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Ungeplant schwanger mit 16: «Es ist machbar, aber nicht empfehlenswert»

Melanie ist mit 16 ungeplant schwanger geworden und hat ihr Kind behalten. Ihre Entscheidung bereut sie nicht, doch die Auswirkungen spürt sie bis heute.

Ungeplant schwanger mit 16 Jahren – das Leben einer jungen Mutter zwischen Ausbildung und Baby - mal ehrlich

Ich war 16, als ich ungeplant schwanger wurde. Wir haben uns damals für das Kind entschieden. Eine grosse Entscheidung mit Konsequenzen bis heute. Als ich Anne-Sophie Kellers Text über ihre Abtreibung gelesen habe, hat mich das emotional sehr getroffen. Ich will das nicht werten. Eine Abtreibung ist ein möglicher Weg, aber es gibt noch andere Wege. Einfach ist es so oder so nicht.

Heute bin ich 25. Ich würde mich nicht anders entscheiden, auf keinen Fall. Aber mir war vor neun Jahren nicht bewusst, wie weitreichende und langanhaltende Folgen diese Entscheidung haben würde.

Es war im Herbst 2011. Ich hatte gerade die obligatorische Schulzeit abgeschlossen und mit der Fachmittelschule begonnen. Mit Jonas war ich seit etwas mehr als einem Jahr zusammen. Wir führten eine Wochenendbeziehung; er wohnte in einem anderen Kanton.

Er war mein erster richtiger Freund, fünf Jahre älter als ich.

Natürlich hatte ich mir über Verhütung Gedanken gemacht, hatte bereits bei der Frauenärztin angerufen. Auf einen Termin musste ich allerdings ein halbes Jahr lang warten. Und so haben wir in dieser Zeit versucht, natürlich zu verhüten. Rückblickend denke ich: Das geht doch nicht! Einer Teenagerin, die sich alleine für ein Verhütungsgespräch anmeldet, zu sagen, du kannst erst in einem halben Jahr kommen.

Beim zweiten Termin, bei dem es dann um das Rezept ging, war ich bereits schwanger. Nur wusste ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Bemerkt habe ich die ungeplante Schwangerschaft erst in der neunten Woche. Ich war in einem Ferienlager und musste jeden Morgen erbrechen. Zurück zu Hause habe ich heimlich einen Test gekauft und ihn an einem Samstag alleine zu Hause gemacht. Als das zweite Strichli immer deutlicher wurde, fing ich an zu weinen.

Meine erste Reaktion war: Nein, ich will das nicht, ich treibe ab, das geht nicht.

Ich war wie in einem Schockzustand. Mit dem positiven Test bin ich dann zu meiner Mutter. Ihre Reaktion hat mir den Rücken gestärkt. «Jetzt müssen wir halt schauen, was wir machen», hat sie gesagt. Keine Vorwürfe, kein Druck. Ich wusste, sie würde mich unterstützen, egal welchen Weg ich einschlage.

Nachdem ich den ersten Schrecken überwunden hatte, war mir schnell klar, dass ich das Kind behalten wollte. Mit meiner Mutter bin ich noch am gleichen Abend in die Apotheke, um Vitamintabletten zu kaufen. Auch Jonas habe ich angerufen. Er hat sich von der ersten Sekunde an mega gefreut. Erst im Nachhinein habe ich mir überlegt, dass er auch total gegen das Kind hätte sein können. Aber wahrscheinlich hätte ich es auch ohne ihn durchgezogen.

Gleich am Montag habe ich meinen Lehrer an der Fachmittelschule informiert. Er hat super reagiert, weder total schockiert noch überschwänglich erfreut. «Ich weiss jetzt nicht, ob ich lachen oder weinen soll», das waren seine Worte. Und ganz ehrlich, das wusste ich selbst auch nicht. Wir haben abgemacht, dass ich weiter normal zur Schule gehen werde. Ich wollte nicht, dass jemand von der ungeplanten Schwangerschaft erfährt, bevor es offensichtlich ist.

