Markus Tschannen wechselt wieder Windeln
Vom Rollschinkli zur Hyäne: 10 Phasen des Jöö-Faktors
Ich geniesse aktuell die entzückten Blicke auf unser Baby. Als Vater eines zwölf- und eines sechsjährigen Kindes weiss ich aber auch: Das hat ein Ablaufdatum.

«Jöö aso nei, so härzig», schmachtet der Angestellte am Kundendienst. Ob er selber so ein Rollschinkli zu Hause hat? Vermutlich nicht, sonst könnte er sich ja an seinem eigenen sattsehen. Ich versuche seinen Blick wieder auf mich zu lenken. «Jaja zuckersüss. Äh Abfallsäcke, 35 Liter… nur zur Erinnerung.»
Babys ziehen die Augen auf sich, egal wo man mit ihnen so hinwandert. Am gefährlichsten ist es im Coop, in der Nähe des Incarom-Regals. Praktisch jedes Mal prescht da ein Grosi hinter dem Fake-Kafi hervor und bellt euphorisch: «Jössssses, diese kleinen Füsschen! Hat es ächt die Söckli verloren?» Schnell weg, bevor Elsbeth on the spot zu stricken beginnt.
Auch wenn ab dieser beiden Beispiele der Eindruck entsteht: Die Aufmerksamkeit fürs Baby stört mich gar nicht. Ich geniesse die entzückten Laute und nuschle jeweils ein kurzes «Danke, hab ich selbst gemacht», während ich verlegen mit dem Fuss scharre. Da ich gleichzeitig Vater eines Zwölf- und eines Sechsjährigen bin, weiss ich ja auch, wie flüchtig diese Erlebnisse sind.
Aber wie lange bleibt ein Baby oder Kleinkind eigentlich süss? Wann und warum verliert sich die Niedlichkeit? Ein Erklärungsversuch in 10 Phasen.
Phase 1: rückblickend runzlig
Klar, ein Neugeborenes sieht ganz niedlich aus. So redet man es sich zumindest im Hormonrausch der ersten Tage ein. Erst ein paar Monate später stellt man dann auf Fotos fest, dass das Baby wie eine Mischung aus einer Dörrpflaume, einem von zwanzig Eichhörnchen zerfledderten Tannenzapfen und einem 95-jährigen Mann aussieht.
Phase 2: gut im Fleisch
Der Tannenzapfen hat jetzt etwas Speck unter der Haut bekommen – oder wie man in der Schönheitsbranche sagt: 360-Grad-Filler-Injection. Kombiniert mit wachen Augen und einem gewissen Interesse für die Umgebung steigt der Jöö-Faktor.
Phase 3: zahnloses Lächeln
Himmel, es lächelt. Ach wie schön. Jöö näi! Sooo herzig. Also sowas … hach … härziger gaht’s nümme! Peak Niedlichkeit ist erreicht.
Phase 4: zahniges Lächeln
Zuerst erscheinen diese beiden Zähne im unteren Kaubalken, dann einzelne weisse Stifte mit zu viel Abstand in der Oberleiste. Das zahnlose Lächeln ist ruiniert, das Baby sieht erst fies und dann im Ansatz wie eine Horrorfigur aus. Es wirkt einfach immer verstörend, wenn plötzlich irgendwo Zähne sind, wo erfahrungsgemäss keine hingehören. Ausserdem sind die neuen Stanzwerkzeuge nicht ungefährlich. Das Baby verliert erstmals Niedlichkeits-Punkte.
Phase 5: läuft beim Baby
Laufen ist per se süss, aber nicht mehr Baby-süss. Schon lustig, wie es erstmals selbständig vom Tripp Trapp zum Katzenkörbchen stakst, um Miezi den Schwanz lang zu ziehen. Aber mit seinem schwankenden Gang erinnert es halt auch an Grossonkel Heinz, der an den Familienfesten immer so streng nach Cognac Richelieu riecht, ständig über Politik diskutieren will und jede halbe Stunde in den Flieder brunzt.
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Phase 6: the terrible Twos
Es gibt wenig, was der Niedlichkeit eines Kindes so abträglich ist wie der eigene Wille. Das zwängelnde Kind erhält in der Öffentlichkeit jetzt immer weniger verzückte und immer mehr verärgerte Blicke. Viele Eltern können damit nicht umgehen und machen einfach ein neues.
Phase 7: neben dem Geschwister
Das neue Baby ist zwar wieder schön herzig, aber das ältere Kind wirkt daneben jetzt noch grobschlächtiger. Das gibt weitere Abzüge in der Herzigkeitsnote.
Phase 8: Zahnlücken
Toll, jetzt sieht das Kind aus wie ein Drittliga-Eishockeyspieler, der abends in einem Schlägertrupp der russischen Mafia jobbt.
Phase 9: neue Zähne, leider schief
Warum erinnert mich mein Kind plötzlich an eine räudige Hyäne? Kann ich die Zahnlücke nochmal sehen?
Phase 10: Metall im Maul
Zähne scheinen einen grossen Einfluss auf den Niedlichkeitswert zu haben. Also ab zur Kieferorthopädin. Zugegeben, schon die Spange sieht etwas niedlich aus. Wie ein kleines Baugerüst, auf dem winzige Fachleute nun ein, zwei Jahre lang das Beissbrett sanieren. Spätestens aber mit dem Rückbau des Gerüsts hat das Kind erstmals seit langem wieder Punkte auf der Niedlichkeitsskala gutgemacht. Beim Blick auf die Rechnung folgt allerdings die Einsicht: Niedlich aussehen ist nicht alles.
Bonusphase: Pubertät
Mit 13, 14 Jahren werden Kinder plötzlich wieder sehr viel niedlicher. Allerdings nicht für Erwachsene – 58-jährige Instagram-Herberts mal ausgenommen – sondern für Gleichaltrige. Früher fuhren die mit dem frisierten Töffli vor, heute mit diesen Peinlo-E-Rollern, die aussehen wie eine unheilige Kreuzung zwischen Harley und Rollator. Spätestens wenn das Kind ohne Helm auf so ein Gefährt aufsteigt, ist aus Sicht der Eltern jede kindliche Herzigkeit abhanden gekommen.
Und jetzt dämmert mir: Der Typ am Kundendienst-Schalter hat zu Hause kein eigenes Baby, sondern ein, zwei Teenager, und sehnt sich zurück nach der unschuldigen Niedlichkeit eines glucksenden Rollschinklis. Ich fühle mit ihm und werde künftig öfter Abfallsäcke kaufen.
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Veröffentlicht am 8. Mai 2026.
Die Kolumne «Markus Tschannen wechselt wieder Windeln» erscheint alle paar Monate.