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Die Schweiz hat mich zur Feministin gemacht

Sexismus? Diskriminierung? Kommt in der Schweiz nicht so häufig vor, dachte Alexandra Dufresne. Dann zog sie mit ihrer Familie hierher. Ein aufwühlender, weil schonungslos ehrlicher Text.

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Wie ich durch meinen Umzug in die Schweiz zur Feministin geworden bin - mal ehrlich


In den ersten 43 Jahren meines Lebens war Feminismus kein Thema für mich. Ich war zwar dankbar für alles, was die Frauenbewegung für uns getan hatte, aber in meinem Alltag war mir Gerechtigkeit für Kinder und Migranten wichtiger als der Kampf für Frauenrechte.

Klar, so etwas kann man nur aus einer privilegierten Position heraus sagen.

Diese Einstellung änderte sich 2016.

Als ich mit meiner Familie in die Schweiz zog.

Von Anfang an erzählten mir Freundinnen in der Schweiz, wie sie wegen ihres Geschlechts diskriminiert wurden. Zum Beispiel, wenn sie nach ihrer Rückkehr aus dem Mutterschaftsurlaub bei der Arbeit gemobbt oder zurückgestuft wurden.

Und dann erfuhr ich zum ersten Mal in meinem Leben Sexismus am eigenen Leib. Nur ein kleines bisschen, ganz subtil und überhaupt nichts Besonderes. Aber für mich, die daran gewöhnt war, dass nur die Leistung zählt, war es eine schmerzvolle Erfahrung. Nachdem ich den ersten Schrecken überwunden hatte, dachte ich:

Ach so, DARÜBER reden die Leute also die ganze Zeit.

Plötzlich leuchteten die Geschichten ein, dich ich von Frauen aus beiden Ländern gehört hatte. Ebenso verstand ich plötzlich meine lehrbuchmässige Reaktion mit Selbstbeschuldigung, Verleugnung, Überraschung, Scham, Empörung und noch mehr Scham. Schmerzlich wurde mir bewusst, wie privilegiert ich gewesen war, dass ich so lange nichts Derartiges erlebt hatte.

Moment mal – die Schweiz?

Das Image der Schweiz ist das eines modernen, aufgeschlossenen Landes: exzellenter öffentlicher Verkehr, wissenschaftliche Forschung von Weltklasse, hochwertige Nachrichtenmedien, aussergewöhnlich hoher Wohlstand und ein hoher Beschäftigungsgrad der mehrsprachigen Bevölkerung.

Sexismus und Feminismus in der Schweiz - Mehr dazu auf www.anyworkingmom.com
Idyllisch ist hier vieles. Aber nicht die Gleichstellung. (Bild: Unsplash)

Wie viele andere Neuankömmlinge war ich vom Ausmass des hier herrschenden Sexismus völlig überrascht.

Einige meiner Schweizer Freundinnen fühlen sich durch solche Aussagen von mir in die Defensive gedrängt. Deshalb lasst es mich erklären: In einigen Untersuchungen steht die Schweiz in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter besser da, als die USA, und in anderen hat die USA die Nase vorn. Im Bundesrat, der siebenköpfigen Regierung, gibt es heute drei (kinderlose) Frauen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Schweizerinnen erst seit 1971 das Wahlrecht haben, ist das eine gewaltige Leistung.

Es gibt hier viele starke Feministinnen. Sie führen #MeToo-Kampagnen an, streiken für Lohngleichheit und organisieren sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Die meisten Schweizer Männer, die ich kenne, darunter viele sehr hilfsbereite männliche Kollegen, sind für die Gleichstellung der Geschlechter.

Die Frage, ob es in den USA oder in der Schweiz ungerechter zugeht, kann weder beantwortet werden, noch interessiert sie mich.

Es kommt immer darauf an, was gemessen wird und für wen.

Es gibt in der Schweiz einen unbestreitbaren Anachronismus, und zwar die strikte Rollenteilung zwischen Vätern und Müttern. Viele öffentliche Schulen schliessen mittags, damit die Kinder zu Hause Mittagessen können; Kinder im Grundschulalter haben einen oder zwei Nachmittage schulfrei. Die freien Nachmittage variieren zudem je nach Klasse, so dass in unserem ersten Jahr hier an vier Nachmittagen immer mindestens eines meiner drei Kinder nicht in der Schule war.

Dementsprechend arbeitet die überwiegende Mehrheit der Mütter Teilzeit. Im Jahr 2015 waren nur etwa 14 Prozent der Mütter mit Partner und mit Kindern unter sechs Jahren Vollzeit erwerbstätig (d.h. 90-100%). Auch mit steigendem Alter der Kinder kehren Mütter mit Partnern nicht wieder zu einer Vollzeitbeschäftigung zurück; in der Tat sind es weniger als 20 Prozent aller Mütter von Jugendlichen von 15 bis 24 Jahren.