Ich kann mich noch gut an meine erste Schwangerschaftskontrolle erinnern. Es war meine erste vaginale Untersuchung überhaupt und ich fand es einfach nur schlimm. Danach hat die Frauenärztin meine Mutter und mich gefragt: «Wollt ihr das Schwangerschaftsmaterial behalten oder nicht?» Irgendwie logisch, dass sie es so vorsichtig formuliert hat, aber ich fand es trotzdem paradox. Manche Frauen warten sehnsüchtig auf ihr Wunschkind und anderen, die wie ich ungeplant schwanger geworden sind, verkauft man den Embryo als Schwangerschaftsmaterial, damit einem nicht so bewusst wird, wie lebendig dieses «Material» eigentlich schon ist.

Die Beziehung zu Jonas wurde während der Schwangerschaft auf eine harte Probe gestellt. Wir hatten es gar nicht gut zusammen, haben uns eigentlich nur noch bei den Schwangerschaftskontrollen gesehen.

Für mich ist mit der ungeplanten Schwangerschaft eine Welt zusammengebrochen.

Und er, er hat sich so gefreut. Das habe ich gar nicht vertragen. Er hat schon ziemlich bald angefangen, eine Wickeltasche und andere Babysachen auszusuchen. Er sprach von Heirat und dass ich zu ihm ziehen könne mit dem Kind. Er wollte immer mehr, immer näher. Und ich, ich ging immer mehr auf Abstand.

Seine Eltern waren weniger erfreut über die ungeplante Schwangerschaft. Nicht wegen dem Kind, sondern weil er der Ältere war und sie ihm die Schuld gaben. Wir trafen uns alle zu einem Gespräch. Das war ganz schlimm für mich. Ich stand ja immer irgendwie zwischen den Stühlen.

Es gab damals sehr, sehr viele Konflikte. Viel zu viele Leute haben sich eingemischt und ihren Senf dazugegeben. Alle haben ihn für die ungeplante Schwangerschaft verantwortlich gemacht. Rückblickend finde ich das unfair; wir waren doch beide genau gleich beteiligt. Aber damals war er der Sündenbock. Die meisten rieten mir zur Trennung, sogar eine Beratungsstelle für schwangere Jugendliche! Das finde ich bis heute anmassend und schwierig.

Ich habe in der Schwangerschaft oft Krisen gehabt und es auch gruusig gefunden, dass da etwas in mir wächst. Ich konnte das psychisch so stark unterdrücken, dass mein Bauch bis im sechsten Monat kaum sichtbar war. In der Schule war er noch kleiner als zu Hause. Durch die ganzen Konflikte – auch mit mir selbst – habe ich Vorwehen bekommen und musste Wehenhemmer nehmen. Da wuchs mein Bauch plötzlich. Und mit ihm die Schwangerschaftsstreifen. In jungem Alter hat man noch viel weniger Fettgewebe und dadurch reisst die Haut viel schneller. Das hat mich damals sehr gestört.

Danach konnte ich die ungeplante Schwangerschaft nicht mehr länger verheimlichen.

Und dann hat natürlich das ganze Dorf darüber getuschelt, getratscht und gelästert. Vor allem hinter meinem Rücken. Auch in der Schule wurde es immer unangenehmer. Ich fühlte mich wie ein Ausstellungsobjekt. Schliesslich hat meine Frauenärztin mich für den letzten Monat der Schwangerschaft krankgeschrieben. Gewisse Prüfungen habe ich trotzdem noch geschrieben und das Schuljahr abgeschlossen. Das konnte ich schon immer gut: Je grösser das Chaos rundherum, desto besser meine Leistungen. In solchen Situationen kann ich sehr zielgerichtet und fokussiert sein.

