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Ein-Eltern-Familie: «Der Kontrast zwischen für alles zuständig und allein sein ist riesig»

Als Alleinerziehende kennt Fabienne das Gewicht der Verantwortung genauso wie die Stille einer leeren Wohnung. Sie erzählt uns von Erschöpfung, Schuldgefühlen und dem Glücksglas auf dem Küchentisch.

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Von

Eine Frau läuft mit zwei Kindern an der Hand über einen Fussgängerstreifen. Die Personen werfen lange Schatten. - alleinerziehend

Wenn Eltern sich trennen, ist das eine riesige Umstellung. Das Ende einer Beziehung geht nicht nur mit vielen Gefühlen einher, sondern bedeutet auch Organisation, Planung und finanzielle Veränderungen. Fabienne hat uns erzählt, wie es sich anfühlt, alleinerziehend zu sein. Wie intensiv und überwältigend alles sein kann, wie allein man sich manchmal fühlt und wie sehr sie und ihre Töchter durch die Situation zusammengewachsen sind.

Die Zeit mit den Kindern: 24 Stunden verantwortlich

Die Mädchen verbringen einen Tag unter der Woche und jedes zweite Wochenende bei ihrem Papa. Den Grossteil der Zeit sind sie also bei mir. Das hat viele schöne Seiten. Unsere Beziehung ist sehr eng. Wir sind ein eingespieltes Team. Ausserdem bekommen wir alle viel voneinander mit.

Vorwiegend alleine für die Kinder zuständig zu sein, ist aber natürlich auch intensiv. Ich muss verfügbar und präsent sein. Ich kann weder Aufgaben noch Verantwortung mit einem anderen Erwachsenen teilen oder mich mit jemandem über die Kinder austauschen, der sie genauso gut kennt wie ich.

Niemand räumt die Küche auf oder legt die Wäsche zusammen, während ich die Kinder ins Bett bringe. Niemand packt am Morgen den Znüni oder geht über Mittag einkaufen. Ich kann mit niemandem diskutieren, ob sie jetzt heimkommen oder noch draussen spielen dürfen, und ich kann mit niemandem schmunzeln, wenn die Mädchen etwas Lustiges machen.

Eine Zeit lang fühlte ich mich eingesperrt, teilweise sogar isoliert.

Daneben büsst man Flexibilität und Freiheit ein. Unter der Woche habe ich einen Abend zur Verfügung, an dem ich etwas unternehmen kann. Die restlichen Abende bin ich eingespannt und verbringe sie fast immer zu Hause. Eine Zeit lang fühlte ich mich dadurch etwas eingesperrt, teilweise sogar isoliert. Ich bin eine aktive Person. Ich treffe mich gerne mit Freund:innen, gehe zum Sport und bin in der Politik aktiv.

Natürlich waren meine Möglichkeiten auch mit einem Partner durch die Kinder eingeschränkt, das kennen wohl alle Eltern. Trotzdem war ich flexibler. Möchte ich heute an einem zusätzlichen Abend etwas unternehmen, braucht das Organisation und manchmal auch Geld, da ich eine Babysitterin engagieren muss. Ich wäge also sehr genau ab: Welche Aktivität ist mir wie viel wert? Was liegt finanziell drin? Was lohnt sich wirklich?

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Checkliste Trennung

Die Zeit ohne Kinder: plötzlich allein

Ein krasser Kontrast, ja sogar das totale Gegenteil, ist die Zeit ohne Kinder. Plötzlich gibt es da einen Abend, Wochenenden oder ganze Ferienwochen, an denen niemand da ist, niemand etwas von einem will und ich nicht gebraucht werde. Die Wohnung ist an solchen Tagen leer und still. Manchmal fällt ihre Abwesenheit auf einen Geburtstag, Ostern oder Weihnachten. Das ist besonders seltsam.

Obwohl ich mich an den Tagen mit den Kindern manchmal so sehr nach einer Pause sehne, vermisse ich sie, kaum sind sie nicht mehr da.

Das Paradoxe ist: Obwohl ich mich an den Tagen mit den Kindern manchmal so sehr nach einer Pause sehne, vermisse ich sie, kaum sind sie nicht mehr da. Vor allem als die Trennung noch frisch war, waren diese Abende und Wochenenden manchmal wirklich schwer. Hin und wieder sass ich in den Kinderzimmern und weinte, weil sie mir so sehr fehlten und ich mich plötzlich so einsam fühlte.