Familie und Karriere?

Im Gegensatz zu den USA, wo man trotz Teilzeitarbeit noch Chancen auf eine Führungsposition haben kann, gehen Arbeitgeber in der Schweiz fast automatisch davon aus, dass Frauen, die weniger als 100 Prozent arbeiten, keine Führungsaufgaben übernehmen wollen, die zusätzliche Verantwortung, Reisetätigkeit oder Stress erfordern. Der Glaube, dass die Mutterschaft die oberste Priorität einer Frau ist, ist tief verwurzelt.

Oft verlieren Frauen, die aus dem Mutterschaftsurlaub zurückkehren, sogar Führungsaufgaben, die sie zuvor lange ausgeübt hatten – und zwar unabhängig davon, ob sie überhaupt zurückschrauben wollen.

Wer als Mutter beruflichen Ehrgeiz an den Tag legt, ist mit zahlreichen expliziten und unbewussten Stereotypen und Vorurteilen konfrontiert. Man gilt schnell als arrogant, verbissen oder anormal – alles Eigenschaften, die in der Schweizer Kultur nicht gern gesehen werden.

Mütter werden ständig gefragt, warum sie überhaupt arbeiten gehen.

Viele Männer verdienen genug, um ihre Familie zu versorgen.

Ein Nachbar fragte neulich meinen Mann, warum ich denn mit drei Kindern überhaupt arbeiten gehen wolle. Als ich mich für einen Deutsch-Intensivkurs anmeldete, fragte mich die Sekretärin, ob ich neben den drei Kindern überhaupt zum Lernen käme. Nach einem Vortrag an der Schule meines Sohnes wünschte der Direktor meinem Mann, der an der Universität unterrichtet, einen schönen Tag bei der Arbeit und mir, die ebenfalls an der Universität unterrichtet, einen schönen Tag mit den Kindern.

Ich sollte vielleicht erwähnen, dass alle drei es wirklich freundlich meinten.

Es herrscht die Vorstellung, dass eine Mutter, die in einem bedeutsamen Job gute Arbeit leistet, automatisch ihre Kinder vernachlässigt. Wer einer Mutter also bei der Arbeit mehr Verantwortung überträgt, schadet demnach quasi ihrem Familienleben.

Wo sind die Mütter?

Viele Schweizer Frauen – aber keine Schweizer Männer – müssen auch heute noch zwischen Kindern oder einer hochkarätigen Karriere „wählen“. Als beispielsweise vor Kurzem zwei Frauen für den Bundesrat kandidierten (so dass heute die Frauen 3 von 7 Sitze innehaben), haben alle in einem Presseinterview von sich aus erklärt, dass sie wahrscheinlich als Mütter nicht so weit gekommen wären.

Nur sehr wenige Professoren an Schweizer Top-Universitäten und nur sehr wenige CEOs oder Führungskräfte in der Privatwirtschaft sind Mütter, und überhaupt sind in der Schweiz insgesamt nur 14-16 Prozent der oberen Führungskräfte und Verwaltungsräte weiblich. Im Jahr 2016 waren nur 6 Prozent der leitenden Verwaltungsratsmitglieder von Schweizer Unternehmen Frauen. Leider gibt es keine Zahlen darüber, wie viele dieser Frauen Mütter sind. Im Gegensatz dazu sind viele Männer in Führungspositionen in der Schweiz Väter.

Lieber den Mund halten? Really?!

Viele Schweizerinnen haben mir hinter vorgehaltener Hand bestätigt, dass es ihnen schon ähnlich ergangen ist. Einige baten mich, weiter öffentlich darüber zu sprechen, weil ich als Aussenseiterin Dinge sagen kann, die sie nicht können. Andere meinten es sicher nur gut, als sie mir sagten: „Ja, das kenne ich. Aber manchmal ist es besser, den Mund zu halten. Du kannst es dir nicht leisten, negativ aufzufallen.»

Manche reden das Problem klein. Eine erfolgreiche, kinderlose Frau erklärte mir, dass die Schweiz „nicht sexistisch, sondern nur traditionell“ sei – als ob die Diskriminierung von Frauen mit Jodeln oder Käseherstellung verglichen werden könnte.

Für manche ist die Tatsache, dass es hier viele erfolgreiche (kinderlose) Frauen gibt, der Beweis dafür, dass die Schweiz geschlechtsbezogene Diskriminierung überwunden habe, und sie merken nicht, wie widersprüchlich das tönt. (Und natürlich gibt es auch in der Schweiz einige sehr erfolgreiche Frauen mit Kindernmit Kindern; die Frage ist aber, ob sie die Regel sind oder die Ausnahme, die die Regel bestätigt).

