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Wie bringen wir Kinder zum Mithelfen im Haushalt?

Melanie Germann hat vier Kinder. Alle packen im Haushalt mit an, kochen, putzen und machen ihre eigene Wäsche – ohne ständiges Ermahnen. Wie geht das?

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Kinder helfen beim Kochen und im Haushalt - mal ehrlich.

Montagmittag, zehn vor zwölf: Gerade rechtzeitig sprinte ich auf den Schulhof, um die Kinder für den Mittagstisch abzuholen. Lange zwanzig Minuten später schliesse ich zu Hause die Tür auf. Die Kinder stürmen ins Spielzimmer.

Ich fliege durch die Küche, belege hektisch Käsetoasts, schnipple Gurken und Rüebli, ballere Kohlensäure in die Sodastream-Flasche. Immerhin fragt mein Sohn, ob er etwas helfen kann und deckt den Tisch.

Während die Kinder ihre Toasts verdrücken, wärme ich für mich Reste vom Vorabend. Als ich endlich sitze und esse, sind sie schon fertig. Ich kann sie gerade noch überzeugen, ihre Teller selber in die Abwaschmaschine zu stecken. Mit arg ausgetrockneten Gummischlangen aus der «never-ending» Halloween-Ausbeute ist die Meute schon wieder verschwunden.

Ich räume die Küche auf, für einen Kaffee reicht es nicht mehr. Ich muss die Kinder zurück in die Schule begleiten.

Schiesst dein Puls auch schon beim Mitlesen in die Höhe?

Ganz anders läuft das bei Melanie Germann. Sie ist Mutter von vier Kindern (achtzehn-, sechzehn-, dreizehn- und sechsjährig) und arbeitet im 80-Prozent-Pensum als Dozentin an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Hier lehrt und forscht sie mit Schwerpunkt partizipative Mitgestaltung für Organisationen im Bereich Soziale Arbeit.

Partizipation ist ihr Herzanliegen, denn Hierarchie war gestern. Aktuell schreibt sie auch an ihrer Doktorarbeit.

Als das vierte Kind zur Welt kam und die zu bewältigende Hausarbeit überbordete, stellte sich Melanie gezwungenermassen die Frage: Wieso nicht auch Partizipation in der Familie leben?

Mit ihrem Partner und ihren vier Kindern wohnt sie in der Nähe vom Thun und in einem Haushalt, in dem alle mit anpacken. Auch der Sechsjährige hilft in der Küche und hängt seine Wäsche selber auf. «Dafür muss ich aushalten, dass er den Schrank so einräumt, wie es ein Sechsjähriger so tut», gesteht Melanie.

Zuerst muss man durch ein Tal von Unordnung und Verschmutzung, bevor die Kinder geübter werden.

Im Gespräch mit Melanie bin ich anfangs skeptisch. Kinder helfen doch nicht im Haushalt, ohne dass die Eltern mit Bildschirmzeit-Kürzung drohen!

Aber mein Interview mit Melanie zeigt ein realistisches Bild und ist sogar ein politisches Statement: Es ist machbar, wenn wir bereit sind, fixe Vorstellungen von perfektem Frau- und Muttersein loszulassen.

Wie motivieren wir Kinder zum Kochen und Putzen?

Melanie, war für dich schon immer klar, dass du beruflich sehr involviert sein und gleichzeitig ein grosses, lebhaftes Zuhause haben willst?

Ich selber bin als Einzelkind in der Wohnung hinter dem Coiffeursalon meiner Mutter aufgewachsen. Meine Mutter war immer berufstätig und mein Vater übernahm den Löwenanteil der Betreuungsarbeit.

Das hat mich sicher geprägt. Ich habe auch gerne viel Betrieb. Das Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug ist bei mir gering.

Die Frage, die wohl allen Leser:innen unter den Fingernägeln brennt: Wie hast du denn deine vier Kinder dazu gebracht, dass sie im Haushalt mithelfen, ohne dass du sie jeden Tag zwanzigmal dazu auffordern musst?

Es hilft mir sicher, dass ich selber nicht gerne haushalte und ein 80-Prozent-Pensum habe. Der Leidensdruck war gross, sie mussten einfach mit anpacken.

Zu Beginn habe ich jeweils gewartet, bis abends eines der Kinder in die Küche kam und sagte, er oder sie habe Hunger. Erst dann fing ich an zu kochen und involvierte das Kind gleich.

Es war auch immer klar, wer kochen hilft, muss nach dem Essen nicht die Küche putzen.

