«Ich habe mich fremdverliebt»
Evelyn liebt ihr Leben, ihren Ehemann, ihre Kinder. Und doch ist da noch ihr altes Ich – frei und autonom. Ein Gitarrist hat es wieder geweckt. Der emotionale Seitensprung brachte Chaos, Schmerz und ganz viel Sex.

Nun sitze ich hier mit Liebeskummer wegen eines fremden Mannes, den ich eigentlich gar nicht kenne. Er existiert zwar, getroffen habe ich ihn nie – nicht wirklich. Nur eine Millisekunde haben sich unsere Augen getroffen.
Ganz zum Leid meines Ehemanns und meines Herzens. Bevor es zum Leid wurde, war es Leidenschaft. Habe ich mich gerade fremdverliebt und breche ein grosses Tabu?
Es heisst, ich habe den Lottosechser mit meinem tollen, attraktiven, erfolgreichen Ehemann, meinen gesunden und liebevollen drei Kindern, unserem Haus im Dorf und meiner Teilzeitanstellung in Lohnarbeit. Ich führe ein glückliches, zufriedenes Leben. Das ich meinen Mann von Herzen liebe, ist keine Frage. Das tue ich, und dass ich ihn für eine echte Rarität halte, ist auch sonnenklar. Er ist ein Jackpot. Und dennoch: Bin ich denn wirklich zufrieden und glücklich? Hat das mit meinem Mann zu tun oder nur mit mir?
Früher, da war ich eine freiheitsliebende Frau. Ich war autonom, oft unterwegs und mochte es ganz gerne, meinen Tag selbst zu gestalten.
Wer ich damals war
Bevor meine Seele ausbüxte und der Frage nach dem Glück nachging, lebte ich das Leben als «normale Mutter», hatte mir aber doch nie vorstellen können, ein Leben als Chauffeuse, Köchin, Lebensberaterin, Putzfrau, Aufräumerin oder Geschichtenvorleserin führen zu können. Ich wollte auch nie Salamireste auf meinem iPad-Bildschirm, verkotzte Shirts anziehen oder einem 4-jährigen Kind den A… putzen, nur weil es das in seinem 14. Wutausbruch des Tages gerade einfach will. Nein, so habe ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Denn …
Früher, da war ich eine freiheitsliebende Frau. Ich war autonom, oft unterwegs und mochte es ganz gerne, meinen Tag selbst zu gestalten, nebst meinem Vollzeitpensum mit guter Bezahlung, welche ich aber jeweils um 17 Uhr beenden konnte. Seither kenne ich das Wort «Feierabend» nicht mehr.
Hie und da habe ich mir einen Mann gegönnt und es genossen, begehrt zu werden. Ich mochte es aber auch, verwöhnt, getragen und gekuschelt zu werden. Um es wie Hecht auszudrücken: «Charlotta» – eine Mischung aus Heidi und Punk.
Aber das «Früher» ist vorbei, und ich lebe das jetzige Leben und konfrontiere mich täglich mit neuen Verdauungsgeschichten meiner Kinder. Und das sind allerhand – von Babys über Kleinkinder bis zu Schulalter-Kackerei.
Mit ihm muss ich bestimmt nicht über Esstischverhalten reden. Nein, er schaut mir tief in die Seele und zieht mich dabei noch aus.
«Du hast dich ja dazu entschieden und gewusst, dass es streng sein wird.» Nein, liebe Menschen, DAS habe ich nicht gewusst. Und auch wenn es mir gesagt wurde: Ich wollte es nicht wissen, konnte es mir nicht vorstellen, dass es SO wird.
Mein «echtes» Leben bleibt mein Geheimnis
Und dann kam er. Der Gitarrist einer deutschen Band. Ein Käppi auf dem Kopf, seine blonden Locken schauten neckisch hervor. Seine Tattoos schmückten seitlich seinen Hals, zogen sich über den Bauch bis zur Hüfte und endeten am Fuss.
Mit ihm muss ich bestimmt nicht über Esstischverhalten reden. Nein, mit seinen feurigen und zugleich heilsamen Augen schaut er mir tief in die Seele und zieht mich dabei noch aus. Seine Gegenwart spürte ich zwar nicht, dennoch war ich ihm sehr nahe. Wir tauschten uns über Social Media aus, kommentierten unsere Posts und sprachen kaum über mein Leben.