Sie meinen es doch nicht böse!

Manche behaupten, dass ein Verhalten nicht sexistisch sein kann, wenn es nicht so gemeint ist oder wenn noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Natürlich sind noch andere Faktoren relevant und natürlich handeln die Leute normalerweise nicht absichtlich sexistisch! Die relevante Frage ist aber nicht: „Ist vorsätzlicher Sexismus der einzige Grund, warum das passiert?“ sondern vielmehr: „Würde das einem Mann auch passieren?“

Wie ich durch meinen Umzug in die Schweiz zur Feministin geworden bin
Sexismus ist oft nicht vorsätzlich. Aber müssen wir ihn drum hinnehmen? Lasst mich überlegen … (Bild: Unsplash)

Einige dieser Gespräche haben sich auch in eine unerwünschte Richtung entwickelt. Leute, die ich eigentlich respektiere, scheinen auf einem völlig anderen Planeten zu leben. Während in meiner Welt Geschlechterdiskriminierung teuer und ineffizient ist, man zum Wohle von allen diese Themen ansprechen und überwinden muss, muss man in deren Welt Konflikte vermeiden und den Status Quo um jeden Preis aufrechterhalten.

Und überhaupt bin ich eine schwierige Person.

Das Problem, so gab man mir zu verstehen, sei nicht etwa der Sexismus, sondern wenn jemand laut darüber spricht.

Wie weiter?

An schlechten Tagen denke ich darüber nach, den „Halt einfach den Mund“-Rat anzunehmen. Wenn ich zwischen gefürchtet oder gemocht werden wählen müsste, würde ich eigentlich lieber gemocht werden. Als Neuankömmling in einem fremden Land – und erst noch einem, das aus historischen Gründen grossen Wert auf Höflichkeit, Vorhersehbarkeit und Konfliktvermeidung legt – ist dieser Wunsch zu gefallen, nicht immer „die vorlaute Amerikanerin“ zu sein, manchmal fast überwältigend.

Dann jedoch kommen mir die Generationen von Frauen in den Sinn, denen viel Schlimmeres drohte, als nur „nicht liebenswert“ zu sein. Manche meiner Kundinnen mussten Herausforderungen überwinden, die ich mir nicht einmal vorstellen kann. Und dann denke ich, dass es an der Zeit ist, erwachsen zu werden.

So lerne ich nun, mich in meiner neuen Rolle als „komplizierte Frau“ zurechtzufinden. Ich organisiere, demonstriere, sammle Geld, arbeite mit NGOs, forsche, lehre, schreibe, rede mit Reporter:innen und ermutige andere Frauen, sich laut zu äussern. Manchmal muss ich mit Menschen, die ich mag, schwierige Gespräche führen und manchmal mache ich mich dabei unbeliebt.

Aber immer, wenn mir Leute erzählen, wie sie diskriminiert wurden, dann höre ich zu.

Allen, die sich seit Langem mit diesen Themen beschäftigen, möchte ich sagen:

Es tut mir leid, dass ich erst so spät zu euch gestossen bin. Danke für eure Geduld. Nun bin ich da – wie kann ich helfen?

Autorin
Bild: Stephanie Anestis Photography

Alexandra Dufresne ist eine in den USA ausgebildete Rechtsanwältin für Kinder und Flüchtlinge. Sie lehrt Rechtswissenschaften an mehreren Schweizer Hochschulen und arbeitet mit Menschenrechts-NGOs in der Schweiz, Europa, Afrika und den USA zusammen. Sie hat drei Kinder und ist eine der Mitgründerinnen von Komplizierte Frauen, einer Gruppe von Menschen aller Geschlechter, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter in der Schweiz einsetzen.

Dieser Text erschien im Original auf Englisch zuerst auf www.groknation.com – dem Blog von Big-Bang-Theory Schauspielerin Mayim Bialik

Übersetzung: Katharina Bleuer von Buchstabensalat.ch

Autorin

Alexandra Dufresne ist eine in den USA ausgebildete Rechtsanwältin für Kinder und Flüchtlinge. Sie lehrt Rechtswissenschaften an mehreren Schweizer Hochschulen und arbeitet mit Menschenrechts-NGOs in der Schweiz, Europa, Afrika und den USA zusammen. Sie hat drei Kinder und ist eine der Mitgründerinnen von Komplizierte Frauen, einer Gruppe von Menschen aller Geschlechter, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter in der Schweiz einsetzen.