Ungeplant schwanger mit 16 Jahren – das Leben einer jungen Mutter zwischen Schulbüchern und Schnuller

Am 2. Juni ist unser Sohn zur Welt gekommen, einen Monat vor meinem 17. Geburtstag. Jonas war bei der Geburt dabei, das war mir wichtig. Ausserdem eine Bekannte, die selbst schon Mutter war und mich sehr unterstützt hat. Meine eigene Mutter wollte ich nicht dabei haben. Es war keine katastrophale Geburt. Aber halt ein recht grosses Kind, 4 Kilo. Für meinen 16-jährigen Körper war das nicht so einfach.

Weil ich noch nicht volljährig war, hat unser Kind einen Vormund bekommen. Und gleich im Spital mussten wir zu einer Art Beratungsgespräch antraben. Das ist Standard bei Müttern unter 20, um zu gewährleisten, dass das Kind gut betreut ist. Die Dame hat uns gelöchert mit Fragen.

Generell musste ich mich für alles viel mehr rechtfertigen.

Ich habe zu Hause gewohnt mit meinem Baby, bei meinen Eltern und meinen vier jüngeren Brüdern. Jonas blieb in seiner Wohnung. Zur Wochenendbeziehung kam eine Wochenendvaterschaft hinzu. Das war für ihn sicher manchmal hart, aber es war die einzige Option. So gern ich ein richtiges Familienleben mit ihm geführt hätte, an erster Stelle stand meine Ausbildung, die ich unbedingt fortführen wollte. Es wäre einfach too much gewesen, zusätzlich zum Baby auch noch zusammenzuziehen. Dann wären wir heute wohl kein Paar mehr. Vielleicht wären wir ohne Kind ebenfalls auseinandergegangen.

Ich habe mit der Schule ein Jahr ausgesetzt und hatte viel Zeit. Zusammen mit meinem Sohn war ich viel unterwegs, wir haben Krethi und Plethi besucht, sind alleine Zug gefahren, haben auswärts übernachtet. Rückblickend bin ich heute selbst erstaunt darüber, was ich mir als 17-Jährige alles zugetraut habe. Übers Wochenende bin ich oft mit unserem Sohn zu Jonas gefahren. Obwohl wir es nicht so gut zusammen hatten, wollte ich nie, dass eines Tages der Vorwurf kommt, er hätte nicht die Chance gehabt, eine Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen.

Trotzdem blieb es schwierig zwischen uns. Das lag nicht nur an Jonas und mir. Auch die Beziehung zwischen ihm und meiner Mutter war kompliziert. Ich war eher eine angepasste, harmoniebedürftige Teenagerin. Die Älteste halt, pflichtbewusst. Ich bin nie vor meine Mutter hingestanden und habe gesagt: «Aber ich will jetzt, dass er kommen kann.» Jemand anders hätte vielleicht mehr rebelliert. Inzwischen verstehe ich, wieso meine Mutter damals so reagiert hat. Sie wollte mich beschützen. Es war eine Extremsituation für uns alle und in einer Extremsituation reagiert man eben nicht nur weise. Jeder hat Böcke geschossen in dieser Zeit.

Es war eine Belastungsprobe für unsere Beziehung.

Mein Leben hat sich radikal verändert, während seines weitergegangen ist wie bisher – zumindest unter der Woche. Erstaunlicherweise war ich deswegen nie eifersüchtig auf ihn. Ich hatte es aber auch vergleichsweise easy. Eben, ich habe vier jüngere Brüder. Der jüngste war damals sechs. Mit meinem Sohn kam sozusagen einfach ein weiteres Familienmitglied dazu. Das ist natürlich eine ganze andere Ausgangslage, als wenn du zum ersten Mal Mutter wirst, alleine mit dem Kind bist und deinen Alltag selbst bewältigen musst. In einer Grossfamilie hilft jeder im Haushalt mit, es hing nicht alles an mir. Später, als ich dann nicht mehr gestillt habe und mein Sohn nicht mehr so abhängig war von mir, konnte auch mal ein Bruder auf ihn schauen.

