeweiht.

Wie viele wir wohl sind? Ein Dutzend? Oder noch mehr? Jaja, die Netflix-Doku «Der Mann mit 1000 Kindern», ich weiss. Nicht unser Vater, zum Glück. Auch aus St. Gallen ist kürzlich ein Fall bekannt geworden, bei dem sich 23 Halbgeschwister gefunden hatten. Tendenz steigend. Auch da gehören wir nicht dazu. Manche meiner Halbgeschwister werden von ihrer wahren Herkunft wohl nie erfahren. Andere kommen vielleicht im Laufe der Jahre noch dazu.

Ob es jemals weniger speziell wird? Stumpft man mit der Zeit ab? Gewöhnt man sich daran, dass jedes Jahr ein neues Geschwister dazukommt? Ich bin gespannt.

Die Spur führt nach Deutschland

Unser Vater? Den suchen wir. Eine heisse Spur führt nach Deutschland. Auch die Ethnizitätsschätzung der DNA-Tests zeigt klar unsere deutsche Herkunft. Sorry, liebe Landsleute, dass ich an den letzten 15 Europa- und Weltmeisterschaften immer gegen euch war. Ich hatte ja keine Ahnung. Und werd’s trotzdem weiterhin sein.

Wir haben einen Verdacht, wer unser Vater sein könnte. Meine Geschwister recherchieren genauso gerne wie ich. Nur die Kontaktaufnahme, die ist uns bisher noch nicht gelungen. Wir versuchen es weiter, angetrieben von unserem gemeinsamen Detektiv-Gen. Und wenn unser Vater nur halb so neugierig ist, wie es seine Kinder offenbar alle sind, dann müsste er doch aus der Reserve zu locken sein?!

Doch auch wenn nicht. Selbst wenn ich meinen Vater nie kennenlernen sollte. Ich habe bereits etwas viel Wertvolleres gefunden: meine Geschwister. Familie. Menschen, die jetzt ganz fest in mein Leben gehören und es bereichern.

Kitschig, ja. Aber wenn mir diese Geschichte eines gezeigt hat, dann das: Das Leben ist manchmal wilder – und kitschiger – als alles, was sich ein Hollywood-Regisseur je ausdenken könnte.

Porträtfoto von Sandra Trupo-Kuhn - Redaktion mal ehrlich AG - www.mal-ehrlich.ch

Autorin

Als freie Journalistin schreibt Sandra Trupo-Kuhn (Jg. 1984) über all das, wofür ihr Herz schlägt, vom Muttersein über Inklusion bis zum Regionalfussball – am liebsten mitten in der Nacht. Sie lebt als «Huhn im Korb» mit ihrem Mann, drei Söhnen (geboren 2012, 2014 und 2017) und zwei Katern im Zürcher Unterland, schwankt täglich zwischen Chaos und Perfektionismus und ist immer für absurde Abenteuer zu haben. Sandra ist seit 2019 Teil unserer Redaktion.

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Veröffentlicht am 6. Juli 2026


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