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 10. Juli 2019 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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15 Antworten

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  1. Avatar von Rahel
    Rahel

    Endlich jemand der in Worte fasst was ich seit meiner Mutterschaft denke!
    Sozialisiert in der Schweiz, seit 5 Jahren mit schwedischem Mann in Schweden lebend fällt mir die Diskriminierung der Mütter in der Schweiz extrem auf! Wieviel tausende Mütter sind in der Schweiz zuhause und können nicht arbeiten, da es selten arbeitsgeber gint die einem von 8.30 bis 11.30 anstellen, da ja die Kinder mittags und nachmittags nachhause kommen. Alle meine nahen Freunde die Väter geworden sind in der Schweiz hatten Arbeitsgeber die sich bei der Übernahme von mehr Kinderbetreuung auf die eine oder andere Art quergestellt haben. Und wenn wine Frau schwanger wird, sagt man ihr auf wiedersehen. Im Schulbereich weiss ich von Schulgemeinden die Bewusst keine Mütter in kleinprozentigen Bereich anstellen. Und das hat nicht virl mit der ‚freien‘ Wahl zutun.
    In Schweden wurde ich gefragt, wann kommst du zurück und mein Mann, ahh, wann gehst du in den Elternurlaub. Weils normal ist. Ich bin hier weder eine schlechte Mutter noch eine minderwertige Angestellte, da ich kleine Kinder habe.
    Ich hätte aber auch, wie meine Sozialisierung in der Schweiz vorgibt, zwei Jahre (sprich 4 Jahre da zwei Kinder) zuhause bleiben können, wenn mir das wichtig ist.
    Hier habe ich eine echte Wahl und eine gute soziale Struktur die mir mehr Freiheiten lässt, was mir in der Betreuung meiner Kinder aber auch der Verwirklichung von mir als Frau im Beruf erlaubt.
    Die Schweiz bräuchte dringend eine Überholung der Strukturen im Kleinkindbereich und im Schulbereich und nicht zuletzt im Arbeitsbereich!

  2. Avatar von sarah
    sarah

    kkar sollten wir uns nicht nur beklagen. aber meisten stehen wir im vergleich meist schlechter dran. in der schweiz geben leute die einen job (mind 80 prozent mit langen arbeitstagen) und nicht nur nebenverdienst haben das baby nach 4 monaten zu mind 4 mal 10-12 h in dir krippe. vater max ein tag vaterschaftsurlaub. skandinavien arbeiten beide zwar “100 prozent” gehen aber um 16 uhr aus buero und haben das 1.jahr beide mit dem kind.

  3. Avatar von Luna
    Luna

    Ich habe als Auslandschweizerin zwei Kids in Skandinavien bekommen. Die mussten wir dann mit jeweils knapp 12 Monaten in die Krippe stecken, 5 Tage die Woche, 8 h pro Tag – weil das so erwartet wird und das ganze System auf zwei Vollzeit-Verdienende ausgerichtet ist. Das war nicht lustig! Weil ich das nicht so haben wollte, arbeitete ich danach ne Weile 60%, und gehörte dadurch dann zur Gruppe der öffentlich (durch eine Ministerin) als Staatsschmarotzer bezeichneten Leute. Was ich damit sagen will: Es ist in anderen Ländern (mit denen bei solchen Themen gerne verglichen wird; sei es nun die USA oder eines der skandinavischen Länder) nicht alles immer besser, nur weil es auf den ersten Blick so erscheinen mag.
    In der Schweiz sind alle meine Freundinnen mit Kindern berufstätig, mit 60-100%-Stellen, viele davon in Kader-Positionen. Deren Männer von free-lancend in kleinen Pensen, bis zu 80-100 % angestellt. Was ich damit sagen will: Es geht auch hierzulande und statt sich darauf zu konzentrieren, was alles schlecht ist, könnte man evt. versuchen zu wertschätzen, dass – zumindest die gut ausgebildete – frau (und der mann) im Länder-Vergleich eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten hat, wie frau/man das Leben mit Familie und Job gestalten will.

