«Ich war in beiden Welten am Limit – als Vater und im Job»
Nach der Geburt seines ersten Kindes reduziert Alex sein Pensum. Er will ein engagierter Vater sein. Trotzdem – oder gerade deshalb – brennt er aus. Ein Gespräch über Eltern-Burn-out, Rollenbilder und den Mut, Konsequenzen zu ziehen.

«Ehrlich gesagt, ich bin ziemlich überrascht, dass die Familie kaum thematisiert wurde.» Das schrieb uns Alex Vogel, nachdem er unsere Podcastfolge «Mein Zusammenbruch war mir peinlich» gehört hatte, in der ein Vater von seinem Burn-out erzählt und dieses hauptsächlich in der beruflichen Belastung verortet. Alex schrieb: «Bei mir war das anders. Meine Vaterrolle war ein entscheidender Grund für meine Erschöpfung, und ich finde es wichtig, dass man darüber spricht.» Das finden wir auch – und so trafen wir Alex zum Gespräch (mehr zu ihm als Person erfährst du, wenn du ans Ende des Interviews scrollst).
Alex, du hattest vor einiger Zeit ein Burn-out. Wie kam es dazu?
An Weihnachten 2021 kam unser erstes Kind zur Welt. Es war eine schwere Geburt, sehr kräftezehrend für meine Frau, und auch für mich. Hinzu kam: Unser Sohn war kein Anfängerbaby. Er schlief sehr wenig. Unsere Batterien waren innert kürzester Zeit leer. Meine Firma erlaubte mir widerstandslos, mein Pensum zu reduzieren. Ich bin zwar mit einer klassischen Rollenteilung aufgewachsen, hatte aber keine Zweifel, dass ich das anders angehen und einen wesentlichen Teil der Sorgearbeit übernehmen wollte. Ich hatte geplant, während des Mutterschaftsurlaubs meiner Frau 80 Prozent zu arbeiten und auf 60 Prozent zu reduzieren, wenn sie wieder arbeiten ging.
Ich konnte den Tank nicht mehr über Nacht füllen, er leerte sich immer schneller.
Dann kam es anders …
Die erste Zeit mit unserem Sohn war so anstrengend, dass mein Energiehaushalt bereits im ersten halben Jahr total aus dem Gleichgewicht geriet. Die Einschlafbegleitung dauerte meist fast eine Stunde, mit Weinen und Schreien. Ich bekomme gleich wieder Schweissausbrüche, wenn ich davon erzähle. Ich konnte den Tank nicht mehr über Nacht füllen, er leerte sich immer schneller. Ich geriet in ein Burn-out.
Man unterscheidet seit einiger Zeit zwischen beruflichem und Eltern-Burn-out. Wo würdest du deines verorten?
Ich war in beiden Welten am Limit. Gedanken zur Arbeit plagten mich Tag und Nacht. Aber für mich stand die Rolle in der Familie nicht zur Diskussion. Ich wollte mich engagieren und meine Frau nicht im Stich lassen. Sie war ja noch müder als ich. Im familiären Kontext, also mit einem Säugling, ist man so unfassbar ausgeliefert, eben beispielsweise bei der Einschlafbegleitung. Geschäftlich kann man theoretisch dosieren, wie viel Druck man sich selber macht. Das konnte ich aber nicht mehr.
Das hat solange funktioniert, wie ich genug Regenerationszeit und Energie hatte. Und nun, als Vater, hatte ich beides nicht mehr.
Wie bewusst war dir die Situation, in der du dich befunden hast?
Mir war schon länger bewusst, dass ich mich bei der Arbeit nicht gut abgrenzen konnte. Als Berater wirst du ja nur hinzugezogen, wenn die Themen oder das Umfeld anspruchsvoll sind, und die Organisation die Probleme selber nicht aus dem Weg schaffen kann. Ich kann sehr hartnäckig sein, wenn es um Lösungsfindung geht, es lässt mir dann keine Ruhe. Bereits zwei Jahre vor dem Burn-out nahm ich deshalb ein Coaching in Anspruch, arbeitete meine Herkunftsgeschichte auf und wollte diese inneren Mechanismen verstehen. Mir war bewusst, dass ich mich überstrapazierte. Ich erlebte meine Arbeit oft als Kampf gegen Windmühlen. Ich machte mir ständig Sorgen und wendete sehr viel Energie für die Beratungsprozesse auf. Und manchmal fruchteten sie trotzdem nicht. Das hat solange funktioniert, wie ich genug Regenerationszeit und Energie hatte. Und nun, als Vater, hatte ich beides nicht mehr.
Was brachte das sprichwörtliche Fass dann zum Überlaufen?
Ich hatte ein Projekt, das war einfach Treibsand. Ich hatte das Gefühl, die Kund:innen wenden 40 Prozent ihrer Energie darauf an, herauszufinden, wem sie die Verantwortung abschieben können. Als eine von diesen Personen ein Meeting absagte, konnte ich gar nicht mehr schlafen. Ich merkte dann auf der Arbeit, dass meine Gedanken immer langsamer gingen. Ich konnte kein Konzept mehr fassen, keine Lösung mehr entwickeln. Ich drehte nur noch im Leeren. Dann habe ich gesagt: Jetzt geht’s nicht mehr. Ich liess mich krankschreiben. Ich musste den Hausarzt fast überreden, damit er das tat. Danach hätte ich mir nach zwei Wochen eine:n Psychiater:in suchen müssen, um das Arztzeugnis verlängern zu lassen. Zum Glück nahm ich das früh genug in die Hand und konnte mich noch darum kümmern. Damals verstand ich auch noch nicht, dass ich ganz aus diesem Beratungsumfeld raus musste. Ich hatte eine sehr hohe Identifikation mit dieser Firma und war Partner. Ich genoss viel Vertrauen, hatte viele Freiheiten, und die Arbeit hatte mir immer Freude bereitet.
