Mit unseren Söhnen gegen das Patriarchat
Wie erzieht man einen Jungen zu einem respektvollen Mann? Unser Autor hat einen Sohn und nicht immer eine Antwort darauf. Aber er weiss, dass es früh beginnt: auf Spielplätzen, bei Salaten, Skye und den Nachbarskatzen.

«Protect your daughter. Educate your son.»
Der Satz ist zu einem feministischen Slogan geworden. Er begegnet uns auf Demonstrationen, in Zeitungsartikeln, als Meme. Die Botschaft ist einfach: Viel zu lange wurde Mädchen und Frauen beigebracht, wie sie sich vor Übergriffen und Gewalt schützen sollen. Deutlich weniger wurde darüber gesprochen, wie Jungen zu Männern werden, die Grenzen respektieren.
Wie sollen wir nun also schaffen, was Generationen vor uns nicht geschafft haben?
Viele Antworten kennen wir längst. Es gibt Bücher, Podcasts, Studien und Debatten. Es gibt immer mehr Männer und Väter, die diese Fragen ernst nehmen. Und doch steht uns immer noch etwas im Weg. Etwas, das wir alle mittragen. Auch jene von uns, die überzeugt sind, längst auf der richtigen Seite zu stehen.
«Viele Menschen – sowohl Frauen als auch Männer –, die sich für egalitär, feministisch und progressiv halten, sind in patriarchalen Mustern gefangen, meist unbewusst», schreibt Emilia Roig.
Wer hat den Salat gemacht?
Ich glaube ihr sofort. Nicht wegen wissenschaftlicher Studien. Sondern unter anderem wegen eines Salats.
Ein Familienfest. Das ganze Patchwork wird versammelt sein. Geschwister, Halbgeschwister, (Ex-)Partner:innen, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins – je nachdem, aus welcher Perspektive.
Ich kündige an, dass ich einen Salat mitbringe. Alle wissen, dass damit nicht Blattsalat mit Gurken und Rüebli gemeint ist. Meine Salate sind beliebt. Eine Freundin meiner erwachsenen Tochter hat mich mal aus dem Ausland kontaktiert, um nach dem Rezept zu fragen.
Trotzdem wird meine Ex-Partnerin und Mutter meines Sohnes am nächsten Tag gefragt, was wir mitbringen. Sie sagt, dass ich einen Salat mache.
Am Fest selbst fragt dann jemand, wer den leckeren Salat gemacht habe. Wieder fällt ihr Name. Wir lachen darüber.
Aber die Geschichte erzählt etwas. Sie erzählt davon, wie tief gewisse Vorstellungen in uns verankert sind. Wer kocht, wer sich kümmert, wer zuständig ist.
Auch Fragen zur Kleidung, zur Ernährung, zu den Bedürfnissen eines Kindes landen noch immer fast automatisch bei der Mutter.
Und dieses Muster reicht weiter zurück, als mir lieb ist.
Als wäre meine Rolle optional. Als wäre Fürsorge keine väterliche Aufgabe.
Schon vor der Geburt meines Sohnes begegnete mir Ähnliches. In Gesprächen oder Beratungen wurde fast immer zuerst seine Mutter angesprochen. Manchmal wurde ich komplett ignoriert, wenn es um Betreuung oder Vereinbarkeit ging. Als wäre meine Rolle optional. Als wäre Fürsorge keine väterliche Aufgabe.
Irgendwo tief in uns scheint eine kleine Stimme zu wohnen, die flüstert: Wenn es ums Kind geht, weiss die Mutter Bescheid. Und wie Emilia Roig schreibt, taucht dieses Muster längst nicht nur bei Menschen auf, die sich als konservativ verstehen.
Ein anderes Beispiel aus meiner erweiterten Familie: Eine Frau, Mitte dreissig, die gewiss nicht behaupten würde, Fürsorge sei Frauensache. Trotzdem fragte sogar sie bei Geburtstagswünschen oder ähnlichen Kinderfragen lange zuerst die Mutter meines Sohnes. Bis ich irgendwann ihren Feminismus in Frage stellte. Seither landen alle Fragen bei mir. Konsequent.
Vielleicht gehört genau das zum Wesen des Patriarchats. Es ist eine Gewohnheit. Eine Ordnung der Dinge, die selbst dann weiterlebt, wenn wir sie längst überwunden glauben.
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Warum eigentlich, Skye?
Wie verhindern wir, dass wir diese Muster weitergeben?
Kinder schauen genau hin. Wer gefragt wird, wer entscheidet, wer zuständig ist. Und welche Unterschiede wir Erwachsenen für wichtig halten.
Darin liegt die eigentliche Herausforderung.
Die beste Freundin meines Sohnes und er verschwinden regelmässig im Kinderzimmer. Irgendwann kommen sie wieder heraus. Dann trägt sie seine Kleider und er ihre. Es ist einfach ein Spiel. Ihr Vater hielt meinen Sohn von hinten auch schon für seine Tochter.
Im Bus oder auf Spielplätzen wird mein Sohn häufig für ein Mädchen gehalten. Wenn ich es korrigiere, reagieren die Erwachsenen oft deutlich irritierter als er.
Seine Kita-Gang besteht aus fünf Jungs und einem Mädchen. Ihn interessiert vor allem, wer heute da ist, wer mitspielt, wer krank oder in den Ferien ist. Dass nur eines dieser Kinder ein Mädchen ist, scheint für ihn eher zufällig zu sein.