  4. Avatar von sarah
    sarah

    suzanne, mindestens 60 prozent? mit nur 3 tagen arbeiten pro woche musst ja extrem gut verdienen um einen erheblich finanziellen beitrag zu leisten. ich hoere von so vielen frauen die in der deutschweiz so kleine pensen haben mit angeblich verantwortungsvollen jobs….ich weiss nicht wo diese stellen gefunden werden oder dies einfachbein mythos auf internetforen ist…

  5. Avatar von Susanne
    Susanne

    Vielen Dank für den Artikel. Ich konnte bis anhin nicht in Worte fassen, was eigentlich das Problem unserer Gesellschaft ist, dass ich mich oft nicht traue als Mutter Auskunft zu geben über mein Arbeitspensum. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, genau, es ist unser Denken, die Mutterrolle stände über allem. Und sobald man mehr als 50 % arbeitet, kann man keine gute Mutter mehr sein, weil man ja dann zu wenig bei den Kindern ist. So zumindest habe ich das häufig empfunden, wenn es um diese Themen ging in Gesprächen. Andere (vor allem Frauen) haben sich abgewandt, sofort das Thema gewechselt, sich verteidigt etc.. Ich empfand das immer als sehr mühsam, ich wollte ja nie jemanden anklagen, weil man zu Hause bei den Kindern ist. Ich selber will einfach in meinem Job arbeiten, weil er mir Freude macht, ich im Studium und auch später viel dafür gegeben habe, ich einen erheblichen finanziellen Beitrag zu unserem Einkommen liefere und ich will nach wie vor Verantwortung übernehmen können. Das bedeutet aber, dass ich sicher 60 % arbeite und ich bin dank meinem Mann und unserem Umfeld auch in der Lage dieses Pensum zu stemmen. Mein Arbeitgeber gibt mir dafür zum Glück die Möglichkeit und schränkt mich nicht auf die Mutterrolle ein.
    Danke für die offenen Worte von Frau Dufresne.

  6. Avatar von Sarah
    Sarah

    Super Artikel. Könnte das alles unterschreiben. Die Diskriminierung erlebte ich am stärksten während der Schwangerschaft und das erste Jahr nach der Geburt. Das war hart.
    Andi: ist eine Frau die die trotz Mutterschaft arbeitet ambitioniert? Ich sehe mich nicht als speziell ambitioniert an. Ok, ich arbeite in einer Kaderposition. Ich hab auch das Privileg, nur 80% arbeiten zu müssen (dank “modernem” Arbeitsgeber und Zusatzeinkommen meines Partners). Ich mag mein Job aber ich habe auch nicht gross die Wahl irgendwie nur was zu machen, um ein Sackgeld zu verdienen oder mich zu beschäftigen. ich bin Hauptverdienerin, mein Mann arbeitet freischaffend. Trozdem werde immer nur ich gefragt, wie ich das denn mit der Familie mache. Selbst wenn ich dienstlich unterwegs bin werde ich gefragt, ob mein Mann ohne mich die Windeln wechseln kann…

    1. Avatar von Andi
      Andi

      @Sarah: Du arbeitest wie die meisten Hauptverdiener, die in der Regel Männer sind. Und bekommst ein paar Sprüche zu hören, weil du ein Modell lebst, das in der Schweiz praktisch nicht vorkommt. Aber eigentlich hast du doch alles so, wie du es haben willst, mit modernem Arbeitgeber, gutem Einkommen, teilzeit.
      Wo findet denn die Diskriminierung statt?
      Und was für Sprüche muss sich dein Mann anhören?

  7. Avatar von Jenny Schäpper-Uster
    Jenny Schäpper-Uster

    Sensationeller Artikel – stimme ich voll und ganz zu. Mein Vater (Schweizer) hat mir vor 20 Jahre gesagt dass ich als „moderne Frau“ nicht in der Schweiz passen würde. (Ich in in den USA geboren und aufgewachsen). Erst als ich Schwanger wurde, fing ich an zu verstehen was er damit meinte. Es war der Anfang von einem langsamer, stiller aber stetiger Kampf.