Ich sage immer wieder deutlich:

Wir alle wollen ein schönes Zuhause und ein Abendessen auf dem Tisch. Wieso soll nur ich dafür verantwortlich sein?

Klar, irgendwer muss es machen, und zwar alle Menschen, die in diesem Haus leben und an diesem Tisch sitzen. Kinder fühlen sich übrigens geschmeichelt, wenn man ihnen Mitgestaltungsmöglichkeiten gibt.

Wenn ich als Mutter immer entscheide, was wir essen, behalte ich alle Macht bei mir. Wenn sie mitreden und mitentscheiden dürfen, fühlen sich Kinder befähigt.

Wie macht ihr die Aufteilung der Aufgaben im Haushalt? Habt ihr einen Ämtliplan?

Wir haben keinen Ämtliplan, weil das haut nie hin! Das Kind, das am Montag fürs Kochen eingetragen ist, hat dann sicher einen Geburi oder Adventssingen oder muss zum Zahnarzt.

Deshalb hat sich bei uns die Sonntagabendplanung bewährt: Dann besprechen wir unsere Wochentermine und schauen, wer wann fürs Abendessen zuständig ist.

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Wer kocht, hat die ganze Verantwortung

Wer kocht, plant das Menu selber und schaut, dass es zwischen 18 und 19 Uhr auf dem Tisch steht.

Auch hier finde ich beeindruckend, was passiert: Plötzlich wollen die Teenies Rezepte ausprobieren, die sie auf Tiktok gefunden haben. Die grosse Schwester macht dem Bruder Komplimente, weil das Essen schmeckt. Sie bestärken und helfen sich gegenseitig.

Natürlich gibt es kein gekochtes Gemüse, wenn die Kinder dran sind, und manchmal essen wir fünfmal nacheinander Pasta. Dann sprechen wir Erwachsenen zum Beispiel an, dass Abwechslung im Ernährungsplan gesund ist. Das spornt sie wiederum an.

Am Ende ist es immer ein Aushandeln. Es war ein entscheidender Moment, als ich endlich erkannt habe, dass wir nie aufhören können, eigene Bedürfnisse zu thematisieren und abzustimmen.

Natürlich ist es anstrengend, wenn wir alles diskutieren müssen. Aber die Kinder lernen dadurch auch, sich für ihre Anliegen einzusetzen. Darin sind sie dann als Teenies sackstark! (lacht)

Jetzt wissen wir, wie die Mahlzeitenplanung und -zubereitung bei euch vor sich geht. Wie erledigt ihr den Rest im Haushalt?

Jedes Kind ist für das eigene Zimmer verantwortlich, inklusive Staubsaugen. Bis auf den Sechsjährigen macht jedes Kind auch die eigene Wäsche.

Wer ein Smartphone bedienen kann, kommt auch mit der Waschmaschine klar.

Was Allgemeinraum ist, teilen wir auf. Wer eine Vorliebe hat, darf auch jede Woche das Bad reinigen. Klar sieht es nicht perfekt aus, wenn der Jüngste putzt. Aber sie lernen auch dazu. Ab zehnjährig wird der Putzstandard plötzlich sehr gut!

Früher war die Putzsession institutionalisiert: Wir liessen am Freitagnachmittag Musik laufen und machten gemeinsam sauber. Das ergab auch ein Gefühl des Miteinanders.

Mit der Zeit vergaben wir die Putzaufgaben am Freitag und setzten als Deadline Sonntagabend. Auch das mussten wir irgendwann anpassen, weil die älteren Mädchen jetzt öfter unterwegs sind.

Die Kinder erleben auch, wie effizient es ist, wenn alle eine Stunde investieren. Wenn sie selber ihren Beitrag leisten, haben sie auch ein Gespür für den Aufwand und tragen mehr Sorge.

So kann man die Selbstverständlichkeitsfalle vermeiden.

Bist du denn nie genervt, wenn es mit dem Helfen nicht reibungslos klappt?

(Lacht und verdreht die Augen.) Doch, ständig!

Klar ist es doof, wenn das Ei zu Boden fällt oder ein Glas kaputt geht. Aber dann putzen wir es halt gemeinsam.

Und natürlich verhalte ich mich manchmal total unpädagogisch. Das halten mir die Kinder sofort vor, denn sie wissen ja, wir kommunizieren auf Augenhöhe.

Wenn die Kinder mithelfen sollen, muss man die Ansprüche runterschrauben.

Dann darf das Essen verbrannt sein und das T-Shirt müffeln, weil ein Dreizehnjähriger nicht systematisch jedes Wochenende wäscht.

Würdest du sagen, dass es vor allem ums Loslassen geht, wenn die Kinder im Haushalt mit anpacken sollen?

