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Kinder unter Stress: Es braucht mehr Zeit zum Spielen

Wir Erwachsenen wollen aus dem Hamsterrad mit dem Dauerstress ausbrechen. Gleichzeitig verplanen wir unsere Kinder. Wie kommen wir da wieder raus?

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«Ich will Zeit für mich!» Sagte nicht ich, sondern mein Sechsjähriger. Bestimmt und in einer gewissen Lautstärke – aber nicht so schrill und überlaut, wie dieser Satz jeweils aus mir herausplatzt.

Wenn ich Zeit für mich reklamiere, dann sage ich es meistens einen Tick zu spät. Und das mit dem Tick ist ehrlich gesagt eine gewaltige Untertreibung. Ich reagiere sehr oft erst dann, wenn mir schon alles zu viel ist und ich nicht mehr ruhig mein Bedürfnis äussern kann.

Ich weiss, ich bin nicht allein damit.  

Viele Eltern erlauben sich erst Me-Time, wenn der innere Druck schon immens ist.

Sehr viele in meinem Umfeld und Alter wollen dieses Muster grad aufbrechen. Sie lernen, ihre Bedürfnisse zu erkennen (Klingt so leicht, ist so schwer!), diese höher zu priorisieren als bis anhin (Phu, die autoritären Stimmen in meinem Kopf schimpfen aber fest!) und auszusprechen (Mach jetzt das Maul auf, Körper! Nein, kein Schoggistück rein und Konflikt vermeiden! Reden!).

Wir wollen uns selber wieder näher sein, uns nicht mehr so hin- und hergerissen fühlen zwischen eigenen Wünschen und Forderungen von aussen, möchten aus dem Hamsterrad mit dem Dauerstress ausbrechen.

Und was machen wir mit unseren Kindern?

Schubsen sie ins selbe Hamsterrad, aus dem wir endlich raus wollen.

Wir nehmen den Kindern ihre Me-Time weg – in bester Absicht.

Kinder sind begeisterungsfähig und wollen vieles ausprobieren. Wir unterstützen das, und erhöhen ungewollt ihren Stress: Sportkurse, Musikunterricht, Playdates, Ausflüge… alles tolle Dinge, die den Kindern Spass machen. Aber in der Summe einfach recht viel Programm.

«Wir haben das Gefühl, viel zu ermöglichen, dabei verhindern wir auch vieles. Wenn wir unsere Kinder zu stark verplanen, fehlt die Zeit für freies Spiel. Und das ist wichtiger, als viele glauben», sagt Pascale Sahli.

Sahli ist Psychologin, ausgebildete Primarlehrerin, Erziehungswissenschafterin und zweifache Mutter. Mit entstresst.ch hat sie im Frühjahr ein Angebot lanciert, das Kinder und Erwachsene unterstützen möchte auf dem Weg zu entstresstem Lernen, Arbeiten und Leben. Sie sagt:

«Ein Nachmittag zum freien Spielen bringt enorm viel. Spielen führt zu mehr Selbstwirksamkeit.»

Selbstwirksamkeit bedeutet: Die Überzeugung, auch schwierige Momente und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können. «Selbstwirksamkeit ist eine Voraussetzung, um später Stressresistenz zu besitzen», sagt die Expertin.

Dieses Vertrauen in seine Fähigkeiten muss erlernt werden. Und das geht am besten übers Spielen.

Wenn Kinder aus Decken und Kissen eine Höhle bauen wollen und so lange herumtüfteln, bis die Konstruktion irgendwann hält, dann haben sie Pläne geschmiedet und umgesetzt, ihre Vorstellungen mehrfach anpassen müssen, miteinander diskutiert und nach Lösungen gesucht, Momente der Frustration und des Stolzes erlebt.

Dasselbe gilt auch fürs Basteln von Ritterrüstungen, fürs Kreieren ausgefeilter Kugelbahnen, für die Herstellung eines möglichst eklig aussehenden Kuchens, fürs Lösen kniffliger Puzzles und so weiter.

Die Fantasie und Spielfreude sind immens – aber das alles braucht Zeit.

(Und es braucht die Möglichkeit, nicht immer gleich wieder aufräumen zu müssen.)