  8. Avatar von Andi
    Andi

    Alexandra Dufresne hat ihre Ansichten ja schon auf allen möglichen Kanälen verbreitet. Und ich weiss jedes Mal nicht, was ich von dieser sehr einseitigen Sichtweise halten soll. Richtig ist, dass ambitionierte Frauen, die trotz Mutterschaft ihre Karriere weiterverfolgen möchten, und hochprozentig und flexibel im Job bleiben, in der Schweiz einen schwereren Stand haben als in anderen Ländern. Aber doch nicht in erster Linie, weil die bösen Männer sie um jeden Preis behindern möchten. Sondern weil das System und der Wohlstand der Schweiz es erlaubt, dass Mütter die ersten Jahre erstmal mit ihren Kindern verbringen und nur (in relativ kleinem Pensum) teilzeit arbeiten. Dies prägt auch die Erwartungen der Unternehmen. Wie würde denn eine Schweizer Mutter das Leben im Ausland empfinden, wenn sie praktisch gezwungen würde, bald wieder Vollzeit zu arbeiten, weil nur das zählt?
    “Der Glaube, dass die Mutterschaft die oberste Priorität einer Frau ist, ist tief verwurzelt.” Und kaum eine Frau in der Schweiz würde dem doch widersprechen, oder?
    Richtig ist, dass unser Schulsystem nicht auf zwei Vollzeit arbeitende Eltern ausgerichtet ist. Huhn oder Ei? Aber zumindest im Kanton Zürich bietet die Schule eine Tagesstruktur mit Mittagstisch und Hort. Und wenn wirklich beide Eltern Karriere machen, kann man sich meist auch eine private Lösung leisten.
    Es ist auch nicht so, dass nur kinderlose Frauen Bundesrätinnen werden können. Widmer-Schlumpf hatte drei Kinder.
    Ach ja: Durfresne beschreibt an anderer Stelle auch, wie man in den USA als Frau Karriere macht. Ich glaube nicht, dass das die Haltung ist, die Frauen in der Schweiz teilen, die mehr von Work-Life-Balance sprechen:
    “Dufresne: Work like a dog!
    ZEIT: Was meinen Sie damit?
    Dufresne: Du arbeitest so hart, wie du kannst, bis du, sagen wir, 34 bist. Dann hast du bereits eine Senior-Position in einer Firma. Erst dann bekommst du ein bis drei Kinder. In der Zeit, in der die Kinder klein sind, arbeitest du Teilzeit, aber nie unter 60 Prozent! – Und vor allem: Du bleibst dran. Im Beruf und zu Hause. Du helikopterst die Kinder, du steckst alles in diese Kinder, damit sie mal in ein College werden gehen können. Aber sobald sie im Bett sind, sitzt du nochmals vor deinem Computer und arbeitest drei Stunden. Und am morgen stehst du um 5 Uhr wieder auf, um noch zwei Stunden für dich und deine Arbeit zu haben.”

    ZEIT: Das heißt: 100 Prozent arbeiten, 100 Prozent Mutter und Hausfrau sein – und trotzdem nur einen Lohn für 60 Prozent erhalten.

    Dufresne: Genau.

    1. Avatar von Andrea Jansen
      Andrea Jansen

      Lieber Andi,

      Hier liegt doch der Hund begraben:

      ““Der Glaube, dass die Mutterschaft die oberste Priorität einer Frau ist, ist tief verwurzelt.” Und kaum eine Frau in der Schweiz würde dem doch widersprechen, oder?”

      EBEN. Und was ist dann mit den Frauen, die keine Kinder haben. Oder haben können? Solange wir nicht von diesem glorifizierten Mythos Mutter wegkommen, machen wir Schweizer Frauen uns unser eigenes gedankliches Gefängnis. Da können wir Krippen subventionieren bis zum geht nicht mehr – und es wird sich trotzdem nichts ändern.

      Das hat NICHTS mit “bösen Männern” zu tun, Andi, und es ist mir wichtig, dass Du diese Brille ausziehst. Der Wunsch nach Gleichberechtigung ist kein Angriff auf die männliche Berechtigung, da zu sein. Wir mögen Männer, lieben sie, brauchen sie. Aber trotzdem können und wollen wir nicht in einer Welt leben, die aus der männlichen Perspektive geschaffen wurde – wir haben da einfach zu wenig Platz drin. Mach das Gedankenexperiment und dreh den Spiess um – auch Du würdest wollen, dass Du für voll genommen wirst und die gleichen Rechte hast.

      Und jetzt noch zu Dufresne und “work like a dog”: Die USA ist ganz bestimmt kein Vorbild in Sachen Vereinbarkeit, und so hat sie das auch nicht gemeint. Die amerikanischen Frauen sind gezwungen, sich so zu Verhalten, unter anderem auch, weil Subventionen und Unterstützung gänzlich fehlen und oft nicht einmal Versicherungen vom Arbeitgeber bezahlt sind. Dass wir das in der Schweiz nicht müssen, ist ein Privileg! Und trotzdem werden viele, sehr viele Frauen ausgebremst, weil in den Köpfen ihrer Vorgesetzten (Männer UND Frauen) ein Mutterbild herrscht, das sie ihren Arbeitnehmerinnen aufzwingen wollen. Du magst das anzweifeln, Andi – aber wir haben die Mailbox voll mit Geschichten von Frauen, die genau das erlebt haben. Kein Vorwurf, wiederum. Aber einfach die Tatsache, dass das Argument “habe ich nicht erlebt, kenne ich nicht” kein valides ist.

