Kolumne
Gute Hoffnung, schlechte Laune – von Hormonen plattgewalzt
Unsere Autorin Rebekka Bräm ist zum zweiten Mal schwanger – und erkennt sich selbst kaum wieder. Zwischen Wut, Tränen und Streit fragt sie sich: Warum nehmen wir hormonelle Ausnahmezustände eigentlich immer noch so wenig ernst?

Wird mir aktuell die Scheinfrage «Wie geht es dir?» gestellt, lautet meine ehrliche Antwort «nicht besonders gut». Da ich schwanger bin, wird dann verständnisvoll genickt und gefragt, welcher Körperteil mir denn Sorgen bereite. Tatsächlich geht es meinem Körper aber viel besser als noch in der ersten Schwangerschaft, nach der kurzen Pause von acht Monaten scheint dieser sich noch gut an die Spezialanforderungen zu erinnern.
Ich bin extrem dünnhäutig, aus Prinzip schlecht gelaunt, weine täglich und streite andauernd mit meinem Partner.
Psychisch jedoch ist es diesmal sehr viel anstrengender. Zum einen liegt das bestimmt daran, dass ich dank des kleinen, nonstop durch die Gegend rennenden Wirbelwindes viel weniger Pause machen kann. Zum anderen sind da weniger herzige, aber umso winzigere Fieslinge: Die Hormone haben mich fest im Griff. Ich bin extrem dünnhäutig, trage jede ansatzweise spitze Aussage tagelang mit mir herum, bin aus Prinzip schlecht gelaunt, weine täglich und streite andauernd mit meinem Partner.
Der unverstandenste Mensch der Welt
Gebe ich nun also diese ehrliche, ausführliche Antwort, folgt entweder ratloses Schweigen, eine optimistische Plattitüde oder etwas Relativierendes à la: «Das ist jetzt etwas zu einfach, das alles auf die Hormone zu schieben, nicht?» Und in diesen Momenten fühle ich mich wie der unverstandenste Mensch auf der Welt. Hilflos und fürchterlich einsam. Vermutlich ein bisschen so, wie wenn man einer depressiven Person sagt, sie solle sich zusammenreissen.
Mein Gehirn wird von einem perfiden Tier heimgesucht und ich verliere komplett die Kontrolle, die Fähigkeit mich logisch zu verhalten sowieso.
Es ist ja nicht so, dass ich es eine gute Idee fände, diesen oder jenen Streit anzuzetteln, völlig unberechenbar zu sein oder loszuheulen, weil etwas nicht genau so läuft, wie ich es mir vorgestellt hatte. Mein Gehirn wird von einem perfiden Tier heimgesucht und ich verliere komplett die Kontrolle, die Fähigkeit mich logisch zu verhalten sowieso.
Dass diese Ausbrüche dann häufig meinen Partner treffen, tut mir zwar leid, aber irgendwo durch ist das jetzt halt seine Aufgabe. Schliesslich ist dieser überdimensionierte Blutegel in mir zur Hälfte seine Verantwortung. Ich bin genauso Opfer der Umstände und mache das alles hier gerade gratis.
Im Streit schlägt meine unbändige Wut augenblicklich in eine tiefe Verzweiflung um und mein Freund schafft es natürlich nie, so zu reagieren, wie ich es gerade bräuchte. Das «weiss» ich ja vor dem Streit bereits, und trotzdem renne ich immer wieder mit offenen Augen ins Messer. In solchen Momenten möchte ich jeweils einfach aufhören zu existieren, mir geht es richtig beschissen und trotzdem entwickle ich mich keinen Millimeter weiter.
Hormonelle Achterbahnfahrten
Ich finde es unerhört, dass das Wissen um die hormonellen Achterbahnfahrten, denen das weibliche Geschlecht ein Leben lang ausgesetzt ist, keine völlige Selbstverständlichkeit ist. Die Schwangerschaft ist ja nur ein Beispiel von vielen: Nach der Geburt folgt der Hormon-Crash from hell und rund jede sechste Frau wird in eine postpartale Depression katapultiert. Bei der Schwangerschaftsdepression sind es übrigens nicht wirklich tiefere Zahlen.*
Ich selbst war mit Einsetzen der Mens oft erstaunt, dass ich mich gar nicht trennen, meinen Job nicht kündigen muss.
Viele Menstruierende werden ausserdem alle vier Wochen von PMS heimgesucht – ich selbst war mit Einsetzen der Mens oft erstaunt, dass ich mich gar nicht trennen, meinen Job nicht kündigen muss. Es waren einfach diese kleinen Fieslinge, die mir eine dunkelschwarze Brille ins Gesicht gedrückt und meine Wahrnehmung komplett verschoben hatten. Über die Wechseljahre schreibe ich dann, wenn es so weit ist, aber sagen wir es so: Ich freue mich nicht darauf. Das Leben in einem weiblichen Körper hat zu mehr oder weniger grossen Teilen nichts mit uns selbst zu tun.
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Eine unaufhaltsame Walze
Wir rutschen mit Einsetzen der Mens mit durchschnittlich 12 in eine unaufhaltsame Walze, bis wir mit etwa 65 völlig erschöpft am anderen Ende wieder ausgespuckt werden.
Werde unter keinen Umständen schwanger, nimm die Pille, hast du mal wieder deine Tage? Überspiele deine Schmerzen, nimm nicht mehr die Pille, sei nicht so empfindlich! Du wünschst dir doch bestimmt auch ein Baby, schwanger ist nicht krank, also bis Anfang Dezember müssen wir schon auf dich zählen können. Ja, dann schlaf halt mehr, so aber sicher keine Führungsposition und bist du schon wieder auf deinem Normalgewicht? Bewahr dir deine Weiblichkeit, was ist bitte Scheidentrockenheit und Migräne war doch schon letzten Monat!
Euer Gegenüber reagiert nicht über und das ist auch keine Ausrede.
Was ich gerade erlebe, ist so (so!) anstrengend für Körper und Psyche und ich finde es wichtig, offen darüber zu sprechen. Allen, die Frauen in ihrem Leben haben und diese grundsätzlich mögen (ja, ich spreche mit euch, Hetero-Männer), empfehle ich ein offenes Ohr, viel Verständnis, Vertrauen und Nachsicht, wenn die Hormone das Steuer mal wieder an sich reissen. Euer Gegenüber reagiert nicht über und das ist auch keine Ausrede! Das ist im Gegenteil vielleicht gerade das Krasseste, was eure Frau, Mutter, Freundin oder Tochter je erleben wird.
*Ein (vielleicht nicht ganz so) kurzer Exkurs, weil mich das Thema gerade persönlich sehr beschäftigt: An postpartaler Depression leiden 15 bis 20 Prozent der Neumütter. Nach der Geburt meiner Tochter fand ich bemerkenswert, wie konsequent ich auf diese Gefahr hingewiesen wurde und wie feinmaschig die Beobachtung meiner psychischen Verfassung war. An Schwangerschaftsdepression allerdings leiden mit 12 Prozent offenbar ähnlich viele, ich habe aber (bis zu einem ausgiebigen Google-Marathon) noch nie davon gehört. Ist das nicht ein Skandal? Man könnte fast meinen, unser Zustand wäre erst dann relevant, wenn er Auswirkungen auf das Kind haben könnte…
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Veröffentlicht am 25. Mai 2026