Nach einem Jahr bin ich wieder fünf Tage die Woche zur Schule gegangen. Mein Sohn war drei Tage bei einer Tagesfamilie, einmal pro Woche hat er auch dort übernachtet. An den anderen beiden Tagen hat meine Mutter auf ihn geschaut. Mich von ihm zu lösen, fiel mir damals nicht schwer. Rückblickend tut es mir manchmal ein bisschen leid, dass er so viel weg war. Aber ich habe ihn ja nicht aus Spass «abgegeben«. Ich wusste, wofür ich das tue. Bis heute ist mir meine Ausbildung heilig.

Als unser Sohn etwa jährig war, hat Jonas entschieden, für ein Jahr ins Ausland zu gehen. Das haben sehr viele Leute nicht verstanden. Im ersten Moment habe ich es auch nicht so toll gefunden, aber heute würde ich sagen, das war die Rettung unserer Beziehung. Es war so verzwickt, gab so viele schwelende Konflikte, es hätte gar nicht funktionieren können. Durch das Auslandjahr haben wir beide Abstand gewinnen können.

In den Schulferien bin ich Jonas zusammen mit unserem Sohn und einer Freundin besuchen gegangen. Das war ein Abenteuer. Zwei 18-jährige Mädchen und ein 2-Jähriger in Kambodscha – meine Mutter ist fast die Wände hoch vor Sorge. Heute kann ich sie verstehen. Aber damals war ich jung und unbekümmert – und das war, glaube ich, auch gut so.

Nach zwei Jahren habe ich die Fachmittelschule abgeschlossen und ein weiteres Jahr für die Fachmatur drangehängt. In dieser Zeit habe ich ein Praktikum als Hebamme in einem Geburtshaus gemacht und bin anschliessend zusammen mit meinem damals 3-jährigen Sohn für vier Monate nach Kanada in eine Gastfamilie. Während ich in der Sprachschule war, haben sie auf ihn aufgepasst. Das war schwer für mich; ich habe mich oft alleine gefühlt. Aber ich habe mir das in den Kopf gesetzt und wollte das einfach umzverrode durchziehen.

Mit 20 kam immer stärker der Wunsch in mir auf, mich von zu Hause abzunabeln. Es wurde mir zu eng. Ich wollte mein eigenes Daheim haben und es so gestalten, wie ich will. Meinen Freund sehen, wann ich will. Niemandem Rechenschaft schuldig sein. Nach dem Kanada-Aufenthalt sind wir zusammengezogen, Jonas, unser Sohn und ich.

Erstmals waren wir eine richtige kleine Familie.

Und plötzlich fragte er: «Was meinst du zu einem zweiten Kind?» Bis dahin war das kein Thema. Aber nun war meine Fachmatur in greifbarer Nähe und wir wollten den Altersunterschied nicht noch grösser werden lassen. Beim Abschluss war ich bereits schwanger. Natürlich gab es Stimmen, die meinten, wir würden es uns unnötig schwer machen, uns mit dieser erneuten Schwangerschaft selbst Steine in den Weg legen. Vielleicht hatten sie recht, aber wir liessen uns nicht beirren. Das ist bis heute so. Wir machen das, was wir gut finden. Egal was die Leute sagen.

Vor der Geburt unseres zweiten Sohnes haben wir geheiratet. Wir wollten nicht nochmals den ganzen Bürokratie-Aufwand haben. Es war schön, diese Babyzeit als richtige Familie zu erleben. Trotzdem ging es mir nicht so gut. Ich kannte an unserem neuen Wohnort noch niemanden, war erneut die seltsame junge Mutter. Weil unser Ältester genau zu diesem Zeitpunkt in den Kindergarten kam, war ich viel alleine mit dem Baby. Mir fiel fast die Decke auf den Kopf. Ich war richtig froh, als ich nach einem Jahr mit der Pädagogischen Hochschule anfangen konnte.