Pascale Sahli erzählt: «Es gibt pauschal gesagt zwei Kategorien von Elternhäusern, wo Kinder nicht ausreichend Gelegenheit zum Spielen haben: In den sozial schwachen Familien sitzen die Kinder mehrheitlich vor dem Fernseher. Diese Kinder sind beschäftigt, haben aber kaum Anregungen. In den gehobenen Familien sind die Kinder auch ständig beschäftigt mit Freizeitangeboten und erhalten quasi permanent Anregungen.»

Beide Methoden haben ungünstige Auswirkungen, wie Sahli weiss. Sie sagt: «Kinder, die zu Hause vielfältig spielen konnten, haben bessere sprachliche Fähigkeiten, sind sozial kompetenter, empathischer und kreativer als ‘Nichtspieler’. So viele Eltern wollen ihren Kindern Gutes tun mit abwechslungsreichen Freizeitaktivitäten, aber das Spielen wäre die beste Vorbereitung für die Schulfähigkeit. Wenn man eine gewisse Phase verpasst, können die Kinder sich nachher nicht mehr selber beschäftigen, sie stehen beispielsweise ideenlos auf dem Pausenplatz rum. Spielen lernen muss vor dem Schuleintritt passieren.»

So kann es passieren, dass auch jene Kinder in der Schule grosse Mühe haben, die von klein auf in Förderkurse gingen, weil die Eltern sie gut vorbereiten wollten auf den Schulalltag. Mehrere Lehrpersonen schilderten mir diese Problematik: Eltern reagieren wütend und enttäuscht, wenn ihre Kinder schwache Leistungen zeigen trotz all der vielfältigen und teilweise kostspieligen Freizeitaktivitäten.

Was hat das Spielen mit der Schulleistung zu tun?

Übers Spielen werden zahlreiche Fähigkeiten erlernt, die in der Schule notwendig sind, Frusttoleranz, Planungsgeschick, Kommunikationsregeln und so weiter. Wenn Kindern nicht Explorationsspiele, Fantasiespiele und Rollenspiele ausprobieren konnten, fehlt ihnen dann ab sechs Jahren das Know-how für Regelspiele. Und dann ist es schon fast zu spät.

Also braucht es Zeit fürs freie Spiel. Und die hat massiv abgenommen, gemäss Studien in den letzten 20 Jahren um einen Drittel. Und immer wieder zeigen Studien: Kinder wollen mehr freie Zeit – unverplante Inselmomente und die Möglichkeit zum draussen sein.

Ich tendiere auch zu oft zum Verplanen.

Da noch einen Ausflug, dort noch ein Playdate. Und wolltest du nicht schon lange mal Karate ausprobieren oder Trompete lernen? Und in die Bibliothek wollten wir doch auch noch rasch!

Immer wieder falle ich in dieses Muster.

Seit ich aber einen Kinder-Wochenplan habe und den auch mit den Kindern bespreche, sehe ich viel deutlicher, wie wenig freie Slots es überhaupt gibt. Der Sechsjährige hat nur drei freie Nachmittage unter der Woche, einen davon verbringt er bei den Grosseltern.

Kein Wunder protestiert er, wenn ich an einem freien Nachmittag daheim auch noch Dinge erledigen will wie Einkaufen oder Entsorgen. Oder wenn ich einen Ausflug oder ein Playdate im Kalender eintrage, ohne ihn vorher nach seiner Meinung zu fragen.

Ich bin froh, setzt er sich so zur Wehr. Das hilft mir, dem äusseren Druck standzuhalten.

«Was haben deine Kinder für Hobbys?», werde ich nämlich recht häufig gefragt. Und ich fühle mich leider oft unzulänglich, wenn ich sage: spielen. Obwohl ich genau weiss, dass es tatsächlich das ist, was sie am allerliebsten machen – und was für ihre Entwicklung unglaublich wertvoll ist.

Sahli sagt: «Kinder brauchen Zeit zur freien Verfügung, daheim eine Rückzugsmöglichkeit, sie dürfen sich nicht störend fühlen und sie sollen involviert werden in die Planung. Me-Time ist NICHT der Besuch von Kinder-Yoga

Aber dieser Druck zur Frühförderung lässt auch mich nicht in Ruhe.

Weil das Wort Frühförderung impliziert, man würde den Kindern dadurch automatisch was Gutes tun. Dabei müsste man nur abändern, was mit Förderung gemeint ist. Dass Spielen auch dazugehört.