Inzwischen sind die Abende und Wochenenden nicht mehr so schwer. Ich habe mich daran gewöhnt, alleine zu sein. Ich geniesse die Zeit, nutze sie und mache etwas, das mir guttut – oft all das, was sonst zu kurz kommt, wie Sport, Freund:innen treffen, wandern, spazieren, oder ich treffe meinen neuen Partner.

Ich denke inzwischen auch nicht mehr die ganze Zeit an die Kinder. Ich kann besser loslassen. Mein Ex-Mann und ich haben ausserdem vereinbart, dass wir uns hin und wieder Fotos oder kurze Nachrichten als Update schicken. Das hilft, dann weiss ich immerhin, dass alles in Ordnung ist.

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Und doch vermisse ich sie, wenn sie nicht da sind. Ich glaube, gerade weil wir so oft zusammen sind, ist der Unterschied einfach enorm zwischen den Tagen, an denen ich für alles zuständig bin und andauernd gebraucht werde, zum Alleinsein. Daran gewöhnt man sich wohl nie ganz.

Die Planung und das Geld: Das eine nimmt zu, das andere ab

Die meisten Eltern kennen wohl die ewigen To-Do-Listen und das Jonglieren zwischen Familie, Job, Partnerschaft und Freundschaft. Schon als Paar ist es oft kaum zu schaffen, all das irgendwie unter einen Hut zu bringen. Ist man alleine, wird es noch schwieriger. Ich weiss gar nicht genau, wo ich anfangen soll. Da ist zuerst einmal mein 80-Prozent-Pensum, das ich mit meiner Betreuungsarbeit vereinbaren muss. Damit das gelingt, habe ich den Job gewechselt.

Ich war Lehrerin, hatte zuvor im Marketing gearbeitet, und dahin bin ich wieder gewechselt. Ich brauchte mit der Trennung einen Bürojob. Als Lehrerin arbeitete ich mehr, war weniger flexibel und musste oft abends arbeiten. Mit der Trennung war das nicht mehr möglich. Im Marketing geht das besser – dank Homeoffice und flexiblen Arbeitszeiten.

Man gewöhnt sich an alles. Aber manchmal denke ich, es ist verrückt, wie durchgeplant alles ist.

Dennoch sind die Tage getaktet. Gehe ich ins Büro, bin ich die, die spät kommt und früh geht. Im Homeoffice hole ich das nach. Ich stehe vor den Kindern auf und arbeite schon mal eine Stunde. Dann wecke ich die Mädchen. Sie ziehen sich an und machen sich selbst Frühstück, sodass ich weiterarbeiten kann. Daneben organisiere ich die Hobbys der Kinder, Arzttermine, Schultermine, das Kleidermanagement und alles andere, was so anfällt.

Irgendwo dazwischen versuche ich, noch ein Sozialleben mit meinen Freund:innen zu pflegen und eine Beziehung mit meinem neuen Partner zu führen. Man gewöhnt sich an alles. Aber manchmal denke ich, es ist verrückt, wie durchgeplant alles ist.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Geld. Eine Trennung ist ein wirtschaftlicher Abstieg. Ich glaube, das betrifft viele Alleinerziehende, gleichzeitig ist es vielen Aussenstehenden nicht bewusst. Wir haben an einigen Orten zurückbuchstabiert. Ich bin von einer modernen Wohnung in eine alte, günstige Wohnung umgezogen. Ausserdem musste ich viele soziale Aktivitäten auslassen.

Ich konnte nicht nur zeitlich weniger ausgehen, sondern auch finanziell. Und bei manchen Rechnungen, die in den Briefkasten flatterten, konnte ich kaum schlafen, weil ich nicht wusste, wie ich sie zahlen soll. Inzwischen habe ich mich etwas gefangen und es hat sich eingependelt. Aber das Geld ist bis heute eher knapp und ich rechne sehr genau.

Die Achterbahn der Gefühle: auf, ab und im Kreis

Gefühle? Davon gibt es reichlich und sehr unterschiedliche. Da sind die Schuldgefühle. Sie kommen immer wieder und packen mich manchmal ganz unerwartet. Dann sage ich mir, wie schlimm diese Trennung für meine Kinder sein muss, und frage mich, warum ich ihnen das antue. Sie haben mal gesagt: «Wir können nie euch beide haben. Wenn wir bei Papa sind, vermissen wir dich und umgekehrt. Das ist nicht fair.» Das hat mir fast das Herz zerrissen. Wir Erwachsenen haben diese Situation geschaffen und die Kinder müssen sich darin zurechtfinden.