Und danach. Wann gingst du zurück ins Berufsleben?
Bereits nach fünf Wochen. Ich hatte früh die Reissleine gezogen, es ging mir im Alltag rasch wieder gut. Die Gemütsschwankungen wurden milder. Ich hatte keinen Druck mehr von der Arbeit. Ich verbrachte viel Zeit in der Garage und bastelte an alten Autos rum. Meine Frau hielt mir dafür den Rücken frei. Durch die Distanz wurde mir klar: Ich muss aus diesem System raus. Es tut mir nicht gut. Ich ging mit einem Pensum von 50 Prozent zurück, wenn auch nicht mehr an die Front. Ich hatte keinen direkten Kundenkontakt mehr, half nur noch im Hintergrund. Der Mental Load hingegen hatte sich kaum verändert. Also zog ich meine Konsequenzen und verliess die Firma ganz.
Ein Kind ist eine zeitliche, emotionale und energetische Herkulesaufgabe und somit ist es auch nicht realistisch, dass wir unser Leben genau gleich weiterleben.
Was müsste sich in der Gesellschaft ändern, damit Eltern nicht ausbrennen?
Mir scheint, sowohl der Gesellschaft als auch den werdenden Eltern selbst und insbesondere den Vätern – ich zähle mich da auch dazu – ist nicht klar, was es bedeutet, Kinder zu bekommen. Ein Kind ist eine zeitliche, emotionale und energetische Herkulesaufgabe und somit ist es auch nicht realistisch, dass wir unser Leben genau gleich weiterleben.
Was meinst du ganz konkret?
Das gilt für das Arbeitspensum, die Beziehung(en), Hobbys, wie auch für die eigene Leistungsfähigkeit. Für mich war und ist dies bis heute eine schmerzvolle Erkenntnis. Kinderbetreuung ist ein 24/7-Job und auch wenn man viel Fremdbetreuung hat, so sind es immer noch viele anspruchsvolle Stunden zwischen 17 und 8 Uhr. Diese Stunden werden zu den Arbeitsstunden dazugezählt und mindern unweigerlich die Leistungsfähigkeit. Wir können nicht die gleichen Erwartungen an unsere Karriere haben UND eine engagierte Elternrolle wahrnehmen.
Eines von beidem muss zurückstecken.
Absolut. Ich sehe zu viele Väter, die ihre Karriere geradeaus weiterleben und sich zu Hause zu wenig einbringen. Ich übernehme einen wesentlichen Teil der Sorgearbeit unter der Woche und ich weiss auch, was das an Workload bedeutet. Das weiss man aber nur, wenn man es regelmässig macht. Ich fände es toll, wenn mehr Männer das am eigenen Leib spüren würden: Der sprichwörtliche Hut ist zu klein, wir bringen nicht alles drunter. Wieso haben nicht mehr Männer den Mut, Einbussen hinzunehmen?
Da spielt sicher die noch weit verbreitet Ernährerrolle mit.
Ja, aber es geht doch auch mit weniger Geld, weniger teuren Ferien, weniger geradlinigem Lebenslauf. Mir ist bewusst, dass ich und meine Familie in dieser Hinsicht privilegiert sind, aber das geht ja sehr vielen in der oberen Mittelschicht so. Diese besonders entbehrenden Jahre der Kleinkinderzeit sind endlich und es ist für uns als Gesellschaft doch viel schädlicher, wenn wir Karriereknicke durch Jobaufgabe provozieren, anstatt auf eine integrative Art und Weise Teilzeit zu ermöglichen, die sich in den darauffolgenden 20 bis 30 Jahren des Arbeitslebens für die Gesellschaft doppelt und dreifach ausbezahlen.
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Was hättest du von deinem Arbeitgeber gebraucht?
In der Unternehmensberatung hatte niemand einen Plan, wie man das löst, wenn ein Vater Teilzeit arbeiten will. Andere Mitarbeitende haben trotz Elternschaft ihr Berufsleben ohne Anpassungen weitergeführt. Das geht nur mit klassischem Rollenmodell. Meine Frau und ich leben ein Rollenmodell, mit dem wir uns der Gleichstellung anzunähern versuchen. Ich muss leider sagen, es ist nicht das effizienteste Modell in diesen ersten Jahren mit Kindern. Unter männlich Sozialisierten findet kaum ein Dialog statt. So rechnet niemand damit, dass ein Vater sein Pensum reduzieren möchte oder dass er unerwartet ausfällt, wenn die Kinder krank sind. Ich kenne auch keinen einzigen Mann, der seinen Job gewechselt hat, als er Vater wurde. Frauen hingegen viele.
Ich würde mir wünschen, dass Betroffene sich weniger schämen.
Was möchtest du anderen Betroffenen mitgeben?
Ich würde mir wünschen, dass Betroffene sich weniger schämen. Ich habe meine Erschöpfung nie versteckt und schäme mich auch nicht dafür. Ich finde es wichtig, dass man darüber spricht. Das kann Menschen sensibilisieren, bevor die körperlichen Symptome unüberwindbar werden. Ich möchte auch, dass man offener über die konstante Überforderung spricht, der man als Vater und allgemein als Eltern, die Vereinbarkeit anstreben, ausgeliefert ist.
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Veröffentlicht am 19. Januar 2026
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