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93 Spaziergänge – oder wie ich Vater geworden bin

Was macht eigentlich einen Vater aus? Die Antwort fand unser Autor beim Spazierengehen mit einem kleinen Häufchen Mensch im Tragetuch: Vater wird man vor allem dort, wo die Mutter nicht dabei ist.

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Ein Mann hält ein schlafendes Neugeborenes eng an die Brust - Was macht eigentlich einen Vater aus? Erfahrungsbericht eines Neuvaters

Was genau ist eigentlich ein Vater? Die ganze Schwangerschaft über stellte ich mir diese Frage. Was macht so einer? Wie macht er es? Was macht einen Vater aus? Mütter scheinen schnell definiert: sie gebären, sie stillen (I know: nicht immer …), sie sind für ihre Babys die Welt. Aber Väter?

In der Populärkultur sind wir bestenfalls liebenswürdige Idioten, die schlechte Witze reissen, permanent überfordert sind und von unseren Kindern nicht ernst genommen werden. Mein eigener Vater war für mich eine Art Vize-Mutter. Er konnte kochen (einfach nicht so gut), er konnte Bücher vorlesen (einfach nicht so gut) und uns ins Bett bringen (einfach …). Er konnte fast alles – aber schlechter als Mama. Und rief ich dann später von meinen Studi-WGs aus daheim an, sagte er nur: «Wart, ich gib dr grad s’Mami».

Vulkanausbrüche, Nordlichter, Erdbeben: alles nichts, verglichen damit, wie meine Frau unsere Meret gebar.

Inzwischen bin ich seit 100 Tagen selbst Vater, und der Start war komplett überwältigend. Vulkanausbrüche, Nordlichter, Erdbeben: alles nichts, verglichen damit, wie meine Frau unsere Meret* gebar. Die ersten fünf Tage verbrachten wir geborgen und umsorgt im Geburtshaus, dann ging’s nach Hause.

Da waren wir nun: zwei Erwachsene und ein winziges Häufchen Mensch. Wir legten uns schlafen, und am nächsten Morgen packte ich die Kleine ins Tragetuch und ging raus. Gute zwei Stunden waren wir unterwegs. Zeit, in der meine Frau nachschlafen und sich von der Nacht erholen konnte. Am darauffolgenden Morgen spazierten wir beide erneut. Dieses Mal brachten wir heissen Kaffee mit.

In die Vaterrolle hineinspaziert

Unsere Spaziergänge wurden zum Ritual. Und sie wurden zur Basis für meine Vaterschaft. Meret wurde mit mir vertraut – und zwar so, dass sie sich bei mir entspannen konnte. Laut hörbar die Windeln füllen? Stets bei Papa! Ihre abendliche Schrei-Krise durchstehen? Am besten Haut-auf-Haut mit mir.

Die Aufgaben als Vater werden einem nicht so angeworfen, wie jene als Mutter. Man wird auch nicht so sehr damit überschüttet. Man muss sie sich nehmen. Ich selbst ging spazieren, schmiss in den ersten sechs Wochen praktisch den kompletten Haushalt, übernahm das Wickeln und machte Merets Schreikrisen zu meiner Domäne.

Ich will keine Vize-Mutter sein, am liebsten wäre ich im Leben meiner Tochter der Bass.

Das alles trug dazu bei, dass ich in meine neue Rolle, in meine neue Aufgabe, in mein neues Leben als Vater fand. Denn durch all die Erfahrungen wurde mir peu à peu klar: Ich will keine Vize-Mutter sein, am liebsten wäre ich im Leben meiner Tochter der Bass.

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«It takes a choir to raise a child»

Merets frühe Kindheit stelle ich mir vor wie ein Lied, und meine Frau ist darin die Stimme, die die Melodie prägt. Sie ist der Sopran. Der Bass hat eine andere Rolle: Er legt den Boden, er gibt dem Gefüge Halt. Und der Tenor? Alt? Bariton? Mezzo? Göttis, Grossmütter, und, und, und machen das Ganze erst richtig interessant. «It takes a choir to raise a child.» (Jaja, okay: Der Sopran hat nicht immer den Lead und meine Frau singt eigentlich Alt. Aber hey, zu viel nachdenken hat noch jede Metapher ruiniert).

In unseren ersten 100 Tagen haben Meret und ich 93 Spaziergänge gemacht. Die ersten fünf Morgen waren wir im Geburtshaus, einmal war ich angeknackst und wäre krank geworden, hätte ich nicht zu mir geschaut (#Selfcare) – und auf den 100. Spaziergang komme ich noch.

Mal hat’s geregnet, mal geschneit, einmal war’s sogar -12°C. Immer wieder war’s Sonntag, dann wieder Diens- oder Donnerstag, mal standen wir kleine oder auch grosse Krisen durch und oft, sehr oft, war’s einfach nur schön und entspannt.

Kriegte ich als Vater dabei besonders viel Wohlwollen und aufmunternde Blicke? Sicher.

Ich entdeckte die Welt um unseren Wohnort neu, traf andere Väter, unerwartete Freunde und verklärt-lächelnde Unbekannte. Kriegte ich als Vater dabei besonders viel Wohlwollen und aufmunternde Blicke? Sicher. Gehe ich als Mann durchs Leben und denke mir «oh Gott, bitte nicht schon wieder ein Kompliment»? Eben.