Vor eineinhalb Jahren kam unser drittes Kind zur Welt, eine Tochter. Die Schwangerschaft war eine bewusste Entscheidung, löste aber erneut verwunderte Reaktionen aus: «Jetzt bist du doch am Studieren, wie willst du denn das wieder machen?» Mir war bewusst, auf was wir uns einlassen. Dass es nochmals strenger wird, aber auch, dass es irgendwie gehen wird. Dieses Mal habe ich nicht ein Jahr ausgesetzt, sondern mein Studium weiter durchgezogen.

Ich studiere Teilzeit, drei Tage die Woche bin ich an der PH. Meine Schwiegereltern unterstützen uns sehr. An zwei Tagen betreuen sie die Kinder. Ein weiterer Tag ist durch eine Tagesmutter und die Tagesstrukturen der Schule abgedeckt. Manchmal frage ich mich, wie es unseren Kindern geht mit diesem Lebensentwurf. Dann muss ich meinem schlechten Gewissen sagen: Es ist gut für sie, dass sie auch andere Bezugspersonen haben.

Natürlich ist es nicht easypeasy. Die Belastung ist hoch, unser Leben intensiv. Vielleicht sieht es von aussen lockerer aus, als es ist. Das gebe ich anderen gegenüber offen zu:

Da sind sehr viele Tränen und Sorgen dahinter, die du nicht siehst.

Es ist nicht so einfach, wie es aussieht. Manchmal denke ich: Sie funktioniert einfach nicht, diese Vereinbarkeit. Sie funktioniert hinten und vorne nicht.

Es gibt Tage, an denen ich mich frage, wieso ich mir das eigentlich antue. Auch andere stellen mir diese Frage. «Warum bist du nicht einfach mal nur Mutter?» Aber das könnte ich nicht. Es gibt fast nichts, das mich von meinem Studium abhalten könnte. Da bin ich sehr zielstrebig. Augen zu und durch. Ausserdem ist das Ende in Sichtweite. Ich chätsche jetzt seit zehn Jahren an dieser Ausbildung herum. In eineinhalb Jahren werde ich endlich hinstehen können und sagen: «Ich bin Primarlehrerin». Werde niemandem mehr erklären müssen, warum ich denn noch keine abgeschlossene Ausbildung habe.

Ungeplant schwanger mit 16 Jahren – das Leben einer jungen Mutter zwischen Kindergeburtstag und Schulabschluss

Das Verständnis der Gleichaltrigen im Studium ist natürlich nicht sehr gross. Die schlagen sich die Nächte mit Partys um die Ohren, nicht mit Kindern. Ich sage aber auch nicht als erstes: «Ich bin Melanie und habe drei Kinder.» Ich will als Melanie wahrgenommen werden, als Studentin. Oft habe ich das Gefühl, dass man als Mutter abgestempelt wird. Dabei beeinträchtigen meine Kinder weder meine Funktion noch meine Fähigkeiten. Im Gegenteil: Ich denke, ich habe eine sehr hohe Belastbarkeit, gerade weil ich meine drei Kinder während der Ausbildung bekommen habe.

Ich wünsche mir einen offeneren Umgang mit ungeplanten Schwangerschaften.

Weniger Besserwisserei, weniger Abstempeln. Wie oft wurde ich schon gefragt: «Aber wie hat denn das passieren können?» Wenn ich aber mit anderen Frauen darüber rede, dann gibt fast jede zu, dass sie schon einmal Angst hatte, ungeplant schwanger zu sein. Und das nicht nur als 16-Jährige, sondern auch mit 30 oder 40. In einem Alter, in dem man ganz genau weiss, wie das passieren kann. Statt über ungeplant Schwangere zu urteilen, sollten wir uns eingestehen: Mir hätte das auch passieren können.