Kleine Kinder scheinen viele Unterschiede zunächst gar nicht zu interessieren. Erst wir bringen ihnen bei, dass sie relevant sind.
Genauso bei Paw Patrol. Als er irgendwann erfuhr, dass nur Skye weiblich ist, war er überrascht. «Warum?»
Ich glaube nicht, dass er wissen wollte, warum ausgerechnet Skye ein Mädchen ist. Oder warum nur sie. Ich glaube, er wollte wissen, warum das überhaupt wichtig sein soll.
Und genau dort beginnt mein Nachdenken. Kleine Kinder scheinen viele Unterschiede zunächst gar nicht zu interessieren. Erst wir bringen ihnen bei, dass sie relevant sind. Manchmal bewusst. Häufig unbewusst.
Deshalb ist es wichtig, welche Geschichten wir unseren Kindern erzählen. Wer Abenteuer erlebt, wer mutig ist, wer rettet und wer gerettet wird. Und natürlich braucht es mehr Skyes.
Aber es braucht auch mehr Erwachsene, die nicht hinter jeder Farbe, jeder Frisur und jeder Freundschaft sofort eine Geschlechterfrage sehen.
Bleibt die Frage: Was geben wir unseren Söhnen mit auf den Weg?
«Die Welt», schreibt Mareike Fallwickl, «nimmt Jungen, die voller Liebe hinausgehen, nicht mit offenen Armen auf. Sie schlägt ihnen ins Gesicht.» Wenn Jungs freundlich sind und zärtlich, wird es ihnen oft ausgetrieben. «Heul nicht, sagt die Welt dann, reiss dich zusammen, sei ein Mann.»
Ich möchte nicht an diese Welt glauben, sondern an meinen Sohn. An das, was er heute ist: ein freundlicher, zärtlicher Junge, der teilt und mitfühlt.
Trotzdem frage ich mich manchmal, ob das genügt.
Wenn ich sehe, wie andere Kinder sich vordrängen oder einfach nehmen, was sie wollen. Wenn mein Sohn nachgibt, weil er keinen Streit möchte. Dann frage ich mich: Müsste ich ihm nicht beibringen, sich stärker durchzusetzen?
Natürlich muss er lernen, für sich einzustehen. Alle Kinder müssen das lernen. Aber wie?
Sich zu behaupten bedeutet nicht, andere zu dominieren. Trotzdem verwechseln wir beides noch immer erstaunlich oft.
Ich wünsche mir für meinen Sohn, dass er seinen Platz findet, ohne anderen ihren streitig zu machen.
Vielleicht beginnt Selbstbewusstsein damit, sich selbst ernst zu nehmen – die eigenen Bedürfnisse und Gefühle.
Ich wünsche mir für meinen Sohn keine Männlichkeit, die auf Lautstärke, Konkurrenz oder Überlegenheit beruht. Ich wünsche mir, dass er mitfühlend bleiben darf und trotzdem lernt, Nein zu sagen. Dass er seinen Platz findet, ohne anderen ihren streitig zu machen.
Das ist vielleicht die Aufgabe unserer Generation von Vätern: Jungen zu erziehen, die stark genug sind, andere nicht kleinmachen zu müssen. Und vielleicht beginnt das früher, als wir denken.
Jimmy möchte heute seine Ruhe
Mein Sohn interessierte sich zum Beispiel schon sehr früh für Tiere. Noch bevor er ein Wort für «trinken» benutzte, kannte er zahlreiche Tiernamen, unterschied einen Dachs von einem Marder, einen Waschbären von einem Roten Panda. Hunde und Katzen waren seine liebsten Gefährten.
Wenn wir das Haus verliessen, suchten wir oft die drei Nachbarskatzen.
Genau genommen waren es zwei Kater und eine Katze. Da meinen Sohn dieser Unterschied herzlich wenig interessierte, spreche ich in der Folge von Katzen – eines der seltenen Beispiele, in denen die weibliche Form ganz selbstverständlich die allgemeine ist.
Wir suchten also die Katzen – unter der Laube, im Garten, auf den Fensterbrettern. Jimmy sass meist ein paar Meter entfernt und beobachtete uns. Er war alt.
«Jimmy möchte heute seine Ruhe», sagte ich dann. Mein Sohn nickte.
Wir winkten ihm zu und gingen weiter.
Diva und Malou waren jünger und neugieriger. Sie liessen sich manchmal streicheln. Manchmal nicht. Wenn eine Katze keine Lust hatte, zog mein Sohn die Hand zurück.
Für ihn schien das keine komplizierte Lektion zu sein.
Andere Lebewesen haben ihre Grenzen. Man kann sie nicht einfach übergehen, nur weil man selbst etwas möchte.
Darin liegt vielleicht der Anfang von etwas, worüber Erwachsene später ganze Debatten führen. Nicht erst bei grossen Begriffen wie Konsens oder Selbstbestimmung. Sondern in kleinen Alltagssituationen. Unter einer Laube. Auf einem Spielplatz. Beim Einkaufen. In der Art, wie wir mit Tieren umgehen. Mit anderen Kindern. Mit Menschen, die «nein» sagen.
bell hooks schrieb sinngemäss, dass feministische Veränderungen nie gelingen werden, wenn nicht auch Jungen und Männer dazu ermutigt werden, sie mitzutragen.
Wenn wir das Patriarchat überwinden wollen, müssen wir unsere Söhne dabei unterstützen, diese Lücke zu schliessen.
Und vielleicht gelingt das nicht mit Parolen. Sondern mit Katzen.
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Veröffentlicht am 26. Oktober 2026