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Sein Leben ist spannend, sein Tourleben, seine Tage, welche spätabends enden. Musikgeschmack, Tattoos, Konzertgänge. Ich bin berauscht, elektrisiert und abwesend zugleich. Ich tümmle in dieser Fantasiewelt vor mich hin. Kriege es bei der Arbeit kaum noch hin, mich zu konzentrieren. Ich erwische mich im Minutentakt dabei, immer wieder auf mein Handy zu starren.
Ich gebe vor, wer anders zu sein. Ich tauche ein in ein Wesen, das ich im «Früher» war. Die Charlotta ist wieder voll da, und ich werde gesehen, begehrt, und auf einmal spielt es keine Rolle mehr, ob ich jemals Milch in meiner Brust hatte, Dehnungsstreifen habe oder weniger als vier Stunden schlafe.
Er fand mich schön. Ich bin keine Zehn, aber ganz gut anzuschauen. Er begehrte mich. Unser Austausch wurde immer intimer, ich war im Dopaminrausch und spielte mit dem Feuer. Es war grossartig, aber diese Leidenschaft sollte ich mit einem hohen Preis bezahlen.
Es folgten viele Gespräche, viele Tränen, viele Enttäuschungen, viele Erkenntnisse und – zu meiner Überraschung – viel Sex.
Im «echten» Leben hatte ich diesen tollen Ehemann, führte das glückliche Leben als Dreifachmamma und konnte das Spiel nebenbei nicht mehr handeln. Die Nachrichten wurden entdeckt, ich entlarvt und eine kleine Welt brach zusammen.
Mutter sein – und ganz Frau bleiben?
Welche dieser Welten war mir noch unklar. Denn mit einem Schlag hatte ich einen verletzten Mann und mein gebrochenes Herz zugleich. Ich vermisste nun jemanden, den ich nicht kannte.
Es folgten viele Gespräche, viele Tränen, viele Enttäuschungen, viele Erkenntnisse und – zu meiner Überraschung – viel Sex. Mit meinem Mann, wie wir es von unserem «Früher» kannten: wild, hemmungslos und schier überall. Eine Begierde flammte auf, wie sie kaum mehr da war.
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Meine Selbstreflexion lief auf Hochtouren, ich wollte weder meinen Mann, noch das unglaubliche Hochgefühl des Verliebens verlieren. Ich wusste aber, dass das kein Zustand auf Dauer war. Das Spiel musste enden, viele Fragen blieben.
Wer bin ich noch unter all den Rollen, die ich täglich spiele? Wo ist die freiheitsliebende Frau hin, die ich mal war? Und ist es möglich, Mutter zu sein und trotzdem ganz Frau zu bleiben – mit all meinen Sehnsüchten, meiner Lust, meinem Bedürfnis nach Freiheit? Wie kriege ich es hin, all meine Seelenanteile zu vereinen und jedem Anteil seinen nötigen Platz zu geben, wann immer das Bedürfnis besteht?
Unsere tiefe Verbundenheit und die gute Basis, die wir haben, stimmen uns optimistisch, dass wir das zusammen hinkriegen.
Diese Episode hat meine Beziehung schön durchgeschüttelt, aber am Schluss auch wieder nähergebracht. Unsere tiefe Verbundenheit und die gute Basis, die wir haben, stimmen uns optimistisch, dass wir das zusammen hinkriegen und uns gegenseitig unterstützen, sodass jeder seine individuellen Bedürfnisse ernst nehmen und ihnen den nötigen Raum geben kann. Eine offene Kommunikation – sei sie noch so verletzend und ausserhalb der Comfort Zone – hat uns dabei geholfen, zu merken, welchen Weg wir gehen möchten.
An dunkleren Tagen vermisse ich das Gefühl, das mir der andere Mann gegeben hat. Ich merke dann jedoch, dass es nicht der Mann ist, der mir fehlt, sondern dass ich mir selbst fehle. Denn was wie Fremdverlieben klingt, war womöglich nur ein Selbstentlieben.
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Veröffentlicht am 13. April 2026