In meiner ersten Schwangerschaft habe ich manchmal diese furchtbaren Teenie-Mama-Sendungen geschaut und mich gar nicht repräsentiert gefühlt. Null Komma null Prozent. Das typische Teenie-Mama-Klischee ist halt schon: Du bist 16 und in der untersten sozioökonomischen Schicht, hast überhaupt gar nichts im Griff in deinem Leben, hast sicher noch keine Ausbildung, wirst auch nie eine machen. Ich habe viele andere Jugendliche kennengelernt, die ungeplant schwanger geworden sind. Die haben ihr Leben mindestens genauso im Griff wie Mütter, die zehn oder zwanzig Jahre älter sind. Die machen es nicht schlechter, sondern einfach anders. Und das muss man nicht werten.

Bereut habe ich meine Entscheidung nie, bis heute nicht. Trotzdem würde ich niemandem dazu raten, mit 16 schwanger zu werden. Es ist machbar, aber es ist nicht empfehlenswert. Ein grosser Faktor ist sicher, wie viel Unterstützung man aus dem Umfeld erhält. Da bin ich mir unserer Privilegien durchaus bewusst. Vieles wäre heute nicht möglich, wenn wir nicht so viel Hilfe hätten.

Mir war nicht klar, was auf mich zukommt. Ich dachte, ich wüsste es. Dachte, die seltsame Rolle als Teenie-Mutter höre ja dann auf, wenn ich mit der Fachmittelschule fertig bin.

Dass meine junge Mutterschaft bis heute einen Einfluss hat, dass ich die Auswirkungen ein Leben lang spüren werde, das habe ich mir damals noch nicht vorstellen können.

Bis heute habe ich das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen. Ich bin immer noch der Spezialfall. Ich weiss nicht, ob es mehr an mir liegt oder an den anderen. Konflikte mit meinen Kindern in der Öffentlichkeit triggern mich zum Beispiel sehr. Dann habe ich schnell den Eindruck, dass alle Augen auf mich gerichtet sind, dass die anderen denken: «Die ist halt noch so jung, die hat ihre Kinder nicht im Griff.» Da muss ich noch an mir arbeiten. Damit ich mich nicht klein und minderwertig fühle.

Aber ich kann heute auch sehr vieles mit Humor nehmen. Zum Beispiel beim Elternabend. Wenn ich mir überlege, andere 25-Jährige geniessen jetzt vielleicht gerade eine Yogalektion. Und ich? Ich hocke an diesem Elternabend, mit anderen Eltern, die genausogut meine Eltern sein könnten. Dann muss ich manchmal innerlich lachen.

Am ersten Schultag meines Sohnes hat die Lehrerin jedem die Hand geschüttelt und dann bin ich gekommen, und sie wusste gar nicht, ob sie mich duzen oder siezen sollte und fragte erst einmal, wer ich denn sei. Das geht mir oft so. Ich bin die Nanny, das Au-Pair, die Tante, die Schwester – alles, aber nicht die Mutter. Manchmal nervt das.

Ich möchte als junge Mutter genauso akzeptiert werden wie alle anderen Eltern auch.

Jonas und ich, wir finden es beide cool, junge Eltern zu sein. Ich glaube, wir sind in vielen Dingen unkomplizierter, unbekümmerter. Überlegen nicht zu viel, sondern lassen das Fünfi gerade sein. Es muss nicht immer alles perfekt sein.

Meinem Ältesten war es lange gar nicht bewusst, dass er eine ungewöhnlich junge Mutter hat. So langsam begreift er es und ich glaube, er findet es cool. Eine andere Mutter hat ihn kürzlich gefragt, was ich arbeite. Darauf meinte er: «Also, mein Mami arbeitet nichts, sie ist noch zu jung zum Arbeiten.» Es ist lustig, wie er das wahrnimmt. Vielleicht findet er es später mal peinlich. Aber im Moment ist es für ihn eher nebensächlich.