      1. Avatar von Andi
        Andi

        Liebe Andrea
        Ich gebe dir völlig recht. Wir können Krippen subventioneren, so viel wir wollen, Mütter, die es sich leisten können, werden dennoch nicht (viel) mehr im Job verbleiben. Weil sie die Priorität bei ihrer Mutterschaft haben, weil sie, wie du sagst, dem “Mythos Mutter” nachleben. Für den Moment heisst das nichts anderes, als dass die meisten Mütter ihre Lebensentscheidungen so gefällt haben, wie es ihren Prioritäten entspricht. Nimm ich sie nicht für voll, wenn ihr davon ausgehe, dass sie als mündige Frauen selber über ihr Leben entscheiden? Oder ist nicht das Problem, dass man Frauen ständig sagt, was sie eigentlich zu tun bzw. nur schon zu wollen haben?
        Ich weiss nicht, was du meinst mit der “aus männlicher Perspektive” geschaffenen Welt. Dazu nehme ich gerne weitere Hinweise an, damit ich mir auch das Gegenstück vorstellen kann.
        Zum Vorbild Amerika schreibt sie an anderer Stelle: “Wenn es um Gleichberechtigung geht, hängt ihr in der Schweiz gegenüber den USA um 40 bis 50 Jahre zurück; zumindest in gewissen Fragen.” Ich sehe das etwas anders. Nämlich wie du: Wirtschaftliche Not zwingt zum Verbleib im Job, bzw. unser ausgebauter Sozialstaat fördert, dass Frauen zu Hause bleiben. Aber das wollen wir so, oder?
        Ausserdem habe ich nicht bestritten (im Gegenteil, siehe meinen ersten Abschnitt), dass Frauen, die kompromisslos ihre Karriere verfolgen, auf Vorurteile und Widerstand stossen. Auch wenn ich nicht glaube, dass dies böswillig ist, weil man den Frauen ein Mutterbild aufzwingen will. Sondern er ist schlicht die Erfahrung mit anderen Frauen, die nach der Geburt ihres Kindes (oder spätestens nach dem zweiten) nur noch stark reduziert und unflexibel arbeiten (wollen).
        Ich selber bin übrigens ganz anders aufgewachsen. Mit einer Mutter, die mit zwei Kleinkindern zu Hause die Matura nachgeholt und Medizin studiert hat. Ich finde die Mütter toll, die für ihre Arbeit brennen, und die, wie die Autorin, dafür auch äusserst stressige Zeiten auf sich nehmen. Und ich bin überzeugt, dass diese Frauen in der Schweiz auch Karriere machen. Nicht nur, aber auch weil man auf vielen Stufen händeringend nach Frauen sucht, die in Politik und Wirtschaft vorangehen möchten.
        Und von wegen Erfahrung: Auch als Mann habe ich mich mal für mehr Zeit und weniger Karriere entschieden. Und andere arbeiten 80h in der Woche und sehen ihre Kinder kaum einmal. Nie käme es mir in den Sinn zu klagen, oder eine Karriere einzufordern, die ich selber nicht kompromisslos angestrebt habe.

        1. Avatar von Andrea Jansen
          Andrea Jansen

          Nimm ich sie nicht für voll, wenn ihr davon ausgehe, dass sie als mündige Frauen selber über ihr Leben entscheiden?

          Doch, aber Du unterschätzt ganz massiv den gesellschaftlichen Druck, der hier herrscht (schau Dir mal die anderen Kommentare an) – den Du als Mann einfach nicht spürst (auch das, KEIN Vorwurf, sondern einfach eine Tatsache ohne Wertung). Es bleibt Dir also nichts anderes, als einfach zu glauben, dass diese andere Realität besteht.

          In Sachen Patriarchat: Tolles Buch, das einige Dinge gut aufzeigt: “Invisible Women” von Caroline Criado Peréz. “Was noch zu tun ist” von Anne Marie Slaughter oder auch “Eine kurze Geschichte der Menschheit” von Yuval Harari.

          1. Avatar von Susanne Reist
            Susanne Reist

            Genau, der gesellschaftliche Druck ist massiv. Selbst ich habe während der ersten Schwangerschaft gedacht, ich würde (müsste) mein Arbeitspensum nachher mit Kind reduzieren. Bis ich dann schon kurz nach der Geburt gemerkt habe, dass mir die Decke auf den Kopf fällt und ich gerne wieder in die Arbeitswelt will, mit gleichem Pensum, wie vor dem Kind. Ich merkte, dass für mich das, was man sonst so gemeinhin alles zu sagen bekommen hört, einfach nicht stimmt. Während der Schwangerschaft wurde ich von allen Seiten gefragt, ob und wie viel ich dann später wieder arbeiten wolle. Viele gingen ganz selbstverständlich davon aus, dass ich im ersten Jahr mit Kind sicher nicht arbeiten gehe. Vor der Geburt des zweiten Kindes wurde mir häufig erklärt, dass man mit zwei Kindern nicht mehr so viel arbeiten könne und und und. Für mich war das frustrierend, denn ich merkte, wie starr das Denken, wie eine Mutter und damit auch die Familie am besten ihr Leben meistern, zumindest in meinem Umfeld noch war.

