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Kompliziert und unberechenbar? Warum die Medizin Frauen vernachlässigt

Nach dem Absetzen der Pille bleibt Melanies Periode aus. Sie will nicht mit Hormonen nachhelfen und beginnt selbst zu recherchieren. Was sie dabei findet, schockiert sie.

In der Medizin diente der Mann lange als Prototyp des Menschen. Die Gendermedizin will das ändern. - mal ehrlich

Was ist Gendermedizin und wie kann sie uns auch im Alltag helfen?

«Ich würde Ihnen empfehlen, dass wir bald mit Hormonen nachhelfen.» Es war im Winter 2020 und ich sass zum wiederholten Male bei meiner Gynäkologin. Zu dem Zeitpunkt war ich 30 Jahre alt und litt bereits seit fast zwei Jahren unter dem Ausbleiben meiner Periode.

Auch wenn ich mir nichts anmerken liess, hallte dieser Satz noch lange nach. Natürlich war tief in mir drin die Angst, nie einen normalen Zyklus zu haben.

War ich keine normale Frau?

Würde ich nie Kinder bekommen können? Glücklicherweise hörte ich damals ein feines Stimmchen in mir, das sich wehrte. Ein Stimmchen, das nicht einsah, wieso niemand eine Erklärung für mein Symptom hatte. Ein Stimmchen, das nicht wollte, dass dieses Symptom einfach mit Medikamenten überdeckt wurde. Ein Stimmchen, das wusste, dass darin eine wichtige Botschaft verborgen war.

Was sich daraus ergeben würde, davon hatte ich noch keine Ahnung.

Dass es ein wenig dauern könnte, bis sich meine Periode nach der Pille wieder einpendelt, damit hatte ich bereits gerechnet. Dass sie so lange ausblieb, machte mir jedoch Sorgen. Als Pflegewissenschaftlerin hatte ich glücklicherweise schon immer eine Leidenschaft für Gesundheitsthemen.

Der Mann als Prototyp des Menschen

Ich fasste also den Entschluss, der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Ich las Bücher und durchforstete stundenlang wissenschaftliche Studien.

Was ich dabei jedoch entdeckte, entsetzte mich: Obwohl man natürlich weiss, dass Frauen und Männer biologisch gesehen unterschiedlich sind, haben vor allem Frauen in Gesundheitsfragen immer noch das Nachsehen. Lange Zeit war nicht nur das allgemeine Weltbild männlich dominiert, auch in der Medizin diente der Mann als Prototyp des Menschen.

Gendermedizin: Die weiblichen Hormone sinken und steigen. Der Zyklus macht Frauen für die Forschung unberechenbar.

Die weiblichen Hormone sind in einem stetigen Fluss. Ihr Spiegel steigt und sinkt im monatlichen Rhythmus und über die Jahrzehnte durchleben sie Schwankungen in ihrer Fortpflanzungsfähigkeit von der Pubertät bis zur Menopause. Im Vergleich dazu ist der Hormonspiegel eines Mannes meist ausgeglichen. Der weibliche Zyklus ist also denkbar ungünstig für die Forschung. Frauen wurden in wissenschaftlichen Studien ausgeschlossen, da sie aufgrund des Zyklus als zu kompliziert und unberechenbar galten.

Das medizinische Wissen hinsichtlich Krankheitsbildern, Diagnose und Therapie orientiert sich also hauptsächlich am männlichen Modell. Das gipfelt darin, dass das Gesundheitswissen über Männer einfach auf Frauen adaptiert wurde. Dass das mit erheblichen Nachteilen für Frauen verbunden ist, lässt sich nur erahnen.

Gendermedizin hilft weiblichen und männlichen Patient:innen

Die Gendermedizin ist eine noch junge Wissenschaft, die sich den Unterschieden zwischen Männern und Frauen in Bezug auf Gesundheit und Krankheit widmet. Ihr Ziel ist es, durch geschlechterspezifische Diagnose- und Therapiekonzepte sowohl für weibliche als auch für männliche Patient:innen eine bessere medizinische Versorgung zu schaffen. Unterschiede zwischen Männern und Frauen ziehen sich durch das gesamte medizinische Spektrum – von Gesundheitsverhalten und Prävention über Symptome, Krankheitsverlauf und Diagnose bis zu Therapie und Rehabilitation.