Manchmal werde ich auch etwas wehmütig. Nicht, weil ich das Gefühl habe, meine Jugend verpasst zu haben. Ausgang und Partys waren nie mein Ding. Aber die Pärlizeit, am Samstag ausschlafen, gemütlich zmörgele, bei Lust und Laune spazieren gehen. Unabhängigkeit! Wir hatten diese Freiheiten auch, in den Flitterwochen waren wir alleine drei Wochen in Puerto Rico. Auch heute versuchen wir, uns Zeit als Paar zu schaffen. Aber wir hatten das am Anfang unserer Beziehung nicht. Natürlich werden wir sehr jung sein, wenn unsere Kinder ausziehen, und können das ein Stück weit nachholen. Aber die Verantwortung, die werden wir nie mehr los. Es bleiben ein Leben lang unsere Kinder, auch wenn sie erwachsen sind.

Nadisna bekommen unsere Freunde auch Kinder – geplant. Als perfekte kleine Familien, blöd gesagt. Das tut mir manchmal schon ein bisschen weh; das nie mehr erleben zu können. Zusammen auf ein Kind hinzufiebern, den Kinderwagen gemeinsam auszusuchen – das meiste habe ich damals alleine gemacht. Die erste Schwangerschaft bleibt die erste Schwangerschaft, das werden wir nie zusammen nachholen können. Dafür haben wir vieles schon durch: zum Beispiel die hunderten schlaflosen Nächte, die sich jahrelang aneinanderreihten. Heute können wir grösstenteils wieder durchschlafen. Und wenn unsere Freunde es dann voll streng haben, werden wir schon wieder easy irgendwo rumhängen können.

Darauf freue ich mich.

Melanie heisst im richtigen Leben anders, ebenso ihr Mann. Sie hat sich bei Any Working Mom gemeldet, nachdem der Beitrag von Anne-Sophie Keller über ihre Abtreibung erschienen ist, und hat sich bereit erklärt, die Geschichte ihrer ungeplanten Schwangerschaft zu erzählen. Dieser Beitrag wurde von unserer Autorin Sandra Trupo im Austausch mit Melanie aufgezeichnet und verdichtet.

Porträtfoto von Sandra Trupo-Kuhn - Redaktion mal ehrlich AG - www.mal-ehrlich.ch

Autorin

Als freie Journalistin schreibt Sandra Trupo-Kuhn (Jg. 1984) über all das, wofür ihr Herz schlägt, vom Muttersein über Inklusion bis zum Regionalfussball – am liebsten mitten in der Nacht. Sie lebt als «Huhn im Korb» mit ihrem Mann, drei Söhnen (geboren 2012, 2014 und 2017) und einem Kater im Zürcher Unterland, schwankt täglich zwischen Chaos und Perfektionismus und ist immer für absurde Abenteuer zu haben. Sandra ist seit 2019 Teil unserer Redaktion.

Autorin

Selbstständige Mama, immer hopped up on coffee, ständig im kreativen Chaos und permanent im Versuch den Hut, unter den alles passen sollte, zu vergrössern. Aquarell ist Tiziana Gouveia‘s erste grosse Liebe, mittlerweile experimentiert sie aber auch gern mit Gouache, Öl und digitalen Techniken. Mit zwei flauschigen Katern, Kind und Mann in Bern zu Hause. Foto: antoniogouveia.com

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 10. Oktober 2021 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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6 Antworten

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  1. Avatar von Michelle
    Michelle

    Warum gibt man sein Kind so früh und oft ab? Dann muss man doch keine Mutter werden, wenn man es langweilig oder anstrengend findet.

    1. Avatar von Anja Knabenhans
      Anja Knabenhans

      Da bist du bei uns grad auf der richtigen Plattform gelandet für solche Fragen. 🙂 Sätze wie “dann muss man” begegnen wir generell mit Skepsis. Menschen sind verschieden, haben unterschiedliche Bedürfnisse. Wir stehen dafür ein, dass alle eine Form des Elternseins finden dürfen, die ihnen entspricht. Und wir lösen starre Vorstellungen auf, wie “man” als Mutter angeblich zu sein und zu fühlen hat.