«Man weiss aus der Forschung seit vielen Jahren, dass das freie Spiel die beste Art der Frühförderung ist und der beste Entwicklungsmotor für das Aufwachsen eines Kindes», sagte die renommierte Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm einmal in einem Interview.

Ich habe mir dieses Zitat gescreenshottet und lese es immer wieder durch. Meistens dann, wenn andere Eltern erzählen, was ihr Kind alles für Kurse besucht in der Freizeit und ich den Drang verspüre, mitzuziehen.

Pascale Sahli ergänzt: «Frühe Förderung ist nicht per se schlecht. Wenn Kinder spielorientierte Vorschulangebote besuchen als frühe Förderung plus zu Hause Raum und Zeit für freies Spiel haben, haben sie einen doppelten Vorteil. Sie sind schulisch später gleich gut oder besser und werden ausgeglichenere Menschen.»

Aber nun ein paar konkrete Tipps von Pascale Sahli:

Wie kann man Kindern Stress nehmen und sie zum freien Spielen ermutigen?

Full Disclosure: Dieser Beitrag wird durch unseren Partner Ravensburger unterstützt.

Porträtfoto von Anja Knabenhans - Chefredaktorin mal ehrlich AG

Autorin

Anja Knabenhans ist die Content-Chefin von mal ehrlich. Sie war viele Jahre Journalistin bei der NZZ und NZZ am Sonntag – als Schreibende oder Tätschmeisterin, manchmal auch vor der Kamera oder hinter dem Podcast-Mikrofon. 2017 stieg sie bei Any Working Mom ein. Neben ihrer Tätigkeit bei mal ehrlich macht sie ihr eigenes Ding mit ding ding ding. Während sie beruflich ihre Freude am Tüpflischiss auslebt, zelebriert sie daheim das familiäre Chaos. Sie ist Mutter von zwei Kindern im Schulalter.

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 5. Oktober 2021 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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6 Antworten

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  1. Avatar von Anonyma
    Anonyma

    Meine 5jährige hat mir gerade diese Woche wieder gesagt, dass sie zu wenig Zeit für sich hat, wenn sie morgens im Kindergarten ist und wir nachmittags noch was unternehmen. Das tun wir, weil mir zu Hause ansonsten regelmässig die Decke auf den Kopf fällt.

  2. Avatar von Nicole
    Nicole

    Herzlichen Dank für diesen Artikel. Ich bin auch immer wieder am Tag verplanen, dabei geniesse ich die ruhigen Tage zu Hause mit spielen genauso.

  3. Avatar von Monica
    Monica

    Ein wirklich toller Beitrag dem ich vollumfänglich zustimmen kann. Ich bin Mutter von drei erwachsenen Söhnen, die sich spielend durch ihre Kindheit gelebt haben und jetzt verliebte Großmutter von zwei Enkelkindern, die sich die Welt im Spiel zurecht rücken. Ich habe die Zeit und die Muße dazu und empfinde es für beide Seiten als Privileg.

  4. Avatar von Julie
    Julie

    oh wow, auch mir sprichst du gerade aus dem Herzen. Dieser Aktionismus irritiert mich selber regelmässig wenn ich zum 4. Mal am Tag den Kindern die Schuhe anziehe (nur schon Kindergarten bringen und holen inkl. 2 Jähriger) und die Kinder aus dem Haus schleppe, frage ich mich was ich mir selber zumute. Einfach SEIN fällt mir so schwer, nicht den Kindern. Danke für eure Arbeit und genau solche Zeilen.

  5. Avatar von Aita
    Aita

    Danke für den Artikel. Der tut gerade gut. Weil ich ständig ein schlechtes Gewissen habe, dass meine Kinder ‚nichts‘ machen, kein Schwimmen, kein Muki-Turnen, keine Spielgruppe – weil es zeitlich-organisatorisch nicht drin liegt.

  6. Avatar von Fahri
    Fahri

    Super Artikel, spricht mir aus dem Herzen! Wenn man Langeweile hat, kommen die beste Ideen – das sage ich immer. Bin immer wieder erstaunt wie kreativ meine Kinder werden, oft braucht es nur Karton, WC-Rollen, Schnur und Klebeband 🙂 Dann sind sie beide zusammen, stundenlang fokussiert dran, richtig im “Flow”…und ich kann den Moment für mich nutzen.