Ich finde, nicht nur Loslassen ist wesentlich, sondern auch das Spannung-Aushalten. Vor Kurzem war die Treppe nur dürftig gestaubsaugt. Ich musste aushalten, dass der Dreizehnjährige genervt war, als ich ihn bat, nochmal sauber zu machen.

Es ist immer unangenehm, die Kinder in die Verantwortung zu nehmen. Andererseits fühlen sie sich dadurch auch ernst genommen. Mehr als wenn ich die Treppe selber noch nachgereinigt hätte, um den Widerständen aus dem Weg zu gehen.

Mithilfe im Haushalt bekämpft das gängige Rollenbild der perfekten Mutter

Was motiviert dich, wenn du in der Situation bist und solche Spannungen aushalten musst?

Ich möchte das Phänomen der eierlegenden Wollmilchsau bekämpfen! Auch ich muss mich immer wieder gegen das gängige Mutterrollenbild wehren.

Ein Beispiel: Ich habe einmal in der Woche sieben bis acht Kinder zum Mittagstisch eingeladen. Wenn sie eintreffen, ist der Esstisch noch Nutella-verklebt vom Frühstück und ich habe noch nichts gekocht, weil ich bis 11.45 Uhr im Homeoffice arbeite.

Alle Kinder, auch die Gäste, packen dann mit an. Ich sehe Einzelnen manchmal an, dass sie schockiert sind. Aber dann helfen die Erfahrenen den Neulingen und sind stolz, dass sie ihr Wissen weitergeben können.

Um 12.15 Uhr sitzen wir schon und essen. Alle helfen danach aufzuräumen und wenn wir fertig sind, gibt’s für die Kinder ein Dessert und für mich ein Kafi.

Ich habe mich schon oft gefragt, was die kleinen Gäste zu Hause erzählen. Aber anscheinend berichten sie nur, dass es immer ein Dessert gibt.

Es gibt einfach gute Stimmung, wenn die Kinder mit anpacken. Sie fühlen sich als «part of it».

Du hast also auch mit den überdimensionierten Ansprüchen an Mütter zu kämpfen?

Ja immer wieder und immer noch.

Meine Tochter fragte mich kürzlich: «Wieso hast du vier Kinder, wenn du Hausarbeit hasst?» Ich realisierte, selbst in unserem Familiensystem und mit den Vorbildern, die sie hat, ist bei ihr Muttersein und Haushalt ganz eng gekoppelt!

Ich möchte auch ermutigen, vieles zu hinterfragen, was uns fast mit der Muttermilch eingetrichtert wurde:

Müssen Kindersocken immer sauber sein?
Ist es schlimm, wenn Krümel am Boden liegen?
Wen stört das?
Und stört es mich, weil ich gelernt habe, dass es ein No-Go ist oder weil es mich wirklich irritiert?

Wenn sich jetzt jemand inspiriert fühlt und partizipatives Haushalten zu Hause einführen möchte, was würdest du konkret raten?

Die Planungssitzung am Sonntagabend hat sich bei uns sehr bewährt. Ich gehe aber davon aus, dass nichts je zum Selbstläufer wird. Wir werden wohl auch hier irgendwann wieder neu verhandeln müssen.

Wichtig ist auch, dass im Haushalt alles so eingerichtet und verstaut ist, dass es für Kinderhände gut erreichbar ist.

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Ich rate auch, die Kinder zu involvieren, bevor sie in die Pubertät kommen. Vor der Pubertät interessiert sie nämlich das Haushalten und sie fühlen sich geehrt, wenn man ihnen Verantwortung überträgt. Am besten auch Gesamtverantwortungen übertragen und nicht nur Teilschritte.

Die Kinder sollen im Lead sein dürfen. Und auf keinen Fall ein Belohnungssystem einführen!

Auf die innere Haltung kommt es an: Wir sind gemeinsam verantwortlich für unser schönes Zuhause. Ausserdem finde ich, solange ich nicht für Sorgearbeit bezahlt werde, kriegt auch niemand anderes Sackgeld dafür.

Ist partizipatives Haushalten für alle? Stichwort Hypersensibilität, ADHS oder Erschöpfungszustände.

Nein, es ist längst nicht für alle. Man muss viel Lebendiges zulassen. Ich persönlich habe ein ADHS. Interessanterweise hilft mir die Struktur, die wir in der Familie haben, sehr.

Es sind ja auch Abstufungen möglich. Jeder Elternteil kann sich überlegen: Welche Bereiche sind mir wichtig? Welche will ich aus der Hand geben, welche nicht?