          2. Avatar von Andi
            Andi

            Liebe Andrea
            Der Punkt ist, dass ich gesellschaftlichen Druck und Rollenmodelle nicht mit tatsächlichen Diskriminierungen, gläserner Decke etc. gleichstelle. Wenn ich mich anders verhalte als die Norm, kann ich mit Kommentaren dazu leben, nicht aber damit, dass andere mir im Wege stehen.
            Alexandra Dufresne sagt, dass beruflich ambitionierte Frauen mit der Mutterschaft quasi zwangspensioniert werden. Das sehe ich nicht so.
            Richtig ist aber, dass in der Schweiz kaum eine Mutter bereit ist, so zu arbeiten, wie Dufresne das vorgibt. Nämlich Tag und Nacht und viel mehr Stunden, als es der Anstellung entspricht. Zu recht, meiner Meinung nach. Ich halte das auch bei Vätern für falsch, es ist aber sicher üblicher.
            Übrigens erwähnt Alexandra Dufresne die Rolle ihres Partners auch nicht. Ich sehe nicht, wo in ihrem Modell der Fortschritt liegen soll.
            Übrigens scheint das auch die Sichtweise von Anne Marie Slaughter zu sein, die sich gegen diesen “Karrierefeminismus” ausspricht. Obwohl sie selber ja auch aus einer sehr privilegierten Situation schreibt, und dafür auch heftig kritisiert wurde. Dieses Buch muss ich mir mal anschauen.
            Letztlich geht es meiner Meinung nach um eine politische Haltung. Mir reicht es, wenn der Staat sicht möglichst aus meiner Lebensführung heraushält, und ich mit meiner Frau auf Augenhöhe aushandeln kann, wie wir unsere Partnerschaft und Arbeitsteilung pflegen. Wer gesellschaftskritisch vom Patriarchat spricht (meist verbunden mit einer gewissen Kapitalismuskritik), möchte in der Regel, dass die Gesellschaft ein Lebensmodell fördert und (finanziell) unterstützt, das man als das richtige sieht. Obwohl andere dazu vielleicht eben andere Ideen haben.

    2. Avatar von Karin
      Karin

      https://www.inc.com/amy-nelson/this-viral-google-memo-alleging-pregnancy-discrimination-proves-struggle-for-equality-is-still-very-real.html?cid=hmside2

      Ich habe heute diesen Artikel gelesen und dann an den Text von A. Duftesne gedacht. Also so viel besser als bei uns tönt dies jetzt auch nicht, sondern eher danach, dass sich (werdende) Mütter in den USA mit denselben Problemen rumschlagen müssen.

      Als Frau mit drei Kindern zwischen 3 und 8 Jahren, die 100% arbeitet in einem Job, bei dem dies eher 55 als 40 Std / Woche bedeutet erlebe ich allerdings im Alltag viel Ungläubigkeit aber eigentlich wenig Anfeindungen und falls doch, ignoriere ich dies einfach. Den Bias der Arbeitgeber, dass ich nicht mehr dieselbe Leistung bringen werde wie vor der Mutterschaft und die damit zusammenhängende Degradierung (nicht formell aber Aufgabenzuteilung im Team und die selbstverständliche Annahme, dass das Pensum reduziert wird) habe ich aber zu Beginn sehr stark gespürt. Mittlerweile hat sich das gelegt, da ich seit 8 Jahren weiterarbeite wie vorher. Für mich und meine Familie bedeutet dies aber genau was A. Dufresne gesagt hat, arbeiten am Abend nachdem die Kinder im Bett sind und am Morgen bevor sie aufstehen. Freizeit für mich oder mit dem Ehemann bleibt daher sehr wenig. Dies ist aber bei männlichen Kollegen auch nicht anders und man muss sich das bewusst sein, wenn man Karriere machen will. Ich mag meinen Job sehr aber frage mich trotzdem regelmässig, ob es das wirklich wert ist oder ich dies eines Tages bereuen werde. Daher bin ich etwas im Zwiespalt zwischen Verzweiflung, weil Mütter in der Schweiz regelmässig diskriminiert werden und Anerkennung der Tatsache, dass der oft unbewusste Bias der Vorgesetzten, der zu dieser Diskriminierung führt eben auch ein Körnchen Wahrheit hat, nämlich, dass viele Mütter nicht 150% arbeiten wollen, sondern wenn sie die Möglichkeit haben, lieber auf 60% reduzieren und mehr Zeit mit ihren Kindern haben als Karriere zu machen.