Immer wieder gibt es Situationen, da ärgere ich mich über den anderen Elternteil, über etwas, das er sagt oder tut oder eben nicht sagt und tut oder halt einfach über seine Art. In solchen Momenten versuche ich, mir möglichst nichts anmerken zu lassen. Durchatmen und runterschlucken, denke ich mir dann. Aber das ist gar nicht so einfach. Nicht zuletzt, weil vor allem die Grosse praktisch jede meiner Gefühlsregungen wahrnimmt.

Auf keinen Fall will ich sie belasten. Gleichzeitig möchte ich authentisch sein. Ein Balanceakt, von dem ich nicht weiss, wie gut er mir gelingt.

Hinzu kommen Einsamkeit, Überforderung, Stress und schliesslich gibt es auch Dinge aus dem Alltag, die mich beim Abendessen beschäftigen. Ich versuche, einen Teil davon mit mir auszumachen, gleichzeitig möchte ich auch offen mit meinen Töchtern reden. Ich teile einiges mit ihnen, manchmal vielleicht etwas zu viel. Auf keinen Fall will ich sie belasten. Gleichzeitig möchte ich authentisch sein. Ein Balanceakt, von dem ich nicht weiss, wie gut er mir gelingt.

Das waren jetzt viele negative oder herausfordernde Gefühle. Wichtig ist mir: Es gibt auch viele andere. Da ist zum einen ein Raum, der sich plötzlich auftut. Ich glaube, ich konnte früher als andere Mütter über mich als Frau und mein Leben nachdenken. Ganz einfach deshalb, weil ich Abende oder ganze Wochenenden alleine hatte. Ich konnte mich fragen, was ich will. Wie ich sein will. Was mir wichtig ist. Ich hatte Zeit zu reflektieren. Das war manchmal schwierig und schmerzhaft, aber auch sehr wertvoll. Es hat mich weitergebracht.

Zudem spüre ich auch Dankbarkeit für meine Situation. Ich habe zwei gesunde, selbstständige und einfach grossartige Mädchen. Wir sind ein mega starkes Team und halten zusammen. Ich bin so unglaublich stolz auf sie. Wir versuchen auch zu dritt, uns auf die schönen und guten Dinge zu konzentrieren. Im Alltagsstrudel gehen die nämlich leicht unter.

Glas mit Schild dran, auf dem steht: Glücksglas 2026. Schöne Erlebnisse auf Zettel schreiben, von Zeit zu Zeit einen ziehen und vorlesen. - Ein-Eltern-Familie

Wir haben dazu ein kleines Ritual: ein Glücksglas. Immer, wenn jemand von uns etwas Schönes erlebt oder einen Moment besonders toll findet, schreibt die Person das auf einen Zettel und wirft ihn in das Glas. Immer wieder ziehen wir die Zettel und lesen uns vor, was da steht.

Das Witzige ist: Es sind kaum je die grossen Dinge, sondern oft vermeintliche Kleinigkeiten. Ein Glace, das wir zusammen gegessen haben, eine Geschichte, die wir gelesen haben, ein Spaziergang, ein Gespräch… Es sind genau diese Dinge, die mir viel geben, auch wenn das Leben als Alleinerziehende manchmal anstrengend ist.

Dieser Beitrag wurde von unserer Autorin Samantha Taylor im Austausch mit Fabienne aufgezeichnet.

Fabienne, Porträt, in den Bergen mit ihren beiden Töchtern - alleinerziehen, Ein-Eltern-Familie

Protagonistin

Fabienne (42) lebt mit ihren beiden Töchtern (7 und 9) in Kerns im Kanton Obwalden. Vor vier Jahren haben sie und der Vater der Mädchen sich scheiden lassen.
Samantha Taylor, Autorin, mal ehrlich

Autorin

Samantha Taylor schreibt als freischaffende Journalistin über die Bereiche Feminismus und Gleichstellung. Ausserdem widmet sie sich Themen wie Familie, Gesundheit, Bildung oder Wohnen. In den vergangenen Jahren arbeitete Samantha in führenden Positionen bei Ellexx sowie der Zuger Zeitung. Sie lebt mit ihrer vierköpfigen Familie in Zürich.


Informationen zum Beitrag

Veröffentlicht am 28. September 2026


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