    2. Avatar von Anna
      Anna

      Wieso nicht? Unser Alltag ist ihre Kindheit. Es geht nicht nur um mich als Mutter, es geht auch um meinen Sohn, vor allem..

      Ich freue mich immer auf meinen Mama-Tag und die Zeit, die ich mit ihm verbringen darf.

      Und er freut sich, dass er mit Nana einen Tag in Spiel und Förderung, mit Baba in Rollenspielen und im Wald, mit Opa auf dem Spielplatz, mit Papa bauen und mit mir im Schwimmen und mit Freunden verbringen darf und einen halben Tag in der Kita (er möchte einen ganzen, ist aber finanziell schwierig). All das macht seine Kindheit aus, es macht sie abwechslungsreich und er liebt es.

      Er hat eine enge Bindung zu allen von uns und geniesst jede Sekunde seiner Kindheit und wir alle auch.

  2. Avatar von Aura
    Aura

    Liebe Melanie
    Was für eine fesselnde Biografie du hast. Ich bin zwar erst mit 25 Mutter geworden, jedoch kann ich viele Erlebte Momente gut nachempfinden. Wenn ich auf mein Alter angesprochen wurde, dann verstummten die Gespräche oder ich wurde nicht zu Treffen eingeladen mit der Begründung “ihr Jungen Leute habt andere Interessen”. Aktuell bin ich ebfalls schwanger und hole mein Studium nach. Ich bewundere dich. Ich kann mir annährend vorstellen wie ansträngend es war und ist und trotzdem ist es beeindruckend wie du / ihr euren Weg gegangen seid. Danke für den tollen Artikel.

  3. Avatar von Nina
    Nina

    Liebe Melanie

    Wow, danke für diesen Bericht und den Einblick in deine Erfahrungen.
    Ich selber wurde mit knapp 17 selber ungewollt schwanger und war mit der Situation so komplett überfordert, dass ich wie in Trance die ersten Untersuchungen gemacht habe und dann aber auch durch die Abtreibung gegangen bin.. Was das alles bedeutete, auch zum verarbeiten, kam alles erst 1-2 Monate nach der Abtreibung hoch. Vorher habe ich alles ausgeblendet.
    Jetzt bin ich 32 Jahre alt, mit meinem 3. Kind im Bauch schwanger und frage mich immer wieder wie es wäre, hätte ich mich damals anders entschieden.. Ich bereue meine Entscheidung von damals nicht, aber ich bewundere dich dafür unso mehr für deinen Mut und den Willen das so durchzustehen. Nicht nur mit dem Kind in so jungen Jahren, auch deine Beziehung und alles. Echt, du kannst stolz auf dich sein und was du da alles geschafft hast.
    Ich wünsche dir und deiner Familie weiterhin alles Gute ❤️

  4. Avatar von Lea
    Lea

    Liebe Melanie, danke für deine ehrlichen Worte. Ich bin beeindruckt wie du das alles bis jetzt gemeistert hast und finde es toll, können alle eure Kinder mit Mama und Papa aufwachsen.
    Ich bin mit 32 zum ersten Mal Mama geworden: bewusst dann und nicht früher, die Ängste und Sorgen waren aber auch da. Nur hatte ich den Vorteil, dass niemand meine Entscheidung hinterfragt hat. Ich hoffe sehr, dass mir deine Geschichte wieder in den Sinn kommt,wenn mir meine Tochter vielleicht in ein paar Jahren sagt, dass sie als Teenagerin schwanger ist-dann möchte ich so gut reagieren können wie deine Mama und die Unterstützung sein und bieten die sie in dem Moment benötigt.
    Danke für deinen Einblick und alles Gute dir und deiner ganzen, inzwischen grossen, Familie.