Das bekannteste Beispiel für Gendermedizin ist wohl der Herzinfarkt. Während Männer die klassischen Symptome wie heftigen Druck und Schmerzen im Brustbereich aufweisen, klagen Frauen über Kurzatmigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Rücken- oder Nackenschmerzen, Kiefer- und Halsschmerzen sowie Beschwerden im Oberbauch.

Das führt dazu, dass Herzinfarkte bei Frauen oft zu spät erkannt werden.

Gendermedizin: Die Medizin orientiert sich hauptsächlich an Mann, denn sein Hormonspiegel ist ausgeglichen.

Medikamente werden vorwiegend an Männern getestet

Auch bei Medikamenten sind Frauen vom Gender-Nachteil betroffen. Neue Medikamente werden vorwiegend an Männern getestet, obwohl geschlechtsspezifische Unterschiede für die Verteilung und Verstoffwechselung von Arzneistoffen eindeutig nachgewiesen sind. Männer und Frauen unterscheiden sich beispielsweise in der Verteilung und dem Anteil von Körperfett.

Diese Einsicht hat grossen Einfluss auf die Dosierung von Medikamenten. Man stelle sich vor, eine 60 kg schwere Frau erhält ein Medikament, dass für einen 75 kg schweren Mann konzipiert wurde. Natürlich ist so mit Überdosierungen und Nebenwirkungen zu rechnen.

Glücklicherweise erlangt das Thema Gendermedizin mehr und mehr Aufmerksamkeit.

Dazu beigetragen hat sicherlich auch Caroline Criado Perez, die mit ihrem Buch «Invisible Women» die breite Masse über das Thema informiert. Immerhin: Erste Verbesserungen in der medizinischen Forschung sind erkennbar. So müssen Pharmaunternehmen seit 2004 wieder eventuelle Unterschiede zwischen Frauen und Männern überprüfen, wenn sie neue Medikamente auf den Markt bringen. Allerdings müssen sie die Studien nicht 50/50 besetzen.

In der Medizin diente der Mann lange als Prototyp des Menschen. Die Gendermedizin will das ändern.

Bis sich die Gendersensibilität in der Medizin durchgesetzt hat, braucht es wohl noch Zeit. Und Zeit ist im Gesundheitswesen eher Mangelware.

Gendermedizin betrifft auch den Alltag gesunder Frauen

Wie können wir dem Geschlechterungleichgewicht dennoch entgegenwirken? Indem wir uns Wissen zu unserem Körper aneignen und die Verantwortung für unsere Gesundheit selbst übernehmen.

Nicht nur im Krankheitsfall sind wir mit dem Thema Gendermedizin konfrontiert, auch im Alltag. Die wenigsten Frauen wissen, dass Ernährungs– und Trainingsempfehlungen ebenfalls am Prototyp Mann getestet wurden und deshalb für uns Frauen nicht nur wirkungslos, sondern auch schädlich sein können.

Das gerade sehr gehypte Intervallfasten beispielsweise löst in empfindlichen Frauenkörpern eine Stresskaskade aus. Frauen, die intermittierend fasten, beobachten häufig auch Haarausfall, Stimmungsschwankungen, Schlafprobleme oder Unregelmässigkeiten in ihrem Zyklus.

Auch andere Trends wie hochintensives Intervalltraining (HIIT), Low Carb oder Paleo mögen für Männer zwar gesundheitsförderlich sein, bewirken bei Frauen jedoch oft das Gegenteil. Kommen dann noch Mental Load, negative Glaubenssätze und stetiger Zeitdruck dazu, ist das Chaos perfekt.

Als emanzipierte Frauen sind wir es gewohnt, den Männern gleichzutun und uns für Gleichberechtigung einzusetzen.

Bei Gesundheitsfragen dürfen wir jedoch wieder mehr zwischen weiblich und männlich unterscheiden.

Das heisst nicht, dass wir nun alle unsere Annahmen über Gesundheit und Krankheit auf den Kopf stellen müssen. Dennoch dürfen wir kritisch hinterfragen, was uns wirklich guttut, und wieder mehr auf den eigenen Körper hören.

Muss ich Tag für Tag gleich durchpowern? Darf es nicht auch Tage im Monat geben, wo ich es ein wenig ruhiger angehen lasse? Tut mir der kalte Rohkostsalat zum Abendessen heute wirklich gut? Oder soll es heute lieber ein warmer Auflauf sein?