Sobald man etwas aus der Hand gibt, haben aber die anderen Mitgestaltungsrecht.

Was findest du rückwirkend das grösste Plus?

Die Kinder entwickeln viel Selbstwirksamkeit. Das Marie Meierhofer Institut für das Kind forscht viel zur gesunden Entwicklung von Kindern. Sie haben herausgefunden, dass Kinder, die pro Tag 30 Minuten im Haushalt helfen, eine grössere Selbstwirksamkeit besitzen als andere.

Konkret kann ich Folgendes berichten: Meine sechzehnjährige Tochter hat sich auf einen Nebenjob in einer Bäckerei mit Tea Room beworben. Sie hielten sie zuerst für zu jung. Aber sie durfte trotzdem zur Probe arbeiten.

Das Team ist begeistert von ihr, weil sie so aufgeweckt und verantwortungsbewusst ist. Sie bekommt jetzt den gleichen Lohn wie alle anderen Mitarbeitenden und ist natürlich extrem stolz.

Ich sehe, dass die Kinder viel Wertschätzung spüren und Chancen bekommen, die nicht selbstverständlich sind. Das schenkt ihnen Selbstvertrauen.

Mithilfe: Vielleicht reicht es zu fragen?

Ich frage Melanie beim Abschied, ob ihre Kinder vielleicht auch Stellung nehmen möchten. Ein paar Tage später bekomme ich vier Sprachnachrichten.

Ausser dem Sechsjährigen sagen alle, dass sie natürlich lieber weniger Hausarbeit hätten. Vor allem wenn sie sehen, dass Freundinnen und Freunde zu Hause höchstens ihren Teller selber abräumen müssen. Andererseits ist ihnen bewusst, welchen Erfahrungsvorsprung ihnen das Mithelfen im Haushalt verschafft hat.

Nach meinem Gespräch mit Melanie erzähle ich meiner Familie beim Mittagessen begeistert vom partizipativen Haushalten. Mein Sohn sagt, er würde eigentlich ganz gerne Fenster putzen. Neuerdings frage ich am Samstagmorgen am Küchentisch: «Ok, wer möchte was machen?» Und tatsächlich erledigen wir den Wochenendputz jetzt zu viert.

Anscheinend reicht es, einfach mal zu fragen.

Autorin

Elisa Malinverni lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Bern. Sie ist Yogalehrerin, Buchautorin, Podcasterin und Journalistin. Meistens hat sie zu viele Ideen, als für sie gut sind. www.elisamalinverni.com

Informationen zum Beitrag

Veröffentlicht am 22. April 2024


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5 Antworten

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  1. Avatar von Manuela Marti (aka MaMa)
    Manuela Marti (aka MaMa)

    Danke für den Artikel. Das werden wir sicher zu Hause auch langsam einführen. Dabei müssen wir auch selbst schon mal wissen, was wir eigentlich alles tun. Mit Kochen, waschen und Tisch decken ist glaub noch nicht alles gemacht…

  2. Avatar von Melanie K.
    Melanie K.

    Danke für diesen Artikel. Ich probiere den sonntagabend tip. Ich finde es wichtig auf Augenhöhe zu sprechen, auch wenn ich manchmal laut werde, da keiner etwas machen mag, wenn ich nicht eine gegenforderung stelle. Die eigenen Ansprüche runterschrauben ist ein sehr wichtiger Punkt.

    1. Avatar von Elisa Malinverni
      Elisa Malinverni

      Die Eltern, die nie laut werden, gibt es wahrscheinlich nicht. 😉 Finde es übrigens toll, dass du dir einfach mal einen Tipp raus pickst und schaust, ob der in der Anwendung für euch als Familie funktionierst! Von null auf hundert bringt ja meist auch nicht so viel…

  3. Avatar von
    Anonymous

    Danke für den tollen Artikel! finde ich sehr inspirierend, ich frage mich, wie ich das mit einer 2 und einer 4jährige zuhause machen kann. ich kann ja schon mal nicht warten, bis sie sagen sie hätten Hunger. und die 4jährige hilft mal, wenn ich sage, dann können wir schneller zusammen spielen aber sehr unregelmässig…

    1. Avatar von Elisa Malinverni
      Elisa Malinverni

      Es sagt ja niemand, dass man es eins zu eins so machen muss, wie Melanie. Auch müssen die Kinder wohl alt genug sein – will heissen: koordiniert genug – damit sie bisschen was helfen können. Trotzdem spricht nichts dagegen, sie zu involvieren, wenn man Lust hat und so wie es halt geht…