Manchmal hörte ich Podcasts, manchmal Musik, aber am liebsten hörte ich nichts und schaute der Nacht zu, wie sie Tag wurde. Einmal sprach mich beim Kaffeeholen eine ältere Frau an: «Entschuldigung, aber ich werde bald Grossmutter. Diesen Einsatz vorne in ihrer Jacke, mit dem der Stoff auch ums Kind herum reicht … woher haben sie den?». Ein anderes Mal stand plötzlich ein bulliger, leicht bedrohlich wirkender Kerl vor mir und sagte dann schüchtern: «Oi! Dieser Jackeneinsatz … äh, woher hast du den?».

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Drei hin-und-weggeschmolzenen Baristas

War Meret wach, äugte sie gerne herum und machte mit ihren Blicken die Herzen zu Wachs. Einmal tat sie das, als wir gerade Kaffee holten. Ich werde das Bild der drei hin-und-weggeschmolzenen Baristas nie mehr vergessen.

Die emotionalste Begegnung erlebte ich aber relativ bald nach der Geburt. Gerade noch hatten meine Frau und ich uns drüber unterhalten, wie eigenartig und fremd sich all diese neuen Wörter anfühlten: «Mutter», «Vater», «unsere Tochter». Dann lief ich einer Bekannten meiner Frau über den Weg und rief: «Hey, bisch du nid d’Sophia?» «Jä», sagte sie, «und du bisch dr Papi vo dr Meret.» Ich hätte sofort losheulen können!

Dass ich mir die Zeit fürs Spazieren nehmen konnte, liegt daran, dass ich selbständig bin. Zwei Monate habe ich mir komplett freigenommen, dann stieg ich langsam wieder ein. Hebammen empfehlen sechs Wochen Ruhe, Väter erhalten zwei Wochen «Urlaub». Der Hut, unter dem das zusammengeht, den möchte ich gern mal sehen …

So richtig zum Vater wird man in jenen Stunden, in denen die Mutter nicht dabei ist. Im 1:1 mit dem Kind.

Ich weiss, der Satz klingt ein bisschen komisch, aber inzwischen denke ich: So richtig zum Vater wird man in jenen Stunden, in denen die Mutter nicht dabei ist. Im 1:1 mit dem Kind. Das hatte mein eigener Vater nur selten und genau darum blieb er stets der Junior-Partner im Elterngefüge.

Unsere Tochter profitiert davon, dass ich mir so viel Zeit für sie nehmen konnte. Ich selbst profitiere ebenfalls, aber am allermeisten profitiert unsere Beziehung als Paar. Ich sehe, was meine Frau alles leistet (und damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Sie leistet viel, sehr viel mehr als ich) und sie sieht, was ich alles tue. Eines der häufigsten Worte in unserem Haushalt (nach «Bohne» und «jööööööö!») ist «Dankeschön».

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Der 100. Spaziergang fiel aus

93 Mal gingen wir zwei also spazieren, einmal schonte ich mich, fünfmal waren wir im Geburtshaus. Unser 100. Spaziergang fiel aus, weil Meret schlechter und schlechter schlief. Die Vier-Monats-Schlaf-Regression war bei ihr ziemlich intensiv. In der Familienberatung riet man uns, Schlaf und Körperkontakt langsam zu trennen, was wir (übermotiviert wie wir sind…) viel zu radikal umsetzten.

Einen Morgen ging ich gar nicht mit ihr raus – dem Schlafen hat das nicht geholfen. Nun gehen wir wieder spazieren, aber nicht mehr so lange. Die Kleine steht mit mir auf, dann drehen wir eine etwa 30-minütige Runde, bis sie schläft, und dann lege ich sie daheim ab. Ich staune selbst, wie problemlos das bereits klappt.

Ich bin in meine Rolle als Vater hineinspaziert – was nicht heisst, dass ich jetzt alles kann oder nicht regelmässig verunsichert oder überfordert wäre.

Meret und ich haben übers Spazieren zueinander gefunden. Ich bin in meine Rolle als Vater hineinspaziert – was nicht heisst, dass ich jetzt alles kann oder nicht regelmässig verunsichert oder überfordert wäre. Das bin ich, zur Genüge. Aber zu meiner riesigen Freud erlebe ich mich selbst als Vater als sehr viel kompetenter, als ich jemals erwartet hätte.

Die langen Morgenspaziergänge mit unserer Kleinen waren wundervoll – nun sind sie vorbei. Auch im Leben von Eltern ist letztlich alles eine Phase (und geht unerhört schnell vorbei). Auch wir Eltern werden einfach wahnsinnig schnell gross.

* Das Kind heisst anders, aber Meret war in unseren Top 5.

Benedikt Meyer, Autor, mal ehrlich

Autor

Benedikt Meyer ist freier Historiker, Kabarettist und Schriftsteller. Mit seinem «Historischen Kabarett» tourt er über die Schweizer Kleinkunstbühnen, nebenbei schreibt er Bücher oder macht richtige Stadtführungen (nur blöderweise in der falschen Stadt). Er lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Basel. Man findet ihn online unter www.benediktmeyer.ch sowie auf den diversen Sozialen Medien. Copyright Porträtfoto: Raphaela Graf


Informationen zum Beitrag

Veröffentlicht am 4. Juni 2026


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