Gendermedizin im Alltag: Wir müssen uns fragen "Was tut mir wirklich gut?"

Wir müssen uns fragen: Was tut mir wirklich gut?

Es erfordert manchmal etwas Mut, sich dem gängigen Ideal zu widersetzen, doch der Preis, der lockt, ist wunderschön. Dass wir unsere Bedürfnisse wahrnehmen und ausleben, bringt uns mehr Gelassenheit, mehr Selbstliebe und eine bessere Gesundheit.

Zurück zu mir: Mittlerweile bin ich froh, dass ich auf meine innere Stimme gehört habe. Meine neuen Erkenntnisse habe ich nach und nach in mein Leben integriert. Noch bevor sich mein Zyklus wieder vollständig eingependelt hatte, hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Und das, obwohl mir von Ärzten und Ärztinnen immer eine schwierige Kinderwunschzeit vorausgesagt worden war. Für mich war es eine willkommen Bestätigung, dass ich mit meinem Ansatz auf dem richtigen Weg war.

Mittelweile bin ich meiner ausbleibenden Periode sogar dankbar.

Nicht nur habe ich erkannt, was mir eigentlich nicht so guttut, vielmehr habe ich meinen Körper noch mehr kennen- und schätzen gelernt. Ich plane mir bewusst mehr Pausen ein, gebe im Sport und im Alltag nicht immer Vollgas und höre auf meine Bedürfnisse. Ruhe zuzulassen fällt mir leichter, da ich weiss, dass ich später wieder mit mehr Energie und Tatendrang belohnt werde.

Schon während meines Heilungswegs wuchs in mir der Wunsch, mein Wissen mit allen Frauen zu teilen. Es ist meine grosse Vision, so vielen Frauen wie möglich zu nachhaltiger Gesundheit zu verhelfen. Denn ich bin überzeugt, dass es weniger kranke und erschöpfte Frauen gäbe, wenn wir mehr nach unserer einzigartigen Natur leben würden.

Melanie Weilenmann, Autorin, Gendermedizin, Frauengesundheit, Gewichtsneutralität, Gewichtsdiskriminierung - www.mal-ehrlich.ch

Autorin

Melanie Weilenmann ist Pflegeexpertin MScN. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrung und der neusten Erkenntnisse aus der Forschung hat sie sich beruflich auf Frauengesundheit spezialisiert. Sie teilt ihr Wissen und ihren Erfahrungsschatz in ihren Beratungen, in ihrem Blog und auf Instagram. Mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt sie im Kanton Zürich. Ihre Leidenschaft gilt dem Sport, vor allem dem Laufen.

Informationen zum Beitrag

Dieser Beitrag erschien erstmals am 14. April 2022 bei Any Working Mom, auf www.anyworkingmom.com. Seit März 2024 heissen wir mal ehrlich und sind auf www.mal-ehrlich.ch zu finden.


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3 Antworten

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  1. Avatar von Jasmin
    Jasmin

    Vielen Dank für diesen Artikel! Es wird wirklich langsam Zeit, dass sich in dieser Thematik etwas bewegt und darüber bin ich so froh und dankbar! Schade, muss es zuerst wissenschaftlich belegt sein, bevor man Frauen und ihre Bedürfnisse ernst nimmt…

  2. Avatar von Livia
    Livia

    Danke für den Artikel. Ich bin immer wieder aufs Neue schockiert ab diesem Sachverhalt.
    Was ich mich frage, ist, ob es auch bei unterschiedelichen Phänotypen (“Rassen”) objektiv feststellbare Unterschiede gibt, oder ob solche allesamt der “racial bias” zuzuordnen wären. Im Zusammenhang mit meiner Frühgeburt wurde mir z.B. im Spital gesagt, dass dunkelhäutige Babys oft eine Woche weiter entwickelt sind als weisse. Weisst Du da mehr?

    1. Avatar von Melanie
      Melanie

      Liebe Livia

      Ja, es gibt auch einen “Rassen-Bias”. Soweit ich mich erinnern mag, äussern sich auch gewisse Krankheiten anders bei dunkelhäutigen Menschen und werden deshalb nicht erkannt. Der Prototyp in der Forschung ist – leider immer noch – der junge, weisse Mann.